Jan Schmid fühlt sich nicht wohl in der Fremde. Mit hängenden Schultern sitzt er auf dem Stuhl. Ein ­ma­gerer Junge, der verlegen an der Tischkante herumfummelt, weil ihm nichts einfallen will auf die Frage, ob es auch etwas Gutes hat, mal wegzukommen von zu Hause. «Man lernt neue Leute kennen», sagt er und zuckt die Schultern. Er ist ja nicht freiwillig hier in Chur. Er verliess den elterlichen Bauernhof nur, weil in seinem Dorf Stampa im Bergell, weil im ganzen Tal keine Lehrstelle als Polymechaniker zu finden war. Als er wegging, war er 16.

Stampa: Steinhäuser, Bergflanken, Kastanienwälder. Chur kam Jan anfangs so gross vor, die Strassen führten in alle Richtungen, anders als zu Hause, wo es nur berg­auf oder bergab gibt. «Jetzt finde ich mich zurecht.» Trotzdem, in die Stadt geht er nicht oft, einmal die Woche in den Ausgang. Mit Kollegen aus dem Bergell, die wie er nur wegen der Lehre in Chur sind.

Das Schlimmste aber war die Sprache. In Stampa sprechen die meisten Italienisch. «Am Anfang habe ich nicht viel verstanden», sagt Jan. Hart war vor allem die Berufsschule. Drei Ratschläge hatte ihm sein Vater mit auf den Weg gegeben: Hör gut zu. Frag, wenn du etwas nicht verstehst. Sei zurückhaltend.

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Die Zeit in der Fremde als Provisorium

Jetzt ist Jan 17, sein drittes Lehrjahr beginnt. Er wohnt im Lehrlingsheim. Zwei davon gibt es in Chur. Hier konzentriert sich die Industrie, hier gibt es Lehrstellen im Überfluss, während sie in den abgelegenen Tälern immer rarer werden. Pendeln geht nicht, dafür ist der Kanton zu gross, sind die Dörfer oft zu schlecht erschlossen. Jedes Wochenende fährt Jan nach Hause, um seine Freunde und seine Familie zu treffen. Über drei Stunden dauert ein Weg. Er braucht das. Die Natur fehle ihm, sagt er. Und erzählt, wie er mit Freunden sommers immer auf den Bergen rund um Stampa zeltet. Oder in den Bächen fischen geht.

«Hätte ich gekonnt», sagt Jan, «wäre ich in Stampa geblieben.» Er zögert einen Moment und lächelt schüchtern. Sein Vater hätte ihn wohl trotzdem weggeschickt. Aber Jan wirkt nicht so, als sei er neugierig auf die Welt, auf neue Erfahrungen. Vielleicht ist es auch einfach noch zu früh, vielleicht ist er noch zu sehr Kind. Er möchte wieder nach Stampa zurück. Vielleicht den Bauernhof übernehmen. Ein Leben ohne Stampa kann er sich nicht vorstellen. Jan wirkt wie einer, der das jetzt durchziehen muss, der die Zeit in der Fremde nicht als Chance, sondern als Provisorium begreift, das hoffentlich bald zu Ende geht.

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«Das tut dem Jungen gut», sagt Urs Schmid, Jans Vater. «Das macht ihn reifer.» Er lacht, weil er die Nöte seines Sohnes ahnt. Das Lachen klingt zärtlich. Er sagt: «Der Jan ist noch ziemlich schüchtern. Ihm werden Sie die Würmer aus der Nase ­ziehen müssen, wenn Sie ihn treffen.» Urs Schmid musste in seiner Jugend auch für die Mechanikerlehre nach Chur «auswandern», er wohnte im selben Lehrlingsheim. Er macht sich deshalb nicht allzu viele Sorgen um Jan. «Ich bin ja vorausgegangen. Im Heim ist er gut aufgehoben.» Er war mit seinem Sohn dort, hat ihm alles gezeigt, die Mensa, den Weg und die Busverbindungen in die Stadt. Er begleitete seinen Sohn auch in den Lehrbetrieb, sprach mit dem Lehrmeister. Das gibt ihm selbst auch eine ­gewisse Sicherheit. Der Lehrmeister würde sich bei ihm melden, wenn Jan irgendwie komisch sei, wenn er plötzlich nicht mehr in der Firma auftauche.

