Sei bereit für das Abenteuer deines Lebens! Was dich erwartet, ist eine unvergessliche Zeit!» Das Prospektangebot ist in der Tat imposant: Via Vermittlung der EF Foundation können Jugendliche ein Jahr in Australien, Kanada oder den USA verbringen – bei «sorgfältig ausgelesenen Gasteltern. Viele Schüler haben wertvolle Erfahrungen gesammelt.»

Eine «unvergessliche Zeit» erhoffte sich auch der 17-jährige Aargauer David Blumer (Bild). Er meldete sich bei der weltweit grössten Austauschorganisation an – für ein Jahr in Australien.

Mieses Bett und kaum zu essen

Anfang Juni 2000 erhielt er die Adresse seiner Gastfamilie. Dass es sich dabei nicht um eine eigentliche Familie handelte, sondern um einen allein stehenden Schulhausabwart, störte ihn vorerst nicht. «Entscheidend für die Eignung als Gastfamilie ist die Bereitschaft, sich auf den Austauschschüler einzustellen und die notwendige Zeit und die finanziellen Mittel aufbringen zu können», stand im Begleitschreiben.

Mitte Juli reiste David zu seinem Gastvater. «Weniger als 30000 Einwohner» – so war Kingsthorp, Davids neuer Wohnort, im Prospekt beschrieben worden. Das Dorf zählt knapp 800 Seelen. Öde pur: kein Kino, kein Turnverein – nichts. Der Fahrplan des Schulbusses, der in die Stadt und zurück fuhr, war eng bemessen: Nach dem Unterricht in Toowoomba verblieb David keine Zeit, mit seinen Mitschülern etwas zu unternehmen. Und andere Verbindungen nach Kingsthorp gab es nicht. David lebte in einer Totenstadt. Dass er hier ein Jahr verbringen sollte, erfüllte ihn mit Grauen. Nach fünf Tagen teilte er seinen Eltern mit: «Ich halte es hier nicht mehr aus.»

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Ihr Rat, doch erst einmal abzuwarten, brachte nicht viel. Am Morgen war der junge Mann wie gerädert. Im Bett, das der Hausbesitzer wahrscheinlich selbst gezimmert hatte, konnte David kaum schlafen: Nacht für Nacht hatte er Rückenschmerzen. Hinzu kamen finanzielle Probleme. Einmal erklärte der Gastvater seinem Gast, wenn der Lohn nicht komme, werde er keine Lebensmittel kaufen können. Morgens gab es oft geronnene Milch; die restlichen Mahlzeiten bestanden wiederholt aus abgelaufenen Nahrungsmitteln. «Manchmal ass David in der Mittagspause zwei oder drei Chickenrolls und Pommes frites, weil er zu Hause einfach nicht genug bekam», erinnert sich ein Schulkollege.

David wandte sich an seine EF-Betreuerin in Australien; er wollte die Gastfamilie wechseln. Doch diese erklärte, ein Wechsel sei erst nach sechs Monaten möglich; im Übrigen habe sich David den Verhältnissen anzupassen. Trotz inständigem Bitten, sich von der rädernden Wirkung seines Gastbetts zu überzeugen, wollte die Betreuerin keine «Liegeprobe» machen: Sie leide an Rückenschmerzen, erklärte sie.

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Eltern machen dem Spiel ein Ende

Jetzt intervenierten Davids Eltern bei EF in Zürich: Ihr Sohn habe Anrecht auf ein anständiges Zuhause. Die Austauschorganisation ihrerseits hielt fest, David habe zu hohe Ansprüche. Blumers erklärten sich bereit, sich an den Unkosten einer neuen Gastfamilie zu beteiligen. EF lehnte ab.

Ein Lichtblick bot sich Anfang September: Eine Gastfamilie anerbot sich, den unglücklichen David vorübergehend bei sich aufzunehmen. Die Eltern waren einverstanden, doch die EF-Programmleiterin erklärte, dass sie «nichts zu bestimmen» hätten. Davids Schilderungen bezeichnete sie schlicht als «Lüge».

Jetzt entschloss sich Davids Mutter, nach Australien zu fliegen. Die Austauschorganisation wusste nichts davon. Noch während sie im Flugzeug sass, liess EF David aus dem Schulzimmer rufen und hiess ihn, seine Sachen zu packen: Es sei ein neuer Ort für ihn gefunden worden. Als sich David erkundigte, ob seine Eltern mit diesem Schritt einverstanden seien, hiess es «ja». Das stimmte nicht. Die Mutter fand ihren Sohn verzweifelt in Kingsthorp – gezeichnet von der wochenlangen Schlaflosigkeit. Den Vertrag mit EF kündigten Blumers auf der Stelle.

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«Falls David als Lügner hingestellt worden ist, tut mir das Leid», sagt Silvia Tremonte, Geschäftsführerin von EF Schweiz. «Gewiss handelte es sich hier nicht um einen idealen Gastvater.» Ihre Organisation sei aber erst spät über die Mängelliste informiert worden; anschliessend habe man das Möglichste unternommen. Silvia Tremonte: «Vielleicht macht man sich in der Schweiz ganz falsche Vorstellungen von diesem Land.»

Wie auch immer: David lebt seit letztem Oktober zufrieden in einer einfachen, gastfreundlichen Familie – ohne Betreuung durch eine Organisation.