Die drei Transporter aus Skopje sind überfällig. Vor 22 Tagen sind sie abgefahren, jeder mit neun Autos beladen. «Die Transporter gehören zum Glück…», sagt die Chefin, dann klingelt das Handy. «Charlotte Brügger? – Jaaa. Wo ist das Auto jetzt? Haben Sie die Papiere annullieren lassen? Okay. Sie können am Dienstag verladen. Ich habe noch einmal zehn Transporter bestellt. Sie hören von mir.» Handy aus. «Wo sind wir stehen geblieben?»

Schlieren im Limmattal: nicht der nobelste Vorort von Zürich. Einst berühmt für sein Gaswerk, seine Waggonfabrik, seine Liftfabrik. Heute bekannt als Standort eines Postverteilzentrums, einer Grossdruckerei – und eines Handelsplatzes für Gebrauchtwagen. Vom praktisch fabrikneuen Luxusschlitten mit «full option» (sprich: mit allen Schikanen) für zahlungskräftige Kunden bis zum abgetakelten Ambulanzfahrzeug für den Export lässt sich hier alles finden.

Ein hoher Zaun umgibt das Areal an der Brandstrasse 29, den grössten Autoexportplatz der Schweiz. An den aufgestellten Containern stehen Handynummern und fremd klingende Namen; in «Pac’s Restaurant & Take Away» gibts mittags ein orientalisches Menü. Rund 40 Händler haben sich hier eingemietet. Stossstange an Stossstange, Tür an Tür stehen ihre Autos. Der Platz ist knapp und kostet; die Abstellfläche für ein Fahrzeug kommt auf 50 Franken pro Monat zu stehen.

Der Preis ist Verhandlungssache

Die meisten Wagen haben ihre beste Zeit hinter sich: hier ein Kratzer, da eine Beule in der Stossstange. Ab und zu fehlt eine Radkappe oder ein Rücklicht. «Achtung! Kaufe alle Autos gegen bar, km und Zustand egal, auch Unfall & defekt, Sofortabholung», heisst es in den Inseraten, mit denen die Händler solche Wagen suchen.

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Was Herr und Frau Schweizer nicht mehr wollen oder vom Strassenverkehrsamt als nicht mehr fahrtüchtig beurteilt wird, landet früher oder später in Schlieren. Autos, die nach Schweizer Massstäben als Schrott gelten, die jedoch andernorts hoch begehrt sind: in Libyen, im Libanon, in Osteuropa. So begehrt, dass sich mit ihnen trotz Mängeln und Defekten durchaus noch ein Geschäft machen lässt: Ein BMW, der in Schlieren 1000 Franken kostet, geht in Libyen für 7000 Franken weg, 3000 Franken Zollgebühren inbegriffen.

Preisschilder sucht man auf dem Platz an der Brandstrasse jedoch vergebens. Bei einigen der rund 2000 Autos stehen der Jahrgang und Hinweise wie «ABS» oder «Klima» auf der Windschutzscheibe, ab und zu auch der Kilometerstand. Der Preis ist Verhandlungssache. Bezahlt wird in Schweizer Franken, D-Mark oder Dollar, immer sofort und immer in bar. Junge Männer verladen dann die Autos auf Grosstransporter, von denen täglich zehn oder mehr an der Brandstrasse vorfahren. «Port of Destination: Tripoli, Libanon.»

Etwa 100 Wagen werden täglich so abtransportiert. Je etwa 50 verlassen die Schweiz auf Kleintransportern oder – mit Export-Nummernschildern ausgerüstet – auf der Strasse.

«Wo sind wir stehen geblieben?», fragt Charlotte Brügger. Bei den Transportern aus Skopje. Nur Chauffeure aus Osteuropa fahren zurzeit die Route nach Mazedonien. Schweizer Camionneure verzichten: «Zu gefährlich», sagt die Chefin. Dabei läuft das Geschäft: Im Kosovo brauchen die Menschen für den Wiederaufbau Autos, in der Schweiz sind sie für ein paar hundert Franken zu haben. «Ich gehörte zu den ersten, die nach dem Krieg Autotransporte nach Mazedonien und von dort weiter in den Kosovo organisiert haben. Das hilft uns, das Geschäft etwa auf dem Niveau des Vorjahres zu halten.» Seit einige osteuropäische Staaten Importbeschränkungen für Gebrauchtwagen erlassen haben, sind die goldenen Zeiten beim Autoexporthandel vorbei.

