Eva und Karl S.: «Unsere Zwillinge besuchen die fünfte Klasse. Sie erzählen immer wieder von ihren Gruppenarbeiten. Wieso macht man das heutzutage so häufig? Wir glauben, dass dabei wenig gelernt wird. Ausserdem muss sich später im Leben auch jeder allein durchsetzen.»

Es stimmt zwar, dass wir in einer Konkurrenzgesellschaft leben. In der Wirtschaftswelt stehen die Firmen gegenseitig in einem harten Wettbewerb. Aber intern spielt natürlich die Zusammenarbeit in der Belegschaft eine grosse Rolle. Die Mitarbeiter sind meist in Teams organisiert. Um heute beruflich Erfolg zu haben, muss man also unbedingt team­fähig sein. Es braucht beides: persönlichen Ehrgeiz und eine individuelle Leistungs­fähigkeit einerseits und eine gute Sozialkompetenz anderseits.

Sicher soll die Schule aufs Berufsleben vorbereiten. Aber nicht nur: Ziel ist auch, was früher in der Erziehungswissenschaft «Menschenbildung» genannt wurde. Es geht nicht nur um die Erziehung der Kinder zu braven Arbeitstieren, sondern auch um die Förderung einer Persönlichkeitsentwicklung, die sie in die Lage versetzt, ein erfülltes und beglückendes Leben zu führen. Auch dazu braucht es einerseits Selbstentfaltung und Durchsetzungsfähigkeit und anderseits Kooperationsbereitschaft – das bestätigt etwa der bekannte pädagogische Psychologe Gerd Mietzel.

Wo Gewinner sind, sind auch Verlierer

Die herkömmliche Form ist das Lernen unter sogenannter rivalisierender Zielstruktur. Das Ziel ist, besser als andere zu sein. In einem Wettstreit versuchen die Schüler, möglichst viele richtige Antworten zu geben und möglichst gute Noten zu erzielen. In jedem Wettkampf gibt es Gewinner und Verlierer. Gewinnen spornt an, aber wer sich die ganze ­Primarschulzeit immer in der hinteren Hälfte bewegen musste, verliert oft die Freude am Lernen.

Anzeige

Die Schüler sind unter diesen Umständen natürlich Rivalen oder Gegner: Je schlechter die anderen sind, desto besser bin ich. Wettbewerb motiviert, aber vor allem diejenigen, die Aussicht auf einen Gewinn haben. Und das Lernen wird oberflächlich: Man braucht nichts wirklich zu verstehen, man muss es nur an der Prüfung wiedergeben können. Zudem verkümmert das Potential an natürlicher Hilfsbereitschaft, weil man die anderen ja hinter sich lassen muss, um Erfolg zu haben.

Dabei ist es offensichtlich, dass Menschen grundsätzlich Gruppenwesen sind. Seit über 200'000 Jahren ist der Mensch als Jäger, Sammler oder Bauer in Gemeinschaften tätig. Auch das Familienleben, viele Freizeitbeschäftigungen und eben auch berufliche Arbeit finden in sozialen Situationen statt. Deshalb muss die Schule die Kinder darauf vorbereiten, Probleme auch in Gruppen lösen zu können.

Eine gute Gruppe bringt allen etwas

Erstens lernen sie dabei, miteinander ­umzugehen, die Perspektive anderer einzunehmen, wirksam zu kommunizieren, Konflikte zu lösen. Sie erfahren, dass man gemeinsam stärker ist als allein, dass es ein gutes Gefühl ist, zur Gemeinschaft etwas beizutragen. Dazu kommt noch, dass man Lernstoff besser versteht, wenn man darüber redet und sich gegenseitig Fragen stellt. Die Sicherheit an einer Prüfung ist ebenfalls grösser, wenn man weiss, dass man ebenso viel weiss wie die anderen in der Lerngruppe.

Es ist allerdings für die Lehrer nicht einfach, Gruppenarbeiten auch so zu organisieren und zu ­begleiten, dass wirksam gearbeitet wird. Wenn nur einer etwas leistet und die anderen als Trittbrettfahrer profitieren, wird das Ziel natürlich verfehlt. Deshalb muss die Gruppenzusammensetzung bewusst und sorgfältig gemacht werden. Die Gruppenaufgaben müssen den Fähigkeiten der Schüler angepasst sein, und einzelne Rollen müssen verteilt werden: Wer führt Protokoll, wer präsentiert die Resultate et cetera? Der Lehrer muss als Coach von Gruppe zu Gruppe gehen und darauf achten, dass fruchtbar gearbeitet wird. ­Lernen unter einer kooperativen Zielstruktur klappt nicht von heute auf morgen. Es muss nach und nach eingeübt werden. Aber Schüler sind nur dann optimal auf den Beruf und das Leben vorbereitet, wenn sie sowohl selbständig als auch ­kooperativ sind.

Anzeige