Sie werden gerade korrigiert: die Matura- und Abschlussarbeiten Tausender Schülerinnen und Lernender. Wie viele davon tatsächlich aus der Feder der jungen Erwachsenen stammen, weiss niemand. Wenn man Fachleuten glaubt, hat der «Bschiss» an der Schule Hochkonjunktur. Eltern setzen sich selber an den Computer oder bezahlen teure Ghostwriter, um die Leistungen des Nachwuchses zu tunen.

Mütter und Väter geben zu, dass sie ihren Kindern regelmässig mit Sondereinsätzen unter die Arme greifen. Aber sie wollen «zum Schutz der Kinder» anonym bleiben. 

Das Geständnis der Eltern

Jurist Markus Zenger* aus Zürich etwa erzählt freimütig: «Ich habe für beide Söhne den theoretischen Teil ihrer Maturaarbeit geschrieben. Zum einen, weil es zeitlich knapp wurde am Schluss, zum anderen, weil die Kids heute schlecht vorbereitet sind am Ende des Gymnasiums.» Nie hätten sie ein Konzept schreiben müssen, nie wissenschaftlich zitieren. Irgendwer müsse ihnen das beibringen respektive es für sie erledigen. «Ein schlechtes Gewissen habe ich deshalb nicht. Die Schulen setzen ja darauf, dass die Eltern helfen.»

Auch Barbara Müller* erklärt ohne Umschweife, dass sie «mitgeholfen» hat. Ihr Sohn hätte ohne ihre Hilfe Mühe gehabt, die Matura zu bestehen. «Er gehört nicht zu den guten Schülern. Er muss täglich viele Stunden lernen, um überhaupt mitzukommen. Also wäre auch die zeitliche Kapazität nicht da gewesen.» Sie ist selber im Bildungsbereich tätig. Sie wisse natürlich, dass langfristig die Messlatte steige, wenn sich Eltern zu sehr engagierten. Aber: «Hätte ich seine Matura gefährden sollen, obwohl ich helfen konnte? Helfen nicht alle, die können?» Der Sohn habe eine sehr gute Note bekommen für die Arbeit, und die Matura sei nun geschafft.

«Ich habe für beide Söhne den theoretischen Teil ihrer Maturaarbeit geschrieben.»

Ein Vater, der anonym bleiben möchte

 


 

4 von 10 Gymnasiasten erreichen keinen Intelligenzquotienten von 112,6. Dieser wäre laut der ETH-Forscherin Elsbeth Stern aber erforderlich, um das Gymnasium ohne übermässig viel Hilfe zu bestehen. 

Intelligenzforscherin Elsbeth Stern sagt klipp und klar: «In Schweizer Gymis hat es Kinder, die dort nicht hingehören.» Diese Kinder sind dort, weil ihnen ihre Eltern übermässig helfen, allein würden sie es nicht schaffen. Wohlhabende Eltern pushen ihre Kinder ins Gymnasium, intelligente Kinder aus niedrigeren Bildungsschichten schaffen es nicht, weil sie nicht gefördert werden. «Über den Zugang ans Gymnasium müssten allein die geistigen Fähigkeiten entscheiden – und nicht die Herkunft», sagt die Professorin für Lehr- und Lernforschung am Institut für Verhaltenswissenschaften der ETH Zürich. «Daten zeigen, dass vier von zehn Gymnasiasten nicht die Intelligenz mitbringen, die man erwarten würde.»

Geschichtslehrer Martin Grünig vom Gymnasium Interlaken hat einige Maturaarbeiten gesehen, bei denen eine «wesentliche Mitarbeit von Dritten» geleistet worden sein dürfte. Schüler und Schülerinnen, die zu Hause auf niemanden mit einer höheren Bildung zurückgreifen können, müssten viel mehr echte Eigenleistung erbringen als Akademikerkinder. «Die Familie, die soziale Herkunft und das Elternhaus bestimmen den schulischen und beruflichen Werdegang stark. Und bei der Maturaarbeit wirkt sich das Zuhause gleich nochmals aus», sagt Historiker Grünig. Er sorgt aktiv für gleich lange Spiesse: «Ich unterstütze bei den Maturaarbeiten auch deshalb besonders gern und manchmal intensiv, damit die eklatanten Unterschiede betreffend Chancengerechtigkeit etwas verringert werden.»

Schlechte Aufstiegschancen

Der Vergleich von zehn Ländern zeigt, wie gross der Anteil der Leute ist, die eine (rot) schlechtere oder (blau) bessere Ausbildung als ihre Eltern erreichen. Die Schweiz steht besser da als Deutschland oder Österreich, aber schlechter als der Durchschnitt (Anteile 25- bis 34-Jähriger in Prozent).

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Lehrer reagieren unterschiedlich

In einer Stichprobe des Beobachters an 35 Gymnasien in der ganzen Schweiz stuften die verantwortlichen Lehrpersonen die übermässige Elternmitwirkung bei Abschlussarbeiten auf einer Skala von 1 (wenig) bis 10 (sehr hoch) im Durchschnitt mit 5 ein. Vereinzelte auch mit 9. Die meisten Lehrenden sind sich der Problematik also bewusst – wie sie damit umgehen, ist eine andere Sache.

Zahlen des österreichischen Bundeselternverbands weisen darauf hin, dass mindestens ein Drittel der Maturaarbeiten von Eltern erarbeitet werden. Verfechtern der Chancengerechtigkeit stehen die Haare zu Berge, wenn eine Maturaarbeit im gemieteten Kinosaal präsentiert wird, während das professionelle Catering die Gäste bewirtet. Oder wenn der Jugendliche, der bisher vor allem als Partygänger aufgefallen ist, eine Arbeit über politische Prozesse abgibt, die als Bachelorarbeit durchginge. Und wenn beim Abschlusstag der Sekundarschule neben einem professionell gezimmerten Hasenstall eine kostspielige Multimediaproduktion gezeigt wird. 

Und doch: All diese Arbeiten erhielten Höchstnoten. Besteht etwa eine Art Gentlemen’s Agreement zwischen vielen Schulen und privilegierten Elternhäusern? Das Problem sei bekannt, es handle sich um eine extreme Form von «Kapitaleinsatz», so Bildungsforscher Urs Moser, Leiter des Instituts für Bildungsevaluation der Uni Zürich. Und fügt an: «Bezüglich Chancengerechtigkeit ist das höchst problematisch und unfair.» Dass Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien in der Schweiz diskriminiert werden, zeigt eine neue Studie der Uni Genf denn auch klar.

Aus gebildetem Haus

Studierende nach Bildungsstufen der Eltern. Lesebeispiel: 58 % aller Studierenden stammen aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil studiert hat. 

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Professionelle Ghostwriter bezahlt

«Es ist ein grosses Problem, dass die Unterstützung durch das Elternhaus von der Schule als gegeben vorausgesetzt wird», sagt auch Margrit Stamm, emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaften und Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education in Bern. «Schüler aus Arbeiterfamilien haben oft Eltern, die nicht nur nicht helfen können, sondern auch keine Finanzen haben, um zusätzliche Unterstützung wie Nachhilfe oder Lernstudios bereitzustellen.»

Tatsächlich engagieren immer mehr Eltern Profis für die Aufgaben ihrer Kinder. Das Onlineangebot für Ghostwriting ist riesig. Von Hausaufgaben bis zur Masterarbeit lässt sich alles kaufen. Der Beobachter holte Offerten ein: Für eine Maturaarbeit verlangen Anbieter 2000 bis 2500 Franken. Im Lauf der Verhandlungen sanken die Preise auf 1500 Franken. Absolute Diskretion ist garantiert, in persönlichen Gesprächen werden Wünsche geklärt, mittels Textproben wird der Stil des «Verfassers» eruiert, gewünschte Quellen werden berücksichtigt. Laut Aussagen der vielen deutschen Anbieter gehören Schweizerinnen und Schweizer zu den besten Kunden.

Kinder mit weniger gebildeten Eltern seien oft extrem benachteiligt, sagt auch Yvonne Weber Häner, Familientherapeutin in Flurlingen ZH (siehe Interview). Alle sprächen von Chancengerechtigkeit. «Aber bei genauerem Hinsehen kommen in der Schule nur noch diejenigen gut über die Runden, die daheim viel Unterstützung erhalten.» 

«Die Angst ist gross, dass das Kind den Anschluss verliert»

Psychologin Yvonne Weber Häner hat Verständnis für Eltern, die ihren Kindern zu sehr helfen. Doch sie untergraben die Chancengleichheit im Schweizer Schulsystem. 

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Schule
Quelle: Getty Images

Wenn Lehrer an die Eltern delegieren

Viele Lehrerinnen und Lehrer setzen sogar offen auf die Mitarbeit der Eltern. Etwa wenn sie von Primarschülern Powerpoint-Präsentationen erwarten, Projektarbeiten nach Hause delegieren oder in der Unterstufe Wochenpläne zur Selbstorganisation einführen. Wenn Zweitklässler, also Sieben- und Achtjährige, eine Geschichte schreiben müssen und den Eltern per Mail mitgeteilt wird, dass sie den Text abtippen sollen, bitte mit 16-Punkt-Schrift und zwei Zentimeter Abstand oben und unten. Und doch bitte auch gleich die Geschichte überarbeiten, in eine logische Reihenfolge bringen und von Schreibfehlern säubern, damit «es eine schöne Sache wird». So kürzlich geschehen in einer öffentlichen Primarschule in Luzern.

Es gebe keine verbindlichen Vorschriften, wie viel Einsatz man von Eltern verlangen dürfe, sagt Beat Schwendimann, Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH). «Das ist den einzelnen Schulen und Lehrpersonen überlassen.» Allerdings hat der LCH kürzlich einen 45-seitigen Leitfaden zur Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus erarbeitet, in dem steht, dass Hausaufgaben einfach und ohne fachliche Hilfe der Eltern lösbar sein müssen.

Guider Logo

Checkliste «Lernstrategien» bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

Eltern können helfen, damit Kinder ihre Hausaufgaben selbständig erledigen. In der Checkliste «Lernstrategien für das Schulkind» erfahren Mitglieder von Guider, welche Ziele sich die Tochter oder der Sohn vornehmen könnte und wie man das Kind richtig motiviert.

«Note 1 für überführte Plagiatoren»

Schwendimann weiss von Sekundarschulen, an denen Schülerinnen und Schüler eine Art Ehrenkodex unterzeichnen und bestätigen, dass sie ihre Vorträge und schriftlichen Arbeiten selber schreiben. Verbindlich ist der Einsatz solcher Vereinbarungen aber nicht. Was Eltern von Schulkindern von Gesetzes wegen leisten müssen, ist kantonal geregelt.

Elternmitarbeit und Plagiate bei Abschlussarbeiten sind auch an Berufsschulen ein Thema. «Wir empfehlen unseren Lernenden, dass eine Drittperson ihre Arbeit durchliest, um Tippfehler auszumerzen. Damit ist nicht gemeint, dass eine Fremdperson die ganze Arbeit schreibt», sagt Hansueli Gysel, Präsident des Verbands der Lehrerinnen und Lehrer an Kaufmännischen Berufsschulen. Theoretisch sei das aber nicht auszuschliessen. Man könne den Anreiz, eine eigenständige Arbeit einzureichen, verstärken, indem man die Schüler auf die Folgen von Unregelmässigkeiten hinweise. 

Ein Programm entlarvt Betrüger

Die Anti-Plagiats-Plattform Copy-stop.ch entstand 2007 auf Initiative des Zürcher Berufsschullehrers Martin Ludwig. Er hatte festgestellt, dass Lernende leicht Teile oder ganze Abschlussarbeiten von früheren Jahrgängen abschreiben konnten, ohne dass das jemand bemerkte. Copy-stop.ch wirkt präventiv, automatisiert die Plagiatserkennung und kann Abschlussarbeiten mit Arbeiten früherer Jahrgänge anderer Schulen vergleichen. 
Seit der Einführung der Plattform sind 175'000 Dokumente geprüft worden, 2017 waren es 30'000. Mittelschulen und Berufsschulen sowie einige Privatschulen nutzen Copy-stop.ch. 

Die Erfahrungen mit der Plattform seien positiv, das Abschreiben werde verhindert, sagt Niklaus Schatzmann, Leiter des Zürcher Mittelschul- und Berufsbildungsamts. «Die Schülerinnen und Schüler wissen, dass ihre Arbeiten geprüft werden. Und sie Gefahr laufen, diese nochmals erstellen zu müssen, wenn sie keine eigene Arbeit abgeben.»

Win-win-Situation mit Verlusten

Der Zürcher Anwalt Johann-Christoph Rudin, Gründer der Beratungsfirma Kompassus, begleitet Schulen seit 20 Jahren in Konflikten mit Eltern. Das Problem der fremdgeschriebenen Arbeiten ist ihm bekannt. Lachend gibt er zu, er habe seiner Tochter auch schon mal eine halbe Seite geschrieben. Rudin kann durchaus nachvollziehen, dass es kaum je zu Konflikten kommt, wenn Eltern oder Ghostwriter für die Kinder schreiben. Denn eine Lehrperson, die die Authentizität einer solchen Arbeit anzweifelt, begibt sich auf dünnes Eis. Die Beweislage ist meist dürftig, und viele Eltern würden, wenn sie sich ertappt fühlten, nach altbewährtem Muster vorgehen: Angriff ist die beste Verteidigung.

Wenn der Verdacht aufkommt, dass sich Eltern übermässig engagieren, steht ein Lehrer also vor der Wahl: Er reklamiert und handelt sich damit grossen Ärger ein – oder er bekommt eine sehr gute Arbeit geliefert, die er kaum begleiten muss. «Eine Win-win-Situation, bei der einzig die Chancengerechtigkeit auf der Strecke bleibt», so Anwalt Rudin. Dass Eltern alle Hemmungen über Bord werfen, wenn sie die Möglichkeit sehen, ihrem Kind zu besseren Noten zu verhelfen, erlebt er immer wieder. Dafür macht er den Leistungsdruck verantwortlich. «Viele Eltern befürchten einen Statusverlust, wenn ihr Kind keine akademische Laufbahn einschlägt. Um diese Schmach zu verhindern, geben sie alles.»

«Eltern, die Arbeiten ihrer Kinder übernehmen, fühlen sich schnell angegriffen», bestätigt Psychotherapeut Klaus Tippmann, der eng mit Rudin zusammenarbeitet. Denn meist gehe es dabei gar nicht ums Kind, sondern um eigene Erfahrungen und Ängste. «Man will das Beste für das Kind und glaubt, hoher Bildungsstatus mit der Chance auf einen guten Job sei das einzig Wahre.» 

Mehr Maturanden – aber gleich viele Gymnasiasten

Anteil junger Erwachsener mit Maturitätsabschluss

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Doch dem Kind tue man damit keinen Gefallen, sagt Tippmann. Im Gegenteil: «Wenn man ihm immer zeigt, dass man ihm nicht vertraut, und ihm alles abnimmt, lernt es, dass es nicht genügt.» Gute Voraussetzungen verschaffe man dem Nachwuchs viel eher, wenn er möglichst viele Kompetenzen selber erwerbe und zum Beispiel lerne, mit Schwierigkeiten umzugehen und Probleme eigenständig zu lösen.

Keine Sanktionen bei einem Verstoss

«Ich gebe schon lange keine benotbaren Aufgaben mehr nach Hause», sagt eine Deutschlehrerin eines Zürcher Gymis. «Wenn ich das täte, wäre sofort viel Elternarbeit drin.» Beim ersten Elternkontakt gebe sie Müttern und Vätern zu verstehen, dass sie helfen dürften, aber nur dort, wo es sinnvoll sei. «Wörtli abfragen ist in Ordnung, nachfragen, ob das Kind alles erledigt hat, auch. Alles andere ist Sache der Lehrerin.»

«Ich konfrontiere Schülerinnen und Schüler jeweils, wenn ich vermute, dass sie eine Arbeit nicht selbst gemacht haben», sagt Englischlehrer Martin Kurz*, der an einem Gymnasium im Aargau unterrichtet. «Fast immer geben sie dann zu, dass die Eltern den Text verfasst haben.» Wenn sie das nicht täten, sei es sehr schwierig, nachzuweisen, wer tatsächlich die Hauptarbeit geleistet habe. Auch an seiner Schule habe es schon Verdachtsfälle gegeben, etwa Maturaarbeiten, die kaum von Schülern stammten. «Ich kann mich aber nicht erinnern, dass das jemals bewiesen werden konnte oder zu Sanktionen geführt hat.»

Von Müttern und Vätern stillschweigend Zurückhaltung zu erwarten wird nicht funktionieren. «Wenn die Eltern eine Möglichkeit sehen, dem Kind einen Vorsprung zu verschaffen, oder wenn dem Nachwuchs sogar Nachteile drohen, schalten sie automatisch in den ‹Kampfmodus›», sagt Psychotherapeut Klaus Tippmann. Dieser sei im Stammhirn angesiedelt und allen anderen Verhaltensformen übergeordnet. «Die Vernunft steht dann hintan.»

Die drei Stufen unseres Bildungssystems

So verteilen sich die mehr als 1,5 Millionen Schüler und Studentinnen auf die einzelnen Stufen des Schweizer Bildungssystems. 

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Jasmine Helbling, Online-Redaktorin

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