Es wird an der Sparschraube gedreht – und in den Schulzimmern wirds eng. «Wo früher 15 Leute in einem Seminar sassen, sind es heute 35. So bei der Bildung zu sparen, das ist doch pervers», sagt Tobias Bischoff (siehe Box). Der 23-Jährige studiert an der Berner Fachhochschule. Seine Klagen über Spardruck und sinkende Ausbildungsqualität bei steigenden Semestergebühren reihen sich ein in die Stimmen der vom Beobachter befragten Studierenden.

«Vieles bleibt oberflächlich»

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Tobias Bischoff, 23, studiert im sechsten Semester soziale Arbeit an der Berner Fachhochschule

«Die Stärke unseres Ausbildungsgangs – eine grosse Vielsei­tigkeit – ist zugleich eine Schwäche: Vieles bleibt oberflächlich. Falls ich eine Mas­terausbildung anschliesse, tu ich das an einer Uni – auch wenn die Eintrittsbarrieren für Fachhochschüler je nach Studienrichtung sehr hoch sind und das Studium um mehrere Semes­ter verlängern.

An der Universität erhoffe ich mir, dass man mich als Studierenden ernster nimmt. Das ist an der Fachhochschule zu oft nicht der Fall. Das erschwert sowohl die kritische Auseinandersetzung mit dem ­behandelten Stoff als auch die Mitsprache.

Ein grosses Problem ist der Spardruck. Wo früher 15 Leute in einem Seminar sassen, sind es mittlerweile 35. Wenn sich da alle einbringen wollen, bleibt keine Zeit. Das Finanzierungssystem schafft Fehlanreize: Je mehr Studierende in einen Ausbildungsgang gepfercht werden, desto mehr Geld gibt es für die Fachhochschule. Das führt zu massiven Qualitätsverlusten. Gleichzeitig werden die Studien­gebühren erhöht – das geht für mich nicht auf. An der Bildung zu sparen, finde ich pervers und zu kurzfristig gedacht.»

Bald ein «Studium light»?

Das klingt zuerst wie Jammern auf hohem Niveau. Denn 2008 flossen in die Schweizer Fachhochschulen satte 2,4 Milliarden Franken – durchschnittlich 37'500 pro Studierenden, international ein Spitzenwert. Nur die USA und Kanada bringen es auf ähnliche Werte. Bei näherem Hinsehen relativiert sich das Bild jedoch: Zwischen 2004 und 2008 stiegen die Kosten für die Fachhochschulen nämlich nur halb so stark wie die Zahl der Studenten – pro Absolventen steht also vergleichsweise weniger Geld zur Verfügung. Und diese Entwicklung wird sich weiter akzentuieren.

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«Der Kanton Zürich reduziert unser Budget für das Jahr 2011 und hat für 2012 und 2013 weitere Kürzungen angekündigt», sagt Reto Schnellmann, Verwaltungsdirektor der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). In anderen Kantonen und beim Bund will man die Fachhochschulen auch knapper halten. Schnellmann warnt vor einem «Ausbluten der Ausbildungsgänge» und einem «Studium light».

Die Schweizer Fachhochschulen, die eine anwendungsorientierte Ausbildung auf Hochschulniveau anbieten, sind Opfer ihres eigenen Erfolgs. Als der neue Hochschultyp 1997 startete, zählte man gerade mal 4876 Studierende – mittlerweile sind es 69'676, an rund 70 Standorten und in rund 300 Studiengängen.

Die einzelnen Ausbildungsstätten, aus ganz unterschiedlichen Kulturen entstanden, sind organisatorisch in sieben öffentlich-rechtlichen sowie zwei privaten Schulen zusammengeschlossen. Dabei wurden in erster Linie regionale Bedürfnisse berücksichtigt. «Ein heterogenes Gebilde, das die Position in der Hochschullandschaft noch nicht gefunden hat», schreibt Robert Ruprecht, Präsident des Verbands der Fachhochschuldozierenden.

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«Die Bewährungsprobe kommt im Alltag»

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Marco Rüegg, 26, schloss den Studiengang Journalismus/Organi­sationskommunikation an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ab

«Das Setzkastensystem der Ausbildung war sehr flexibel. Wir konnten alle Mediengenres und Public Relations auch während längerer ­Praktika ausprobieren. Für viele von uns wurden diese Praktika zur Rutschbahn in den Beruf. Ich habe schon vor und während des ­Studiums für eine Regionalzeitung und ein Musikmagazin gearbeitet. Vom Handwerklichen her brachte mir das mehr als die Übungen im Studium. Sicherheit gewinnt man nicht durch Sandkastenübungen.

Aber das ist wohl die Kehrseite einer Generalistenausbildung: Du bekommst mit, wie die Medien- und PR-Maschinerie funktioniert, und wirst in gewissem Sinn auch arbeitsmarktfähiger. Die Bewährungsprobe kommt aber erst im beruflichen Alltag. Es gab auch einige ­Leichen im Stundenplan mit relativ toten Fächern und abgelöschten Dozenten. Insgesamt fällt meine Bilanz dennoch positiv aus.