Wieder klingelt das Handy. Alle wollen etwas von Charlotte Brügger: Fahrzeugausweise, Garagenbestätigungen, Exportpapiere, einen Autotransport. Wenn sie mit ihren hohen Absätzen über den Platz geht, ein Ohr am Telefon, dann ist augenblicklich klar: Hier kommt die Chefin. Ein Händedruck hier, ein Witzchen dort, zwischendurch eine kurze Anordnung – «Nein, Sie können hier nicht durchfahren, parkieren Sie draussen» – die einzige Frau unter den etwa hundert Männern auf dem Platz hat ihren Laden im Griff.

Händler aus allen Kulturen
Früher sei sie in der Politik aktiv gewesen, erzählt sie, habe es in ihrer Wohngemeinde bis zur Vizepräsidentin der SVP gebracht. Dann aber sei sie ausgestiegen, wegen der Ausländerpolitik: «Das ging nicht mehr mit meinem Job. Ich liebe diesen Beruf. Schon allein die Kulturen, die auf diesem Platz zusammenkommen. Wir haben hier Iraner, Iraker, Türken, Kurden, Libanesen, Libyer, Albaner.»

Am Anfang sei das schon nicht einfach gewesen, im Frühling 1998, als das Gelände der ehemaligen Färberei Schlieren zum Autoexportplatz wurde: «Frauen werden bei den Muslimen auf Händen getragen, aber in der Gesellschaft gelten sie eigentlich nichts. Da musste ich mir zuerst einmal Respekt verschaffen.»

Sie hats geschafft. Vielleicht, weil sie mittlerweile neben Französisch, Italienisch und Englisch auch fliessend Arabisch spricht. Vielleicht auch, weil sie «ihre» Händler gegen aussen in Schutz nimmt, vorbehaltlos. «Auf unserem Platz wird nicht mit Drogen gehandelt», sagt sie bestimmt: «Ich kenne die Leute, ich weiss, wer hier ein- und ausgeht.»

Die meisten Händler und deren Angestellte sind ehemalige Asylbewerber, meist Leute ohne Ausbildung: «Die verdienen hier ihren Lebensunterhalt. Stellen Sie sich vor, was wir dem Staat an Sozialkosten ersparen.» Schliesslich läuft das Geschäft. Nicht mehr so gut wie noch vor ein, zwei Jahren zwar, aber immer noch gut: Bei der eidgenössischen Steuerverwaltung jedenfalls rechnet man mit einem Jahresumsatz von 30'000 Franken pro Autoabstellplatz.

Eine Schattenwirtschaft entsteht
Der Occasionsboom in Schlieren begann Anfang der neunziger Jahre. Ehemalige Fabrikgelände standen seit Jahren leer. Interessenten schreckten vor Investitionen zurück, als sie von den Altlasten erfuhren, die möglicherweise im Boden stecken. Mieter waren überaus willkommen – und plötzlich vorhanden: In Osteuropa herrschte nach dem Zusammenbruch des Ostblocks ein riesiger Bedarf nach billigen Autos. Findige Händler sprangen in die Lücke und bauten Schlieren zum Zentrum des Occasionshandels auf.

«Da bläht sich eine Schattenwirtschaft auf», sagt Polizei-Kreischef Willy Koch, «für uns ist diese Szene kaum zu kontrollieren.» Im Hellebarden-geschmückten Büro des Schlieremer Polizeichefs Thomas Grädel hat schon manche Besprechung zum Thema Autohandel stattgefunden; die beiden Ordnungshüter können aus dem Vollen schöpfen.

