1. Home
  2. Bürger & Verwaltung
  3. Beamtenschrecks: Einsame Kämpfer für eine bessere Welt

Beamtenschrecks: Einsame Kämpfer für eine bessere Welt

Sie legen sich mit allen an und kämpfen unermüdlich gegen ein angeblich erlittenes Unrecht oder für eine gerechtere Gesellschaft: Die Hartnäckigkeit gewisser «aufständischer» Bürger überfordert Behörden und Richter.

Dada oder gaga? Majestät lacht. «Der Behördenapparat hat uns todernst zu nehmen», sagt «König Kraska» (Bild). Der Mann – mit bürgerlichem Namen Peter Johannes Kraska – und sein Gefolge gehören zu Zürich wie das Tram. Und in diesen fährt die stadtbekannte königliche Hoheit seit Jahren ohne Fahrausweis.

Er tut dies aus todernster Uberzeugung. «Die Militärs dürfen gratis Bus und Tram fahren, weil sie der Gesellschaft dienen», räsoniert Kraska, der nur in der Mehrzahl über sich spricht. «Wir nehmen uns dasselbe Recht, weil auch wir mit unserer kulturellen Arbeit der Gesellschaft dienen.»

Den konsequenten Auftritt als «Herrscher über das zen- und azentrische Weltreich» finden viele ebenso ulkig wie seine Zeitschrift, die «Hofnachrichten». Wenn der notorische Schwarzfahrer aber Billettautomaten mit Klebern bestückt und sich mit Kontrolleuren prügelt, hört für die Justiz der Spass auf. Vom Bezirksgericht zum Bundesgericht und zurück laufen die Verfahren. Aktueller Stand: 14 Tage Gefängnis bedingt – obwohl Peter Johannes Kraska einen «Freispruch auf der ganzen Züri-Linie» verlangte. Ein Kämpfer? Ein Scherzkeks? Oder schlicht ein Irrer? Irgendwo in den «Hofnachrichten» steht die Antwort: «Kraska ist weder ein Spinner noch ein Künstler: (feierlich lesen) Kraska ist ein König!»

Der «König» ist ein prominentes Exemplar des Typus des modernen Widerständlers. Die Palette der Sturmläufer ist fast so gross wie deren Zahl. Hier macht einer eine Mücke zum Elefanten, da fühlt sich ein anderer im Nachteil, und dort streitet jemand erbittert für seine «geniale Idee». Die Attacken zielen meist auf die Obrigkeit.

Moderne Tellen gegen Gessler
Das gilt auch für Franz Josef Schulte Wermeling. Seit Jahren kämpft der Zürcher gegen die Justiz. Er ohrfeigt Richter, wirft Eier im Gerichtssaal, will einem Bezirksrichter «die Fresse einschlagen» oder einem Justizbeamten «den Hals abschneiden». Die Folge sind jahrelange Verfahren wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte. Laut Bundesgericht soll der 59-Jährige jetzt für sechs Monate ins Gefängnis.

Der Maschineningenieur betrachtet seine Taten als «legitime Form des Widerstands» – Tell gegen Gessler quasi. «Der Dünkel und die Arroganz der Mächtigen sind sagenhaft», schimpft Schulte. Speziell «unqualifiziert und vertrottelt» seien die Richter und das Justizpersonal. All dies sagt er nicht im Wahn: «Ich bin kein Spinner.» Ein Psychiater habe ihm attestiert, dass er «klar denke und zielgerichtet handle».

Vor allem Männer laufen Amok
Warum treten Menschen just dann aufs Gaspedal, wenn die grosse Mehrheit die Notbremse ziehen würde? Und weshalb sind es fast immer Männer? Das Phänomen ist kaum erforscht. «Jeder Fall ist einzigartig», sagt die Psychologin Margarethe Letzel. Dennoch findet sie einen roten Faden. «Fast immer geht es um Probleme mit Autoritäten – und da bieten sich Behörden als Projektionsfläche geradezu an.»

Ein klassisches Männerthema. Die Psychologie bescheinigt den Mädchen Werte wie Kooperation, Teilen und Zuwendung; den Knaben Wettbewerb, Konkurrenz und Gewinn. Pointiert gesagt: Wenn Frauen das Gefühl haben, sie kämen zu kurz, aktivieren sie ihr Netzwerk, Männer gehen auf die Oberen los.

