Beobachter: Wie war das damals, als Ihre beiden Söhne zur Schule gingen: Familienkrach bei den Hausaufgaben oder nicht?
Judith Luthiger-Senn: Es war sehr unterschiedlich. Der eine hat sehr selbständig gearbeitet, der zweite brauchte ab und zu Unterstützung.

Beobachter: Für viele Familien sind die Hausaufgaben kein angenehmes Thema.
Luthiger-Senn: So ist es. Auch wir haben nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Eine Lehrperson hat oft sinnlose Hausaufgaben gegeben.

Beobachter: Was sind für Sie sinnlose Hausaufgaben?
Luthiger-Senn: Zum Beispiel wenn man den Kindern den Auftrag erteilt: Schreibt einen Vortrag – ihnen aber nicht erklärt, wie man das macht. Also ihnen das Werkzeug dazu nicht mitgibt. Die Lernstrategien muss man vermitteln, sonst ergeben Hausaufgaben keinen Sinn. In solch misslungenen Fällen müssen dann die Eltern einspringen Schule Die Streber-Eltern . Das kann es ja nicht sein.

Beobachter: Bildungsnahe Eltern können einspringen, bildungsferne oft nicht. Schaffen Sie deshalb die Hausaufgaben ab?
Luthiger-Senn: Es ist erwiesen, dass viele Hausaufgaben wenig bis keinen Lerneffekt haben, weil sie die Kinder unter- oder überfordern Primarschule Die Lust aufs Lernen fördern . Sinnvoll sind Aufgaben, die den Lernprozess unterstützen. Das Vertiefen von Inhalten und das Üben soll es weiterhin geben, aber nicht mehr zu Hause, sondern hauptsächlich in der Schule. Das hilft allen Kindern, natürlich auch denen mit Migrationshintergrund.

Beobachter: Wie wollen Sie das Üben und Vertiefen sicherstellen?
Luthiger-Senn: Wir führen zur Vertiefung individuelle Lernzeiten ein, die von der Lehrperson begleitet werden. Jeden Vormittag sind dafür 20 bis 30 Minuten reserviert. Jedes Kind wird dabei auf seinem Niveau abgeholt und übt individuell das, was nötig ist und Sinn ergibt.

Beobachter: Ein ziemlicher Mehraufwand für die Lehrpersonen. Haben sie Freude daran?
Luthiger-Senn: Das Thema Hausaufgaben haben die Lehrerinnen und Lehrer selber aufs Tapet gebracht. Wir haben unsere elf Schulteams besucht und gefragt, wo der Schuh drückt. Das war ein längerer Prozess.

Beobachter: Wie soll die Umsetzung konkret passieren? Irgendwo fehlt doch dann die Zeit im Unterricht, die neu für individuelles Lernen veranschlagt wird.
Luthiger-Senn: Eben nicht. Heute korrigieren Lehrpersonen oft am Morgen die Ufzgi im Klassenverband. Das braucht viel Zeit. Diese Zeit kann man für das individuelle Üben und Vertiefen nutzen. Das bringt viel mehr.

Beobachter: Wann aber lernen dann die Kinder auf eine Prüfung oder büffeln Englischvokabeln?
Luthiger-Senn: Sich auf Prüfungen vorbereiten Nachhilfe Wie viel Büffeln ist sinnvoll? und Wörtli lernen können sie wie zuvor daheim. Wir schaffen die klassischen Ufzgi ab. Ziel ist, dass die Kinder dadurch mehr Freizeit haben. Wir bieten auch nachmittags zusätzlich freiwillige Lernzeiten an, für alle, die noch mehr Unterstützung brauchen oder wollen. Wenn nötig, kann das in Absprache mit den Eltern verordnet werden.

