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Benachteiligt in der SchuleWie schief liegt Pisa?

In der Schweiz haben es sozial benachteiligte Schüler besonders schwer, heisst es in der neusten Pisa-Untersuchung. Nun wird Kritik an der Methodik laut.

Schweizer Schüler verschlechtern sich – Experten kritisieren die Erhebungsmethode.
von aktualisiert am 28. März 2018

Schon wieder schrecken die Ergebnisse einer Pisa-Studie auf: In der Schweiz haben Kinder aus Arbeiter- und Migrantenfamilien in der Schule schlechte Karten Bildung Chancengleichheit in der Schule? Fehlanzeige! . Deutschland hat sich gegenüber der letzten Messung vor zwölf Jahren deutlich verbessert. Die Schweiz dagegen ist im Ranking zurückgefallen. Sie ist jetzt unter anderem hinter Slowenien positioniert.

Die Studie misst die sogenannte Resilienz. Das wird hier definiert als die Fähigkeit, trotz schwierigen Lebensumständen gute Noten zu erzielen. Gemäss Pisa-Studie gibt es zwei zentrale Faktoren, die für eine bessere Chancengerechtigkeit unter Schulkindern sorgen: eine gute soziale Durchmischung der Klassen und ein gutes Schulklima.

«Bei der sozialen Durchmischung steht die Schweiz überhaupt nicht gut da», sagt der Freiburger Psychologe und Lerncoach Fabian Grolimund. Das sei gerade für Kinder aus Arbeiter- und Migrantenfamilien schwierig. Denn sie profitieren besonders stark von einheimischen Mitschülern.

Wenn es aber um die eigenen Kinder geht...

Ein Kind, das kaum Deutsch spricht, macht in der Schule bessere und schnellere Fortschritte, wenn seine Freunde und Klassenkameraden aus Schweizer Mittelstandsfamilien stammen. Allerdings ist die Realität in vielen Quartieren eine andere: Wenn die Kinder in die Schule kommen, ziehen selbst multikultiaffine Familien in Gegenden mit weniger Ausländern – auch wenn sie durchmischte Wohnquartiere eigentlich schätzen. «Das ist verständlich», sagt Fabian Grolimund. «Die meisten empfinden Chancengleichheit und soziale Durchmischung theoretisch als etwas Positives. Wenn es aber um die eigenen Kinder geht, funktionieren wir nach dem Prinzip der Chancenmaximierung.»

Die Folge: Die Durchmischung nimmt ab. Es gibt Schulen, die vor allem von Migrantenkindern und Kindern aus sozial schwachen Familien besucht werden, die zu Beginn noch kaum Deutsch können. Und es gibt Schulen, in die fast nur Kinder aus Akademikerfamilien gehen.

Beim Übertritt in die Oberstufe geht die Schere noch weiter auf, zeigen Untersuchungen – besonders in Kantonen, die eine Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium kennen. Hier haben Kinder fast nur eine Chance, wenn die Eltern über das nötige Budget verfügen, um sie auf die Prüfung vorzubereiten. Das verursacht letztlich Druck auf alle Kinder, auch diejenigen aus dem Mittelstand.

 

«Jugendliche in der Schweiz spüren wohl mehr Druck als solche in anderen Ländern.»

Marion Heidelberger, Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH)

 

«Jugendliche in der Schweiz spüren wohl mehr Druck als solche in anderen Ländern», vermutet Marion Heidelberger, Vizepräsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH). Digitalisierung, Schönheitsideale und Zwang zur Selbstoptimierung lassen bereits viel Konkurrenz entstehen. «Hinzu kommt die gutgemeinte Absicht der Eltern Schule Die Streber-Eltern , die Kinder in der Schule zu fördern.» Gerade Akademiker sehen die gymnasiale Matur noch immer als Königsweg – und die Option mit Sek und Lehre als zweitbeste Lösung. Wer irgendwie kann, muss ans Gymi.