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Und plötzlich erzählt der Vater, dass Jan ohne Fernseher aufgewachsen sei. Man hatte Zeit für Gespräche. Der Vater nahm seinen Sohn mit hinaus auf die Felder, erklärte ihm die Pflanzen, die Tiere, die Traktoren und Mähmaschinen. «Das schweisst zusammen», sagt er. Es ist nicht nur rückwärtsblickende Wehmut, die in diesem Satz mitklingt. Es ist auch eine Art Ver­trauen, in seinen Sohn, in die Kraft der ­Familie, die seinen Sohn bis nach Chur ­begleitet. «Du schaffst das schon!», sagte der Vater Jan zum Abschied.

Jan ist einer von vielen Jugendlichen, die jedes Jahr wegen der Lehrstelle ihr Zuhause verlassen müssen. Oft sind es noch halbe Kinder, die da in die Fremde ziehen. Die einen packen es, die andern sind überfordert mit der Situation. Und immer ist es eine Probe für beide Seiten, Eltern und Kinder: Kann man gegenseitig loslassen? Hat man genug Vertrauen ineinander?

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Wenn die Mutter nicht loslassen kann

Sally Corbat weiss nach dem ersten Treffen mit einer Familie meist schon genau, ob die Jugendliche es packen wird oder nicht: «Sind die Eltern überbesorgt, geht es in der Regel schief.» Corbat leitet das Wohnhaus Pro Filia im Zürcher Seefeldquartier, in dem sich junge Frauen in Ausbildung ein Zimmer mieten können. Sie ist die «gute Seele», die «Hausmutter», eine schmale, kleine Frau mit überbordender Energie. Sie geht nicht, sie läuft. Sie antwortet nicht auf Fragen, sie erzählt ganze Geschichten.

Zum Beispiel die Geschichte jener Mutter, die ihr täglich Mails schickte: «Frühstückt meine Tochter? Isst sie genug?» Dann fing die Mutter auch noch an, jeden zweiten Tag im Wohnhaus vorbeizukommen, mit Tupperware voller Essen für die Tochter. Und irgendwann zog sie quasi selbst ins Wohnhaus ein, übernachtete regelmäs­sig im Zimmer ihrer Tochter. «Die Tochter hatte überhaupt nicht mehr die Möglichkeit, Freundschaften mit anderen Mädchen zu schliessen.» Corbat inter­venierte. Sie solle doch versuchen, ihre Tochter loszulassen, sagte sie der Mutter. So gehe es nicht weiter. Die Mutter brach in Tränen aus: Sie könne nicht loslassen. Sie zog nach Zürich. Jetzt wohnen Mutter und Tochter zusammen in einer Wohnung.

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«Die Tochter wäre parat gewesen», sagt Corbat. «Aber die Mutter war es nicht.» Das ist wie ein Start mit angezogener Bremse. Logisch, gerät man dann ins Schlingern. Dabei kann der Schritt aus dem Elternhaus hinaus, der Wegzug in jungen Jahren eine Chance sein. Eine «Riesenchance» sogar, findet Norbert Hänsli, Psychotherapeut, Theologe und Leiter der Jugendseelsorge der Katholischen Kirche im Kanton Zürich. Entwicklungspsychologisch betrachtet, dreht sich im Alter von 16 und 17 alles um die emotionale, soziale und ökonomische Unabhängigkeit von den Eltern. «Diesen Weg müssen alle Jugendlichen gehen», sagt Hänsli. Durch eine Lehrstelle an ­einem fremden Ort werde dieser Abnabelungsprozess stark beschleunigt.

Eigentlich passen solche Superlative nicht zu Norbert Hänsli. Er ist ein besonnener Mensch, jeder Satz ist mit Bedacht gewählt, es ist ein ständiges Zögern. Darum buchstabiert er auch gleich wieder zurück, spricht von Voraussetzungen, ohne die es nicht geht. Die wichtigste: Der Jugendliche braucht «einen guten Boden». Darunter versteht der Seelsorger eine gewisse Frus­trationstoleranz und Durchhaltewillen, «damit man nach dem ersten Stolperstein nicht einfach liegen bleibt». Aber noch wichtiger ist, dass der Jugendliche gelernt hat, «sich seine eigene Lebensatmosphäre zu erschaffen». Dass er sich kennt und weiss, was ihm guttut und was nicht. Entspannen können, geniessen können und dann aber auch wieder stressige Phasen akzeptieren – für diese Balance muss ein junger Mensch erst ein Gefühl entwickeln.

