Vorweg dies: Ich bin kein Wanderer. Als überzeugtem Londoner wird mir schon schwindlig, wenn ich die vergleichsweise ländliche Provinzluft von Liverpool zu schnuppern bekomme. Die einzigen «Wanderungen», die ich seit der letzten Schulreise unternommen habe, führten mich durch die dunklen Gassen von London. So reagierte ich anfangs wie auf eine lästige Fliege, als mir plötzlich immer wieder der Begriff «Pennine Way» um die Ohren surrte. Ob jemand diese Wanderung kenne, fragte ich im Pub. Rundum wurden die Mienen finster. «Ein mutiges Unterfangen», sagte einer und wiegte weise den Kopf: «Mit der Natur ist nicht zu spassen.»

Mit nüchternen Zahlen ist der Magie dieser archetypischen Wanderroute nicht beizukommen: 412 Kilometer beträgt die Distanz, bewältigt wird sie je nach Tempo in 14 Tagen bis drei Wochen. Den Rekord hält der Bergläufer Mike Hartley, der bloss zwei Tage, 17 Stunden und 20 Minuten brauchte. Der höchste Punkt ist auf Cross Fell mit bescheidenen ­893 Metern erreicht. Über 286 Kilometer hinweg beträgt die Steigung weniger als fünf Grad, nur sechs Kilometer sind steiler als 15 Grad. Auf dem Papier sieht der Marsch selbst für einen eingefleischten Städter harmlos aus. Wäre da nicht auch noch die ins Mystische reichende Aura des weitgehend menschenleeren Peak District, der Yorkshire Dales (wie turbulent es dort zugehen kann, weiss man aus Emily Brontës «Wuthering Heights», auf Deutsch «Sturmhöhe») und der Grafschaft Northumberland, durch die der Weg führt.

«In mancher Hinsicht ist der Pennine Way ein sinnloses Unterfangen», schreibt der Dichter Simon Armitage. «Der Weg führt über eine nicht besonders sinnvolle Route von nirgendwo nach nirgendwo und ergibt keinen besonderen Sinn […] ausser, dass man damit eine Herausforderung an sich selber stellt.» Armitage weiss, wovon er spricht: Er wuchs am südlichen Ende der Route auf, sein Buch «Walking Home» handelt vom Versuch, den Pennine Way in der «falschen» Richtung von Norden nach Süden abzuschreiten – mit Wind, Regen und Hagel im Gesicht.

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Als Grossstädter habe ich schon lange keine Lust auf Herausforderungen dieser Art mehr verspürt. Aber alles, was ich über den Pennine Way hörte, schürte das Gefühl, dass der Pfad in seiner Schrulligkeit mich irgendwie näher an den Geist eines England heranführen könnte, von dem ich in London nur einen Schatten wahrnehme. Endlich kann ich der Verlockung nicht mehr widerstehen. Drei Wochen kann ich allerdings nicht entbehren. Drei Tage auf einer Teilstrecke müssen reichen. Immerhin.

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Der ultimative Wanderführer

Zur Vorbereitung erstehe ich als Erstes die «Bibel» in der Edition von 1968. Darunter verstehen Pennine-Way-Insider das 200 Seiten starke Büchlein «Pennine Way Companion» von Alfred Wainwright. Es ist ein kleines Kunstwerk. Fast jeder Meter des Wegs wird von Wainwright mit präziser Handschrift (!) beschrieben, dazu gibts selbstgezeichnete Landkarten und Zeichnungen. Die Texte sind dermassen kauzig, dass inzwischen eine neue Fassung mit «zeitgemässen» Revisionen erschienen ist. Und nach einer Logik, die mir schleierhaft bleibt und offenbar mit Windrichtungen und Kartenlesen zu tun hat, beginnt das Büchlein hinten. Man liest also Seite 170, dann 171, 168, dann 169, gefolgt von 166 und 167 und so fort.

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Es gebe zwei Methoden, den Pennine Way zu bewältigen, schreibt Wainwright. Entweder man erledige den ganzen Marsch in einem Stück, oder man teile ihn in Etappen auf. Die letztere Methode habe zum Beispiel den Vorteil, dass man jederzeit einen Vorwand habe, der Ehefrau zu entkommen (dazu die Fussnote: «Sorry, Girls! Das hätte ich wohl nicht sagen sollen.»). «Der Pennine Way schenkt uns die Erfahrung des Lebens», schreibt er in der Sprache weniger unterhaltungsverwöhnter Generationen: «Man unternimmt ihn, um sein Gewissen zu befriedigen.»

