Sie nehmen an waghalsigen Fotoshootings teil und stolzieren in hohen Hacken über Laufstege: die Models von morgen, in den Shows, die heute im Fernsehen laufen. Die Teilnehmerinnen von «Switzerland’s next Topmodel» oder «Germany’s next Topmodel» kämpfen um einen Platz im begehrten Modehimmel – und sind Vorbilder für Mädchen ganzer Generationen. Topmodel ist für viele ein Traumberuf.

Das war auch für Aurelia Fischer* so. Ihr Traum schien in Erfüllung zu gehen, als sie von der Modelagentur Fotogen in Zürich aufgenommen wurde. «Falsch gedacht», sagt die junge Frau heute. «Alles nur Schein. Fotogen spielt mit unseren Träumen.» Aurelia Fischer vermutet, dass es der Agentur nur um das Geschäft geht. Zwei weitere betroffene Personen, die die Abläufe bei Fotogen kennen, äussern den gleichen Verdacht; sie möchten aber nicht namentlich genannt werden.

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Die Agentur Fotogen gibt es seit über 50 Jahren. 2019 gründete sie zusätzlich die «Fotogen-Academy». Hier können Einsteigerinnen Modelkurse buchen. «Wenn sich junge Frauen bei Fotogen bewerben, wird ihnen der Kurs angedreht», sagt Aurelia Fischer. Die Kosten: 700 Franken für zehn Stunden Modeltraining inklusive Styling, Fotoshooting, Lauf- und Posierschulung sowie dem Vermitteln der wichtigsten Verhaltensregeln in der Branche. 
 

«Das Absolvieren des Kurses ist freiwillig. Selbstverständlich nehmen wir nicht jede Bewerberin auf.»

Jad Hayek, Inhaber der Agentur Fotogen

«Er ist ein Charmeur»

«Der Geschäftsführer macht das geschickt, er schmiert den Mädchen Honig um den Mund. Er ist ein Charmeur», sagt Aurelia Fischer. Der Modelberuf habe seinen Reiz, und der Geschäftsführer wisse das. «Er verspricht, dass es gut investiertes Geld sei, dass danach die Aufträge und damit das grosse Geld reinkämen. Das stimmt aber nicht», sagt Aurelia Fischer weiter. «Da wird schlicht jedes Mädchen für den Modelkurs und danach angeblich in der Agenturkartei aufgenommen. Egal, ob es das Potenzial hat, Model zu werden oder nicht.» Jad Hayek, Inhaber der Agentur, weist die Vorwürfe zurück. «Das Absolvieren des Kurses ist freiwillig, und wir nehmen selbstverständlich nicht jede Bewerberin auf.»

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Das Ziel sei, in möglichst kurzer Zeit die Basiskenntnisse als Model aufzuzeigen und zu professionalisieren, sagt Hayek. «Mit dem Workshop verfügen die Absolventinnen über ein umfassendes Startpaket. Damit können sie frei oder durch uns vermittelt in den Modelmarkt treten.» Immerhin hätten 20 von 30 Absolventinnen erfolgreich vermittelt werden können, sagt Hayek. «Wir prüfen das Potenzial einer Bewerberin Vorstellungsgespräch Heikle Fragen natürlich vor der Aufnahme im Kurs oder in unserer Kartei.»

Aurelia Fischer bekam durch Fotogen keinen einzigen bezahlten Modelauftrag. Stattdessen posierte sie vor Fotografen, die sie selbst bezahlen musste. «Einmal fragte mich ein Fotograf, ob ich ihm das Honorar bar geben würde. Als ich ihm sagte, dass ich Hayek bereits bezahlt habe, war seine Reaktion: ‹Nicht schon wieder!›» Der Fotograf hätte 200 Franken weniger für das Shooting verlangt.

Alles nur Geldmacherei? «Fotogen gilt als renommierte Agentur im In- und Ausland», sagt Jad Hayek. Fragt man andere Schweizer Agenturen, zeigt sich ein anderes Bild. Es ist in der Branche bekannt, dass Fotogen solche Kurse anbietet. Diese seien aber wenig professionell, und das Versprechen von einem schnellen Erfolg sei etwas vollmundig. 
 

Bezahlte Kurse sind eher unüblich

«In der Branche wird man hellhörig, wenn von solchen Kursen gesprochen wird», sagt Bettina Schaefer von der Scout Model Agency. Es käme vor, dass sich Mädchen bei ihr melden und sagen, dass sie bereits einen Kurs absolviert haben. «Wenn wir sie uns dann anschauen, müssen wir leider sagen: Sie haben keine Chance auf dem Markt. Die Agentur wollte wohl einfach den Workshop verkaufen – egal, wie die Mädchen aussehen.»

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Dass ein Model in Kurse investieren müsse, sei ungewöhnlich. «In Mailand, Paris oder Hamburg bezahlt man nicht dafür, dass man in einer Agentur aufgenommen wird. Auch bei seriösen Schweizer Agenturen nicht», sagt Bettina Schaefer. «Wenn ein Mädchen Potenzial hat, investiert man mit dem Ziel, dass es Modeljobs bekommt.»

Das bestätigt Barbara Eberle, Chefin der Agentur Option Model: «Ein Model muss nichts bezahlen, um bei uns aufgenommen zu werden. Falls es unser Interesse weckt, laden wir das Model in unsere Agentur ein. Kurse bieten wir keine an.» 


* Name geändert

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Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

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