Die Landstrasse in Wettingen AG ist die amerikanischste Strasse der Schweiz. Eine Gerade, die unweigerlich ins Zentrum führt – und wieder hinaus. Eine Schönheit war sie nie. Links und rechts findet das Leben hinter vergilbten Vorhängen statt, in Imbissbuden, Coiffeursalons und Matratzenläden, ein Querschnitt mittel­ländischer Vorstadtarchitektur.

Der 2016 verstorbene Eugen Meier, ehemals Rektor der Bezirksschule und Dorf­original, schrieb einst über diese Strasse: «Sie ist nicht der Rede wert, niemand nimmt sie richtig wahr, alltäglich, langweilig, ungeliebt, endlose Suburb.»

An diesem Sommersamstagmittag ist alles wie immer. Aus den heruntergelassenen Fenstern aufgemotzter Boliden dröhnen Hip-Hop-Bässe, eine Traktorparade bringt das Verkehrsrauschen zwischen den Kreiseln kurz ins Stocken. Wenige Passanten sind unterwegs, die Sonne drückt erbarmungslos. Über dem heissen Asphalt flimmert die Luft.

Im Schatten von Hauseingängen, auf Treppenstufen und auf Campingstühlen sitzen Menschen, die zeichnen. Einfach nur zeichnen. Urban Sketchers nennen sie sich. Sie haben Grosses vor: jedes einzelne Haus an der Landstrasse auf Papier bringen. Mit Bleistift, Tusche, Aquarellfarben. Die 134 Bilder sollen ab Ende September als Panorama im Gluri-Suter-Huus in Wet­tingen gezeigt werden. Es wird die vielleicht längste Zeichnung der Schweiz.

Von Hollywood in den Aargau

Vorbild des «Sketchcrawls» ist das Werk «Every Building on the Sunset Strip» des amerikanischen Künstlers Ed Ruscha. Er fotografierte Mitte der sechziger Jahre jedes Haus an der legen­dären Strasse in Los Angeles und fügte die Bilder zu einem Panorama zusammen. Die Fotos seien nicht sonderlich interessant, schrieb Ruscha, sie bildeten einfach eine Sammlung von Fakten.

«Die Landstrasse ist nicht augen­fällig schön», sagt André Sandmann, einer der Initianten der Aktion. Und doch erzähle sie interessante Geschichten. Etwa jene der ehemaligen BBC in Baden, der heutigen ABB. Der Industriekonzern baute Anfang des 20. Jahr­hunderts für seine italienischen Mit­arbeiter günstige Wohnhäuser, die teils noch heute das Strassenbild prägen.
 

«Betrachte ich eines meiner Bilder, erinnere ich mich zum Beispiel sofort daran, wie es geduftet hat.»

Olivia Aloisi, wissenschaftliche Zeichnerin


Auf dem Trottoir vor dem Haus an der Landstrasse 17 hat jemand Sachen deponiert, die er nicht mehr benötigt, gratis zum Mitnehmen: ein Italienisch-Deutsch-Wörterbuch, ein Strickmusterheft von Burda aus dem Jahr 1981, einen Stapel unbeschriebener Glückwunschkarten.

Daneben sitzt Olivia Aloisi und studiert das gegenüber­liegende Haus, in dem sich ein Bücherladen befindet. Die 49-Jährige arbeitet als wissenschaftliche Zeichnerin. Während in ihrem Beruf Genauigkeit zählt, ist sie beim Urban Sketching völlig frei.

«Ich musste erst lernen, mich vom Exakten zu lösen», sagt Aloisi. Sie zeichne, um sich zu erinnern. Eine Skizze sei viel mehr als ein Schnappschuss. Viel intensiver. «Betrachte ich eines meiner Bilder, erinnere ich mich zum Beispiel sofort daran, wie es geduftet hat.»

Olivia Aloisi zeichnet die Landstrasse 17

Olivia Aloisi

Quelle: Nik Hunger

«Sprechen geht nicht mehr»

Ein paar Schritte weiter vermisst Mario Leimbacher mit dem Bleistift die Landstrasse 52. «Es hat etwas Meditatives», sagt der 64-Jährige, «man vergisst die Umwelt, sich selbst.» Nach zwei Stunden ist sein Bild fertig. «Arbeitet man zu lange an einer Zeichnung, erwürgt man sie.» Brindarica Bose drückt aus anderen Gründen auf die Tube. Ihr Bild einer roten Apotheke entsteht in Windeseile. Anders ginge es gar nicht, sagt sie und lacht. «Ich habe keine Zeit, ich habe Kinder.»

Ein eher surreales Bild gibt Philipp Ege ab. Mit seinem Strohhut und dem Zeichenbrett in der Hand würde er gut in ein Lavendelfeld in Südfrankreich passen. Doch er sitzt vor einer Aargauer Bushaltestelle und schwitzt. «Meine Mittagspause ist gestrichen», sagt der 40-jährige Zürcher. Schuld daran ist sein Ehrgeiz. Er will «sein» Haus, die Liegenschaft an der Landstrasse 9, in der extravaganten Regenschirmperspektive malen.

Die Technik hat Ege einem Star der Szene abgeschaut, Paul Heaston, den er einst an einem Urban-Sketching-Event in Porto getroffen hat. Das Spezielle da­ran: Zwei übereinanderliegende Regenschirme bilden zwei Fluchtpunkte. Das Resultat gleicht einer Aufnahme mit dem Fischaugenobjektiv, bauchig verzerrt.

Es stimme, was in den Büchern ­stehe, sagt Philipp Ege: «Zeichnen kann jeder.» Aber man müsse üben. Üben und üben. Dann widmet sich Ege wieder seinem Sujet. «Beim Zeichnen fehlen mir die Worte», entschuldigt sich der Innovationsmanager. «Damit ein Bild gelingt, muss ich die Gehirnhälfte fürs Logische ausschalten. Sprechen geht da nicht mehr.»

Philipp Ege an einer Bushaltestelle im Aargau

Philipp Ege

Quelle: Nik Hunger

Urban Sketching

Im internationalen Netzwerk der Urban Sketchers tauschen sich Zeichnerinnen und Zeichner im Internet aus. Auf der Bilderplattform Flickr gehören ihm über 10'000 Mitglieder an.

Die Urban Sketchers formulieren in ihrem Manifest acht Absichten und Ziele:

  • Wir zeichnen vor Ort, nach direkter Beobachtung.
  • Unsere Zeichnungen erzählen die Geschichte unserer Umgebung, der Orte, an denen wir leben oder zu denen wir reisen.
  • Unsere Zeichnungen sind eine Aufzeichnung der Zeit und des Ortes.
  • Wir bezeugen unsere Umwelt wahrhaftig.
  • Wir benutzen alle Arten von Medien.
  • Wir unterstützen einander und zeichnen zusammen.
  • Wir veröffentlichen unsere Zeichnungen online.
  • Wir zeigen die Welt, Zeichnung für Zeichnung.


Mehr Informationen: switzerland.urbansketchers.org

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Peter Aeschlimann, Redaktor

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