Einmal einen sozialen Einsatz leisten, das wollte Silvio Di Pietro schon lange. Die Gelegenheit dazu kam, als sein Arbeitgeber ihn fragte, ob er sein Englisch auffrischen wolle: Der Verkaufsleiter aus dem Aargau entschloss sich, vier Wochen in Kapstadt Strassenkinder zu betreuen. Er lehrte Englisch, Mathematik und Geschichte, organisierte Freizeit­aktivitäten.

Den Einsatz vermittelte ihm die Rainbow Garden Village – eine von mittlerweile unzähligen Organisationen für Freiwillige, die sich einige Wochen im sozialen Bereich oder für Umwelt und Tierschutz einsetzen wollen. Man spricht auch von «Volunteer-Tourismus» oder «Voluntourismus»: Zeit, Ort und Einsatzbereich frei wählbar.

Die Einsätze werden mehrheitlich von spezialisierten Organisationen angeboten – doch zunehmend drängen auch kommerzielle Reisefirmen in den Markt. Kein Wunder, denn das Reisen mit sozialem Mehrwert liegt im Trend: In Deutschland leisteten 2011 gemäss einer Studie 20'000 Personen flexible Freiwilligenarbeit; für die Schweiz fehlen Zahlen.

Quelle: Holger Salach & Privat

Der Aargauer Silvio Di Pietro, 42, betreute im südafrikanischen Kapstadt vier Wochen lang Strassenkinder. Der Aufenthalt kostete ihn rund 1800 Franken, 20 Lektionen Englisch im Einzelunterricht inbegriffen. «Der Einsatz hat mir viel gebracht», sagt Di Pietro.

«Ich hoffe, dass sich meine Tochter eines Tages ebenfalls engagieren wird.»

Quelle: Holger Salach & Privat
Anzeige

Silvio Di Pietro entschied sich für die Organisation Rainbow Garden ­Village, weil diese den Einsatz selber ­organisiert und Teammitglieder vor Ort hat. Zunächst hatte der 42-Jährige mehrere telefonische Kontakte mit dem Koordinator in München. Er musste Lebenslauf, Motivationsschreiben und Leumundszeugnis einreichen. Viele der anderen Freiwil­ligen in Kapstadt brachten bereits ­Berufserfahrung in der Arbeit mit Kindern mit: «Ich war der Einzige mit keinerlei Vorkenntnissen.» Das Engagement habe ihn entsprechend gefordert und sei intensiv gewesen.

Der Aufenthalt kostete Di Pietro rund 1800 Franken, inbegriffen waren 20 Lektionen Englisch im Einzelunterricht. Er wohnte in einem eigenen ­Appartement, für das er einen Aufpreis bezahlte. «Der Einsatz hat mir viel gebracht», bilanziert er, «vor allem auch als persönliche Erfahrung.» Gern würde er erneut einen Freiwilligeneinsatz machen. «Und ich hoffe, dass sich meine Tochter eines Tages ebenfalls ­engagieren wird.»

Es ist «ein besonderes Erlebnis»

Die Reiseagenturen STA Travel und Globetrotter sind in der Schweiz die grössten kommer­ziellen Anbieter flexibler Freiwilligenarbeit. Beide vermitteln um die 300 Freiwillige pro Jahr. Laut Nick Gerber von Globetrotter nimmt die Zahl jährlich um etwa 20 Prozent zu. Im Durchschnitt dauern die Einsätze zwei bis drei Wochen. «Wir bieten ­damit Lernerfahrung an. Doch um wirklich etwas im Land zu bewirken, braucht es längere Einsätze und Fachwissen», sagt er.

«Um wirklich etwas im Land zu bewirken, braucht es längere Einsätze und Fachwissen.»

Nick Gerber, Globetrotter

Anzeige

Globetrotter arbeitet mit dem ­deutschen Spezialisten Travelworks zusammen, der jedes Jahr für rund 10'000 Kunden Voluntourismus und Sprachaufenthalte organisiert. «Die Verantwortung vor Ort haben ein­heimische, staatlich anerkannte oder ­zertifizierte Organisationen», erklärt Geschäftsführerin Tanja Kuntz. Drei Wochen in einem Kinderprojekt in ­Nepal etwa kosten 770 Euro. Davon ­gehen laut Kuntz 70 bis 75 Prozent ins Gastland sowie eine Provision an ­Globetrotter.

In den Katalogen der Reisebüros werden die Angebote als besonderes Erlebnis, Abenteuer und Lerngewinn angepriesen. Etwa so: «Du verlässt das Land mit dem tollen Gefühl, die Lebensbedingungen der ländlichen Bevölkerung verbessert und sie auf dem Weg zu mehr Eigenverantwortung begleitet zu haben.» Als wichtigstes Motiv für den Einsatz nennen die Kunden «Abenteuer», gefolgt von «Lernen», zeigt eine Zürcher Bachelor­arbeit zum Thema. Weniger ausgeprägt war das Gefühl der Verbundenheit mit den Menschen vor Ort. Und die Wirkung des Einsatzes interessierte kaum.

