Wenn am 28. Oktober an der Basler Herbstmesse die Chilbibahnen zu rattern beginnen, werden Violetta und Peter Hablützel Däumchen drehen - obwohl die Basler Familie «das grösste fahrbare Riesenrad der Welt» besitzt: 60 Meter hoch und 450 Tonnen schwer, 27 Bahnwagen sind für den Transport nötig. Den Verantwortlichen der Basler Messe scheint dies keinen Eindruck zu machen: Sie zogen einen Konkurrenten aus München vor, dessen Rad nur 49 Meter misst.

Nun bleibt die Hablützel-Attraktion im Depot, und bei der Schaustellerfamilie ist Feuer im Dach. «Eine absolute Sauerei», sagt Violetta Hablützel, «ob Korruption dahintersteckt? Wir sind Basler Steuerzahler und haben das beste Angebot.» Sie reichte beim Verwaltungsgericht Klage wegen Willkür ein - das Urteil steht noch aus.

Beschwerden gehören zu grösseren Chilbis wie der Senf zur Bratwurst. Als im September in Zürich das Knabenschiessen über die Bühne ging, munkelten Schausteller von überrissenen Platzgeldern, einem überfüllten Festareal und einem «vergifteten Klima». Noch schriller waren die Töne im Juni beim Albanifest in Winterthur: Budenbetreiber reichten beim Stadtrat gegen die angeblich ungerechte Vergabepraxis eine Beschwerde ein, die noch hängig ist. Andere verfassten Traktate unter falschem Namen und beschuldigten Berufskollegen unsauberer Geschäfte. Vor vier Jahren musste gar das Bundesgericht entscheiden, weil sich ein Riesenradbetreiber benachteiligt fühlte.

Um zu verstehen, warum im Vorfeld der Chilbis die Emotionen hochschiessen wie der Ball beim «Hau den Lukas», lohnt sich ein Gespräch mit Charles Senn, Präsident der Vereinigten Schausteller-Verbände der Schweiz (VSVS). An diesem Oktobersamstag schaut er frühmorgens in Aarau nach seiner Go-Kart-Bahn; am Nachmittag wird er in Birsfelden BL sein zweites Geschäft in Betrieb nehmen, das Karussell «Swing up». Er sagt: «Die Umsätze sind in den letzten Jahren in den Keller gerasselt.» Die Leute steckten wegen der Rezession weniger Geld ins Vergnügen. Umgekehrt kämen dank freiem Personenverkehr immer mehr Anbieter aus Deutschland und Österreich. Zudem stiegen die Kosten für Strom, Fahrzeugkontrollen, Löhne, Sozialleistungen. So resultiere ein «enormer Verdrängungskampf», sagt Senn. «Der Kuchen wird nicht grösser, aber es wollen immer mehr Leute ein Stück davon.»

Ein Multimillionengeschäft



In der Schweiz gibt es rund 400 Schaustellerfirmen, meist Familienbetriebe in zweiter oder dritter Generation. Die Investitionen sind enorm: Ein Karussell kostet rasch einmal eine Million Franken, Topgeräte gar zweistellige Millionenbeträge. Die meisten Anbieter besitzen mehrere Buden, so dass sie praktisch jedes Wochenende im Einsatz sein könnten. Doch gute Standplätze gibt es nicht umsonst: Beim Zürcher Knabenschiessen müssen für Grossbahnen 12'000 Franken und mehr hingeblättert werden. Wobei, und das ist in der Branche eisernes Gesetz, niemand exakte Zahlen präsentiert - weder Schausteller noch Platzmeister.

