Die Anforderungen an Jungdiplomaten sind hoch: Verlangt werden Scharfsinn, Wissensdurst und Unternehmergeist. Sie müssen vertrauenswürdig sein und Sinn für Humor haben. Und sie müssen gewillt sein, sich «dem Gesellschaftsleben zu widmen». So steht es in der Informationsbroschüre zur diplomatischen Laufbahn des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA).

13 gut gekleidete junge Menschen sitzen an hufeisenförmig angeordneten Tischen im nüchternen Seminarraum eines modernen Businesshotels im Brüsseler EU-Viertel. Das ist die Jungdiplomatenklasse 2002/2004: elf Männer und zwei Frauen. Sieben Juristen, zwei Philologen, zwei Politologen, ein Historiker und ein Ökonom. Neun Deutschschweizerinnen und -schweizer, drei Tessiner und ein Romand. Alle um die 30, zwei sind verheiratet. Die Klasse sollte im Idealfall die Schweizer Bevölkerung repräsentieren, so Ausbildungsleiter Christian Wymann. Sollte! Der Frauenanteil im diplomatischen Dienst liegt derzeit bei 17 Prozent.

Jedes Jahr bewerben sich rund 100 junge Kandidatinnen und Kandidaten. Durchschnittlich 15 werden ausgebildet. Die Stagiaires werden zwei Jahre lang geschult, dann treten sie in den regulären diplomatischen Dienst ein. Während ihrer Volée, so heisst die Ausbildung, lernen sie alle Bereiche der Schweizer Aussenpolitik kennen. Dazu gehört ein einwöchiger Kurs zur Verhandlungstechnik in Brüssel, der politischen Hauptstadt Europas.

«Nein, nein, dieser Kurs hat nichts mit einem schnellen Beitritt der Schweiz zur EU zu tun», wehrt Ausbildungsleiter Wymann ungefragt ab. Der blonde 42-jährige Berner ist für die Schulung der Stagiaires zuständig und besucht gemeinsam mit ihnen das Seminar in Brüssel. Der ehemalige Lehrer nestelt an seiner feinen Brille und meint, die Kursleiter, der Amerikaner Robert Weibel und Thomas Leahy aus Irland, seien echte Kapazitäten. Die jungen Schweizer sollten von dem grossen Wissen der beiden profitieren. Deshalb der Kurs in Brüssel.

Start in lockerer Stimmung
Graulila Tapeten, dunkelgrüner Teppichboden, zwei Zimmerpflanzen, Fernseher und Videokamera, Neonlicht: ein hässlicher Raum. Die Leute sind hier, um zu arbeiten. Vor sich hat jeder Teilnehmer zwei Mineralwasserfläschchen, Block und Kursunterlagen. Die meisten tragen dunkle Anzüge und bunte Krawatten. Die beiden Frauen sind farbiger gekleidet: Die Bernerin Natalie Kohli, 31, trägt ein hellgraues Deuxpièces, Barbara Schedler, 27, hat ein violettes Kostüm an. Die Zürcherin Barbara Schedler ist die Jüngste der Volée, sie hat Englisch studiert, ist ehrgeizig und weiss, was sie will. Früher war Werbung ihr Traum, heute sagt sie: «Diplomatie und Werbung haben viel gemeinsam: Man will eine Sache möglichst gut darstellen. Als Diplomatin versuche ich, mein Land von der besten Seite zu verkaufen.»

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Kursleiter Robert Weibel giesst sich vor dem Unterricht noch ein Glas Orangensaft ein. Der korpulente Amerikaner mit dunklen Locken und Schnauz ist nach eigener Aussage der «bad guy», der böse Mann, des Kurses. Er redet viel und schnell und kritisiert gnadenlos. Der «nice guy», der Nette, ist der Dubliner Thomas Leahy. Der 76-Jährige war lange in der Irischen Botschaft in Brüssel tätig. Er hat das Auftreten eines amüsierten, älteren Staatsmanns. Unterrichtssprache ist Englisch.

Die Stimmung ist locker, die Stagiaires sind per du mit Bob und Tom, nicht aber mit Wymann. Letzterer bevorzugt etwas Abstand. Das Seminar beginnt um neun Uhr. Inhalt des Kurses sind Debattierübungen und Rollenspiele, die auf Video aufgezeichnet werden.

Bob Weibel, der Luzerner Wurzeln hat und seit Anfang der siebziger Jahre in der Nähe von Morges VD lebt, gibt den Tarif durch: Der Vortag sei einfach gewesen, heute werde es strenger. Die Zeit ist knapp, deshalb gibt es kein Mittagessen, nur Sandwiches zwischendurch. Weibel leitet die Kurse zur Verhandlungstechnik seit 1986. Zu seinen Kunden gehören auch die jeweiligen Regierungen, die sich auf die EU-Präsidentschaft vorbereiten.

