Annemarie Jung drückt Claudia Mattig die Hand. «Ich weiss», sagt sie, «es ist eine schwierige Zeit. Für Sie und Ihre Familie – aber eigentlich für uns alle.» Die Gemeindepräsidentin von Winkel ZH und die Swissair-Pilotin sitzen im Restaurant des Gemeindezentrums, das vor ein paar Jahren erbaut wurde. Das Gebäude dient primär einem Zweck: die Bevölkerung näher zusammenzubringen.

Es ist augenfällig: Neben ein paar älteren Häusern im Fachwerkstil besteht die Gemeinde Winkel vor allem aus Überbauungen und Einfamilienhäusern neueren Datums. Manche so neu, dass noch nicht einmal das Gras vor dem Haus wachsen konnte. Zählte das Dorf zwischen Bülach und Kloten in den fünfziger Jahren gerade mal 500 Seelen, stieg die Einwohnerzahl in den letzten Jahren auf 3400. Doch künftig wird im Dorf wohl nicht mehr so viel gebaut werden wie auch schon.

Der Swissair-Crash hat grossen Einfluss auf die Stimmung in der Gemeinde: Mehr als 200 Swissair-Angestellte sind in Winkel zu Hause, bezahlen hier ihre zum Teil beträchtlichen Steuern – und bangen derzeit um ihr Salär.

An der Sitzung ein paar Tage nach dem schwarzen Dienstag, an dem in Kloten alle Swissair-Flugzeuge auf dem Boden blieben, wurden im Gemeinderat besorgte Töne angeschlagen. Die Gemeindeväter hatten aufgrund der guten Finanzlage bereits daran gedacht, den eh schon tiefen Steuerfuss von 82 auf 80 Prozent zu senken. Nun aber fragten sich die Behördenmitglieder besorgt, ob man sich das denn wirklich leisten könne.

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Doch dem Gemeinderat ergeht es bei solchen Diskussionen gleich wie Claudia Mattig: Die Zukunft zu planen, bevor klar ist, wie es mit der Schweizer Luftfahrt wirklich weitergeht, ist gar nicht möglich.

Claudia Mattig vernahm die Hiobsbotschaft aus dem Radio. Ihr Mann, ebenfalls Pilot, war soeben von einem Flug aus den USA zurückgekehrt, als verkündet wurde, die Swissair habe Schulden in Milliardenhöhe. Mehr noch: Die Airline sei dermassen angeschlagen, dass das Geld nicht mal mehr fürs Kerosin reiche.

«Ich bin erschüttert», sagt Claudia Mattig. «Erschüttert über die gewaltigen Fehler, die die Geschäftsleitung machte – und das offenbar nicht erst seit gestern.» Klar, fügt die 35-jährige Pilotin an, Fehler passierten überall. «Aber dazu gibts doch einen Verwaltungsrat: um Fehler zu bemerken, bevor es zu spät ist!»

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«Es ist unfassbar», pflichtet Annemarie Jung bei. Obwohl – wirklich überrascht gewesen sei sie nicht. Als jahrelange Finanzvorsteherin von Winkel interessierte sie sich stets auch für die finanzielle Lage des grössten Arbeitgebers der Region. «Als vor einem Jahr ein Bankanalyst auf die grossen Probleme der Swissair hinwies und kurz darauf geschasst wurde, klingelten bei mir die Alarmglocken.»

Und dann der 11. September. Als nach den Terrorwellen in New York und in Washington alle Flüge in die USA gestrichen wurden, da habe sie bereits geahnt, dass das geschwächte Unternehmen nun erst recht ins Schlingern geraten könnte.

Als Tage später der Absturz der Swissair bekannt gegeben wurde, liess die Gemeindepräsidentin sofort abklären, wie weit der Zusammenbruch auf ihr Dorf Einfluss haben könnte – und atmete leicht auf, nachdem sie die aktuellsten Zahlen der in Winkel wohnhaften Swissair-Angestellten sah: 12,5 Prozent der Erwerbstätigen – weniger, als die Politikerin befürchtet hatte.

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Annemarie Jung wurde vor 15 Jahren als Gemeinderätin gewählt. Damals verdiente in Winkel jeder vierte Arbeitnehmer sein Geld auf dem nahen Flughafen. Nicht zuletzt wegen des tiefen Steuerfusses zogen in den letzten Jahren aber immer mehr Leute aus anderen Branchen zu. Heute ist hier noch jeder achte Angestellte von der Swissair abhängig.

«Ausserdem heisst es ja noch nicht, dass alle diese Angestellten arbeitslos werden», sagt Annemarie Jung. Sie hofft, dass möglichst viele der betroffenen Mechaniker, Elektriker und Chauffeure anderswo unterkommen werden. Und für Stewardessen und Stewards gebe es Möglichkeiten in der Gastronomie. «Enorm schwierig wirds hingegen für Ihre Berufsgruppe», sagt die Dorfpolitikerin zu Claudia Mattig. In einer Zeit, wo auch viele ausländische Airlines

ihre Flotten reduzieren, werde es für Pilotinnen und Piloten generell eng. «Und in der Schweiz gibts ja ausser bei der Crossair kaum noch Möglichkeiten.»

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Kann sich Claudia Mattig denn vorstellen, künftig für die Crossair zu fliegen? Die junge Pilotin nestelt an den goldenen Knöpfen ihrer blauen Uniform herum. Pause. Dann schüttelt sie den Kopf: «Bestimmt nicht für die heutige Crossair.» Diese Unternehmenskultur sei komplett anders als jene der Swissair. «Das wäre ungefähr so, wie wenn ich von einer nationalen Tageszeitung zu einem Regionalblatt wechseln würde.»

Etliche Swissair-Angestellte suchten in den vergangenen Tagen am Gemeindeschalter von Winkel Rat: «Wie muss ich vorgehen, wenn ich die Kündigung kriege?» – «Wie lange kann ich stempeln gehen?» – «Können Sie uns bei den Steuern entgegenkommen, wenn unsere Stellen gekündigt werden?» So oder ähnlich lauteten die bangen Fragen.

Existenzängste spürt Claudia Mattig keine. «Wozu denn auch?», fragt sie. «Erstens würde das nichts bringen, und zweitens sind mein Mann und ich ja beide noch jung. Wir können auch anderswo Arbeit finden. Doch wenn wir uns jetzt gerade irgendwo ein Haus gekauft und finanziell verschuldet hätten, wäre unsere Situation natürlich anders.»

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Dafür, dass sie in drei Monaten ihr erstes Kind bekommt, wirkt Claudia Mattig erstaunlich ruhig und gefasst. «Kann schon sein», schmunzelt die junge Pilotin. Vielleicht habe sie das in ihrem Beruf ja auch gelernt. «Wir machen alle sechs Monate ein Simulationstraining für heikle Situationen in der Luft. Dort werden wir komplett durchgeschüttelt und müssen trotzdem ruhig Blut bewahren, um das Beste aus der Situation zu machen.» Hier sei es irgendwie gleich: «Die entsprechenden Stellen sind am Arbeiten. Die Sache läuft. Im Moment kann ich gar nicht mehr tun, als zu warten.»

Könnte sich Claudia Mattig mit dem Gedanken anfreunden, ihre Pilotinnenuniform wieder gegen die weisse Schürze zu tauschen, die sie früher einmal als Zahnärztin trug? Die Swissair-Frau zuckt die Schultern und schiebt mit einem leisen Seufzen das Glas Mineralwasser beiseite. Die Arbeit in der Zahnarztpraxis habe ihr zwar sehr gefallen. «Aber meine wirkliche Passion ist und bleibt die Fliegerei.»

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