Eugen Neusch hatte eine schwere Operation im Unispital Zürich hinter sich. Für die Reha wurde der grundversicherte 84-Jährige am 5. Oktober in die Privatklinik Schloss Mammern im Thurgau verlegt. «Weil mein Vater stark schwerhörig war und sein Zimmertelefon nicht funktionierte, hinterliessen wir Angehörigen unsere Telefonnummern beim Klinikpersonal, mit der Bitte, uns auf dem Laufenden zu halten», sagt Tochter Uschi Neusch.

Eine Woche später besuchte sie ihren Vater. «Er konnte mit dem Rollator und dem Lift bis zur Cafeteria und wieder zurück. Er war offensichtlich auf dem Weg der Besserung.» Umso beunruhigter war sie, als er am 14. Oktober anrief und sagte, es gehe ihm schlecht. Man habe sogar Therapietermine absagen müssen.

Seine zweite Tochter besuchte ihn am Tag darauf. Geistig war er fit, doch körperlich ging es ihm schlecht. «In der folgenden Nacht begann Herr Neusch so schrecklich zu husten, dass die Wände zitterten. Ich rief die Nachtschwester. Das war gegen Mitternacht», erinnert sich sein Zimmerkollege (Name der Redaktion bekannt). Plötzlich sei nun jede Stunde eine Nachtschwester gekommen, um nach Eugen Neusch zu schauen. Auch ein Corona-Abstrich wurde gemacht.

Rasche Verlegung

«Am nächsten Morgen rief uns die Klinik an. Unser Vater werde sofort ins Kantonsspital Münsterlingen überführt, er habe Corona», sagt Tochter Uschi Neusch. Es war das einzige Mal, dass die Klinik mit den Angehörigen Kontakt aufnahm. Dies, obwohl der Patient – wie die Klinik hinterher bestätigte – seit Tagen fiebrig gewesen war. Das Fieber sei bei der komplexen Situation nach der schweren Operation sowie der Vorerkrankungen nichts Ungewöhnliches, schreibt die behandelnde Ärztin.

Laut ihrem Vater habe ihm niemand erklärt, wieso er plötzlich verlegt werde, sagt die Tochter. Auch über den positiven Corona-Befund sei er nicht informiert worden. Sie selber habe ihm dies erst in Münsterlingen mitteilen können. In der Stellungnahme der Klinik steht dagegen, man habe den Patienten sofort informiert. Er sei mit der Verlegung einverstanden gewesen. Die Ärztin schreibt, man habe den Patienten nach Münsterlingen rückverlegt. Nur: Neusch war am Unispital Zürich operiert worden.

Am nächsten Morgen wurde auch der Zimmerkollege getestet. «Eine Viertelstunde nachdem man Herrn Neusch abgeholt hatte, musste auch ich die Klinik verlassen. Es war zwar ohnehin mein Austrittstag, aber ich wurde regelrecht aus der Klinik spediert. Den Transport musste ich selber organisieren.» Der 73-Jährige und seine Frau mussten zu Hause in Isolation, auch er war positiv. Die Klinik rühmt sich, bis Ende Oktober 2020 nur diese zwei Corona-Fälle gehabt zu haben.

Am 19. Oktober verstarb Eugen Neusch im Kantonsspital Münsterlingen. Drei Wochen später schrieb die Tochter Uschi Neusch einen Brief an die Krankenkasse CSS, in dem sie die Erlebnisse beschreibt. «Wir bedauern Ihre schlechten Erfahrungen sehr und hoffen, dass Sie eine angemessene und ehrliche Stellungnahme der Klinik erhalten», heisst es in der Antwort. Sie wird an den Patientenschutz SPO verwiesen.

«Schlecht informiert»

Eine Kopie des Beschwerdebriefs ging auch an die Klinik. Von ihr kam erst nur eine Eingangsbestätigung, nach einem Monat dann ein knapper Einseiter von der behandelnden Ärztin. «Dass mein Vater in der Schlossklinik an Covid erkrankte und daran verstarb, ist schrecklich, dafür mache ich der Klinik aber keinen Vorwurf», sagt Uschi Neusch. «Für ihren Umgang mit der Situation hingegen schon.»

Die Universitätsklinik Zürich und das Kantonsspital Münsterlingen hätten sie immer über den gesundheitlichen Zustand ihres Vaters informiert, sagt sie. «Das erwarte ich auch von einer Privatklinik.»

Der Beobachter-Newsletter – Wissen, was wichtig ist.

Das Neuste aus unserem Heft und hilfreiche Ratgeber-Artikel für den Alltag – die wichtigsten Beobachter-Inhalte aus Print und Digital.

Jeden Mittwoch und Sonntag in Ihrer Mailbox.

Jetzt gratis abonnieren