Anfangs machte ich mir keine Sorgen. Der dreiwöchige WK ist eigentlich eine lockere Sache, längst nicht so anstrengend wie die RS. Im WK repetieren wir, was wir in der Grundausbildung gelernt haben. Als Krönung dieser «Grünausbildung» wählte die Übungsleitung heuer eine Übernachtung im Freien, ein militärisches Biwak.

Als es hiess, wir sollten Zeltplanen und -stangen fassen, führte das bei vielen der 240 Kameraden zu grossem Erstaunen und Protesten: «Was tut eine Luftwaffenkompanie, deren Kernauftrag strategische Arbeit am Computer ist, in einem Biwak?» Die Antwort kam umgehend: Das gehöre zur Grundausbildung eines jeden Soldaten.

Während der RS hatten wir das Pflichtbiwak bei schönstem Wetter im Gras absolviert. Als man uns jedoch diesmal den Ort zum Biwakieren beim zürcherischen Ossingen zeigte, war meine Campierfreude sogleich vorbei: mitten im Wald, im feuchten Unterholz zwischen den Bäumen. «Das ist ja krasser als während der RS», schoss es mir durch den Kopf.

Wir wurden angewiesen, zu unserem Schutz die Kleider geschlossen zu tragen und Zeckenspray zu benutzen. Weil in unserem Zug nur zwei Zeckensprays zur Verfügung standen, spritzte ich einfach rasch meine Arme und die Unterschenkel ein. Ich kann Kriechtiere, besonders an meinem Körper, nicht ausstehen.

Gefühlte drei Stunden Schlaf
Die Nacht war kurz und der Schlaf oberflächlich: Entweder störten mich die Wurzeln unter meiner dünnen Matte, oder das Donnergrollen in der Ferne hielt mich wach. Ich war richtig froh, als wir nach gefühlten drei Stunden Schlaf um vier Uhr morgens das Lager wieder abbauten. Es war zu dunkel und zu kalt, um sich nach Zecken abzutasten, also machten wir uns sogleich auf den Marsch in die zehn Kilometer entfernte Badi, duschen stand an.

Im Nachhinein erfuhr ich, dass Einzelne versucht hatten, den Befehl zum Aufstellen des Biwaks zu verweigern - vergeblich. Alle verbrachten die Nacht im Wald. Ich finde, dass Übungen so geplant werden müssen, dass kein gesundheitliches Risiko eingegangen wird, dann wäre die Frage der Befehlsverweigerung vom Tisch. Ich hatte mich nicht geweigert. In der Armee muss man die Eigenverantwortung oft zurückstellen. Ich vertraute den Abklärungen und Anordnungen, zumal ich nur vom Hörensagen wusste, dass wir wohl in einem Hochrisikogebiet übernachten, wo Zecken die Krankheiten Borreliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), bekannt als Hirnhautentzündung, übertragen können. Wenn ich ehrlich bin: Ich hätte gar nicht gewusst, wo solche Risikogebiete sind.

Gegen die weniger häufig auftretende FSME bin ich nicht geimpft. Das waren die wenigsten in der Truppe, wie eine spontane Umfrage zeigte. Und gegen Borreliose gibt es ja keine Impfung. Sie kann zwar mit Antibiotika behandelt werden, wenn die Symptome rechtzeitig erkannt werden, aber das Beunruhigende ist, dass Borreliose auch erst Jahre nach einem Zeckenstich auftreten kann.

Gut zweieinhalb Stunden später, bei der Ankunft in der Badi, begann dann jeder, seinen Körper nach Zecken abzusuchen. Bilanz: Die Biester hatten sich bei rund 70 Kameraden festgebissen. Ich fand bei mir nichts Verdächtiges und dachte schon, meine Vorsicht im Wald habe sich ausgezahlt, als ich, in der Badehose am Boden sitzend, an meinem linken Knie eine Zecke entdeckte.

Es wurde mir unwohl. Sofort reihte ich mich in die Schlange der Soldaten ein, die anstanden, um sich von einem Kompaniekommandanten, der im Zivilleben Arzt ist, behandeln zu lassen. Er entfernte die Zecken eine nach der anderen mit einer Pinzette. Während des bangen Wartens diskutierten wir, warum dieses Risiko überhaupt eingegangen worden war. Die Frage blieb an diesem Tag unbeantwortet - was einige erzürnte.

Immerhin eine Entschuldigung
Eine Verärgerung, die dann via Presse ein erstes Ventil fand. Erst später - und wohl auch unter dem Druck der Medienberichterstattung - begann die Armee mit der Aufarbeitung des Falls: Wir wurden in der Krankenabteilung ausführlich über Früherkennungsmöglichkeiten und Folgen von Zeckenstichen informiert. Obwohl einige Kameraden wegen Anzeichen von Borreliose Medikamente einnehmen mussten, konnte mir die Informationsveranstaltung die meisten Ängste nehmen. Doch eine gewisse Unsicherheit bleibt.

Die Übungsleitung entschuldigte sich dann bei uns allen für das Vorgefallene. Immerhin. Ich will aber, dass dieser Zwischenfall untersucht wird und uns die Resultate und allfällige Konsequenzen für zukünftige Armeeübungen mitgeteilt werden. Als Lehrer weiss ich, was Verantwortung bedeutet. Es wäre eine vermeidbare Situation gewesen, wenn ein anderer Ort für das Biwakieren gewählt oder ganz darauf verzichtet worden wäre. Biwakieren entspricht schlicht nicht dem Kernauftrag unserer Truppe - Grundausbildung hin oder her.

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