Vor 15 Jahren war Ex-Botschafter Thomas Borer sein Schüler. Weibel lächelt und sagt: «Borer war ein ganzer Kerl mit Ecken und Kanten, kein Weichei.» Schon damals sei Borer mit seiner Art und seinen dezidierten Ansichten angeeckt. Anders die heutigen Stagiaires. Zum Thema Borer sagen die meisten: «Dazu möchte ich mich nicht äussern.» Nur einer meint unmissverständlich: «Borer ist ein geiler Typ.»

Die jungen Diplomaten sind ausgesprochen höflich und beherrscht. Kaum einer verzieht das Gesicht bei einer Rüge – und Bob Weibel kann ziemlich deutlich werden: «Das ist totaler Scheissdreck», herrscht er etwa den hageren Michael Cottier an, als dieser nicht sofort seine Verhandlungsposition definieren kann.

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Jurist Cottier, der über humanitäres Völkerrecht doktoriert, folgt dem Unterricht aufmerksam. Seine Haltung ist etwas geduckt und vornübergebeugt. Der 31-jährige Deutschfreiburger ist familiär vorbelastet: Er ist der Neffe des Ständeratspräsidenten Anton Cottier, und sein Vater war Staatsrat in Freiburg. «Die Welt der Politik habe ich zum Teil bereits zu Hause mitbekommen», sagt er achselzuckend. Taktieren und Verhandeln ist nichts Neues für den Weltgewandten, der je ein Jahr in Madrid und in New York studiert hat. Er will Diplomat werden, weil er sich für die Schweizer Aussenpolitik und gesellschaftliches Engagement interessiert.

Die Schweiz unterhält 149 Vertretungen im Ausland, davon 90 als Botschaften und zehn als multilaterale Missionen. Zwei von ihnen sind in Brüssel angesiedelt: eine bei der EU und eine bei der Nato. Im Unterschied zu den Botschaften verhandeln Missionen immer mit internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen, der Welthandelsorganisation oder der Europäischen Union. Das EDA beschäftigt 363 Personen im diplomatischen Dienst. Die Jungdiplomaten verdienen zwischen 70'000 und 100'000 Franken brutto pro Jahr. Je nach Alter, Ausbildung und Berufserfahrung. Ein Botschafter hingegen kommt jährlich auf gut 200'000 Franken.

Der eigenen Position bewusst
Eine Stunde lang wird über verschiedene Techniken des Verhandelns diskutiert. Schlagwörter fallen: Substanz, Konsens, Interesse, Vertrauen, Ziel, Prozess, Prozedere und Flexibilität. Es klingt wie in einem Managementkurs. Flexibilität sei die Differenz zwischen dem, was man für sein Land wolle, und dem, womit man leben könne, definiert der «nice guy» Tom Leahy. Das sei ganz wichtig, man müsse sich seiner Position immer bewusst sein, nur so könne man strategisch vorgehen und sein Ziel erreichen. «Wiederholt eure Positionen immer und immer wieder. Reden kann Taktik sein», ermahnt er.

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Wo gesprochen werde, herrsche zumindest Hoffnung auf eine Lösung. Die Sprache des Verhandelns ist eine Sprache des Kriegs: «Ihr müsst für euer Land kämpfen», hämmert Weibel den Teilnehmern ein. Es gehe nicht um persönliche Meinungen, sondern um die Landesinteressen.

Keine leeren Phrasen. Auch Aussenminister Joseph Deiss hat kürzlich an der jährlich stattfindenden Botschafterkonferenz in Bern seinem Corps diplomatique ins Gewissen geredet: Die wichtigste Aufgabe der Diplomaten sei, im Ausland die Interessen der Schweiz zu vertreten und nicht die eigenen. Indirekt hat der Bundesrat damit wohl auch auf den Fall Peter Friederich angespielt, der der Geldwäscherei angeklagt ist und so dem Ansehen der Schweiz geschadet hat. «Es gibt überall schwarze Schafe», meint Stagiaire Barbara Schedler dazu.

Kurz nach zehn gibt es eine Kaffeepause. Danach wird das Video von der Übung des Vortags vorgespielt und analysiert. Der Freiburger Michael Cottier verfolgt gespannt, wie er rüberkommt. «Ich sage viel zu oft ‹öhm›», ärgert sich Cottier, «das wirkt nicht gerade gut.»

Niculin Jäger, einziger Bündner der Klasse, verkörperte bei der Übung den Generalsekretär. Im Video ist deutlich zu sehen, dass er bei einigen Voten der Delegierten nicht zuhört. «Das ist eine Beleidigung», wird er von Robert Weibel zurechtgewiesen, «als Sekretär darf man sich das nicht leisten.» Immer müsse der Augenkontakt mit dem Redner gesucht werden, es sehe dann wenigstens so aus, als ob man zuhöre. Das sei eine der Grundregeln diplomatischer Kultur. Der schlaksige Jäger nimmt es gelassen: «Unterschiedliche Kulturen sind mir durchaus geläufig», sagt der ausgebildete Kulturphilosoph mit Schwerpunkt Osteuropa. Während des Gymnasiums hat er ein Jahr in Moskau und Umgebung verbracht und nach dem Studium im Kaukasus gearbeitet.

