Die Wolken verdichten sich über der Krete zwischen Gitzihöreli und Gatschieferspitz, nachmittags um fünf. Ein bissiger Wind zieht von Klosters herauf, fegt über Schneefelder und flechtenbewachsenen Gneis. Wir befinden uns auf 2472 Metern über Meer. 1200 Meter senkrecht unter uns: der Vereinatunnel. Ein Zug benötigt drei Minuten bis zur Stelle, über der wir stehen. Wir haben sieben Stunden gebraucht. Und sind ausser Atem.

Wir, der Fotograf Stefan Walter und ich, verfolgen einen aussergewöhnlichen Plan: Wir wollen möglichst exakt über dem ­Vereinatunnel der Höhenlinie folgen und herausfinden, wie es aussieht über der 19,042 Kilometer langen Röhre, durch die wir oft gefahren sind. Allerdings ist das Vorhaben schwieriger als angenommen.

Um neun Uhr stehen wir noch vor dem Tunnelportal auf der Verladestation. Autos rollen hier auf scheppernde Waggons, um in 18 Minuten durch den Berg transportiert zu werden. Ein Lokführer, in Leuchtweste und Trekkingschuhen, wartet auf seinen Einsatz. Der Vereina sei der längste Meterspurtunnel der Welt, sagt er. Er kenne jeden Meter, fahre während eines Arbeitstages nur hin und her: «Klosters–Sagliains, Sagliains–Klosters.»

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Gleich oberhalb des Portals steigen wir in eine Wiese, mit einer Landkarte 1:10 000 und einem GPS-Gerät. Das Gras ist gemäht, und doch haben wir ein schlechtes Gewissen. Was, wenn der Bauer uns sieht? Schnell in den Wald. Es ist ein satter Bergwald mit Akelei, Ameisen, Knabenkraut. Aber der Anstieg ist steil, unser Weg führt geradewegs den Hang hinauf, über Stämme, durch Farn und Unterholz.

Wir keuchen und rutschen. Als wir nach einigen hundert Metern vor einer Felswand stehen, zweifle ich ein erstes Mal. An unserem Plan. An der Richtigkeit der Karte. Auf ihr scheint das Hindernis vergessen worden zu sein. Wir müssen auf einen ­nahen Wanderweg ausweichen.

Endlich, nach einer Stunde: Tunnelkilometer eins. Unter uns: die Röhre. Rund um uns: Schönheit. Ein sonnenbeschienenes Moor. Bläulinge mit roten Flügeln. Ein Spinnfaden, zehn Meter lang, filigran glänzend im Gegenlicht. Raupen, die an Nadeln nagen. Ein dicker Grasfrosch, der sich hinter einer Tanne versteckt.

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Motiviert ackern wir uns unserer Direttissima entlang. Das Gelände ist jetzt etwas weniger steil, es gilt aber, ein Di­ckicht von meterhohen Alpenrosen zu durchqueren. Lawinenverbauungen stehen im Weg. Dann folgt ein Labyrinth aus Schotter und Felsblöcken. Dazwischen Gelber Enzian und Nester von Bergpiepern. Ich fühle mich wie der Afrikaforscher Livingstone auf der Suche nach den Quellen des Nils.

Zwei Stunden und ein steiles Couloir später stehen wir keuchend auf der Krete. Tunnelkilometer vier. Ein letztes Mal schweift der Blick hinab in Richtung Portal. Noch immer hört man das Quietschen der Züge. Es klingt, als verhöhnten sie uns.

Der Vereinatunnel war eine Idee der Rhätischen Bahn (RhB). Notwendig wurde er, weil die Bündner Regierung in den siebziger Jahren beschloss, den Flüelapass auch weiterhin im Winter geschlossen zu halten. Das stellte vor allem die Unter­engadiner vor ein Problem: Wenn der Flüe­la geschlossen blieb, gelangten sie nur über riesige Umwege nach Chur. Heute transportiert die RhB fast eine halbe Mil­lion Fahrzeuge pro Jahr durch den Tunnel, 200 000 mehr als vor­ausgesagt. Eröffnet wurde die Röhre, nach acht Jahren Bauzeit, am 19. November 1999.

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Ungefähr bei Tunnelkilometer fünf, an einem Seelein mit Blick auf das vergletscherte Silvretta-Massiv, schlagen wir eine Plane auf, unter der wir schlafen können. Auf dem Benzinkocher dampft der Risotto, und auf einmal lösen sich die Gewitterwolken auf, man weiss nicht wie und wieso, die Nacht wird sternenklar und kalt. Kein künstliches Licht, kein Haus, kein Mensch ist zu sehen, und doch sind Menschen nah, keine 1000 Meter unter uns, im Loch.

