Gemurmel im Schulzimmer von Rolf Giger: Die 25 Schülerinnen und Schüler der Klasse 3b der Bezirksschule in Bremgarten AG stecken die Köpfe zusammen. Sie füllen einen Fragebogen zu beruflichen Interessen aus. Schon bald zeigen Stirnrunzeln und Seufzen, dass dies gar nicht so leicht ist. Lehrer Giger zirkuliert im Zimmer, erteilt hier eine Auskunft, gibt dort einen Tipp. Das neben der Wandtafel aufgehängte Baustellenschild wohl eine Anspielung auf die niemals enden wollenden Schulreformen gilt auch für die Schüler selber: Ihr Leben ist eine Baustelle und sie sind erst beim Aushub.

Eine von ihnen ist Cécile Maag. Sie hat es gut: Sie weiss, wo die Schaufel ansetzen, für sie ist schon relativ klar, wohin ihr Weg führt. Wenn die Noten es erlauben, will sie sich an der Fachmittelschule zur Primarlehrerin ausbilden lassen. «Ich habe Kinder gern», erklärt sie. Ihr Klassenkamerad Till Meier hingegen will Journalist werden. Der Weg dorthin ist aber noch unklar, denn eine Lehre dazu gibt es nicht. «Ich könnte mir deshalb eine Lehre im Bereich Grafik oder Werbetechnik vorstellen, Hauptsache, etwas Kreatives», sagt er. Als Till beim Berufsberater war, schlug dieser ihm eine Lehre als Buchhändler oder Dokumentationsassistent vor. «Vielleicht wäre aber auch eine kaufmännische Ausbildung das Richtige oder doch die Dolmetscherschule?» Till schwirrt der Kopf.

«Das ist ein entscheidender Wendepunkt»: Franziska Maag mit Tochter Cécile

Quelle: Susanne Völlm
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90'000 Entscheidungen pro Jahr

Die riesige Vielfalt an Möglichkeiten ist eine der grössten Herausforderungen bei der Berufswahl. In der Schweiz gibt es mehr als 200 Lehrberufe. Hinzu kommen unterschiedlichste weiterführende Schulen, Brückenangebote oder Praktika. Jährlich stehen rund 90'000 junge Menschen, die ohnehin auf der Suche nach der eigenen Identität sind, vor der Qual der Wahl. Die Frage nach dem künftigen Beruf ist Dauerthema. Und entscheidend für einen erfolgreichen Start ins Berufsleben.

Von der Schule erhalten die Jugendlichen Unterstützung, aber nur beschränkt. «Jeder steht an einem anderen Punkt», erklärt Bezirksschullehrer Rolf Giger, «das macht es schwierig.» Die Zusammenarbeit mit der Berufsberatung und vor allem auch der Einbezug der Eltern seien deshalb zentral. Wenn Eltern, Lehrpersonen und Berufsberater gut kooperieren, stehen die Chancen gut, dass der Übertritt in die Arbeitswelt gelingt. «Es ist wichtig, dass jeder informiert ist und weiss, wer wofür zuständig ist», betont Giger. Er hat einen klaren Terminplan für die Berufswahlvorbereitung aufgestellt und Elternabende durchgeführt.

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Die Eltern sind die wichtigsten Berufswahlbegleiter. «Es ist im Grunde die letzte grosse Entscheidung, die wir wirklich noch begleiten können», meinen Tills Eltern, Daniel und Barbara Meier Scherrer. «Die Berufswahl ist ein entscheidender Wendepunkt im Leben eines Kindes», sagt Céciles Mutter, Franziska Maag. Ihr bereitete das Thema vor allem bei der älteren Tochter Kopfzerbrechen. «Sie hatte lange gar keine Ahnung, was sie machen könnte.»

Die Phase der Berufswahl ist für Eltern mindestens so herausfordernd wie für ihre Kinder. Ihre Rollen und Aufgaben dabei sind höchst widersprüchlich. Sie sollen ihre Kinder motivieren, sich mit dem Thema zu beschäftigen, sie aber nicht unter Druck setzen. Sie sollen ihren Kindern ihre Berufsideen mitteilen, sie aber nicht in ein bestimmtes Berufsfeld drängen und ihnen nicht jeden aufkeimenden Berufswunsch gleich von vornherein wieder ausreden. Sie sollen regelmässig nachfragen, wie es um die Berufswahl steht, aber den Kindern auch Raum und Zeit lassen, ihre Interessen in Ruhe zu erkunden. «Es ist eine stete Gratwanderung», sagt Patrik Zahno, Berufs- und Laufbahnberater beim Berner Berufsinformationszentrum.

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Besonders schwierig ist dieser Balanceakt, weil Pubertierende sich eigentlich von den Eltern abgrenzen wollen. Zugleich sind sie aber auf deren Unterstützung angewiesen. «Sie spüren das natürlich, was die Sache nicht vereinfacht», erklärt Zahno. Er empfiehlt Eltern, von ihrer eigenen Arbeit zu erzählen, Kontakte in die Berufswelt zu ermöglichen und den Jugendlichen auch mitzuteilen, welche Berufe sie sich für den Sohn oder die Tochter vorstellen könnten und weshalb. Er rät Eltern aber unbedingt davon ab, die eigenen Erwartungen in den Vordergrund zu stellen oder das Thema allzu häufig aufs Tapet zu bringen. «Man muss diese Spannung aushalten. Und man darf das Thema nicht zerreden.»

«Am Ende findet jeder seinen Weg»

Daniel und Barbara Meier Scherrer unterstützen ihren Sohn mit Gesprächen und viel Gelassenheit. «Till hat ja noch Zeit, und die Ausgangslage von der Bezirksschule her ist gut», sagt Vater Meier. Till organisierte sich selber einen Besuch bei der Berufsberaterin und hat schon verschiedene Schnuppertage absolviert. «Hin und wieder ist aber doch etwas Druck nötig, gerade wenn er telefonisch Kontakt mit Betrieben aufnehmen muss», erzählt seine Mutter.

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Franziska Maag erlebte Ähnliches. Als Cécile sich endlich ein Herz gefasst hatte und im Betrieb anrief, sass ihre Mutter daneben und gab anschliessend Feedback. Was Jugendliche als hilfreich empfinden und was als zu viel des Guten, unterscheidet sich von Fall zu Fall. «Wichtig ist, dass Eltern Hilfe anbieten, sie aber nicht aufzwingen», sagt Berufsberater Patrik Zahno.

Eine Garantie für die richtige Berufswahl gibt es nie. Und am Ende brauchen Eltern auch eine Portion Vertrauen und Zuversicht, dass die Sprösslinge den Sprung in die Arbeitswelt meistern. Franziska Maag jedenfalls geht die Sache bei der zweiten Tochter gelassener an. «Ich habe gesehen, dass am Ende jeder seinen Weg findet.»
Für die Schülerinnen und Schüler der 3b führt dieser jetzt aber erst mal in die Pause. Die Schulglocke klingelt, und die Berufswahlkunde-Bücher verschwinden in den Rucksäcken.

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