Wir waren schneller. Schneller als die anderen. Schneller, als die Wegweiser vorausgesagt hatten. Das gefiel mir. Sehr sogar. Wir, das waren neben mir meine Eltern, meine Schwester und der Nachbarsjunge, wir wanderten von Dietikon auf den Üetliberg. Ich konnte erst seit kurzem lesen und hetzte von Schild zu Schild, um Orts- und Zeitangaben zu entziffern. «3 Std. 40 Min.», hiess es auf dem ersten Wegweiser, der quasi vor unserer Haustür stand. Weiter nach Urdorf, noch drei Stunden lagen vor uns. Das stand jedenfalls auf dem gelben Wegweiser. Wie falsch! Wie langsam! Wir waren erst seit einer halben Stunde unterwegs. Angespornt durch die gute Zwischenzeit, jagte ich meine Mitwanderer durch Birmensdorf, an Uitikon vorbei und den «Hoger duruuf».

Wir hielten den Vorsprung, konnten ihn gar vergrössern. Nach drei Stunden und ein paar ­Minuten standen wir oben auf dem Üetliberg. Am Ziel! Was für eine grossartige Sache, dieses Wandern, dachte ich. Endlich hatte ich begriffen, warum alle so begeistert davon waren. ­Natur und Sport, schön und gut, aber der eigentliche Spass ist das Wetteifern mit den Zeitangaben auf den Wegweisern.

Dass ich endlich lesen konnte, was da schwarz auf gelb stand, war ein Segen für meine Eltern. «Wie lang gaat s no? Simer scho daa?» – mein Klagen war Vergangenheit. Ausser wir hinkten den Zeiten hinterher. Kamen «zu spät» am Zielort an. Dann tobte ich. Wurde wütend. Traurig. Ich war keine gute Verliererin. Beim Monopoly konnte ich wenigstens ein paar Geldscheine erbetteln, wenn eine Niederlage drohte, die Wegweiser aber blieben standhaft.

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Vor meiner Zeit, vor über 30 Jahren, hätte mir das Wandern wohl gar keinen Spass gemacht. Ich wäre zu oft keuchend und doch «verspätet» am Ziel angekommen. Denn damals wanderte man schneller. Jedenfalls gingen die Wegweiser davon aus. 4,5 Kilometer pro Stunde war bis 1981 der Richtwert.

Hier gehts lang: Wanderer blicken vom Selibüel hinüber auf die Gantrischkette im Berner Oberland

Quelle: Christof Sonderegger/Swiss-Image

Mehr als 200'000 Wegweiser schweizweit

Eingeführt wurde die einheitliche Beschilderung 1934. Gelbe Wegweiser für das Volk. Im Zweiten Weltkrieg wurden alle wieder abmontiert. Wär ja blöd, wenn man den Feind schön an seinen Zielort dirigiert. Nach dem Krieg wurde nach und nach ein heute rund 60'000 Kilometer langes Wanderwegnetz beschildert. An rund 50'000 Standorten stehen Wegweiser, durchschnittlich vier Schilder pro Standort. Die Schweizer mögen das. Je mehr Information, ­des­to besser. «Wenn an einem Schild die Zeit­angaben fehlen, werden sie von den Wandern­den vermisst», sagt Andreas Wipf vom Dach­verband der Schweizer Wanderwege. Eigentlich erstaunlich, denn nicht alle Wanderer brauchen für dieselbe Strecke gleich viel Zeit. Der routinierte Berggänger eilt voraus, und der Spaziergänger, der an einem Sonntag auf der Rigi rumspaziert, hinkt den Zeiten hinterher. Gemäss den gelben Schildern wandern wir heute 4,2 Kilo­meter pro Stunde, wenn das Gelände flach ist. Für 400 Meter Aufstieg brauchen wir eine Stunde mehr, für 800 Meter Abstieg ebenfalls.

