Früher baute Angelo Ressegatti Häuser, entwarf Wohnungen, leitete Baustellen. Heute liest er den Bewohnern eines Pflegezentrums aus Büchern und Zeitungen vor, unterstützt sie beim Kochen und leitet einen Männertreff sowie ein Gedächtnistraining. Vom Architekten zum Aktivierungstherapeuten: Warum?

Irgendwann hatte Angelo Ressegatti einfach genug: genug von launischen Bauherren, die nur am Profit interessiert waren, genug davon, als selbständiger Architekt stets allein im Büro zu arbeiten. Und: «Mir graute davor, das ganze Leben lang denselben Job zu machen.» Also beschloss er umzusatteln, sich auf etwas völlig Neues einzulassen. Mit 48 drückte er nochmals die Schulbank und sammelte als Praktikant erste Erfahrungen im neuen Arbeitsumfeld.

Seit sechs Jahren arbeitet er nun im Pflegezentrum Geratrium in Pfäffikon ZH, ist in dieser Zeit zum Leiter der Aktivierungstherapie aufgestiegen. Und er hat seinen Entscheid nie bereut: «Es war absolut richtig, etwas Neues zu versuchen. Jeden Tag freue ich mich auf meine Arbeit.»

Zwei Drittel sind unzufrieden in ihrem Job

Bis der Stadtzürcher so weit war, den Schritt tatsächlich zu wagen, dauerte es allerdings fast zwei Jahre. Gründe für diese lange Entscheidungsphase habe es Hunderte gegeben, sagt er. Der wichtigste war, dass ihn die eigentliche Arbeit als Architekt noch immer interessierte. Und es fiel ihm schwer, sich auf einen neuen Job festzulegen. Auch Angst davor, was andere über ihn denken könnten, spielte eine Rolle: «Ich befürchtete, dass einige glauben würden, ich hätte keine Aufträge mehr bekommen. Das war aber nicht der Fall.» Nach langem Hin und Her griff er schliesslich zum Telefon, rief einen befreundeten Berufsberater an und besprach mit ihm in regelmässigen Sitzungen seine Vorstellungen, Vorlieben und Talente.

Ein bis zwei Jahre Vorbereitungszeit sind nicht unüblich, wenn man sich beruflich grundlegend verändern will, weiss der Berufscoach Emilio Schläpfer vom Coa­ching-House in Bern. «Insbesondere Leuten in Berufen mit einem hohen Status fällt es in der Regel schwerer, sich an ein neues Berufsbild zu gewöhnen», erklärt er. Dennoch empfiehlt er, auf die innere Stimme zu hören und nicht über Jahre hinweg in einem unbefriedigenden Job auszuharren. «Irgendwann bricht die Gestaltungskraft zusammen – und damit auch der Glaube daran, sich entwickeln zu können.»

Nur gerade ein Drittel der Arbeitnehmer in Europa hat das Gefühl, im richtigen Job zu sein – das besagen Umfragen. Ein weiteres Drittel ist nicht mehr vollständig zufrieden, für das übrige Drittel ist der Job regelrecht zur Qual geworden. Viele harren auch deshalb im Job aus, weil sie befürchten, zu häufige Stellenwechsel könnten die Suche nach einem neuen erschweren. Experte Schläpfer gibt teilweise Entwarnung: «Ein Berufstransfer hat nichts mit ziel­losem Jobhopping zu tun, sondern ist eine seriöse und durchdachte Angelegenheit.»

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In einer Zeit, in der es bald so viele Berufsbilder wie Menschen gibt, stehen Arbeitnehmer konstant unter Druck, sich weiterzuentwickeln. «Die Frage bleibt offen, ob man damit letzten Endes wirklich glücklicher wird», gibt Laufbahnberater Daniel Bürki zu bedenken. Tatsache sei, dass anders als früher, wo viele von der Lehre bis zur Pension denselben Beruf ausübten, heute nie eine Endstufe erreicht werde. «All diese Möglichkeiten machen die Auswahl nicht immer einfach», sagt der Leiter des Coaching-House in Bern.

Für Christine Hofer-Ryser gab es in ihrer Jugend nicht viele Möglichkeiten. Als Bauerntochter aus dem Emmental machte sie nach neun Jahren Primarschule eine Lehre zur Schnittblumen- und Topfpflanzengärtnerin und hängte schliesslich ein bäuerliches Haushaltlehrjahr an. «Das hat man damals eben so gemacht», sagt sie lakonisch, «hinterfragt habe ich das nie.» Sie heiratete wenig später einen Bauern, brachte drei Buben zur Welt. Die Arbeit auf dem Hof in Bigenthal BE gefällt ihr – und doch wollte sie plötzlich mehr. «Ich hatte das Bedürfnis, mich in der Gemeinde einzubringen», sagt Hofer-Ryser. Also trat die Bäuerin der SVP-Ortspartei bei und half in der Schulkommission mit.

Nach gerade einmal fünf Jahren wurde sie zur Vize-Gemeindepräsidentin gewählt. «Vor der Kandidatur glaubte ich, nicht die Richtige für dieses Amt zu sein. Meine Kollegen waren es, die mich überzeugten, es doch zu versuchen», erzählt sie. Nur ein Jahr später stieg Christine Hofer-Ryser zur Gemeindepräsidentin von Walkringen auf.

