Der Au-pair-Aufenthalt ist die ältere Form des Jugendaustausches. Im Unterschied zum Austauschjahr ist er rückläufig.

Der Fall Louise Woodward sorgte im November 1997 für Schlagzeilen. Das 19jährige englische Au-pair-Girl war angeklagt, ein acht Monate altes Baby zu Tode geschüttelt zu haben. Aus dem Gerichtssaal wurde live für den Rest der Welt berichtet.

Als die Geschworenen die junge Frau wegen Mordes zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilten, gellte ein Aufschrei des Entsetzens durch das Publikum in England. Zehn Tage später kippte der Revisionsrichter das Urteil unter dem öffentlichen Druck. Louise fasste «nur» neun Monate Haft für fahrlässige Tötung. Doch in diesen Tagen berät das oberste Gericht des Bundesstaats Massachusetts über den Fall - und Louise muss erneut zittern.

Die angebliche Kindstötung erinnert an den Fall Olivia Riner. Die «Swiss nanny» war 1991 in den USA in einem aufwühlenden Prozess vom Vorwurf freigesprochen worden, ihren Zögling verbrannt zu haben.

Die beiden Fälle haben der Idee der Au-pair-Aufenthalte zweifellos geschadet. Dabei sind sie die älteste Form des Jugendaustausches. In der Nachkriegszeit wanderten Tausende von jungen Schweizer Frauen für ein Jahr nach England, Frankreich und Italien aus. Gegen ein Taschengeld lernten sie als Kindermädchen eine andere Sprache und Kultur kennen und machten erste Schritte in die Selbständigkeit. Nach einem stetigen Rückgang seit den achtziger Jahren sind es heute noch knapp 700 Au-pairs, die jährlich an ausländische Familien vermittelt werden. Tendenz rückläufig.

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Schuld am Rückgang sind aber nicht nur die Skandalfälle Woodward und Riner. «Viele Mädchen gehen heute lieber drei Monate in einen Sprachkurs statt für ein Jahr als Au-pair», sagt Berty Bauknecht, die Präsidentin des Vereins Freundinnen junger Mädchen (FJM).

Die typisch weibliche Form des Jugendaustausches ist auch ausser Mode geraten, weil sie überholt ist: Unterbezahlte Hausarbeit mit ausgeprägter Herrschaftsabhängigkeit ist heute nicht mehr angesagt.

Eine Ausnahme bilden die USA. Brigitte Schwarzenbach, Geschäftsführerin von Experiment: «Hier verlangen wir mittlere bis gute Englischkenntnisse, einen Führerausweis und reiche Erfahrung mit Kindern. Die amerikanischen Kinderhüteprogramme setzen eine grosse Verantwortung voraus.»

In der Tat zeigt sich hier ein kleiner Gegentrend: Während die Zahl bei den klassischen Au-pair-Zielländern in Europa einbricht, verzeichnen die Destinationen USA und Kanada auch heute noch leichte Zunahmen.

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