Tags darauf führt unser Weg durch eine raue alpine Landschaft im Irgendwo zwischen Flüelapass und Vereinatal. Eine erste Hürde ist bei Tunnelkilometer sechs zu ­bewältigen: ein schneebedecktes Couloir zwischen brüchigen Felsen. Wir folgen ­einer Herde Ziegen, die uns mit ihren Hinterlassenschaften die Spur vorgeben.

Eine Mondlandschaft folgt zwischen ­Kilometer sieben und acht. Gneisklötze, -brocken, -platten, Kiesel. Und Tausende von Spinnen, die ihre Netze von Stein zu Stein gespannt haben. Auf Schneefeldern liegen Gewehrpatronen. Als wäre es hier um Leben und Tod gegangen, ist der Schnee stellenweise rot gefärbt. «Blutschnee» ­heisst das Phänomen: Es handelt sich um eine Massenentwicklung von Grünalgen, die ­ihrem Namen nicht gerecht werden.

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Wir folgen der Tunnellinie, so gut es geht, müssen aber immer wieder Hindernisse umgehen. Ein Schneefeld. Abweichung zur Linie: 20 Meter. Eine Felswand, Abweichung 300 Meter. Ein Geländeabbruch, 100 Meter. Ein Seelein, nicht eingezeichnet auf der Karte, 20 Meter. Immer, wenn wir genau über dem Tunnel stehen, erfüllt uns das mit Freude, und wir denken an die Menschen unter uns, die in der Dunkelheit auf das Ende der Röhre warten.

Immerhin fast auf der Linie steht das Berghaus Vereina. Wir erreichen es am Nachmittag. Die Trutzburg wurde an einem wunderbaren Ort gebaut. Vier Täler treffen hier aufeinander: Vereina-, Vernela-, Süser- und Jörital. Stürmisch rauscht ein Bach durch Pferdeweiden. Im Hintergrund wacht die 800 Meter hohe Wand der Unghürhörner. Düster wie der Leibhaftige wirkt dieser Berg. Fünf Hörner recken sich ins himmlische Blau, aus dem Fels starrt eine zornige Fratze mit Auge, Knollennase, Mund.

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In den USA wäre ein solches Ensemble ein Nationalpark. Hier war es einst fast um das Idyll geschehen: Die Nordostschweizerische Kraftwerke AG wollte in den sechziger ­Jahren alle vier Täler überfluten. ­Einen Kilometer vor dem Berghaus hätte man die Staumauer gebaut.

Auf der Terrasse wuselt Köbi Boner, der Besitzer. Er bewirtet heute viele Wanderer und Biker. Die sitzen beim Bier und reden über das Wetter. Über Scheibenbremsen. Und über die nahen Jöriseen, in denen man Kanadische Seeforellen angeln kann.

Er sei verliebt in diesen Flecken Erde, sagt Köbi Boner, ehemaliger Skirennfahrer der Nati B. Dass der Vereinatunnel keine 500 Meter neben seinem Hotel vorbeiführt, weiss er. Zuweilen erlaubt er sich einen Scherz, den Gäste aus dem Unterland manchmal wortwörtlich nehmen: «Wenn man um halb sieben das Ohr auf den Boden hält, hört man den Zug vorbeifahren.»

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Am dritten Tag ist der Tunnel gnädig zu uns. Zumindest am Anfang. Er verläuft unter dem hübschen Süsertal, das von Kühen in Beschlag genommen ist. Dabei folgt er so ungefähr dem Wanderweg. Landschaftlicher Höhepunkt: der halb verschneite Flesspass am Ende des Tals, eingefasst von markanten Gipfeln: Plattenhörner, Piz Sag­liains, Piz Linard, Piz Fless. Sechs Seen mit Eisschollen sind wie Perlen aneinandergereiht. Direkt unter dem zweitletzten der Tunnel.

Es ist eine Landschaft wie aus einem Hodler’schen Gemälde. Königsblau der See. Orange das Seeufer. Mikroorganismen müssen sich im seichten Wasser vermehrt haben. Gelbgrün das junge Gras. Zart­violett die Soldanellenfelder. Gleissend weiss der Schnee.

Der Piz Fless, vergletschert, steht unverrückbar über dem Tunnel. Wir wissen sofort, dass wir dem Hindernis nicht gewachsen sind. Auch wenn wir es bei der Planung anders eingeschätzt hatten. Ich lerne:

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  • Winzige Strichlein auf der Karte können in Wahrheit sehr hohe Felswände sein.
  • Gibt es auf der Karte keine Strichlein, ­bedeutet das nicht zwingend, dass die ­Passage begehbar ist.


Zerknirscht umgehen wir den Berg über den nahen Vereinapass und steigen hinunter ins Val Sagliains.

Wieder verdichten sich über unseren Köpfen Gewitterwolken. Noch fünf Tunnelkilometer bis zum Portal. 1200 Höhenmeter für uns. 4,74 Minuten für den Zug. Falls er sich nicht wie in Dürrenmatts Geschichte «Der Tunnel» selbständig macht, schneller wird und schliesslich hinabstürzt ins Nichts. «Gott liess uns fallen, und so stürzen wir denn auf ihn zu», lautet der letzte Satz.

Im Val Sagliains droht kein Absturz. Aber Chaos und Gewirr: Geröllfelder, Moore, Weidengebüsch, Hochstauden, später Wald. Dabei fehlt dem Tal alles Liebliche, Beschauliche. Und ein richtiger Wanderweg. Der vorhandene ist oft nur schlecht auszumachen. Rutschig und gefährlich. An einer Stelle sind Kletterkünste nötig, damit man nicht in den Wasserfall daneben fällt.

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Immer wieder schauen wir jetzt nach oben an den Talhang, wo der Tunnel durchführt. Ernüchterung. Wir sind zu spät dran, um erneut ins Gelände steigen zu können. Zwar können wir uns halbwegs vorstellen, wie es aussieht oben am Hang. Gneis ­würde man sehen, Anemonen und En­ziane. Und doch fuchst es uns. Was, wenn man in einer Senke einen See fände, aus dem ein Frosch hüpfte? Wenn bei Tunnelkilometer 16 ein Schneehuhn wegflöge? Wenn wir später vergnügt durch den Bergwald hinabrennen könnten?

Wir schauen in den schwarzen Himmel. Und begnügen uns damit, möglichst vor dem Gewitter in Sagliains anzukommen.

Zwei Stunden später stehen wir vor dem Südportal. Es rauscht und grummelt aus dem Loch, als hause ein Drache darin. Drei Lichter werden grösser, und ein Zug bohrt sich aus dem Berg, Waggons voller Autos, in denen fröhliche Menschen sitzen, die uns zuwinken. Wir rechnen ein letztes Mal. Wir waren 60 Stunden lang unterwegs. 18 Minuten dauert die Fahrt mit dem Zug.

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Um 17.59 Uhr fallen die ersten Tropfen, es blitzt und es donnert. Um 18.03 Uhr fährt unser Zug langsam in den Tunnel ein. Hell spiegelt die Fensterscheibe das Innere des Waggons. Die Tunnelwand ist während der Fahrt nicht zu sehen.

Berghaus Vereina

Von Klosters zu Fuss, per Velo und per Bus erreichbar. Reservation für Berghaus (Tel. 081 422 12 16) und Bus (Tel. 081 422 11 97) nötig. Infos: www.gotschnasport.ch

Wandertipps: Traumlandschaften über den Tunneln

Obendrüber statt untendurch: die schönsten Passwanderungen über Vereina, San Bernardino, Gotthard, Lötschberg und Simplon

Vereina (2 Tage): Klosters–Berghaus Vereina–Lavin

Der lohnende Weg führt am ersten Tag der Landquart entlang und durch die Schlucht des Vereinabachs zum Berghaus Vereina. Dieses ist wegen seiner ausgesprochen schönen Lage und der guten Küche als Übernachtungsort zu empfehlen. Der zweite Tag beginnt mit dem Aufstieg zum Fesspass durch das von Mooren sowie Kuh- und Pferdeweiden geprägte Süsertal. Nach kurzer Rast an den kleinen Seen folgen noch einmal gut 100 Meter Aufstieg zum Vereinapass. Von hier geht es weit hinunter durch das wilde und abgelegene Val Sagliains. Der Weg ist nicht immer leicht zu finden und stellenweise rutschig. Zuletzt wandert man durch Blumenwiesen zum Bahnhof Lavin. (In Sagliains ist der Zustieg für Personen ohne Auto nicht möglich.) 

