Meine Frau ängstigt sich immer, wenn ich an Skirennen teilnehme. Doch die Trainings sind oft gefährlicher als die Rennen. Im Wettkampf sind die Verhältnisse optimal. Die Pisten könnten kaum besser präpariert sein, und die Rennstrecke ist für alle anderen gesperrt. Doch wenn wir trainieren, sind halt noch andere auf der Strecke. Darum stehe ich immer schon am frühen Morgen auf den Brettern, dann kann ich auch mal richtig fräsen.

Von Brettern sollte ich eigentlich nicht sprechen. Ich fahre immer die neusten Modelle. Kunststoffskier mit einem kleinen Holzkern, tailliert – geschaffen für die Carvingtechnik. Ein herrliches Fahrgefühl. Meine Skikarriere hat natürlich mit Brettern begonnen, genauer: mit zwei roh bearbeiteten Eschenbrettern. Die legte ich einen Tag ins warme Schweinefutter, danach konnte ich die Spitze nach oben biegen. Ich hobelte das Holz glatt und nagelte meine Holzböden darauf. Schon als achtjähriger Knirps fuhr ich im Winter auf diesen Latten vom Bauernhof in Gitschenen, Kanton Uri, zur Schule nach Isenthal.

Weil ich den Fuss nicht bewegen konnte, war der Telemark nicht möglich. Das wurmte mich, so dass ich im Sommer den Touristen Edelweiss verkaufte und so die erste richtige Bindung erstehen konnte. Mit 15 gewann ich in Gitschenen mein erstes Rennen, auf Skiern, die mir ein Bauernschreiner gezimmert hatte.

Stürmische Entwicklung
Später arbeitete ich in Altdorf und wurde Mitglied des Skiklubs Schattdorf. Für diesen Klub bestritt ich mein erstes grösseres Rennen, einen Riesenslalom auf dem Stoos – bei einem Meter Neuschnee. Bis in die vierziger Jahre waren solche Bedingungen nicht selten. Richtig abenteuerlich war der Titlis-Riesenslalom, der mit dem Aufstieg von Trübsee Richtung Gipfel begann. Beim Start lag Pulver, beim Ziel in Trübsee schwerer Sulz.

1946 holte mich Sepp Immoos, der spätere Chef der Nationalmannschaft, auf den Stoos. Ich machte die Skilehrerausbildung, heiratete meine Frau Edith – eine Urnerin – und gründete 1949 mein Sportgeschäft. Ende der vierziger Jahre begann die stürmische Entwicklung von Material und Technik. Schon von Berufs wegen musste ich an der Spitze mit dabei sein.

Von den Eschenskiern wechselte ich auf Hickoryskier, fuhr darauf verleimte Eschen-Hickory-Latten. Die bildeten den Höhepunkt der Holzskifertigung und waren das Nonplusultra, bis die ersten Metallskier auf den Markt kamen, die schliesslich vom Kunststoffski abgelöst wurden. Bis heute hab ich auch jeden Wechsel der Technik – vom Kurzschwung bis zum Carving – mitgemacht.

Drei Beinbrüche, vier Rippenbrüche
Der Skiklub Stoos war in den fünfziger und sechziger Jahren immer vorne mit dabei. Wir erlangten Schweizer-Meister-Titel in Braunwald, auf der Klewenalp, in Flims und auf dem Stoos. Die Rennanlagen muten heute grotesk an. In der Abfahrt starteten fünf Fahrer pro Klub gleichzeitig. Da konnte es zu fürchterlichen Zusammenstössen kommen. Die Slalomstrecke war in vier Abschnitte aufgeteilt. Pro Abschnitt startete ein Fahrer, der den nächsten mit Handschlag losschickte.

Nach den Rennen sassen alle Konkurrenten zusammen. Es herrschte eine gute Kameradschaft. Jeder wollte gewinnen, doch wir missgönnten keinem den Sieg. International ging es an der Weltmeisterschaft der Sporthändler zu, wo ich 1975 den Sieg holte. Die Rennatmosphäre fasziniert mich, doch ich liebe auch Winterlandschaften, halte mich gerne im Freien auf und feile unentwegt an meiner Technik. Deshalb bin ich wohl dem Skisport bis heute treu geblieben.

Die Schattenseiten des Skisports lernte ich auch hautnah kennen: mit drei Beinbrüchen und vier Rippenbrüchen. Wenn ich nach der Genesung zum ersten Mal wieder auf den Skiern stand, hatte ich etwas Angst, doch nach einigen Tagen war alles wie zuvor. Einzig die Wetterfühligkeit erinnert mich hie und da an die Stürze.

Natürlich trage ich stets einen Helm. Auf den Pisten erreichen heute auch durchschnittliche Skifahrer Tempi von bis zu 70 Stundenkilometern. Zusammenstösse sind wegen der vielen Fahrer auf der Piste nicht selten. Ich weiss, wovon ich spreche, bin ich doch auch dreimal angefahren worden, glücklicherweise ohne schwere Folgen.

Ich kann das Skifahren nicht lassen, aber auch die Arbeit nicht. Beides gehört bei mir ja zusammen. Das Skigeschäft führt nun einer meiner Söhne. Wenn Not am Mann ist, helfe ich gerne aus und gehe mit den Kunden auch mal Ski fahren.

Eigentlich ist es ganz einfach
Von den Skirennen kann und muss ich nicht lassen – auch dank gütiger Unterstützung meiner drei Söhne. Sie schenkten mir vor vier Jahren die Teilnahme an der Weltmeisterschaft der über 80-Jährigen in Méribel, wo ich den vierten Rang im Slalom und den fünften im Riesenslalom herausfuhr. An der WM 2002 in Abetone, Italien, reichte es im abschliessenden FIS-Riesenslalom zur Bronzemedaille.

Ich werde oft gefragt, wie ich das nur mache. Eigentlich ist es ganz einfach: Wenns Schnee hat, bin ich auf den Skiern. Ohne Training geht halt nichts. Aber ich brauche wenig Kraft, ich mache alles mit der Technik.

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