Beobachter: Herr Schildknecht, sind Sie schon einmal gemobbt worden?
Urs Schildknecht: Nein, noch nie. Zum Glück.

Beobachter: Auch als Schulkind nicht?
Schildknecht: Ich war immer eher ein Leadertyp, weniger Opferlamm.

Beobachter: Da scheinen Sie eine Ausnahme zu sein. Im Beobachter-Beratungszentrum ist Mobbing ein Dauerbrenner.
Schildknecht: Das stimmt, Mobbing ist ein Dauerthema. Unser Verband hat Ende der neunziger Jahre eine Untersuchung bei über 1000 Lehrpersonen durchgeführt, weil wir wissen wollten, ob Konflikte, Disziplinschwierigkeiten oder Mobbing in der Schule tatsächlich zugenommen haben.

Beobachter: Haben sie zugenommen?
Schildknecht: Der Befund war eindeutig: Der Unterricht wird durch Disziplinlosigkeit und Mobbing sehr oft gestört und erschwert. In den heutigen Klassen kommen Kinder aus verschiedenen sozialen Schichten oder Ländern zusammen. Diese Heterogenität birgt Chancen, führt aber auch zu Spannungen. Mobbing, das Plagen einzelner Schülerinnen oder Schüler, ist ein grosses Problem.

Beobachter: Wie erklären Sie sich das?
Schildknecht: Die Ursachen dafür liegen kaum in der Schule. Vielmehr wirken sich Unsicherheiten in der Familie mit erzieherischen Inkonsequenzen negativ aus. Mobbingtäter müssen erkennen lernen, dass sie keine Helden sind, wenn sie einen Mitschüler plagen.

Beobachter: Sind also die Eltern schuld an der Zunahme von Mobbing- und Disziplinarfällen?
Schildknecht: Das wäre zu hart formuliert, stimmt aber in der Tendenz. Die Schule muss immer mehr Erziehungsarbeit leisten, aber natürlich ist die Schule kein Ersatz für die Erziehung in der Familie. In den Klassen muss das Sozialverhalten und die Selbstkompetenz der Schülerinnen und Schüler gefördert werden, weil viele Eltern diese Aufgaben nicht mehr wahrnehmen können oder wollen.

Beobachter: Die Hauptaufgabe der Schule ist doch die Wissensvermittlung. Müssen Lehrer plötzlich auch Sozialarbeiter sein?
Schildknecht: Nein. Dafür sind sie nicht ausgebildet, aber sie müssen sich vermehrt Unterstützung von Fachleuten holen. Viele Schulen ziehen Sozialarbeiter in ihre Arbeit mit ein. Im Kanton Basel-Stadt hat man damit bereits gute Erfahrungen gemacht. Ich halte das für den richtigen Weg.

Beobachter: Was sollte sonst noch unternommen werden?
Schildknecht: Es gibt mehrere Handicaps im Schweizer Bildungssystem, die zum Teil auch das Mobbing fördern. Im Vergleich mit anderen Ländern, die bei der Pisa-Studie gut abgeschnitten haben, hinkt das Schweizer Schulsystem beispielsweise bei der Betreuung hinterher: So sind hier annähernd nur halb so viele Lehrpersonen für eine Klasse zuständig wie in Finnland.

Beobachter: Durch mehr Betreuung kann Mobbing wirklich verhindert werden?
Schildknecht: Ja, Mobbing zu bewältigen ist eine Führungsaufgabe, die durch die Lehrpersonen erkannt, behandelt und präventiv angegangen werden muss.

Beobachter: Was müssen Eltern tun, wenn sie glauben, ihr Kind werde gemobbt?
Schildknecht: Sie müssen unbedingt mit dem Lehrer reden, ihn über ihre Beobachtungen informieren. Ihm beispielsweise erklären, dass ihr Kind nicht mehr in die Schule wolle, Angst vor Mitschülern habe und sich ins Schneckenhaus zurückziehe.

Beobachter: Wie muss der Lehrer reagieren?
Schildknecht: Mobbingvorwürfe müssen ernst genommen werden. Die Lehrperson muss das Problem in der Klasse diskutieren, offen mit Opfern, Tätern und Mitläufern sprechen. Auch sind Disziplinpläne an Schulen ein gutes Mittel. Unser Verband hat dazu gutes Lehrmaterial zur Verfügung gestellt. Es gibt Arbeitsblätter, Poster und den Film «Mobbing ist kein Kinderspiel». Wenn das alles nicht ausreicht, müssen externe Fachpersonen beigezogen werden. Wichtig ist, dass Schulbehörde, Lehrerkollegium und die Eltern zusammenarbeiten.

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