Doch nicht immer sind die Kämpfer für eine bessere Welt laut und aggressiv. Zur stillen Sorte zählt etwa der Landwirt Hans Ulrich Balmer. In seinem abgelegenen Heimet hoch über dem Aargauer Dorf Schöftland hat er in 30 Jahren Arbeit «Die neue Weltordnung» erschaffen und auf 350 Buchseiten festgehalten. Von den 2000 Exemplaren ging kaum ein Dutzend weg. Politiker und Wissenschaftler übergehen ihn. «Ich bin isoliert, blockiert, eingemauert und werde totgeschwiegen», klagt er.

Verzweifelt schaut der alleinstehende Mann zu, «wie entsetzlich chaotisch und extrem verworren unsere Welt ist». Dabei wäre alles so einfach: Der Globus müsste nur in einem Bundesstaat vereint werden – und dann würden Balmers einfach formulierte Menschenrechte in Kraft gesetzt.

Sein Werk vergleicht Hans Ulrich Balmer mit «einfachen Jassregeln, die jeder versteht». Ganz im Gegensatz zur neuen Bundesverfassung. «Diese ist viel zu verworren – da weiss niemand, was er tun und machen soll.» Mit der Gratisbroschüre «Der längste Kampf» will sich Balmer jetzt Gehör verschaffen. «Spannender als ein Kriminalroman!», steht auf dem Deckblatt. Und: «Aufschlussreicher als jedes Geheimdokument!»

Die Staatsgewalt tut sich mit den Unbequemen im Land schwer. Sie werden abgewiegelt, vertröstet und ignoriert. Zwar nimmt etwa die Bundesanwaltschaft auch aussichtslose Strafanzeigen ernst. «Sie werden geprüft und höflich beantwortet», sagt Pressesprecher Dominique Reymond. Doch den Amtsstellen bleibt oft nichts anderes übrig, als die Rechtslage zu erklären. Gleiches gilt für die Ombudsstellen der Privatwirtschaft.

Am meisten Mühe hat die Justiz. Die Kraskas, Schultes und andere versierte Beklagte appellieren, rekurrieren und verzögern bis zur Verjährung. «Das war der achte Streich, der neunte folgt wohl sogleich», sagte der Richter am Schluss der letzten Kraska-Verhandlung. Tatsächlich: Die Beschwerde ist schon angemeldet. Und wenn Franz Josef Schulte Wermeling seinen Computer aufstartet, springt automatisch das Ende der Eingabefristen seiner momentan sechs laufenden Verfahren auf den Bildschirm.

20000 Briefe an den Bundesrat
Beliebtes Mittel der hartnäckig um ihr Recht Kämpfenden ist oft auch ein Brief «an den Gesamtbundesrat». Sammelpunkt für «alle Anfragen aus der Öffentlichkeit» ist das Pult von Fridolin Bargetzi. «Ich bin Rechtsanwalt, Psychiater, Pfarrer, Sozialarbeiter, Lehrer und Blitzableiter für den Bundesrat», sagt der Generalist.

In den letzten 15 Jahren hat Bargetzi rund 20000 Briefe beantwortet und 40000 Telefongespräche geführt. Immer wieder auch solche mit Schreihälsen, Stänkerern und Verbitterten. «Die Frustration hat zugenommen, weil sich die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr öffnet», stellt er fest. Fridolin Bargetzi erklärt den Aufbegehrenden das System, zeigt Lösungswege auf – und rät auch schon mal, eine unangenehme Situation zu akzeptieren. Seine Devise: «Immer ganz sachlich bleiben.»

Einfach ist das nicht. So verlangte etwa ein Basler unlängst vom Justiz- und Polizeidepartement zehn Millionen US-Dollar, weil die Behörden «ohne mein Wissen» Geld von seinem Konto abgezweigt hätten. «Die Frist für die Uberweisung und Auszahlung ist 90 Tage», teilte der Mann dem Bundesrat mit. Der Termin verstrich ungenutzt. Zum Glück gingen Briefkopien an Papst Johannes Paul II. und Königin Elisabeth von England.

Veröffentlicht am 10. August 2000