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1. Tag: Klosters–Berghaus Vereina

Route: Klosters Platz 1179 m – Schwaderloch 1260 m – Prästenboden 1334 m – Chänzeli 1628 m – Hafenbrugg 1871 m – Berghaus Vereina 1943 m

  • 4,5 Stunden, 750 Höhenmeter aufwärts, einfach


2. Tag: Berghaus Vereina–Lavin

Route: Berghaus Vereina 1943 m – Flesspass 2453 m – Vereinapass 2585 m – Val Sagliains – Fop Tiamarsch 1718 m – Lavin 1442 m

  • 6 bis 7 Stunden , 500 Höhenmeter aufwärts, 1200 Höhenmeter abwärts, alpiner Wanderweg, teilweise steil
  • Übernachtung: Berghaus Vereina, Tel. 81 422 12 16 (Zimmer, Massenlager)


Varianten
:

Mit dem Bus von Klosters zum Berghaus Vereina (Abfahrt beim Sportgeschäft «Gotschna Sport», Reservation nötig unter Tel. 081 422 12 16)

Die Fahrt mit dem Ortsbus von Klosters nach Monbiel verkürzt die Wanderzeit am ersten Tag um eine gute halbe Stunde.

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  • Landeskarte 1:25'000; Blätter 1197 «Davos» und 1198 «Silvretta»

Gotthard: Hospental – Guspistal – Sellasee – Gotthardpass

Bis zum Blumenhüttenboden verläuft der Weg etwa drei Kilometer weit mehr oder weniger parallel zur Passstrasse. Dann folgt der Anstieg durch das abgeschiedene Guspistal mit seiner schönen Flora. Über Geröll geht es hoch zum Gloggentürmli und wieder hinab ins Sellatal

der steile Abstieg erfordert Trittsicherheit. Vom Sellasee führt der Weg um den Monte Prosa zum Gotthardpass, wo ein Bett oder das Postauto wartet.

Route: Hospental 1450 m – Gamssteg 1616 m – Blumenhüttenboden 1696 m – Guspistal 2346 m – Gloggentürmli 2675 m – Sellasee 2230 m – Gotthardpass 2090 m

  • 6 Stunden 30 Minuten, 1240 Höhenmeter aufwärts, 600 Höhenmeter abwärts, anspruchsvolle Bergwanderung
  • Landeskarte 1:25'000; Blätter 1231 «Urseren», 1232 «Oberalppass», 1251 «Val Bedretto», 1252 «Ambri-Piotta»


Tipp für eine weitere Tagestour: Der Abstieg vom Hospiz nach Airolo ist steil und wenig abwechslungsreich. Empfehlenswert ist eine Seen-Rundwanderung: Gotthard – Hospiz – Lago di Lucendro – Lago d’Orsino – Laghi d’Orsiorora –Laghi della Valetta – Gotthard – Hospiz (4 Stunden)

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  • Übernachtung: www.passosangottardo.ch

Lötschberg (1–2 Tage): Gasteretal–Lötschenpass– Lötschental

Die schöne Route beginnt in Selden im wilden Gasteretal oberhalb von Kandersteg. Zu erreichen ist es per Postauto (Achtung: Reservierung notwendig! www.kandersteg.ch...). Der Aufstieg auf den Lötschenpass führt in die Welt der Gletscher, mit Sicht auf die imposante Bergwelt der Berner Oberländer und Walliser Alpen. Der Abstieg ins Lötschental nach Ferden ist anstrengend, aber landschaftlich lohnend. Am warmen Südhang besteht sogar die Chance, Schlangen zu erblicken.

Route: Selden 1537 m – Gfelalp 1847 m – Lötschenpass 2690 m – Kummenalp 2086 m – Ferden 1375 m

  • 7 Stunden, 1300 Höhenmeter aufwärts, 1400 Höhenmeter abwärts, anspruchsvolle Bergwanderung
  • Landeskarte 1:25'000; Blatt 1268 «Lötschental»


Wer die anspruchsvolle Wanderung lieber auf zwei Tage verteilt, findet in der Lötschenpasshütte Unterkunft (www.loetschenpass.ch)

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Simplon: Brig – Simplonpass

Eine spektakuläre Wanderung auf dem historischen Saumweg der gut ausgeschilderten Via Stockalper hoch über der Saltinaschlucht und durch das einsame Tafernatal. Historische Wegabschnitte und Gebäude  zeugen von der frühen Blütezeit des transalpinen Handels.

Route: Brig 715 m – Brei 887 m – Grund 1071 m – Mittubäch 1452 m – Taferna 1597 m – Simplonpass 2006 m

  • 6 Stunden, 1600 Höhenmeter aufwärts, leicht, jedoch Kondition erforderlich
  • Übernachten: Simplon-Hospiz (Tel. 027 979 13 22)
  • Karte und Informationen


Tipp zu weiteren Etappen: In zwei etwas weniger spektakulären Streckenabschnitten führt die Via Stockalper vom Simplonpass nach Simplon Dorf und hinunter zum Grenzdorf Gondo.