Ein milder Frühlingsabend. Wir sind etwa 200 Leute. Vor den Treppen zum Zürcher Opernhaus haben wir uns zur Demonstration versammelt. Plötzlich treten 30 Polizisten in Kampfmontur aus dem Haus. Wir grölen, wir pfeifen. Und dann geschieht es. Mein Nachbar schleudert eine Baulatte gegen die Uniformierten. «Shit», denke ich noch, «das kommt nicht gut», und Sekunden später stehen wir auch schon im Tränengas. Es hagelt Gummigeschosse. Die Kämpfe mit der Polizei toben bis früh in den Morgen.

25 Jahre ist das her. Heute habe ich, der ehemalige Hausbesetzer, eine eigene Firma mit 20 Mitarbeitern: die Fischer Liegenschaften Management. Ich bin beteiligt an verschiedenen Immobilien, Vater einer zehnjährigen Tochter, Verwaltungsrat einer AG, Geschäftsführer von drei Genossenschaften und Unternehmer mit Herz und Seele. Ich versuche, Investoren von Aktivitäten zu überzeugen, die nachhaltig sind – wertvoll nicht nur im finanziellen Sinn.

Die Wut war gross
Mit anderen zusammen war ich 1980 ein Wortführer der Zürcher «Bewegung». Wir kämpften für eigene Räume in dieser Stadt. Während Jahrzehnten war der Jugend ein eigenes Haus versprochen worden. Die Wut war gross; das unzimperliche Vorgehen der Polizei trug das Seine dazu bei. Während rund zweier Jahre gabs in Zürich regelmässig Krawall.

Nein, ich habe nichts aufbewahrt. Keinen Zeitungsartikel, keine Schmähschrift, kein Gummigeschoss. Eine Fernsehjournalistin schickte mir einmal diverse Videokassetten mit Strassenkämpfen. Meine Tochter erschrak über die geballte Gewalt. Ich werde mich später mit ihr darüber unterhalten – wenn sie etwas älter ist. Ich werde dies mit der gebotenen Selbstkritik tun.

Die Unruhen waren von keiner fixen Ideologie getragen. Es war ein rauschhafter Aufbruch, respektlos, unverfroren. Der damalige Stadtpräsident erklärte, für ihn zähle Rock nicht zur Kultur. Ihm und den Führern der Wirtschaft haben wir klar gemacht, dass sie die Zeichen der Zeit verkannten. Sinngemäss sagten wir: «Mit euch kann man nicht mehr reden.»

In Schlägereien war ich nie verwickelt. Eigentlich kam ich extrem gut davon. Ich habe mich immer gerne anderen Kräften, neuen Dingen ausgesetzt. Ich gehörte schon 1980 zu denen, die sagten: «Reden wir nicht zu lange, machen wir doch etwas Aufbauendes.»

Zum Immobiliengeschäft bin ich sozusagen über eine familiäre Parzelle gestossen. Auf dem Grundstück meines Vaters realisierten wir eine kleine Überbauung mit zahlreichen Gemeinschaftsräumen. Das war eine Art Vorspiel zur Umsetzung eines lang gehegten Traums.

Der wurde 1997 Realität: ein solidarischer Grosshaushalt, Karthago genannt, mein heutiger Wohnsitz. 50 Personen, darunter eine wachsende Zahl von Kleinkindern, leben dort in Dreier- und Siebnerwohngruppen. Eine Köchin kocht an fünf Wochentagen für das Kollektiv. Es ist der einzige Grosshaushalt der Schweiz – und er entwickelte sich ganz friedlich. Obwohl wir von den politischen Gegnern oft als Kriminelle und Zerstörer der Kleinfamilie tituliert wurden. Dieselben Klischees, die auch für die Aktivisten der «Bewegung» immer wieder auftauchten.

Mittlerweile sind an verschiedenen Universitäten Semesterarbeiten zu den Zürcher Unruhen geschrieben worden. Auch ich wurde immer wieder befragt. Oft kreisen die Fragen um die Gewalttätigkeit. Für mich waren die Unruhen aber vor allem ein kultureller Aufbruch.

Ich übertreibe nicht: Wenn wir nicht gewesen wären, wäre Zürich nicht da, wo es heute steht. Die achtziger Bewegung hat Zürich fit gemacht zur «global city». Die Boulevardcafés, die Lockerung des Gastronomiegesetzes, die vielen Klubs – all das gäbe es nicht ohne uns. Ich staune manchmal, was heute alles selbstverständlich geworden ist, was damals noch so viel Empörung auslöste: der Dresscode, die Ideen über Liebe, Ehe, Partnerschaft. Last, but not least: Die Polizei verhält sich an Demonstrationen heute sehr viel klüger.

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Viele Mitstreiter leben nicht mehr
Früher plagte mich die Angst, dass mir die Jungen den Stinkefinger zeigen, wenn ich erst mal 50 bin. Heute bin ich 48. Es kam anders, Gott sei Dank! Ich bin dankbar für die vielen offenen Gespräche mit ihnen. So viele sind so unkompliziert. Was vielleicht etwas fehlt, ist Herzblut. Das Engagement. Echtes Unternehmertum, wenn man so will. Vielleicht rede ich manchmal wie ein Amerikaner, aber dieses Motto meine ich ernst: «Pack deine Chance. Pack sie jetzt.»

Nicht alle «Bewegten» von damals haben die Kurve ins normale Leben geschafft. Nach dem Rausch des Aufbruchs kam bei vielen die Depression, vor allem bei jenen, die «subito» eine neue Ordnung wollten. Heroin und Alkohol trugen das Ihre dazu bei. Erschreckend viele Mitstreiter von damals leben heute nicht mehr; bei einigen habe ich die dunkle Ahnung, dass sie freiwillig aus dem Leben geschieden sind. Es waren meine Freunde.

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