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So ein «guter Boden» ist vor allem eine Frage der Erziehung, eine Frage der Freiräume, die Eltern ihren Kindern zubilligen. «Es geht ums Machenlassen», sagt Hänsli, «darum, dem Kind etwas zuzutrauen.» Warum soll es nicht auch mal selbst kochen, selbst einkaufen, selbst staubsaugen, allein im Zug von Zürich nach Basel fahren, ohne Eltern, nur mit Freunden ein Wochenende zelten gehen? «Nur wer ausprobiert, lernt sich kennen», sagt Hänsli.

«Ich hatte Heimweh. Es ging mir am Anfang ziemlich mies.» Corina Biedermann, 16, angehende Köchin

Quelle: Dominic Büttner
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«Dieses Mädchen ist extrem parat»

Corina Biedermann ist 16, und wenn sie redet, merkt man, dass sie genau weiss, was sie will. Und wenn sie in den Gesprächspausen vorsichtig lächelt, wird einem wieder bewusst, wie jung sie eigentlich noch ist. Sie macht eine Lehre als Köchin in einem Restaurant mitten in Zürich. Bei ihr zu Hause in Ottenbach, einem Dorf im hügeligen Zürcher Hinterland, waren alle Lehrstellen bereits besetzt. Vielleicht war sie sogar ein bisschen froh darüber, jedenfalls fand sie es «cool» wegzugehen, in eine fremde Stadt zu ziehen.

Corina ist einer der 30 Schützlinge von Sally Corbat. Im Wohnhaus Pro Filia teilt sie sich mit einer Arbeitskollegin ein Zimmer. Corbat sagt über sie: «Dieses Mädchen ist extrem parat.» Zuerst wohnte ­Corina in einem Mitarbeiterzimmer ihres Arbeitgebers. Sie fühlte sich einsam und isoliert. «Zu Hause war immer jemand da, die Mami, der Hund, der Bruder.» Jetzt machte sie die Tür hinter sich zu, und es gab nur noch Stille. «Ich hatte Heimweh. Es ging mir am Anfang ziemlich mies», gibt die angehende Köchin zu.

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«Ich habe meine Tochter bewusst zur Selbständigkeit erzogen», sagt Nadja Juon, Corinas Mutter. Als Alleinerziehende brach­te sie Corina schon früh das Kochen bei, wie sie die Waschmaschine bedienen muss oder dass es auch Momente gibt, in denen man allein ist. Praktische, banale Dinge eigentlich. Aber die Grundformel, die ­dahintersteckt, ist wichtig: «Corina sollte lernen, dass sie es kann.»

Sie findet es süss, dass Papa Angst hat

Die Mutter gab der Tochter keine Regeln mit in die neue Selbständigkeit. Aber sie hatte einen Wunsch: «Ich wollte, dass ­Corina so oft wie möglich nach Hause kommt.» Dieser regelmässige Kontakt gibt ihr eine gewisse Sicherheit. Sie ­würde es ihrer Tochter sofort anmerken, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Mutter und Tochter haben, das sagen beide, ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Diese Vertrauensbasis ermöglicht es ihnen auch, sich gegenseitig loszulassen.

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Corina begann selbständig, nach Wohnalternativen zu suchen. «Das Zimmer bei Pro Filia fand sie ohne meine Hilfe», sagt Nadja Juon. Man hört, wie stolz sie darauf ist. Hier im Wohnhaus kann Corina jetzt, wenn sie sich einsam fühlt, bei der Zimmernachbarin klopfen oder in den Aufenthaltsraum gehen. Oder die Einsamkeit aushalten, ein Buch lesen.

«Dieses selbständige Leben ist nicht immer einfach», sagt Corina. Und schickt ein höfliches Lächeln hinterher. Es klingt, als wolle sie mit diesem Satz nur die ­Erwartungen der Fragestellerin erfüllen. «Ist es schwer?» – «Ja, es ist schwer.» ­Dabei geniesst sie die Stadt. «Ottenbach kannte ich langsam.» Miserabler öffent­licher Verkehr, der einem jede Lust aufs Ausgehen nimmt. Hier aber, in Zürich, geht sie abends, nach der Arbeit, oft noch mit anderen Lehrlingen vom Betrieb ­etwas trinken. Ihr Vater gebe ihr sogar immer Geld fürs Taxi. «Er hat Angst, dass mir auf dem Heimweg etwas passieren könnte.» Sie lacht, sie findet das süss.

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Corina würde den frühen Schritt weg von zu Hause jedem empfehlen. Sie will nach der Lehre eine Weile als Köchin im Ausland arbeiten. «Hier kann ich schon mal üben. Ich bin zwar weg, aber meine Eltern wären schnell bei mir, wenn ich sie brauche.»