«Über Gebühren können wir leider keine Auskunft geben», sagt Rolf Siegenthaler, Sprecher des Knabenschiessens. Die dreitägige Chilbi lockt rund 330'000 Besucher an, die je etwa 50 Franken liegen lassen. Das ergibt die hübsche Summe von 16,5 Millionen Franken, hinzu kommt das Platzgeld der 300 Chilbistände, davon 55 grosse Fahrgeschäfte. Unter dem Strich klingelts tüchtig in der Vereinskasse der Schützengesellschaft, die jedoch, so Siegenthaler, «nur dem Steueramt Rechenschaft ablegen muss». Die Herbstmesse Basel setzt noch einen drauf: Sie dauert zwei Wochen, zählt eine Million Besucher und erzielt einen Umsatz von gegen 50 Millionen Franken - legt aber ebenfalls keine Zahlen offen.

Die Schausteller raufen sich um die Teilnahme an den Highlights der Saison: Knabenschiessen, Albani, Basel, St.Gallen. Wer dort einen guten Platz ergattert, geht mit voller Brieftasche in die Winterpause. Anderseits will jeder Platzchef «die tollsten Attraktionen haben», so Rolf Siegenthaler, denn ums Publikum müsse hart gebuhlt werden: «Schneller, höher, weiter ist das Motto - die Schweizer Chilbis müssen mit einem Europapark Rust oder einem Disneyland Paris Schritt halten.»

Gemeinsam kämpfen mag man nicht



Bissiger Futterneid ist das Resultat. Das Zwerggewerbe kennt gleich vier offizielle Berufsverbände: Neben dem VSVS von Charles Senn mit etwa 150 Aktivmitgliedern gibt es den SVS (Schaustellerverband Schweiz) mit knapp 90 Genossen, den SSV (Schweizerischer Schaustellerverein) mit 40 und die AFSR (Association Foraine Suisse Romande) mit 60 Mitgliedern.

Besuch bei Peter Howald, dem Präsidenten des SVS. Am Knabenschiessen hat er einen Wagen mit Wurfspielen und Imbissbuden aufgestellt, doch lieber als übers eigene Geschäft («Keine Zahlen!») spricht er übers Gewerbe im Allgemeinen. Dass die Schaustellerei ein altes Kulturgut sei, das man bewahren müsse; dass ein Fest wie das Knabenschiessen ohne Buden niemals so viele Leute anlocken würde. Diese Leistung werde kaum honoriert. Es tönt ähnlich wie bei den Bauern, die oft über ihren Beruf jammern und doch stolz darauf sind. Aber im Unterschied zu den Landwirten haben die Schausteller keine schlagkräftige Vertretung, sondern sie sind ein Haufen missgünstiger Einzelkämpfer. «Sie mögen sich untereinander nicht einmal das Kopfweh gönnen», bedauert Howald.

Das Beispiel des abgelehnten Basler Riesenrads illustriert die Problematik: Obwohl Violetta Hablützel Mitglied ist im VSVS, wird sich Präsident Senn eine Reklamation verkneifen - sein eigener «Swing up» steht ja auch auf dem Messeplatz und sollte nächstes Jahr wieder zum Zug kommen. Gleiches gilt für Peter Howald vom SVS, der auf jeder grösseren Chilbi tanzt und gern mit mehreren Buden präsent ist.

«So werden die Berufsverbände mundtot gemacht», bedauert Urs Walser, ein Basler Karussellbetreiber, der sich mit seinem «konkurrenzlosen Produkt» erfolglos um einen Platz an der Herbstmesse bemüht. Obwohl SVS-Mitglied, werde er vom Verband «im Regen stehen gelassen», zudem seien dieses Jahr 13 ausländische Geschäfte in Basel. Vor zwei Jahren hat er 20000 Franken für Anwälte investiert und gegen das Njet der Messebehörde rekurriert - umsonst. «Die Schaustellerverbände werden so eingespannt, dass jeder nur noch an sich und an die nächste Chilbi denkt», sagt Walser. «Und wenn einer dem Platzchef nicht passt, hat er keine Chance. Das ist reine Willkür. Und ich behaupte sogar, da ist auch Korruption im Spiel.»