Ein Gewissen dieser Art hat mich noch nie gezwickt. Auch an den freundlichen Hinweis von wegen Ehefrau halte ich mich nicht. Zu zweit suchen wir uns drei aufeinanderfolgende Etappen aus, die in der ­«Bibel» nicht allzu brutal aussehen.

An einem sonnigen Sonntagmorgen steigen Louise und ich in London in den Zug, nach zweieinhalb Stunden steigen wir in Leeds um. 45 weitere Minuten geht es an zweckentfremdeten Spinnereien und roten Backsteinfabriken vorbei, bis wir vom sanft knurrenden Schienenbus im idyllischem Grün des Dörfchens Gargrave abgesetzt werden. Die Tücken des Unterfangens zeigen sich schon beim Dorf­ausgang: Die drei zu Rate gezogenen Landkarten und Guides stimmen alle nicht. Der Pennine Way wurde nach langem Gerangel – Landbesitzer argumentierten, das Wegrecht von Fremden auf privatem Land stelle die Grundsätze des Grundbesitzes in Frage – im Jahr 1965 durch einen Parlamentsbeschluss erst ermög­licht. Das heisst nicht, dass der ganze Weg nun peinlich genau markiert wäre. Einmal folgen sich die Wegweiser alle hundert Meter, dann wieder steht man vor einem Hochmoor ohne jedes Anzeichen von Weg oder Wegweiser.

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Hier in Zivilisationsnähe ist es noch einigermassen simpel. Anfangs führt der Weg an staunenden Kühen und blühendem Rhododendron vorbei über sanfte Hügel. Dann und wann gilt es, über eine für die Gegend typische Steinmauer oder einen Zauntritt zu klettern. Später schmiegt sich der Weg an den River Aire. Laues Lüftchen, dicke Dotterblumen überall, und dann, die Rucksäcke aufgeschlagen, die Wanderschuhe beim Zaun parkiert, vier junge Frauen aus Singapur, die mit sorgenvoller Miene ihre geschundenen Füsse mit Salbe beschmieren. Nein, verirrt hätten sie sich «nicht so oft», aber die letzte Etappe sei schon ziemlich hart gewesen.

Fotos: Justin Foulkes/Schapowalow

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Malham Cove

Wir ziehen voraus, kommen an einer mächtigen alten Spinnerei vorbei, in der sich nun Luxuswohnungen befinden, wandern zum Studio einer Künstlerin, die zufälligerweise «open house» hat, und geraten nur einmal noch ins Schnaufen, als es kurz vor dem Ziel an einem Herrenhaus vorbei den Hügel hinaufgeht. Wir kommen in Malham just in dem Moment an, als ein heftiger Regenschauer losbricht. Es gibt in dem putzigen Dörflein zwei Pubs, einer legt Wert auf die Küche, der andere weniger. Ersterer ist voll – zur Hälfte mit Hunden. Automatisch finden die Wanderer zusammen. Chris und Eddie, zwei knorrige Frohnaturen aus dem Norden, legten am ersten Tag zwei Etappen zusammen: die resultierenden 43 Kilometer fanden dann auch sie etwas viel. Eine Stunde später erscheinen auch die Ladys aus Singapur, ­pudelnass.

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Die Etappe von Malham nach Horton in Ribblesdale ist 24 Kilometer lang und führt über drei «Berge». «An einem schönen Tag erfüllt dieser Abschnitt die schönsten Erwartungen», heisst es im Guide. Sie seien zum vierten Mal hier, und bis jetzt hätten sie da oben noch nie weiter als zehn Meter gesehen, lachen Chris und Eddie. 20 Minuten ausserhalb von Malham befinden wir uns unversehens in einer sumpfigen Urlandschaft samt Regenbogen. Hinter gewaltigen Bäumen, auf denen jeden Moment fliegende Saurier landen könnten, steigt eine beeindruckende Felswand in den Himmel – Malham Cove. Wo einst ein Wasserfall «grösser als Niagara» getost haben soll, brütet nun eine lärmige Kolonie von Wanderfalken.

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Vorsicht, sumpfiges Gebiet!

Der Aufstieg ist kurz, aber heftig, oben sitzen die Damen aus Singapur und pflegen ihre Füsse. Ein eigenartiges Terrain: Kalkstein, von tiefen Furchen durchzogen – man hat das Gefühl, über ein riesiges Gehirn zu schreiten. Durch ein langes, von Geröll gesäumtes Hochtal («ein guter Ort für einen Überfall», steht im Guide) führt der Weg zu einem kleinen, schwarzen See – Malham Tarn, ein Naturschutzgebiet, das wiederum Teil des Yorkshire-Dales-Nationalparks ist. Die Kombination aus dunklem Geröll, schwarzer Wasseroberfläche und tiefgrünem Gras vermittelt das Gefühl zeitloser Einsamkeit. Und doch: Vor 150 Jahren hat hier ein verwegener Engländer eine Jagdhütte zu einem Herrenhaus umgebaut. Heute sind darin Studenten und Höhlenforscher untergebracht (fürs Höhlenforschen reicht mein Mut nun aber wirklich nicht!).