Beobachter: Es ist also gar nicht so revolutionär, was Sie vorhaben?
Luthiger-Senn: Genau. Das Schlagwort «Hausaufgaben abschaffen» hat die lokale Presse gesetzt. Wir führen ein Modell ein, das an vielen Schulen schon gelebt wird. Auch der Lehrerverband Schweiz plädiert für freiwillige Aufgabenbetreuung. Das setzen wir um: für die Kleinen an zwei Nachmittagen, für die Viert- bis Sechstklässler an drei.

In der Schweiz ist für Hausaufgaben täglich der folgende Zeitaufwand üblich:

10

Minuten maximal
in der 1. Klasse

20

Minuten maximal
in der 2. Klasse

60

Minuten maximal
in der 6. Klasse

Beobachter: Wie haben Eltern darauf reagiert, dass es ab den Sommerferien keine klassischen Hausaufgaben mehr gibt?
Luthiger-Senn: Mehrheitlich positiv. Die meisten sind froh, den Druck los zu sein. Manche finden es toll, dass wir das traditionelle System hinterfragt haben. Gut finden sie auch, dass es nun eine einheitliche Regel gibt. Natürlich kommen auch kritische Reaktionen. Einige Eltern befürchten, dass sie keinen Einblick mehr in die Schule haben, wenn die Kinder keine Aufgaben mehr nach Hause bringen.

Beobachter: Wie wollen Sie denn diesen Einblick in den Schulalltag gewährleisten?
Luthiger-Senn: Wir müssen dafür sinnvolle Instrumente entwickeln. Die Kinder werden sicher ab und zu Sachen nach Hause nehmen oder beispielsweise ein Lernjournal führen. Die Zusammenarbeit mit den Eltern Schule Eltern müssen auch mitmachen ist uns sehr wichtig. Sie sollen wissen, was beim Kind in der Schule läuft.

Beobachter: Kritiker sagen, Hausaufgaben brauche es, um selbständiges Lernen und selbständige Zeiteinteilung zu fördern – wichtige Fähigkeiten für später. 
Luthiger-Senn: Für mich sind das falsche Argumente. Das selbständige Arbeiten fördern wir mit dem neuen System ja gerade noch viel mehr. In der Oberstufe, im Beruf sind genau diese Fähigkeiten gefragt, die wir mit dem individuellen Lernen unterstützen. Ausserdem mussten wir mit dem Lehrplan 21 die wöchentliche Stundenzahl erhöhen – mit ein Grund, den Kindern nicht noch mehr Freizeit mit Hausaufgaben wegzunehmen.

Beobachter: Im Kanton Schwyz wurden Hausaufgaben in den neunziger Jahren abgeschafft, aber nach vier Jahren auf massiven Druck der Eltern wieder eingeführt. Befürchten Sie nicht, dass Ihnen das auch passiert? 
Luthiger-Senn: Ich denke, wir müssen noch mehr Aufklärungsarbeit leisten. Die Bildungskommission unterstützt das Projekt. Natürlich müssen wir dann evaluieren, ob unser Projekt gewirkt hat oder nicht. Wir haben nun drei Jahre Zeit, Erfahrungen zu sammeln und wenn nötig Anpassungen vorzunehmen.

Beobachter: Was kommt als Nächstes? Die Abschaffung der Noten Schule Sind Noten überflüssig? ?
Luthiger-Senn: Nein, das ist absolut kein Thema!

Portrait Judith Luhtiger-Senn
Quelle: Privat

«Wir schaffen klassische Ufzgi ab. Ziel ist, dass die Kinder mehr Freizeit haben.»

Judith Luthiger-Senn, 58, ist seit sechs Jahren SP-Gemeinderätin in Kriens. Sie leitet das Departement Bildung und Kultur. Zuvor war sie 25 Jahre lang Lehrerin. Sie ist verheiratet und Mutter zweier erwachsener Söhne. Kriens hat 27'000 Einwohner und ist damit die drittgrösste Gemeinde im Kanton Luzern. Der Ausländeranteil liegt bei 17 Prozent. 

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Quelle: Beobachter Edition

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Birthe Homann, Redaktorin

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