Eine bessere Durchmischung an der Schule ist für manche Kinder ein Vorteil. Anderen könnte sie aber zum Nachteil gereichen. Der Grund: «Ein Kind hat bessere Chancen, wenn es in einer sehr homogenen, leistungsstarken Gruppe ist», sagt Lerncoach Grolimund. «Es gibt zum Beispiel in Zürich Quartiere, wo die meisten Kinder bei Schuleintritt bereits lesen können.» Es sei klar, dass sie einige Jahre später beim Übertritt in die Oberstufe bessere Karten haben als Kinder, die in der Primarschule zuerst Deutsch lernen müssen – und darüber hinaus viele Gspäändli haben, die nur schlecht Deutsch können.

Was heisst «gutes Klima»?

Fachleute üben aber auch grundsätzliche Kritik an den neuen Pisa-Zahlen. Vor allem am zweiten Faktor, der Resilienz angeblich begünstigt: das gute Schulklima. Darunter versteht man gemeinhin ein «freundliches, wertschätzendes Miteinander», sagt der deutsche Bildungsforscher Eckhard Klieme. Die Pisa-Studie definiert es aber ganz anders. Sie hat untersucht, ob und wie gut Störungen im Klassenraum vermieden werden.

 

«Bei einer solchen Messung schneiden auch Schulsysteme gut ab, die wir nicht als kindergerecht beurteilen würden.»

Fabian Grolimund, Psychologe

 

Unter gutem Schulklima versteht die Studie also einen möglichst störungsfreien Unterricht Schule Was stört den Unterricht? , der erfolgreiches Lernen erst ermögliche. «Das ist alter Wein im neuen Schlauch», sagt Bildungsforscher Klieme. Abgesehen davon kann «störungsfreier Unterricht» nicht pro Land, auch nicht pro Schule, sondern höchstens pro Lehrperson untersucht werden.

Lerncoach Grolimund wendet ein, dass solch störungsfreier Unterricht gar nicht dem entspreche, was in der Schweiz als pädagogisch sinnvoll angesehen werde. «Das Problem ist, dass bei einer solchen Messung auch Schulsysteme gut abschneiden, die wir hier bei uns nicht als kindergerecht beurteilen würden – China, Singapur oder Japan. Also Systeme, die sich durch unsäglichen Leistungsdruck und Drill auszeichnen.»

«Sehr problematisch»

Die Kritik von LCH-Vizepräsidentin Heidelberger, die lange Jahre als Lehrerin gearbeitet hat, geht noch tiefer. «Diese Studie ist sehr problematisch. Zuerst zieht man ein veraltetes Konstrukt von ‹bildungsfern› heran, das an der Anzahl Bücher im elterlichen Haushalt festgemacht wird, als gäbe es keine Digitalisierung. Dann schränkt man den Begriff der Resilienz dermassen auf Leistung ein und behauptet, es gäbe mehr Chancengerechtigkeit als früher. Das ist zynisch.»

Pisa-Zahlen müsse man stets mit Vorsicht geniessen, warnt Heidelberger. Vor einem Jahr hat man die Zufriedenheit von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern ermittelt. Das mündete in die erfreuliche Schlagzeile: Schweizer Jugendliche sind zufriedener als Jugendliche in anderen europäischen Ländern. Das stand in krassem Gegensatz zur Tatsache, dass in der Schweiz – trotz Wohlstand und guten Chancen – auffällig viele Jugendliche einen Suizidversuch machen. Marion Heidelberger: «Das zeigt, wie hoch komplex das Thema Resilienz ist.»

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1 Kommentar

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peteraeb*******
«Ein Kind hat bessere Chancen, wenn es in einer sehr homogenen, leistungsstarken Gruppe ist», sagt Lerncoach Grolimund. Das ist schon lange bekannt, aber Experten, Reformer und Politiker wussten es besser und haben mit der Totalintegration, altersdurchmischten Klassen sowie Aufhebung der Einführungs- und Kleinklassen usw. Unruhe und Heterogenität in die Volksschule gebracht, so dass die Lehrer kaum mehr im bewährten Klassenunterricht unterrichten können. Damit wurde ein Bildungsabbau eingeleitet, wie man bei Pisa 2012 und 2015 sehen kann.

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