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Früher rechnete jeder Kanton nach seiner ­eigenen Methode. Entweder man kalkulierte mit den 4,5 Kilometern pro Stunde und gab noch ein paar Extraminuten dazu, damit niemand die letzte Gondel verpasste. Oder man schickte ein paar Freiwillige los und berechnete einen Mittelwert. Es heisst, bei den Bündnern seien dafür stets die Schnellsten losmarschiert. Wer folglich in ihrem Gebiet wandern wollte, musste eine ­gute Kondition haben, sonst waren die Zeitangaben pures Wunschdenken.

Im Kanton Bern etwas langsamer

Ganz anders im Kanton Bern. Dort seien die Testwanderer, wie es das Klischee verlangt, eher gemütlich unterwegs gewesen. Auf Wanderun­gen durch das Bernbiet durfte man also bedenkenlos mehrere Stopps einlegen, Tiere beob­achten, Zvieri essen und brauchte doch immer noch weniger als die veranschlagte Zeit.

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Bernhard Schmidt von den Berner Wanderwegen kann über diese These nur lachen. Er habe zwar kürzlich gelesen, dass die Schrittgeschwindigkeit in Bern tatsächlich langsamer sei als andernorts, aber das sei in der Stadt gemessen worden. Die Wanderzeiten im Kanton Bern seien nicht weniger sportlich. «Das ist ein Mythos», sagt Schmidt. Die unterschiedlichen Zeiten sind auf das Gelände zurückzuführen. Schwierige Strecken im Gebirge mussten sportliche Bergführer abmarschieren. Folglich waren die Zeitvorgaben eher knapp bemessen. Im Flachland wurden öfter Familien losgeschickt. Und die sind eben langsamer.

«Die persönliche Präferenz der Person, die am Schluss eine Zeit festgelegt hat, hat das Resultat weiter beeinflusst», sagt Schmidt. Der eine habe noch ein paar Minuten dazugerechnet, der andere ein paar weggekürzt. Aber heute sei alles anders. Die Schweiz ist Klassenbeste, wenn es um die Berechnung der Marschzeit geht. «In Deutschland bekommen sie wässrige Augen, wenn sie sehen, wie präzis die Signalisation ­unserer Wanderwege ist», sagt Schmidt.

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Eine Formel als Berechnungsgrundlage

Eine Formel machts möglich. Doch wer denkt, er könne zu Hause noch schnell die Route ausrechnen, muss ein Mathegenie sein, jedenfalls wenn er es nach eidgenössischem Standard machen will: «t_to = {L ∙ [C0 + (C1 ∙ S) + (C2 ∙ S2) + (C3 ∙ S3) + (C4 ∙ S4) + (C5 ∙ S5) + (C6 ∙ S6) + (C7 ∙ S7) + (C8 ∙ S8) + (C9 ∙ S9) + (C10 ∙ S10) + (C11 ∙ S11) + (C12 ∙ S12) + (C13 ∙ S13) + (C14 ∙ S14) + (C15 ∙ S15)]} / 1000» ist die Formel, die heute angewendet wird; t_to ist das Kürzel für die Wanderzeit, L steht für die Horizontaldis­tanz und S für die Steigung zwischen zwei Orten. Der Rest erklärt sich von selbst, oder?

Mit dieser komplizierten Formel kann jeder Hügel und jede Kurve berechnet werden. Trotzdem kann man immer noch auf «falsche» Marschzeiten von früher treffen, sozusagen auf überholte Marschzeiten. Die Formel ist zwar schon seit den achtziger Jahren in Gebrauch, aber erst seit 2006 muss sie in der ganzen Schweiz angewendet werden. Noch bis 2026 hat jeder Kanton Zeit, die Beschilderung des ­Wanderwegnetzes der neuen Norm anzupassen. Der Kanton Zürich zum Beispiel begann aber erst 2012, seine 13'000 alten Schilder sukzessive zu überprüfen und auszuwechseln. 220 Leute stehen dafür im Einsatz. «Bis Ende 2019 sollten wir fertig sein», sagt Christoph Roth von den Zürcher Wanderwegen.