Ich hätte nach dem Studium als Redaktor bei einer Regionalzeitung ­anfangen können, wollte aber mehr Freiraum. Heute arbeite ich als freier Journalist und als Velokurier. Gemeinsam mit einem Studienkollegen habe ich dieses Jahr eine Feiertagszeitung für die Stadt ­Zürich lanciert, den ‹Firtig›. Ohne Marktanalysen und Businessplan. Wenn du was Neues ausprobieren willst, musst du es eben tun. Ich glaube an die Zukunft der gedruckten Zeitung.»

Alle dürfen kommen

Der Boom an den Fachhochschulen wurde jahrelang befeuert: In den meisten Fachbereichen gilt für die immer zahlreicheren Berufsmaturanden der barrierenfreie Zutritt. Auch der Anteil gymnasialer Maturanden an Fachhochschulen steigt. Dank modularem Aufbau ist das Teilzeitstudieren möglich, und das Angebot wurde sowohl auf Bachelor- und Masterstufe sowie zusätzlich um den neuen Fachbereich Gesundheit erweitert.

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Die wirtschaftsnahe Stiftung Avenir Suisse warnte schon 2004 vor der Verzettelung auf der Hochschulstufe. An Universitäten und Fachhochschulen undifferenziert alles anzubieten senke das Niveau und sei nicht finanzierbar.

Nun möchte der Bund das wuchernde System eindämmen: mit dem Bundesgesetz über die Förderung der Hochschulen und die Koordination im schweizerischen Hochschulbereich (HFKG). Allerdings weckt nur schon diese verwinkelte Benamsung wenig Hoffnung auf Vereinfachung. Der Entwurf des HFKG wird zurzeit durch die politischen Mühlen geschickt – es sei ein «schwieriges Gesetz», heisst es aus den vorberatenden Kommissionen vieldeutig.

Aktuell werden die Fachhochschulen zu rund 21 Prozent vom Bund, zu 54 Prozent durch die Kantone und zu 25 Prozent durch private Dritte finanziert. Letztere kommen vor allem für Forschung und Entwicklung auf. Die Studierenden selber zahlen je nach Fachrichtung zwischen zwei und zehn Prozent der Kosten.

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«Es hapert an der Koordination»

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Sabin Nater, 25, studiert im achten Semester Umweltingenieurwesen an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

«Ich schreibe zurzeit meine Bachelorarbeit und möchte später im Bereich Naturgefahren und Hochwasserschutz arbeiten. Das ­Studium hat meine Arbeitsmarktfähigkeit klar erhöht. Wir haben viele Exkursionen und Übungen im Feld durchgeführt, meist ­angeleitet durch branchenerfahrene Dozenten. Wir konnten so von vielen Tipps für die Praxis profitieren. Während acht Stunden in Vorlesungen und ­Seminaren zu sitzen ist nicht mein Ding.

Es gab aber auch Leerlauf und unnötige Wiederholungen von ­Aus­bildungsinhalten. Hier hapert es noch an der Koordination. Gleichzeitig kam es vor, dass wir innert dreier Wochen 14 Prüfungen ablegen mussten – das ist viel verlangt. Das erste Jahr habe ich ­Vollzeit studiert, doch die Stipendien reichten nirgends hin. Seither arbeite ich Teilzeit auf einem Erlebnisbauernhof und im Service, was mein Studium um ein Jahr verlängert. Umweltingenieurwesen kann man zurzeit noch nicht berufsbegleitend studieren.

Auch unsere Fachhochschule spürt den Spardruck. Beispiel Semester- und Bachelorarbeiten: Wer dazu keine Drittmittel auftreiben kann, zahlt die Kosten meist aus dem eigenen Sack. Das Angebot an Wahlfächern wurde massiv zusammengestrichen, die Semester- und Skriptgebühren erhöht. So wird die Fachhochschule zur Einrichtung, die ihre Studierenden möglichst kostengünstig durchschleust.»

Quantität vor Qualität

Je mehr Studierende an einer Fachhochschule immatrikuliert sind und Studienleistungen beziehen, umso mehr Geld gibt es von Bund und Kantonen. Weil die Beiträge pro Studenten nun aber seit Jahren faktisch sinken, werden «immer mehr Leute in einen Ausbildungsgang gepfercht», kritisiert Student Tobias Bischoff. Auch ZHAW-Direktor Schnellmann spricht von einem «einseitigen Finanzierungsanreizsystem». Es spiele dabei auch keine Rolle, ob ein Studierender sein Studium beende oder nicht. Quantität kommt vor Qualität.