Quelle: Nadja Tempest
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«So kannte mich mein Mann gar nicht»

Der Erfolg in der Lokalpolitik hat Hofer-Ryser ermutigt, etwas zu wagen, sich weiterzubilden: «Früher zweifelte ich stets an mir, glaubte, dass ich eine Weiterbildung nicht schaffen würde. Die Wahl hat mir Selbstvertrauen gegeben.» Nach einem Diplomlehrgang zur Gemeindepolitikerin holt die 40-jährige Familienfrau aktuell die Handelsschule nach. Und bereits hat sie mehr im Visier: In einem einjährigen Lehrgang möchte sie sich zur Gemeindefachfrau ausbilden lassen, um so nach Ablauf ihres politischen Amts in einer Gemeindeverwaltung arbeiten zu können. Die berufliche Horizonterweiterung empfindet sie als bereichernd: «Dank meinem Amt lerne ich sehr viel Neues dazu. Plötzlich wieder ausschliesslich als Bäuerin zu arbeiten kommt für mich nicht mehr in Frage.»

All diese Veränderungen waren für Christine Hofer-Rysers Ehemann anfangs nur schwer nachvollziehbar. «Auf einmal stellte ich meine Arbeit in Frage, überlegte mir, welche andere Möglichkeiten ich habe. So kannte mich mein Mann gar nicht», erzählt sie. Auch ihre Freizeit gestaltet sie heute anders als früher. «Durch mein Amt stehe ich meinen Mitmenschen in der Gemeinde viel näher und unternehme auch in der Freizeit gerne etwas mit ihnen.»

Beim Schulunterricht in Bern hat das «Landmeitschi» zudem die Stadt für sich entdeckt und schätzt es, dort auch mal ein klassisches Konzert zu besuchen. Die ganze Neuorientierung machte auch in der Familie viele Gespräche nötig, um Verständnis für ihre neuen Ambitionen zu schaffen.

Tatsächlich ist es zentral, den Partner in den ganzen Prozess einzubeziehen, da sind sich die Berufscoachs Daniel Bürki und Emilio Schläpfer sicher (siehe auch «Berufswechsel», rechts). «Bei der Entscheidungsfindung ist der Austausch mit dem Partner sehr hilfreich, allenfalls auch mit neutralen, aussenstehenden Personen», so Bürki. Im Übrigen sei es für Veränderungswillige eine grosse Erleichterung, wenn sie eine starke Unterstützung aus Familie und Freundeskreis spürten. Denn: «Wer sich bei einem Berufswechsel gegen Normen und Status auflehnen muss, hat es sehr viel schwerer, sein Ziel zu erreichen.»

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«Wieder ausschliesslich als Bäuerin zu arbeiten kommt nicht in Frage»: Christine Hofer-Ryser

Quelle: Nadja Tempest

Ist die Zeit reif für eine neue Aufgabe?

Ein Berufswechsel ist eine gewichtige Veränderung und will wohlüberlegt sein – gerade für Leute, die in ihrem ursprünglichen Job fest etabliert sind. Die Berner Berufscoachs Daniel Bürki und Emilio Schläpfer sagen, wie es geht:

  • Notieren Sie über einige Wochen hinweg Ihre Eindrücke und negativen Gefühle, die Sie während Ihrer momentanen Arbeit empfinden. Analysieren Sie anschliessend, was genau in Ihrem Job schiefläuft.

  • Stellen Sie sich folgende Fragen: Wer bin ich? Was will ich? Was kann ich?

  • Klären Sie ab: Ist es möglich, die bestehende Arbeitssituation so umzugestalten, dass Sie sich wieder wohl ­fühlen?

  • Falls nur ein neuer Job in Frage kommt: Schauen Sie sich Stellenanzeigen an, um sich bewusst zu werden, welche Art von Beruf Sie anspricht. Halten Sie dabei auch fest, welche Eigenschaften Sie für diese Aufgabe bereits mitbringen und welche Fähigkeiten Sie allenfalls durch Weiterbildung erwerben müssen.

  • Entscheiden Sie sich, ob Sie den Transfer allein oder mit Unterstützung eines Berufscoachs angehen möchten.

  • Informieren Sie Ihren Partner und Ihr nahes Umfeld über Ihr Vorhaben.

  • Sprechen Sie mit Leuten, die Ihren Wunschjob bereits ausüben. So erhalten Sie einen authentischen Eindruck und laufen nicht Gefahr, sich falsche Vorstellungen zu machen.

  • Klären Sie ab, welche finanziellen Risiken die Neuorientierung birgt. Stellen Sie ein Budget auf, um sich darüber klar zu werden, wie lange Sie im schlimmsten Fall auf ein geregeltes Einkommen verzichten können oder wie Sie eine allfällige Ausbildung finanzieren.

  • Nach diesem Vorlauf ist ein innerer Entscheid gefragt: Ist die Zeit jetzt reif für das berufliche Umsatteln?

  • Wenn ja: Definieren Sie die nächsten Schritte – Jobsuche, Weiterbildung, Kündigung et cetera.

Natürlich tauchen in einem derartigen Prozess immer auch gute Gründe auf, die gegen einen Wechsel sprechen. Falls diese schliesslich den Ausschlag geben, im angestammten Beruf zu verbleiben: Definieren Sie unbedingt die Schritte, die Sie unternehmen wollen, um Ihre momentane Jobsituation zu verbessern.

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