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Inzwischen hat der Regen eingesetzt, der eindeutig nicht vorhat, in den nächsten Stunden die Wolkenfahnen zu streichen. Nirgends ein Unterschlupf, nirgends ein Laden, nirgends auch nur eine Bank, die zum Picknick einladen würde. Es geht immer höher hin­auf, der einzige Lärm stammt von den Vögeln, der Weg wechselt ab zwischen frisch gelegten Holzplanken, Steinen und Bächen. Die vielen überwachsenen Dolinen vertiefen das Gefühl, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Tatsächlich versinkt Louise samt einem eigentlich vertrauenswürdig ausschauenden Büschel Besenheide bis zum Knie im Schlamm. Wainwright persönlich wäre einmal elendiglich im Sumpf versunken, hätte ihn nicht ein Begleiter rechtzeitig ­herausgezogen.

«Der Dauerregen hat eine befreiende Wirkung»

Mountains Fell heisst der zweite Gipfel, ausser zwei Steinmännchen ist weit und breit kein Anzeichen für Leben zu sehen. Mit der Aussicht ist auch nichts. Ein eingestürztes Steinportal zeugt davon, dass es auf diesem gottverlassenen Gipfel fernab von jeder Bergbeiz vor langer Zeit einen Bergwerksstollen gab. Im Regen verspeisen wir unsere durchnässten Sandwiches, im Regen stürzen wir auf der anderen Seite nahezu hin­unter ins Tal. Und irgendwie steckt in diesem Dauer­regen eine ungemein befreiende Wirkung. In der Stadt würde ich fluchend den Schirm zücken. Hier zählt nichts als der nächste Schritt. Ich hatte mir vorgestellt, beim stundenlangen Gehen endlos Zeit zum Nachdenken zu haben. Aber nichts da. Jede Sekunde ist erfüllt von der Dringlichkeit, keinen Fehltritt zu machen.

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Und dann bricht plötzlich die Sonne durch. Nach sechs Stunden Marsch ragt vor unserer Nase der dritte Gipfel in die Wolken. Das ambossartige Felsengebilde wirkt von weitem grauenhaft hoch, wird beim Näherkommen immer niedriger – dafür aber umso steiler. «Keine Angst, nach einer Viertelstunde ist man oben», heisst es im Guide. Schön wärs! Auf halbem Weg verschwindet der Weg plötzlich, man muss sich von Felsbrocken zu Felsbrocken hangeln. 40 Leidens­minuten dauert der Aufstieg schliesslich.

Oben zittern die Knie, der Wind röhrt wie eine Kirchenorgel, und ein Düsenjäger kurvt so niedrig um die Felsen, dass man dem Piloten von oben auf die Finger schauen kann. «Wie jeder populäre Gipfel dient auch Penyghent als Abfallhaufen […] was für die Schafe, die ein viel grösseres Recht haben, den Berg zu geniessen als wir unflätigen Menschen, sehr gefährlich sein kann», schreibt Alfred Wainwright. Er würde sich heutzutage freuen: Nicht einmal ein Kaugummipapier verunziert die Steinwüste. Der Abstieg nach Horton in Ribblesdale dauert noch einmal eineinhalb Stunden – eine unangenehme Strecke, ironischerweise deswegen, weil jemand den Weg mit Schottersteinen modernisiert hat.

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In Horton in Ribblesdale gibt es zwei Pubs, keines bietet ­gehobene Gastronomie. Aber Steak und Kidney-Pie und Black Sheep Ale im Crown Hotel schmecken himmlisch. Chris und Eddie sind schon seit zwei Stunden hier. Die Ladys aus Singapur erscheinen gegen ­22 Uhr. Die Zimmer im Pub sind voll – der Wirt richtet für uns den Wohnwagen im Garten her.

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Dem Ziel so nah ...