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Korruption lässt sich nicht beweisen



Ein happiger Vorwurf, den man öfters hört. Schwarz auf weiss äusserte ihn Gemeinderat und Schausteller Peter Fuchs (SVP), der 2004 in einer Interpellation vom Winterthurer Stadtrat Auskunft verlangte über die Vergabepraxis am Albanifest. Fuchs warnte vor dem «uneingeschränkt herrschenden Komitee», das «mit einzelnen Schaustellern in gefährlicher Weise verfilzt» sei. Um die Gunst der Platzbetreiber zu erlangen, sei den Anbietern alles recht: «Einladungen, Geschenke, Reisen, Ausflüge.» Der Zürcher Unternehmer Peter Baer, Initiant eines unabhängigen Branchenmagazins, präzisiert: «Einzelne Schausteller stehen so hoch in der Gunst einiger Platzmeister, dass sie auf demselben Platz mehrere Geschäfte und Stände bewilligt erhalten, während andere leer ausgehen.»

Und Schmiergeld? Kein Veranstalter könne sich so etwas leisten, sagen die Organisatoren von Knabenschiessen, Albanifest, Basler Messe und St.Galler Herbstmesse übereinstimmend - würde ein solcher Fall auffliegen, wäre ein fehlbarer Platzmeister sofort weg vom Fenster. Auch die Schausteller halten sich bedeckt, denn niemand will es sich mit den Behörden verscherzen. Und auch nicht mit den eigenen Kollegen, denn manche davon amten im Auftrag einer Gemeinde als Generalunternehmer. Diese entscheiden, welche anderen Chilbifahrer sie auf den Platz holen. «Und das funktioniert halt nach dem Prinzip ‹Gibst du mir, so geb ich dir›», sagt VSVS-Präsident Senn seufzend.

Resultat ist ein Ellbögeln um die guten Plätze. Ein Augenschein beim Knabenschiessen zeigt, dass jeder Schausteller seine Anlage auf Hochglanz pützelt, wenn der Platzmeister naht. Logos, Fähnchen, Visitenkarten helfen, Eindruck zu schinden.

Die Geschäftsprüfungskommission des Grossen Rats Basel nahm 2004 die Platzvergabe für Weihnachtsmarkt und Herbstmesse unter die Lupe und kam zum Schluss, dass der Ermessensspielraum gross sei und «sowohl subjektive als auch objektive Vergabekriterien» eine Rolle spielten. Die Kommission kritisierte die Kommunikation des zuständigen Stellenleiters. Es mangle an klaren Konzepten betreffend Auswahl und Rotation der Anbieter, an transparenten Abrechnungen und an einer Feedbackkultur. Im Klartext: «Es führen auch andere als nur fachliche Kriterien zu einer Absage.» Also doch Filz und Vetternwirtschaft? André Auderset, Sprecher des Sicherheitsdepartements, verneint: «Persönliche Beziehungen spielen keine Rolle, es zählt nur die Attraktivität eines Geschäfts.» Der Stellenleiter selbst, Beat Wüthrich von der Abteilung Messen und Märkte, gibt keine Auskunft.

Dafür reden sich die Schaustellerfunktionäre umso heftiger ins Feuer, wenn man sie fragt, ob nicht ein Zusammenschluss der vier Verbände zu einem einzigen Organ angezeigt wäre. «Von unserer Seite her schon», meint Charles Senn vom VSVS, aber der SVS sei leider nicht bereit dazu. «Das sind alte Familienmachtspiele», kontert Peter Howald vom SVS, der VSVS sei leider gegen eine Kooperation. Und während der Berner SSV «lieber heute als morgen» eine Fusion möchte, erklärt die AFSR, eine Union sei «impossible». Einen Strick zu finden, an dem alle Schausteller gemeinsam ziehen könnten, scheint schwieriger zu sein, als ein 450-Tonnen-Riesenrad zur nächsten Chilbi zu zügeln.

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