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Aber nicht bloss die Marschzeiten ändern sich. Neu sind sie nicht mehr in «Std.» und «Min.» angegeben, sondern in «h» und «min». Und dank einer neuen Schrift, der Astra-Frutiger, sind sie noch besser lesbar, «schlank und elegant».

Die meisten Wegweiser stehen in Graubünden

Den grössten Schilderdschungel im Land hat Graubünden. 11'100 Kilometer lang ist das Wanderwegnetz der Bündner. Im Kanton Bern sind es rund 1000 Kilometer weniger, dafür werden dort die Wanderwege am fleissigsten genutzt. Vor allem die Berner selbst bewandern ihre Landschaft. Das dichte Netz braucht viel Pflege. Die Wege müssen regelmässig abgeschritten und kontrolliert werden. Routen ändern sich, und Schilder müssen entsprechend umgeschrieben werden. Eine neue Zeitangabe bedeutet für eine Vielzahl folgender Schilder ebenfalls eine Änderung.

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48 Millionen Franken kosten Bau und Erhalt der Schweizer Wanderwege pro Jahr. Ein Aufwand, der sich lohnt: Im gleichen Zeitraum ­geben Wanderer in der Schweiz rund 1,6 Mil­liarden Franken aus, inklusive Anreise-, Ver­pflegungs- und Übernachtungskosten. Auch für Wanderkarten geben Schweizer gern Geld aus. Zwar würden die gelben Wegweiser sie problemlos durch den dichtesten Wald lotsen, aber der klassische Rucksackträger will doppelt abgesichert sein.

Will er es noch genauer wissen, kann er seine zu erwartende Marschdauer selber berechnen. Die Berner Wanderwege machen es möglich: auf www.wanderplaner.ch oder in der dazu­gehörigen App das eigene Tempo eingeben, die Strecke wählen, und schon spuckt das Tool die individuelle Marschzeit aus. Sogar wie viele ­Kalorien man voraussichtlich verbrennen wird, lässt sich berechnen.

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Mir genügen die Wegweiser. Wenn ich sie ­sehe, freue ich mich immer noch, dass ich mich an ihren Angaben messen kann. Je mehr gelbe Schilder auf meinem Weg, desto besser. Mit den Jahren liess mein sportlicher Ehrgeiz aber nach. Ich kann mittlerweile eine Wanderung auch dann geniessen, wenn die Wegweiser schneller sind als ich.

Empfehlenswerte Routen: Immer den Schildern nach

Panoramaweg ­Thunersee

Oberhofen bis Gunten Charakter: einfach, für Familien geeignet

  • Distanz: 6,8 Kilometer
  • Dauer: 2 Stunden 35 Minuten
  • Route: Oberhofen am ­Thunersee, Balmflue, Blooch, Erizbüel, Aeschlen, Sigriswil, Gunten
  • Highlight: Die Tour führt über zwei Hängebrücken, eine davon ist 340 Meter lang und 180 Meter hoch.


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Quelle: Christof Sonderegger/Swiss-Image

Erste Jurakette

Untergrenchenberg bis ­Weissenstein

  • Charakter: mittelschwer
  • Distanz: 12,3 Kilometer
  • Dauer: 4 Stunden 5 Minuten
  • Route: Untergrenchenberg, Ängloch, Oberes Brüggli, Schauenburg, Hasenmatt, Hinter Weissenstein, Weissenstein Sennhaus
  • Highlight: Eine Wanderung für Hungrige: Fünf Berggasthäuser liegen auf dem Weg.


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Im Herzen des Alpsteins

Ebenalp bis Wasserauen

  • Charakter: schwer, nur für Schwindelfreie
  • Distanz: 13,1 Kilometer
  • Dauer: 4 Stunden 55 Minuten
  • Route: Ebenalp, Wildkirchli, Schäfler, Unterer Mesmer, Seealpsee, Wasserauen
  • Highlight: Das Wildkirchli, ein prähistorisches Höhlensystem. Im Eremitenhäuschen befindet sich eine kleine Ausstellung zur Geschichte des Orts.


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Mehr Wandertipps finden Sie auf www.wandern.ch.

Quelle: Christof Sonderegger/Swiss-Image