«Die gute Absicht allein genügt nicht»

Die Schweizer Plattform Fairunterwegs.org setzt sich kritisch mit dem boomenden Volunteer-Tourismus auseinander. «Die gute Absicht allein ist nicht genug», betont Geschäftsführerin Christine Plüss. «Einen wirklichen Nutzen bringen Freiwilligeneinsätze, wenn sie als Lernprojekte organisiert werden, bei denen die Einheimischen mitbestimmen können.» Die Organisationen sollten ausweisen, wie umweltverträglich, sozialverantwortlich und nachhaltig die Projekte gestaltet sind, findet sie.

Eine Umfrage bei 44 kommerziellen Anbietern habe gezeigt, dass nur jeder fünfte einen Lebenslauf oder ein Motivationsschreiben von den Freiwilligen verlange, und nur drei führten persönliche Bewerbungsgespräche. Über drei Viertel hätten weder Kinderschutzmassnahmen noch einen Verhaltenskodex für die Aufenthalte erarbeitet. «Die Freiwilligen übernehmen durch die Wahl des ­Projekts Mitverantwortung dafür, dass die Interessen und Bedürfnisse der Bevölkerung vor Ort berücksichtigt werden», betont Christine Plüss.

Anzeige

Doch für Interessierte ist es schwierig, sich im Dschungel der Angebote zurechtzufinden. Unabhängige Vermittler von flexiblen Arbeitsaufenthalten gibt es in der Schweiz nicht. Immerhin bieten zwei deutsche Platt­formen ­Einsätze auch für Schweizer an.

«Je mehr Stationen zwischen dem Projekt und den Freiwilligen stehen, desto schwieriger ist es, die Qualität sicherzustellen.»

Frank Seidel, Geschäftsführer Wegweiser-freiwilligenarbeit.com

Eine davon ist Wegweiser-freiwilligenarbeit.com: «Wir überprüfen die Anbieter auf Qualität, Präsenz vor Ort, Transparenz und auf Verhaltensrichtlinien», sagt Geschäftsführer Frank Seidel. Er führt keine Einsätze in Waisenhäusern – obwohl die Nachfrage gross sei. «Waisenhäuser sind besonders anfällig für Missbrauch. Und der ständige Wechsel wirkt traumatisierend auf die Kinder.» Seidel vermittelt derzeit 400 Angebote in 55 Ländern, organisiert von 23 spezialisierten Anbietern – nicht aber von Reiseagenturen. «Je mehr Stationen zwischen dem Projekt und den Freiwilligen stehen, desto schwieriger ist es, die Qualität ­sicherzustellen», sagt er. «Deswegen kooperieren wir fast nur mit Organisationen, die Kontakte vor Ort haben.»

Anzeige

Die St.Gallerin Jackie Kobelt, 32, arbeitete drei Monate freiwillig in einem Waisenhaus in Ghana. Der Aufenthalt kostete sie 1300 Dollar – und veränderte ihr Leben. Kobelt sammelte für das Waisen Spenden in Höhe von 10'000 Dollar.

«Mein Engagement war sicher mit ein Grund dafür, das ich den neuen Job bekam.»

Quelle: Holger Salach & Privat

Jackie Kobelt engagiert sich seit vier Jahren für ein Projekt. 2011 machte sie eine berufliche Auszeit in Ghana bei der australischen Volta Aid Founda­tion. «Ich habe mich damals direkt beim Gründer gemeldet, um mehr zu erfahren», erzählt die 32-jährige Anwaltsassistentin aus St. Gallen. Drei Monate ­arbeitete und wohnte sie in ­einem Waisenhaus, der Aufenthalt kostete sie 1300 Dollar.

Später kehrte sie zweimal für kürzere Einsätze zurück, so überzeugt war sie vom Projekt. «Die Arbeit war gut organisiert, und es gibt vielseitige Aktivitäten, die wirklich auf die ­Bedürfnisse der Einheimischen aus­gerichtet sind.» Der Aufenthalt ver­änderte ihr Leben. In den letzten ­Jahren sammelte sie 10'000 Dollar an Spenden, und sie engagiert sich als «Botschafterin» der Stiftung in der Schweiz.

Sie habe auch beruflich gewonnen, sagt Jackie Kobelt. «Nach der Auszeit kam ich zu einer internationalen ­Unternehmensberatungsfirma. Dort gefiel mein soziales Engagement. Das war sicher mit ein Grund dafür, dass ich die Anstellung erhalten habe.»

Anzeige

Links zum Thema Voluntourismus

Liste von Anbietern


Interkultureller Austausch, auch für Jugendliche und Familien:


Unabhängige Vermittler:


Voluntourismus als Reiseform:


Sozialzeitausweis: