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BundesratsbunkerDas grosse Schweigen im Réduit

Gebaut zum Schutz des Bundesrats im Zweiten Weltkrieg, ist «Kaverne A» heute Réduit für ganz andere Werte. Besser gesichert als damals - und immer noch streng geheim.

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Am 24. Juli 1941 schickt Hans W. Buser per Feldpost einen Brief an den Geniechef der Armee. «Betrifft: Kaverne Amsteg», schreibt Buser, Angehöriger des «Selbst.Zerst.Det.55»: «Im Besitze Ihres Geehrten vom 21.7.41 verdanke ich Ihnen vorab die mir definitiv übertragene Bauleitung zum Ausbau der vorerwähnten Anlage. Mit Ihrem Vorschlag in Bezug auf die Honorierung meiner Arbeiten bin ich einverstanden: die Spesen und Reiseauslagen gehen zu meinen Lasten.»

Buser, im Zivilleben Architekt im bernischen Hindelbank, hatte drei Tage zuvor den Auftrag für ein hoch geheimes Projekt erhalten: «Kaverne A», wie der Bau später nur noch genannt wurde, sollte bei einem Rückzug der Armee ins Réduit der Landesregierung als sicherer Unterschlupf dienen. Die Armee, so wurde General Guisan im Februar 1941 vom Militärdepartement beschieden, «erstellt bombensichere Wohn- und Arbeitsräume im Fels mit den nötigen Installationen (Arbeits-, Wohn- und Schlafräume; Verpflegungsmagazin, Küche, sanitäre Einrichtungen; Räume für Wachmannschaft, Kuriere und Küchenpersonal; Ventilation; Gasschutz; Heizung; Beleuchtung usw.), ferner eine Autogarage für fünf Wagen.»

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Unscheinbar: Eingang zum historischen Teil des Bunkers



Treffpunkt Kirche Amsteg UR, an einem Montag im Sommer 2006. Auf die Minute genau fährt ein silbergrauer Transporter mit verdunkelten Scheiben vor. Eine kurze Begrüssung, ein paar Sätze Smalltalk, dann kommt Dolf Wipfli zum Geschäftlichen: Er kontrolliert Identitätskarten und Presseausweise der Besucher. Später wird er eine vierseitige «Geheimhaltungserklärung» vorlegen. Die Konventionalstrafe bei Missachtung beträgt 50’000 Franken.

Wipflis Geschäft ist die Sicherheit, und ohne Geheimnis gibt es keine Sicherheit. Wipflis Firma, die Swiss Data Safe AG in Amsteg, hat den ausrangierten Bundesratsbunker vor sieben Jahren gekauft und zu einem eigentlichen Datenréduit umgebaut. Gelagert werden digitale Daten, Papiere, Edelmetalle, Edelsteine, Kunst. «Werte», sagt Wipfli lieber: «Wir lagern Werte.» Milliardenschwere Werte, wie die «Neue Luzerner Zeitung» einst schrieb? «Ach was. Es gibt einen Versicherungswert, aber beziffern lässt sich das nicht.» Wipflis Lippen werden schmal bei solchen Antworten. Regel Nummer eins in seinem Job ist, dass man möglichst wenig davon preisgibt.

Das Tor zu Wipflis Reich ist eine diskrete Stahltür am Fuss einer Felswand. Den elektronischen Öffner zur ersten Tür betätigt Wipfli mit einer kaum wahrnehmbaren, scheinbar flüchtigen Handbewegung. Eine kleine Felskammer wartet auf die Eintretenden, die erste Schleuse. Dahinter eine massive Stahltür mit Elektronik. Wipfli stellt sich breitschultrig davor, digitale Piepser ertönen, die Tür geht auf. Noch eine Schleuse, noch eine Tür, noch einmal das Piepsen. Die letzte Tür schliesst sich hinter den Besuchern. Ein langer, steriler Gang mit verschlossenen, elektronisch gesicherten Türen links und rechts.

Die Feinde der Werte
Diskretion gehörte schon während der Bauzeit dazu bei «Kaverne A»: Sogar Lieferanten wurden über den genauen Standort im Unklaren gelassen: «Wir bitten um gefl. Zustellung eines Transportgutscheines und Bekanntgabe der genauen Adresse, an welche der Versand des Materials für obige Anlage erfolgen soll», schrieb die Carba Aktiengesellschaft am 6. Januar 1942 an das «Bureau für Befestigungsbauten». Selbst in dessen umfangreichen Akten im Bundesarchiv findet sich kein Hinweis auf den genauen Standort.

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Noch unscheinbarer: Eingang zum neuen Lager für Werte aller Art



Swiss-Data-Safe-Chef Dolf Wipfli solls recht sein. Auf einen Journalisten, der in einem historischen Artikel über besagten Bundesratsbunker einmal nebenbei den Ort, Wipflis Namen und die Geschäftsidee erwähnte, ist der Unternehmensgründer noch heute schlecht zu sprechen. In der Firmenphilosophie gibt es wenig Platz für Gäste, der Schutz der anvertrauten Werte geht über alles. Potenzielle Kunden trifft man für einen ersten Kontakt an einem neutralen Ort. Erst wenn sich ein Abschluss abzeichnet, lädt Wipfli zum Besuch in den aufwändig ausgebauten Hightechbunker ein.

Die Feinde der Werte, die heute im Bunker «Kaverne A» geschützt werden, zählt Wipfli schnell und routiniert auf: «Einbruch, Zerstörung, Terrorattacken, Diebstahl, Umweltereignisse.» Und die Mittel dagegen: «Maximale Sicherheit, Diskretion, Service.»

Die Idee mit dem Hochsicherheitsspeicher im Gotthardmassiv hatte Elektroingenieur Wipfli schon 1995, als er vom Verkauf der Festungsanlagen hörte. Der Urner war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und der Einzige, der sich ernsthaft für den geschichtsträchtigen Bunker interessierte. Nach vier Jahren Verhandeln über Zonenplanänderungen, Umnutzung und Baubewilligungen war Wipfli Besitzer des sichersten Ortes der Schweiz. Und eines Unikums: Für den Tresor im Berg wurde eigens eine «unterirdische Gewerbesonderzone» kreiert.

Lager für Daten von Grossunternehmen
Dolf Wipfli bittet ins Sitzungszimmer, Marketingchef René Meier gesellt sich zur Runde. Ein grosser Fernseher steht in einer Ecke, ein Beamer auf dem Tisch. An der Wand hängen eine Hellebarde und ein Bild vom Rütlischwur. Es ist der perfekte Moment, um einen Journalisten mit einer Präsentation über die Firma einzudecken. Wipfli denkt nicht daran. «Hochsicherheit und Imagewerbung sind schwer zu vereinbaren», sagt Meier schliesslich.

Firmenzahlen? Ein Geschäftsgeheimnis. Die investierte Summe für Kauf und Ausbau? Im ersten Handelsregistereintrag der Swiss Data Safe steht, die Firma beabsichtige, das Grundstück «zu einem Maximalpreis von insgesamt 1’000’000 Franken zu übernehmen». Der Rest ist Schweigen. Anzahl Mitarbeiter? «Vier bis sechs, manchmal bis zwölf, je nach Projekt.» Grösse der Anlage? «Alles, was wir an Zahlen kommunizieren, könnte die Sicherheit gefährden.» Kunden? Über sie sprechen Wipfli und Meier höchstens indirekt: Vorschriften wie die Geschäftsbücherverordnung, der Sarbanes-Oxley Act, Basel II oder Produktehaftpflichtvorschriften verpflichteten Unternehmen, ihre Daten über längere Zeit sicher zu lagern, sagt Meier.

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Steril und gesichert: Hier geht es zum Tresor im Berg.



Die Besucher folgern: Die Kunden müssen Grossunternehmen sein, börsenkotierte Firmen, Banken, Pharmaunternehmen, Anwaltskanzleien. Wipfli schweigt und erzählt dann immerhin von Gemälden, einem Papierarchiv mit 20’000 Boxen, Edelmetallen und Edelsteinen, die alle in den vollklimatisierten Katakomben des Gotthardmassivs lagerten. Entgegengenommen werden nur identifizierte «Werte»: «Wir lagern keine Blackboxes ein», beteuert Wipfli und erzählt von der Selbstregulierungsorganisation im Sinn des Geldwäschereigesetzes, der sein Unternehmen angeschlossen ist.

Die Nationalbank war nicht begeistert
Jeder Kunde hat einen Raum, je nach Bedürfnis grösser oder kleiner, «und wir kennen jeden Kunden persönlich». Kundenräume sind tabu. Absolut. Im Datenréduit zu besichtigen sind: der Gang mit den verschlossenen Türen, ein Raum mit drei Servern drin. Dabei handle es sich, versichert Wipfli ungefragt, selbstverständlich um firmeneigene Rechner: «Aber unsere Kundenräume sehen genau gleich aus.»

Nicht zu besichtigen ist auch der Tresorraum, wo einst die Nationalbank im Kriegsfall einen Teil ihres Vermögens zu lagern beabsichtigte. Bei der ersten Begehung am 11. Juni 1942 war Nationalbank-Hauptkassier Erich Blumer jedoch alles andere als begeistert: «Dabei musste ich feststellen, dass in fragl. Lokal z.Z. noch eine Luftfeuchtigkeit von über 80 % besteht, was natürlich zur Einlagerung von Papiergeld viel zu hoch ist», monierte er in einem Brief an den «Herrn Major i/Gst. H. Bracher»: «Im weiteren fand ich den Abschluss zu fragl. Tresor mittelst der vorhandenen Holztüren und Wände doch etwas schwach.»

Zurück durch den langen weissen Gang, vorbei an Videokameras, retour durch vier Türen und drei Schleusen, wieder ins Auto mit den verdunkelten Scheiben. Nach kurzer Fahrt tut sich im Fels eine unscheinbare Tür auf, und Wipfli lenkt den Wagen hinein. Innen öffnet sich eine grosse Kaverne. Der Mann, der das Tor geöffnet hat, verschwindet irgendwo im Dunkeln. Wir stehen am Eingang des historischen Teils des Bunkers. Die beiden Teile seien zwar verbunden, aber «sicherheitstechnisch getrennt», sagt Wipfli.

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Haus im Berg: Die Bundesräte liessen sich keine luxuriöse Bleibe in den Fels sprengen.



Ein langer, dunkler Gang. Er wäre die Verbindung zur Aussenwelt gewesen, hätte sich der Bundesrat tatsächlich ins Réduit zurückziehen müssen. Es tropft von den Wänden, die Temperatur hier drin beträgt sommers wie winters 14 Grad. Wipfli öffnet eine dicke Stahltür. Dahinter erhebt sich ein Haus mitten im Berg. Drinnen wieder ein Gang mit Türen, diesmal mit Holz ausgekleidet. Wipfli führt durch die Gänge, eine Treppe hoch, vorbei an uralten Feuerlöschern und Schildern, die zu Notausgängen und Toiletten führen. Der Firmenchef öffnet Türen, lässt Blicke zu in unverdächtige Räume: Schlafzimmer, Sitzungszimmer, Küche, Speisesaal.

Kein Platz für Aktivdienstnostalgie
Es ist keine luxuriöse Bleibe, die sich die sieben Herren Bundesräte in den Fels sprengen liessen. Simples Arventäfer, Holzstühle, einfache Betten, drei Duschen, die für die bis 40 Personen im Bunker hätten reichen müssen. Dabei hatte man nach einem ersten Kostenvoranschlag des Geniechefs der Armee über 900’000 Franken gar Kredite über 1,23 Millionen gesprochen. Gekostet hatte die Anlage schliesslich 1,37 Millionen Franken.

Regiert wurde vom Bundesratsbunker aus nie. Ein einziges Mal traf sich die Landesregierung in ihrem Kriegsunterstand zu einem Mittagessen, am 10. November 1945, ein halbes Jahr nach Kriegsende. Im damaligen Speisezimmer hängen Replikate von Hodler-Bildern an einer Wand, an einer anderen eine Art Patronengurt mit kleinen Flaschen: «Underberg nach gutem Essen», steht darauf. In einer Ecke steht ein schmuckloses Stehpult neueren Datums, in der Küche wuchert ein künstlicher Farn in einem grossen Kochkessel. Am Abwaschtrog steht eine Flasche «Handy», eine Tüte Pommes Chips zeugt von Apéros mit Kunden.

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Eine «unterirdische Gewerbesonderzone».



Für Aktivdienstnostalgie gibt es im Geschäftsmodell von Swiss Data Safe keinen Platz. Die getäferte Regierungsfestung ist ein willkommenes zusätzliches Verkaufsargument, ein idealer Ort, um mit Kunden im lockeren Rahmen über abgeschlossene oder bevorstehende Geschäfte zu sprechen. Mehr nicht, noch nicht. Firmenchef Wipfli spricht von «mehreren tausend Quadratmetern Platz», die allein im historischen Bereich der Anlage noch brachliegen. Und auch im arvengetäferten Teil von «Kaverne A» gibt es bereits Türen, die Dolf Wipfli für Besucher nicht mehr öffnet.

Veröffentlicht am 11. August 2006