Die Zahlen sind eindeutig: Mittlerweile sind 60 Prozent aller Maturanden Mädchen. Schüler mit Lernschwierigkeiten sind dagegen viel häufiger Buben. Das ist kein Zufall, glauben viele Fachleute. Der bekannte Kinderarzt Remo Largo, aber auch der Jugendpsychologe Allan Guggenbühl fürchten um das männliche Geschlecht. Knaben, sagen sie, würden in der Schule vernachlässigt. Die lange benachteiligten Mädchen würden übermässig gefördert, der Unterricht sei zu stark auf sie ausgerichtet und werde bubentypischem Verhalten nicht mehr gerecht.

Eine neue Studie kommt jetzt aber zu einem ganz anderen Schluss: Mädchen haben die Buben nur überholt, weil sie nicht mehr benachteiligt werden – und nicht etwa, weil die Schule einseitige Förderung betreibt. Die «Bubenkrise», ein Trugschluss? Wir wollten es genauer wissen und haben bei Katharina Kellerhals, Autorin der Studie, nachgefragt.

Beobachter: Frau Kellerhals, hatten Sie in Ihrer Schulzeit je das Gefühl, zu kurz zu kommen im Vergleich zu den Buben?
Katharina Kellerhals: Nein, in der Schule selber sind mir keine Diskriminierungen aufgefallen. Es war allerdings so, dass für Buben und Mädchen teilweise vom Elternhaus her andere Berufswege vorgezeichnet waren. Das Gymnasium war häufig für die Buben reserviert.

Beobachter: Heute sind Mädchen an den Mittelschulen in der Überzahl, und die Buben haben das Nachsehen. Haben wir es mit der Mädchenförderung übertrieben?
Kellerhals: Mädchen wurden gar nie gefördert. Im Gegenteil, die Buben wurden begünstigt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden die Mädchen an den Rand gedrängt, was man damals natürlich als Modernisierung auffasste. In harten politischen Auseinandersetzungen wurden nach und nach die sogenannten weiblichen Fächer eingeführt, Handarbeit und später Hauswirtschaft. Das lief parallel zur gesellschaftlichen Entwicklung hin zur arbeitsteiligen bürgerlichen Gesellschaft: Die Frauen waren zu Hause, die Männer berufstätig und in der Politik. Über die Schulprogramme konnte man diese bürgerlichen Rollen festigen.

Beobachter: Wie wirkte sich das aus?
Kellerhals
: Während die Mädchen strickten und kochten, wurden die Buben in Turnen, Geometrie und Sprache, technischem Zeichnen und in Realien unterrichtet. In den 1960er Jahren wurde in einer gesamtschweizerischen Umfrage festgestellt, dass die Mädchen während der obligatorischen Schulzeit rund 1100 Unterrichtsstunden weniger in diesen allgemeinbildenden Fächern hatten als die Knaben. Trotzdem schnitten Mädchen bei Leistungsvergleichen stets gleich gut oder besser ab als die Buben. Man hat die Mädchen nicht gefördert, das gilt bis heute. In meiner Zeit als Sekundarlehrerin wurden bei der Aufnahmeprüfung die Arbeiten der Mädchen und der Knaben jeweils separat korrigiert. Man hat dann je die 20 Besten genommen. Hätte man alle zusammen ausgewertet und die 40 Besten genommen, wären bis zu zwei Drittel davon Mädchen gewesen.

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Beobachter: Sind Mädchen also einfach klüger?
Kellerhals: Nein, aber die Mädchen verhalten sich schulkonformer. Sie sind sorgfältiger, geduldiger, sie können sich besser konzentrieren. Sie wurden über Jahrhunderte angewiesen, ruhig zu sein und still zu sitzen – ganz anders als die Buben. Die auf diese Art geförderten Verhaltensweisen wirken auch heute als sogenannt «weibliche Tugenden» nach.

Beobachter: Heute hängt der Schulerfolg aber immer stärker von diesen «weiblichen Tugenden» ab. Es wird zum Beispiel immer mehr Wert auf Sprachen gelegt, «Bubenfächer» werden vernachlässigt.
Kellerhals: Das stimmt so nicht ganz. Schon in den ersten Lehrplänen stand die Sprache stets an oberster Stelle. Und das ist auch richtig so. Die Kulturtechniken, die man in der Schule lernt, laufen mehrheitlich über Sprache. Die sogenannt weiblichen Verhaltensweisen braucht es einfach für den Schulerfolg. Man kann schulische Leistungen nicht allein in der Turnhalle erbringen. Das gilt auch für die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer, die aktuell ja wieder im Kommen sind und deren Stundenanzahl im Lehrplan 21 erhöht werden soll. Diese Fächer waren jahrzehntelang überhaupt nicht auf Mädchenanliegen ausgerichtet. Knaben dagegen erhielten Förderunterricht in Sprache und an den für Mädchen bis 1900 nicht zugänglichen Gymnasien den letzten rhetorischen Schliff für den Auftritt in öffentlichen Ämtern.

Beobachter: Gerade deshalb sollte man nun doch nicht ins Gegenteil verfallen und Knaben benachteiligen.
Kellerhals: Wenn man über Geschlecht spricht, muss man sich immer überlegen, worum es geht. Um ein biologisches Ordnungsprinzip? Oder geht es vielleicht darum, Privilegien zu sichern und Konkurrenz abzuwehren? Ich habe das Gefühl, in der Diskussion um die «Bubenkrise» geht es auch ein wenig um Letzteres. Viele Männer haben Angst, von den Frauen überholt zu werden.

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Beobachter: Fakt ist, dass Buben in der Schule schlechter sind als Mädchen. Und Mädchen sind unentwegt auf der Überholspur, wie die aktuellste Pisa-Studie zeigt. Da muss man doch die Buben fördern.
Kellerhals: Nein, man sollte den Geschlechtergraben endlich überwinden und davon wegkommen, über Buben oder Mädchen zu sprechen. Stattdessen sollte man Kinder fördern und mehr über Rollenerwartungen diskutieren. Buben sind in der Schule oft deshalb überfordert, weil von ihnen männliche Verhaltensweisen erwartet werden, die sich in der Schule eben nicht auszahlen. Mädchen lernen schulkonformes Verhalten auch nicht nur in der Schule. Dass sie besser lesen, hat vor allem mit ihrem Freizeitverhalten zu tun.

Beobachter: Was müsste sich in der Schule ändern, damit alle die gleichen Chancen auf Lernerfolg haben?
Kellerhals: Jedes Kind, unabhängig vom Geschlecht, kann schulkonformes Verhalten lernen. Als Lehrerin mit langjähriger Erfahrung bin ich der Meinung, dass die Grundlagen dafür auf der Unterstufe in Fächern wie Handarbeit und technischem Gestalten gelegt werden. Dort lernt man Geduld, Konzentration und Sorgfalt. Förderung ist aber natürlich auch Sache der Eltern. Gesellschaftsspiele machen, Geschichten vorlesen, zusammen basteln, das alles fördert die Konzentration, exaktes Arbeiten, Sprachfähigkeit und Kreativität bei Knaben und bei Mädchen.

Katharina Kellerhals, 58, ist Primar- und Sekundarlehrerin, Erziehungswissenschaftlerin und Historikerin. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. In ihrer kürzlich erschienenen Dissertation «Der gute Schüler war auch früher ein Mädchen» hat sie die Schulgesetzgebungsreformen im Kanton Bern 1835 bis 1897 untersucht. (Bild: NMS Bern)

Quelle: Thinkstock Kollektion
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