Ganze Cars mit Osteuropäern seien bis vor zwei Jahren nach Schlieren gebracht worden, weiss Thomas Grädel, vorwiegend an die Badenerstrasse 90, zu einem weiteren grossen Autoexportplatz. Jeder Fahrgast habe ein Auto gekauft, Nummernschilder montiert und das Auto über die Grenze gefahren. «Aber die hatten ja kaum Geld dabei», sagt Grädel und berichtet von Kühlschränken, die in den Wohnungen der Nachbarschaft ausgeräumt worden seien, und von «Kleinkriminalität».

Seit das Geschäft mit Osteuropa wegen Einfuhrbeschränkungen eingebrochen ist, sei im Quartier wieder etwas Ruhe eingekehrt. Jetzt sucht die Polizei auf den Autoexportplätzen vor allem nach illegal anwesenden Ausländern. Ab und zu gibt es Razzien oder Zufahrtskontrollen, sagt Willy Koch, «das verunsichert». Vor kurzem erst wurden auf Charlotte Brüggers Platz zwei Männer mit gefälschten Pässen geschnappt.

«Mit denen haben wir nichts zu tun, überhaupt nichts», ereifert sich Urs Schweizer, Einkaufsleiter von Auto Züri West, «das müssen Sie klipp und klar schreiben.» Und die im Exportgeschäft tätigen Händler seien auch keine Konkurrenz, «jedenfalls keine grosse».

Auto Züri West, der «grösste Occasionshändler der Schweiz», unterhält in Schlieren gleich zwei Filialen. Noch heute regt sich Schweizer über Bilder auf, die im Februar 1998 in einer Zürcher Tageszeitung erschienen sind, nachdem bei einem Streit auf dem Autoexportplatz an der Badenerstrasse 90 ein Mann erschossen worden war: «Dieser Fotograf hats doch wahrhaftig fertig gebracht, unser Firmenlogo aufs Bild zu bringen. Dabei fand die Schiesserei gar nicht auf unserem Platz statt.»

Das Blech, aus dem die Autofahrerträume sind, ist bei «Züri West» am Samstag mit roten und weissen Ballons geschmückt. Die Radkappen sind poliert, die Scheiben geputzt, die Kühlerhauben auf den Zentimeter genau in einer Reihe ausgerichtet.

«Die Präsentation ist wichtig», sagt Urs Schweizer, «ein guter Händler achtet darauf, dass seine Autos ordentlich dastehen.» Dann gehörten natürlich auch ein «seriöses Verkaufsgespräch», eine «gute Garantie» und die «Kulanz bei Schadenfällen» zum Geschäft.

Die Branche klagt über die Medien
Ein Pärchen spaziert vorbei, bleibt bei einem silberfarbenen Mercedes stehen. «E50 AMG Avantgarde, 97'500 km», verheisst das Plakat an der Windschutzscheibe, und weiter: «ABS, R/TB, el. Schiebedach, Tempomat, el. Fenster, Servo, ZV, Wegfahrsperre, 4x Airbag, Memory-Sitze, unfallfrei». Begehrliche Blicke. Die Finanzierungsgesellschaft GE Capital lockt mit dem Angebot «Bezahlen im nächsten Jahrtausend». Aber 64'500 Franken sind zu viel, spätestens wenn am 31. Januar 2000 die erste Rate fällig würde. «Bei "Züri West 2" hats noch billigere», sagt der Mann beim Weggehen.

Urs Schweizer kann dennoch nicht über fehlende Kundschaft klagen, das Geschäft läuft. Aber die Medien, beschwert er sich, seien ungerecht: «Wann immer in der Branche ein schwarzes Schaf auftaucht, haben wir ein Fernsehteam auf dem Platz.» Zuletzt wegen manipulierter Kilometerstände bei Occasionsautos.

