«Unmöglich, das konnte gar nicht schiefgehen», sagt Peter Hug*, «absolut unmöglich.» Der 54-jährige Berner sitzt an einem Bistrotisch in einem italienischen Lokal in Biel, fleischige Hände, das Hemd weit aufgeknöpft, die Stimme rau. Er redet schnell. Bevor die Frage fertig gestellt ist, fällt er ins Wort: «Das war schlicht genial organisiert.»

Hug gehörte zum innersten Schweizer Zirkel einer international operierenden Drogenschmugglerbande. Er erzählt in ­einer Mischung von Reue und Stolz. Reue, bei so etwas mitgemacht zu haben, «wofür es keine Ausrede gibt». Stolz, weil das System funktioniert hat. Dreimal organisierte er den Import von 19 Tonnen Bananen – in diesen Lieferungen versteckt waren ins­gesamt mehrere hundert Kilo Kokain. Doch es funktionierte eben doch nicht alles perfekt. Daraus wurde der wohl grösste Fall von Drogenschmuggel, der je in der Schweiz aufgeklärt wurde.

Das Ausmass dieses Falls ist immens, wie die Recherchen und die systematische Auswertung der Gerichtsunterlagen durch den Beobachter belegen. Allein in der Schweiz liefen in vier Kantonen Strafverfahren, dazu ermittelte die Bundesanwaltschaft gegen den mutmasslichen Kopf der Bande – einen Kolumbianer, der sich «Dottore» nennt, sowie gegen einen seiner Handlanger. Die beiden wurden 2010 an die Schweiz ausgeliefert, wie die Bundesanwaltschaft bestätigt. Jetzt warten sie in Haft auf ihren Prozess. Noch sind nicht alle Beteiligten rechtskräftig verurteilt, verschiedene involvierte Personen sind zwar geständig, haben ihre Urteile aber vor Bundesgericht angefochten.

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Aufgeflogen sei der Deal «nur wegen der Dummheit der anderen», verteidigt sich Hug, der den abgebrühten Geschäftsmann mimt. Den kapitalen Fehler habe ein Komplize begangen, der zweimal 20 Tonnen grüne Bananen in einer Ostschweizer Kompostieranlage entsorgte. Was Hug und die Bande nicht wussten: Zu diesem Zeitpunkt ermittelten Mailänder Staatsanwälte bereits seit Monaten gegen die Bananenimporteure. Zu ersten Verhaftungen war es 2006 im Tessin gekommen, der Kern der Gruppe in der Deutschschweiz wurde 2008 geschnappt. Der Dottore ging der Polizei aber erst letztes Jahr in Spanien ins Netz.

Schweizer Ausläufer des Drogenkartells

Der Dottore, der auch unter dem Namen «Mustafa» auftrat, ist ein hochrangiges Mitglied des kolumbianischen Drogenkartells Cartel de la Costa Atlántica. Mit grosser Wahrscheinlichkeit arbeitete er für den Drogenboss Carlos Alberto «Capeto» Nasser vom mächtigen Nasser-Arana-Clan. Capeto ist einer der letzten kolumbianischen Kokainbarone der alten Garde, die noch auf ­freiem Fuss sind. Der Dottore war in Ca­petos Kartell mutmasslich für das ­Europageschäft und damit auch für die ­Exporte in die Schweiz verantwortlich.

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Innerhalb von weniger als zwei Jahren schleuste er total rund 650 Kilo Kokain aus Kolumbien in die Schweiz, teils mit einem Reinheitsgrad von fast 90 Prozent. Einen Teil leitete er nach Ita­lien weiter, mit dem Rest versorgte er die Kokainszenen in Bern, Zürich und St. Gallen.

Peter Hug hatte im System des Dottore eine Schlüsselposition inne. Ohne sich die Hände schmutzig machen zu müssen. Er brachte die für den Bananenimport entscheidende Firma ins Spiel. Nur dank seinen Diensten konnten die Drogen überhaupt in die Schweiz eingeführt werden. Hug und seine Firma waren an drei von vier Grosslieferungen beteiligt, die die Polizei der Bande nachgewiesen hat. Dafür kassierte er vom Zürcher Obergericht acht Jahre Gefängnis. «Viel zu viel», meint er und kämpft nun vor Bundesgericht um ­eine geringere Strafe.

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Kokain ist neben Cannabis die beliebteste ­illegale Droge in der Schweiz. Geschnupft, ist es die Lifestyledroge der Partyszene (siehe Porträt «Die Party ist vorbei»), gespritzt mit Heroin, ist es eine Droge des Elends. Die grosse Nachfrage zieht Schmuggler aus Mittel- und Südamerika sowie aus Schwarzafrika an wie ein Magnet. Woche für Woche verhaftet die Polizei auf den Flughäfen Zürich und Genf sogenannte Bodypacker (siehe «Bodypacker: Verschluckt, verschoben, verteilt»). Doch diese Einzelpersonen sind nur ein Aspekt. Der als Bananenimport getarnte Schmuggel ­offenbart: Auch in der Schweiz gibt es ­einen florierenden Kokain-Grosshandel.

Die Ermittlungen zeigen: Hinter dem Dottore und seinen Bananenimporten steckt eine straff geführte international ­tätige Organisation – dirigiert aus der Zen­trale des kolumbianischen Atlantikküsten-Kartells. Jedes Bandenmitglied hatte eine eng umrissene Funktion: Administration, Logistik, Transport, Verteilzentrum, Kurierdienste, Detailhandel, Geldbotengänge, Bankverbindungen. Der Beobachter stiess bei der Rekonstruktion der Organisation auf mindestens 23 Beteiligte, darunter mehrere Schweizer, Italiener sowie Per­sonen aus Kolumbien, Ecuador und der Dominikanischen Republik.

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Gut versteckt in der Bananenkiste

Der Dottore, angeblich ein Oberst der kolumbianischen Armee, hatte ein simples Rezept: Er hielt das handelsübliche Gewicht der Bananenschachteln trotz dem zusätzlich verpackten Kokain peinlich genau ein. Seine Arbeit begann bereits auf den Plantagen der Bananenfarmen in Nordkolumbien. Die Erntearbeiter der Kooperative Coopebam waren vermutlich so in­struiert, dass sie in jede Schachtel eine Banane weniger einpackten als üblich.

Das Kokain wurde in 80 bis 110 Gramm schweren Platten in Plastik eingeschweisst. Ob die Bananenpflücker es auch in den Schachteln versteckten – ein Päckchen in jedem der zwei gefalteten Kartonstreifen im Boden –, ist nicht aktenkundig. Für die 19,2 Tonnen schweren Bananenlieferungen waren insgesamt 960 Schachteln nötig, total versteckte die Bande in jedem der 1920 Querstreifen einen Beutel Kokain. Mit dieser Tarnung gelangten ab Frühling 2004 in vier Lieferungen jeweils zwischen 150 und 211 Kilo Kokain in die Schweiz.

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Auf jeweils 22 Paletten geladen, wurde die Fracht in der kolumbianischen Hafenstadt Santa Marta verschifft. Die weltweit tätige Reederei Seatrade brachte die Bananen-Kokain-Lieferungen nach Seebrügge in Belgien – ein Bananentransport unter vielen. Dort nahm ein bekannter Schweizer Transportunternehmer die Ware in Empfang und fuhr sie per Lastwagen ins Zollfreilager Embrach ZH. Dort hatte Peter Hug 110 Quadratmeter Lagerfläche für 1680 Franken pro Monat angemietet.

Die Banken stellten keine Fragen

Als offiziellen Mieter schob der Berner die inaktive Firma eines befreundeten Immobilientreuhänders aus Biel vor. Ihn kannte Hug aus gemeinsamen früheren Immobi­liengeschäften. Der inzwischen verstor­bene Treuhänder hatte im Kanton Bern ­einen guten Ruf, engagierte sich auch in der lokalen Branchenorganisation. Ein ­idealer Strohmann.

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Hugs schwierigste Aufgabe war es, eine Bank zu finden, die die Erlöse aus dem ­Bananen-Kokain-Geschäft entgegennahm. Doch auch das gestaltete sich überraschend einfach: Hug nahm zu den Gesprächen bei den Banken jeweils den befreundeten Treuhänder mit, der dort bestens be­kannt war. Die beiden stiessen auf ­vertrauensselige Bankangestellte. Keiner fragte, weshalb der «Geschäftsführer» Hug nicht im Handelsregister eingetragen war.

Hätte sich jemand für sein Vorleben ­interessiert, hätten die Banken ihn wohl kaum als Geschäftspartner für ein Kolumbiengeschäft akzeptiert: Hug, ursprünglich Kondukteur, später selbständiger Immobilienhändler, hatte sich in der Immobilienkrise in den achtziger und neunziger Jahren bös verrannt. Von seinem geschäft­lichen Engagement blieben Schuldscheine in der Höhe von 55 Millionen Franken übrig. Zudem war er wegen eines Konkurs­delikts vorbestraft und bezog zeitweise Sozial­hilfe.

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Die Banken wollten nur eines sehen: Belege. Und die lieferte ihnen Peter Hug. Die Geldinstitute schöpften nicht einmal Verdacht, als Hug mit Bündeln von Bargeld aufkreuzte. Geld, das ihm Gesandte des Dottore in Cash in die Hand gedrückt ­hatten. In diesen Fällen fingierte Hug die Belege, auch das bemerkte niemand. Die Bananen hatte er auf dem Engros-Markt in Zürich an ahnungslose nationale Gemüse- und Früchtehändler wie Steffen-Ris AG in Utzenstorf oder Jehle AG in Zürich verkauft. Alles auf den ersten Blick unverdächtig.

Hug hatte damit seine Aufgabe erfüllt. Alles andere erledigten andere. Die Bananen in Kolumbien bestellte die Spanisch sprechende – nicht in den Drogenhandel eingeweihte – Sekretärin des Immobilientreuhänders. Den Mietvertrag für das Lager in Embrach unterschrieb der Treuhänder ­selber. Die Transportkette glich einem ­Dominospiel. War der erste Stein angestos­sen, lief alles andere wie von selbst. Jedes Glied der Transportkette avisierte von sich aus das nächste. Diese administrative Betreuung des Imports brachte Hug 100'000 Franken ein – pro Lieferung.

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Am 15. Mai 2004 erreichten auf diesem Weg 150 Kilo Kokain Embrach, am 13. Dezember 153,6 Kilo, 2005 am 5. September 156,8 Kilo, am 28. November sogar 211,2 Kilo. So steht es in den Unterlagen der Staatsanwaltschaften von St. Gallen und Zürich. Bei der ersten Lieferung wickelte noch Hugs Vorgänger den Import ab, der inzwischen ebenfalls verurteilt wurde.

Viel Handarbeit im Zollfreilager

Im Zollfreilager Embrach hatte der Italiener Vittorio* das Sagen. Er fungierte in der Schweiz als rechte Hand des Dottore. Wenige Wochen vor der ersten Lieferung hatten sich Vittorio, sein Komplize Alfonso* sowie vier weitere Helfer in einer Wohnung in der Nähe des Zürcher Güterbahnhofs zur Befehlsausgabe getroffen. Der Dottore war persönlich angereist.

Im Embracher Lagerraum E/F 0000510 kommandierten Vittorio und Alfonso bis zu vier weitere Helfer: Sie mussten die 19,2 Tonnen Bananen von einer Schachtel in die nächste umladen und dabei die ­Kartonstreifen mit dem Kokain durch neue ersetzen. Jeweils zehn dieser Kartonstreifen – mit den Kokainbeuteln dazwischen – schnürten sie zu einem Bund und verluden sie in einen bereitgestellten Liefer­wagen. Wer einen Tag lang half, konnte 5000 Franken verdienen.