Von Horton nach Hawes sind es 23 Kilometer. Am nächsten Morgen heisst es, die Ladys aus Singapur seien schon vor einer halben Stunde aufgebrochen. Allerdings zuerst in die falsche Richtung. Nach einem sanften Aufstieg mit endlosen Trockenmauern, wo man zu glauben beginnt, die Welt sei nur von Schafen bevölkert, führt der alte Römerpfad schnurgerade durch die karge Landschaft. Der Bauer braust seinen Schafen mit dem Quad nach, der Förs­terposten unten im Tal sieht aus wie eine Forschungs­station in Sibirien, und der Kadaver eines Schafes am Wegrand erinnert an den Gang des Lebens. Mitten in England ein Land fast ohne Menschen.

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Endlich erscheinen die üppigen Felder um das Marktstädtchen Hawes am Horizont. Und ausgerechnet jetzt bricht die längste Stunde dieser drei Tage an. Wir haben, keine Ahnung, wie, den Weg verpasst. Im Freistil kämpfen wir uns durch ein weiteres Hochmoor, klettern über Mauern, über die man nicht klettern dürfte, und huschen vorbei an aufdringlichen Stieren. Die Füsse schreien jämmerlich um Hilfe, der Gaumen ist eine Sandwüste, es fängt wieder an zu regnen. Aber wir schaffen es. In der Wiese mit den Stieren, so erzählt Eddie nachher im Pub, sei im vergangenen Jahr eine Tierärztin zu Tode getrampelt worden.

Jetzt, wieder daheim, weiss ich plötzlich, was es mit Alfred Wainwrights schlechtem Gewissen auf sich hat. Drei Tage, was ist das schon? Das nächste Mal heisst es: alles oder nichts!

Wissenswertes zum Pennine Way

Am schönsten ist der Pennine Way in den Monaten Mai, Juni und September. Das Wetter ist dann meist freundlicher, auch sind relativ wenig Wanderer unterwegs, sodass sich das Gefühl der Abgeschiedenheit richtig auskosten lässt. Im Winter sollte man die Strecke tunlichst meiden.

Vorbereitung
Der Schwierigkeitsgrad des Pennine Way ist zwar nicht besonders hoch, aber die Länge der Strecke stellt hohe Anforderungen an die Fitness. Notwendig sind gutes Schuhwerk und leichte Kleidungsstücke, die sich schicht­weise an- und ausziehen lassen, da die Temperaturen sich schnell ändern können. Taschenlampe und Kompass gehören ins Gepäck – der Nebel kann undurchdringlich sein. Die Versorgung mit Proviant und Wasser muss im Voraus geplant werden, unterwegs gibt es kaum Pubs. Die meisten Hotels und Bed-and-Breakfast-Unterkünfte bereiten auf Bestellung Proviantpakete vor.

Anreise
Edale, der offizielle Start des Pennine Walk, ist von Manchester oder Sheffield aus leicht per Zug zu erreichen. Einige Etappenorte befinden sich an der pittoresken Bahn­linie zwischen Settle und Carlisle. Die meisten Dörfer unterwegs werden von Bussen bedient. Der eigentliche Weg ist indes oft sehr abgelegen – und Aufgeben nach halber Distanz unmöglich.

Unterkunft
Entlang der Route gibt es Campingplätze. Auch wildes Campieren ist möglich, wird aber selbst von den Wanderern oft als störend empfunden. Als Regel gilt: Zelt aufschlagen, wenn keiner mehr da ist, Zelt abbauen, bevor jemand kommt. Populär sind Jugendherbergen; Preis für Mitglieder: ab etwa 15 Pfund. Hotels und B & Bs sind wegen der kurzen Saison nicht gerade billig. Für die in diesem Artikel behandelten Etappen seien die folgenden empfohlen:

River House, Malham
www.riverhousemalham.co.uk

The Crown Hotel, Horton in Ribblesdale
www.crown-hotel.co.uk

Herriot’s, Hawes
www.herriotsinhawes.co.uk

Literatur und Karten
Edward de la Billière, Keith Carter, Chris Scott: «Pennine Way: Edale to Kirk Yetholm»; Trailblazer Publications, 2011, 272 Seiten, CHF 25.90. Das Buch beschreibt sämtliche Etappen und weist auf Stellen hin, an denen man sich leicht verirren kann. Detaillierte Landkarten für jeden Abschnitt samt GPS-Angaben. Tipps rund um Herbergen, Hotels und Camping.

Alfred Wainwright, Chris Jesty: «Pennine Way Companion»; Frances Lincoln Ltd. Apollo, 2012, 224 Seiten, CHF 37.90. Neuaus­gabe des Zeitdokuments von 1968, mit Zeichnungen, Tipps und schrulligen Kommentaren.

A–Z Adventure: «Pennine Way South» und «Pennine Way North»;
www.az.co.uk Handliche, detaillierte Wanderkarten im ­Massstab 1 : 25'000.

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