Dabei sei ein manipulierter Tachometer weniger schlimm als ein verheimlichter Unfall, windet sich der Chefeinkäufer: «Und wenn einer den Zähler um 100'000 Kilometer herunterschrauben lässt, finden wir das alleweil raus.» Ein geschultes Auge achte auf auffällig neue Gummis auf den Pedalen, auf das Steuerrad, auf abgenutzte Sitze oder auf das Serviceheft: Wenn dort alle Stempel von nur einer Garage stammen und etwa noch die gleiche Tinte benutzt wurde, dann werde ein Einkäufer stutzig. Und die Autos, die illegal verkauft werden? «Meines Wissens hat uns die Polizei noch nie einen Wagen weggenommen.»

Urs Schweizer ist beinahe empört über das Bild, das die Medien von der Branche zeichnen: «Sagen Sie selbst: Ist das Image derart schlecht?», fragt er und beantwortet die Frage gleich selbst: «Wir verkaufen 5000 Autos pro Jahr. Ein Neuwagenhändler mit einer Grossgarage bringt es höchstens auf 1000 Stück. Da kann unser Image ja wohl nicht so schlecht sein.»

Im Stadthaus Schlieren sieht man die Sache naturgemäss etwas anders: «Der Handel mit Occasionsautos bewegt sich häufig in einer Dunstzone, in der manches Vergehen durchgeht», sagt Polizei-Kreischef Willy Koch. Und selbst unter den so genannt «seriösen» Händlern seien längst nicht alle «Gentlemen».

Die Stadt klagt über die Händler
In der Schlieremer Exekutive sorgt man sich derweil um das Image des Ortes: «Wenn man nach Schlieren hereinfährt, sieht man nur alte Autos. Wenn man aus Schlieren hinausfährt ebenfalls», klagt Bauvorstand Jean-Claude Perrin. Zehn Prozent der Industrie- und Gewerbefläche, rund 100'000 Quadratmeter, seien mittlerweile durch Occasionshändler besetzt: «Aus stadtplanerischer Sicht eindeutig zu viel.»

Lieber sähe man im Stadtrat, wenn die ehemaligen Industrieareale, auf denen jetzt mit Occasionen gehandelt wird, wieder von Firmen überbaut würden. An der Brandstrasse habe es einmal Interessenten für ein 125-Millionen-Projekt gegeben, erzählt Perrin: «Aber als die Investoren von den Altlasten erfuhren, die möglicherweise im Boden stecken…»

Eine ergänzte Bau- und Zonenordnung soll den ungeliebten Handel jetzt zumindest eindämmen. Auf neuen Plätzen dürfen nur noch auf 20 Prozent der unüberbauten Fläche alte Autos stehen. «Wir müssen etwas probieren, um die Sache in den Griff zu bekommen», sagt Perrin: «Wenn wir damit beim Kanton durchkommen, dann ist das schon verdammt einschneidend für neue Occasionshändler.»

«Wir wären davon nicht betroffen», sagt Autoexporteurin Charlotte Brügger zu diesen Plänen, lacht, greift zum Handy und organisiert die nächsten Autotransporter. Port of Destination: Tripoli.

Ein Auto auf zwei Personen

Die Schweiz ist ein Land von Autofahrenden: Auf 7,1 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner kommen nicht weniger als 3,3 Millionen Personenwagen.

Gemäss den Statistiken haben Schweizerinnen und Schweizer grosses Vertrauen in Occasionen: Im ersten Halbjahr 1999 wechselten laut der Marktbeobachtungsfirma Eurotax (Schweiz) AG 373'000 Gebrauchtwagen den Besitzer. Im gleichen Zeitraum konnten die Garagen 169'000 neue Personenautos verkaufen. Entsprechend hoch sind die Umsätze: Die Vereinigung Schweizerischer Automobil-Importeure schätzt, dass 1998 in der Schweiz rund 9,7 Milliarden Franken für Neuwagen und 6,75 Milliarden für Occasionen ausgegeben wurden. Rund ein Drittel der Gebrauchtwagen wird privat verkauft.

Nicht in diesen Zahlen enthalten sind die für den Export bestimmten Occasionen. 1998 wurden bei der Oberzolldirektion 70'261 Personenwagen für den Export angemeldet. Ihr Gesamtwert betrug laut Statistik 194,64 Millionen Franken. Ein Exportwagen kostete also im Durchschnitt 2770 Franken.