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Die gebündelten Kartons fuhr Alfonso anschliessend in seine Garage nach St. Gallen, begleitet von einem Aufpasser des Dottore. In einer unwirtlichen Häuserzeile unweit der Altstadt öffneten sie das rostfarbene massive Metalltor, fuhren den Lieferwagen in die Garage. Den Ort hatte der Dottore zuvor persönlich inspiziert. Hier bereitete Alfonso den Weitervertrieb vor – abgeschottet von neugierigen Blicken der Nachbarschaft. Dazu hatten sie Waschmittelkartons besorgt, rissen deren Böden sorgfältig auf, entleerten das Waschpulver und legten 40 bis 50 der rund 100 Gramm schweren Kokainbeutel in jeden Karton. Anschliessend füllten sie die Box mit Waschmittel auf und klebten sie zu.

Für den Vertrieb innerhalb der Schweiz diktierte der Dottore das Vorgehen genaustens: Die Kuriere sollten nicht wissen, von wem sie das Kokain beziehen, Alfonso seinerseits sollte nicht erfahren, wer es abholte. So stellte ein Kurier auf dem Bahnhofplatz von St. Gallen ein Auto bereit. Al­fonso holte es ab und fuhr in seine Garage. Dort belud er es mit zwei bis vier präparierten Waschmittelboxen – also mit 8 bis 20 Kilo Kokain. Kurz darauf stellte Alfonso das ­Auto wieder vor dem Bahnhof ab. Das ­Kokain war bereit für die Weiterreise.

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Als Kuriere setzte der Dottore zwei Helfer ein, die bereits in Embrach geholfen hatten. Bei der dritten Lieferung holte die Freundin eines Helfers die Waschmittelschachteln ab. Der Dottore gab ihr den Namen «La Secretaria». Zwei- bis dreimal pro Woche kam die Bernerin nach St. Gallen, nach eineinhalb Monaten hatte sie die gesamten 150 Kilo weggeschafft.

Erwischt – doch andere machen weiter

La Secretaria und die anderen Wasch­mittel-Kokain-Kuriere erhielten pro Fahrt 1000 Franken. Sie brachten den Stoff nach Zürich und Bern und übergaben ihn einer Frau, die der Dottore «La Negra» oder «Mama Gorda» (dicke Mama) nannte. Die Frau, die zeitweise auch seine Geliebte ­gewesen sein soll, war Drehscheibe zum Detailhandel.

Mama Gorda lieferte aber auch grös­sere Mengen nach Italien. Dazu setzte sie drei eigene Kuriere ein. Ihnen kam die Mailänder Staatsanwaltschaft zusammen mit der Tessiner Polizei im Rahmen der Aktion «Sherwood» 2005 auf die Schliche. Als sie im Tessin einen der drei Kuriere mit 19 Kilo im Auto und in Como den zweiten mit zwölf Kilo erwischte, war dies der ­Anfang vom Ende der Bananen-Kokain-Bande. Doch die Falle für die Akteure in der Deutschschweiz sollte erst später zuschnappen.

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Nach der Verhaftung der Italienkuriere Anfang 2006 verliess Mama Gorda fluchtartig ihre Wohnung an der Waldheim­strasse in Bern und tauchte unter. Vittorio und Alfonso machten in Zürich und St. Gallen weiter, als ob nichts geschehen wäre. Ob sie überhaupt von den Verhaf­tungen wussten, ist nicht aktenkundig. Im Frühling 2006 versuchten sie, weitere Bananenlieferungen einzufädeln. Dazu besuchten die beiden Italiener im Mai den Dottore in der berüchtigten kolumbianischen Drogenhochburg Medellín.

Sie wollten eine neue Route nach Eu­ropa eröffnen. Am 29. Mai 2006 gründet Alfonso deshalb in Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Repu­blik, die Firma Newservcon SA. Sie ist bis heute im örtlichen Register der Handelskammer eingetragen. Zeitgleich versuchte es der Dottore mit einer direkten Bananenlieferung nach Rotterdam statt wie zuvor über Seebrügge.