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So gefährden die Fachhochschulen auf Dauer ihren guten Ruf bei den Arbeitgebern, die die Praxisnähe der Ausbildung schätzen. Der 2009 vom Bundesamt für Statistik publizierte Bericht «Von der Hochschule ins Berufsleben» zeigt, dass Absolventen der Fachhochschulen nicht nur eine tiefere Erwerbslosenquote als Uni-Studierende aufweisen, sondern ein Jahr nach Studienabschluss auch mehr verdienen als ihre Kollegen von der Universität. Gemäss einer aktuellen Studie des Dachverbands FH Schweiz erhalten Fachhochschulabsolventen unter 30 Jahren einen Jahreslohn von 90'100 Franken.

«Studium wie am Fliessband»

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Roger Eugster, 27, studiert im vierten Semester Betriebsökonomie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

«Wir haben zwar viele Dozenten aus der Praxis, aber nicht alle ­Stu­dien­inhalte sind auf dem aktuellen Stand. Teils werden da seit Jahren dieselben Beispiele rezykliert. Gerade in der aktuellen Finanz­krise gäbe es ja genügend Anknüpfungspunkte für die Betriebsökonomie. Ich würde mir auch mehr Gestaltungsfreiraum bei den einzelnen Modulen wünschen. Gleichzeitig werden die Seminargruppen immer grösser. Es bleibt kaum Zeit, mit Dozenten zu diskutieren.

Ich bin Studentenvertreter, habe aber weder eine Einsprachemöglichkeit noch ein Mitspracherecht. Das ist unbefriedigend. Leider ist auch das Engagement der Mitstudierenden gering – die meisten ziehen ihr Studium wie am Fliessband durch.

Ich arbeite 30 Prozent Teilzeit, um mein Studium zu finanzieren, und komme durchschnittlich auf eine 60-Stunden-Woche. Falls ich ­eine Masterausbildung anschliesse, werde ich dies an der Universität tun. Auch wenn ich dafür eine Zusatzschleife nehmen und mehr Zeit als Uni-Studenten investieren muss. Der Stellenwert eines Uni-­Masters in der Wirtschaft ist höher.»

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Numerus clausus

Steht die öffentliche Hand nun verstärkt auf die Sparbremse, kommen Fachhochschulen um unpopuläre Massnahmen nicht herum. Reto Schnellmann erwähnt höhere Studiengebühren, wobei Anpassungen mit einem Stipendien- und Darlehenssystem schweizweit koordiniert werden sollten. Ferner stünden Eintritts- respektive Eignungsprüfungen für Studierende zur Debatte, wie sie heute bereits in einigen Fachgebieten praktiziert werden.

Die staatlichen Mittel liessen sich auch in überregionalen Lösungen für kostenintensive oder an einzelnen Schulen schwach ausgelastete Fachbereiche effizienter einsetzen. «Politisch ist dieser Prozess aber sehr heikel», so Schnellmann. Denn da waltet bekanntlich der Kantönligeist. Notfalls ist für den ZHAW-Direktor auch ein Numerus clausus kein Tabu: «In dieser Frage dürfte die Zurückhaltung der Politik aber am grössten sein.»

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Letztlich geht es darum, wie viel die Hochschulbildung kosten darf. Dazu hat Katharina Prelicz-Huber, grüne Nationalrätin und Professorin für soziale Arbeit an der Hochschule Luzern, eine pointierte Meinung: «Solange der Bund über 60 Milliarden für die Rettung einer einzigen Bank ausgibt, gibts für Bildung genügend Geld.»

«Das System überfordert sich selber»

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Joël Beljean, 26, studiert im sechsten Semester angewandte Psychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz

«Die zeitliche Belastung durch das Studium entspricht einer 40-Stunden-Woche. Daneben arbeite ich noch Teilzeit als Architekt, wo ich bereits über einen Fachhochschulabschluss verfüge. Über­trieben finde ich in diesem Kontext den Leistungsnachweis für fast jedes Fach. Das System überfordert sich selber: Ständig werden ­Prüfungen vorbereitet, durchgeführt, korrigiert und die ‹Credits-­Buchhaltung› dazu nachgeführt. Das ist oft nicht nachhaltig.

Die grossen Stärken unseres Studiengangs sind die Praxisnähe dank kompetenten Dozenten und die Altersdurchmischung der Studie­renden. Wenn 20-Jährige und 45-Jährige ihre unterschiedlichen Erfah­rungen einbringen, ist das sehr befruchtend. Das Zweitstudium in angewandter Psychologie mache ich, um mehr Verhandlungs­sicherheit zu bekommen. Ich war Mitglied in einem Gemeinderat, ­engagiere mich nun als Studierendenvertreter und neh­me mit ­beratender Stimme an Sitzungen des Fachhochschulrats teil.

Was von der Fachhochschule verlangt wird, gleicht der Quadratur des Kreises: Unsere Schule hat die Leistungen deutlich ausgebaut, die vier Trägerkantone tun sich aber schwer, die nachgewiesen notwendigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Deshalb setzen sich alle Organe unserer Schule gemeinsam dafür ein, dass das bestehende Angebot nicht nur erhalten, sondern weiterentwickelt wird.»