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Eine erste Testlieferung – ohne Kokain – traf am 19. Juli 2006 in Holland ein. Doch der Plan misslang, der Import war nicht sauber vorbereitet. Am Zoll gab es wegen einer Formalität Probleme, die Ware konnte im Hafen nicht ausgelöst werden, die Bananen verdarben und mussten vor Ort entsorgt werden. Den Schaden übernahm der Dottore.

Ende Sommer wurden die Beteiligten nervös. Anfang September 2006 trafen Vittorio und Alfonso ihren Boss in Madrid. Fünf Tage später folgte ein Treffen in Paris, erneut vier Tage später eines in Amsterdam. Im November 2006 endlich kam wieder ein Bananentransport an – allerdings ohne Kokain. Der Dottore konnte offenbar nicht mehr liefern.

Anfang 2007, als im Tessin die drei Italien­kuriere bereits zu siebeneinhalb, zu zehn und zu zwölf Jahren Gefängnis ver­urteilt werden, sind Vittorio und Alfonso noch immer aktiv. Jetzt wollen sie auf ­ei­gene Faust den neuen Handelsweg über die Dominikanische Republik erschliessen. Sie senden einen Helfer aus der Zeit der Embracher Bananen-Umladeaktionen auf die karibische Insel. Er soll dort Kokain besorgen. Doch er versagt. Alfonso nimmt die Sache nun selber an die Hand. Im Touristenort Punta Cana kauft er eine Wohnung. Eine erste Anzahlung von 150'000 Dollar ­finanziert er mit Geld aus dem Drogen­handel.

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Die beiden finden auch niemanden, den sie als Kurier einspannen können. ­Alfonso macht kurzen Prozess: Im Februar 2008 reist er selber nach Santo Domingo, zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Dort treffen sie Vittorio, der inzwischen gut 8,5 Kilogramm Kokain besorgt hat. Am 3. März fliegen alle von Punta Cana nach Mailand-Malpensa zurück, das Kokain im Gepäck versteckt. Was sie nicht wissen: Die Polizei hört seit Wochen ihre Telefone ab, liest ihre E-Mails.

Vom Flughafen fährt Vittorios Bruder die Gruppe nach St. Gallen. In der Wohnung von Alfonso teilen sie das Kokain auf: 19 Portionen à 450 Gramm. Jede Portion wollen sie mit 50 Gramm strecken. Jetzt schlägt die Polizei zu, Vittorio und Alfonso werden verhaftet. In einem Abfallsack findet die Polizei 8,5 Kilo Kokain, 46 Gramm liegen im Tiefkühler.

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«Ein bedeutender Fall»

Beide sitzen inzwischen im vorzeitigen Strafvollzug in Pöschwies. Vittorio wurde in Zürich in zweiter Instanz zu zwölf Jahren verurteilt, sein Fall liegt vor Bundesgericht. Alfonso erhielt in St. Gallen, ebenfalls in zweiter Instanz, neuneinhalb Jahre. Ob er Berufung einlegt, ist noch offen.

Wann sich der Dottore als Drahtzieher der kolumbianischen Drogenbande in der Schweiz vor Gericht verantworten muss, ist offen. Die Bundesanwaltschaft bestätigt ­lediglich, das Verfahren stehe kurz vor dem Abschluss. Vielsagend schreibt sie: «Für die Schweiz dürfte es sich um einen bedeutenden Fall handeln.»

Der Zürcher Staatsanwalt Roger Egli, der in den Verfahren gegen Vittorio und Peter Hug federführend war, spricht von «einer Dimension, wie wir sie in der Schweiz meines Wissens noch nie gehabt haben». Auch punkto Finanzen dürfte der Fall einmalig sein: Das Kokain, von Zwischenhändlern mehrfach gestreckt, hat auf der Gasse teils nur noch einen Reinheitsgrad von 20 bis 30 Prozent. Aus den 650 ­Kilo, teilweise mit einem Reinheitsgrad von fast 90 Prozent, könnten gut und gern 2000 Kilo werden. Aufgerechnet mit dem durchschnittlichen Marktwert von 90 Franken pro Gramm, summieren sich die Einnahmen aus dem Bananenimport womöglich auf 180 Millionen Franken.

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Der Kampf der Polizei ist endlos

Vermutlich sind die von den Ermittlern nachgewiesenen 650 Kilo Kokain nur ein Teil der Importe. Peter Hug sagt jedenfalls: «Das Geschäft funktionierte wahrscheinlich schon jahrelang.» Genau wisse er das nicht. Er vermutet, dass das Cartel de la Costa Atlántica in den letzten acht bis zehn Jahren 3000 bis 10'000 Kilo Kokain ein­geführt hat. Der Dottore schaute genau, dass keiner zu viel vom anderen wusste.

Der Dottore war wohl weder der erste noch der letzte Kokainschmuggler in dieser Grössenordnung. Darauf deuten die in der Schweiz konfiszierten Drogenmengen der letzten Jahre hin. Sie stiegen auch dann weiter an, als der Bananen-Kokain-Deal aufgeflogen war (siehe Grafik in obiger Galerie). Im Herbst 2010 beschlagnahmte die Polizei in wenigen Tagen gleich drei grös­sere Lieferungen. Zuerst 70 Kilo in der Reiferei des Gemüse- und Früchtegrosshändlers Steffen-Ris in Utzenstorf BE, verpackt in sieben Bananenschachteln, dann zehn Kilo in einem Geschäft im Thurgau und kurz darauf 20 Kilo bei einer Firma in Landquart – alles angeblich falsch adressierte Lieferungen.

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Trotz spektakulären Erfolgen macht sich unter Ermittlern auch immer wieder Frust bemerkbar. Vor allem die aufwen­digen Aktionen gegen Bodypacker und Kleindealer absorbieren die Ermittler fast vollständig. Für jeden Kokainhändler, der aus dem Verkehr gezogen wird, tritt ein anderer in Aktion. Oder gleich zwei. Dieses Gefühl der Ohnmacht bringt ein Staatsanwalt auf den Punkt: «Es ist, wie wenn man in eine Pfütze tritt und den Schuh schnell wieder herauszieht. Das Wasser zieht sich unverzüglich wieder zusammen.»

Kokainkonsum in der Schweiz

In der Schweiz konsumieren rund 100'000 Menschen regelmässig ­Kokain, schätzen Fachleute. «Die ­langjährige Zunahme von sicher­gestelltem Kokain lässt sich nur mit einer klaren Zunahme des Kokain­konsums in der Schweiz ­erklären», sagt Roger Flury, Analytiker der Bundes­kriminalpolizei.

Es mehren sich zudem die Hinweise, dass die Zahl der Konsumenten ­wesentlich höher liegen könnte. Am Basler Unispital beobachtete man, dass sich die Zahl der Patienten in der Notfallstation, die unter Kokaineinfluss standen, innerhalb weniger Jahre ­verdoppelt hat. Auffällig an dieser ­Erhebung war auch die Tendenz zu ­immer jüngeren Kokainkonsumenten.

Den wohl wichtigsten Hinweis liefern Abwasseranalysen der grossen Städte. 2009 wurden in einem Pilotprojekt der Uni Bern die Abbauprodukte des Kokains in den Abwässern von Basel, Bern, Genf, Luzern und Zürich gemessen. In Bern liessen sich aufgrund der Messungen Rückschlüsse auf das Konsumverhalten der Bevölkerung ziehen. Demnach konsumierten dort 2,3 Prozent zwischen 16 und 64 täglich einmal Kokain. Bisher war man davon ausgegangen, dass etwa ein Prozent der Bevölkerung regelmässig kokse.

Der Verbrauch in der Schweiz, kommt Bundeskriminalpolizist Roger Flury ­deshalb zum Schluss, liege irgendwo zwischen 3,7 und 5,3 Tonnen Kokain. In ­einem Szenario geht die Bundes­kriminalpolizei sogar von bis zu 7,5 Tonnen aus.

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