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Verschiedene Kulturen kennt auch Stagiaire Siamak Rouhani bestens. Der Vater des 30-jährigen Berners stammt aus dem Iran, und Rouhanis Ehefrau ist Brasilianerin. Ein Lächeln huscht über das Gesicht Rouhanis, wenn er auf seine diplomatische Laufbahn zu sprechen kommt: «Ich finde es toll, dass ich als Zweitgeneratiönler bereits Diplomat werden kann. Das sagt einiges über die Integrationsfähigkeit der Schweizer Gesellschaft.» Rouhani ist Wirtschaftswissenschaftler und Hobby-fussballer. Am liebsten wäre ihm später ein Posten in Brasilien oder Kuba.

Ein langer Atem ist nötig
Bis es so weit ist, wird es aber noch ein paar Jahre dauern. Nach der zweijährigen Volée mit Auslandpraktikum arbeiten die Jungdiplomaten erst mal vier Jahre in der Berner Zentrale. Der erste Auslandposten wird mit etwa 35 bezogen. Alle drei bis fünf Jahre folgt die Versetzung an einen anderen Ort. Der Durchschnittsdiplomat verbringt rund 20 Jahre im Dienst des EDA und mehr als zwei Drittel seiner Zeit auf untergeordneten Auslandposten, bevor er endlich zum Botschafter ernannt wird. Das zeigt eine Studie des EDA-Mitarbeiters Simon Geissbühler über das Laufbahnmuster der schweizerischen diplomatischen Elite. Die meisten Diplomaten werden erst nach ihrem 48. Geburtstag zum Botschafter erkoren.

Schwierige Verhandlungen
Die Kursleiter Weibel und Leahy bereiten eine neue Verhandlungsrunde vor. Heute soll über die Verschmutzung des Mittelmeers debattiert werden, und es muss eine Einigung erzielt werden, wie hoch die Grenzwerte verschiedener giftiger Substanzen sein dürfen. Es verhandeln Frankreich, Italien, Spanien und Griechenland. Jedes Land hat andere Ziele, es geht darum, während vier Meetings das Beste für sein Land herauszuholen. Barbara Schedler, Siamak Rouhani, Tiziano Balmelli und Giorgio Pompilio müssen Frankreich repräsentieren. Die Rollenspiele sind ein wichtiger Bestandteil des Kurses.

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Die vier Arbeitsgruppen ziehen sich in verschiedene Räume zurück. Frankreich trifft sich im Speisesaal des Hotels, gleich neben dem Seminarraum. Ein Buffet wird aufgebaut, es gibt fünf verschiedene Sandwichsorten, Gemüsedips, Süssigkeiten und Softdrinks. Die Stagiaires essen während der Arbeit, sie gestatten sich keine Pause. Frankreichs Position ist schwierig, denn es spielt die Vorreiterrolle in Sachen Umweltschutz. Robert Weibel läuft herum und unterstützt die Gruppen in ihren Vorbereitungen. Barbara Schedler läuft auf Hochtouren: «Sich als Frau zu behaupten ist schon eine Herausforderung.»

Der Luganese Tiziano Balmelli, 30, strahlt Ruhe aus. Er hat die Übersicht und alles im Griff: «Das Wichtigste beim Verhandeln ist, schlau und strategisch vorzugehen und zu wissen, was man will», teilt er den anderen mit. Der charmante Tessiner Jurist ist gewandt und parliert gekonnt. Wenn er sich ereifert, wechselt er vom Hochdeutschen ins Französische. Balmelli hat ein Jahr an einer internationalen Universität in Brügge studiert. Viele seiner Freunde aus aller Welt leben heute in Brüssel: «Ich geniesse es sehr, hier meine Freundschaften zu pflegen.»

Die vier Meetings dauern je eine halbe Stunde. Dazwischen ist Zeit zum bilateralen Verhandeln. Es herrscht Hektik. Die Delegierten schwärmen aus und versuchen es bei den anderen Ländern mit Lobbying. Nach drei Sitzungen ist noch keine Lösung gefunden – sie kommt erst im letzten Moment zustande. Mit zahlreichen Konzessionen Frankreichs. Doch bevor es so weit ist, verliert Léo Trembley, der Griechenland repräsentiert, die Façon.

Er übertreibt seine Rolle, wird laut, und seine Ohren verfärben sich rot. Er preist Griechenland als ökologisches Wunderland an und beleidigt die italienische Delegation. Sein Auftritt ist dramatisch. Die meisten können sich ein Lächeln nicht verkneifen. Robert Weibel und Tom Leahy schauen missbilligend zu. Das war kein diplomatischer Auftritt «comme il faut», sondern ein echter Fauxpas. Trembley ist das egal: «Ich wollte doch nur ein bisschen Emotionen reinbringen.» Der schmächtige 28-jährige Genfer ist Anwalt. Sein Auftritt erinnert auch eher an ein Plädoyer vor Gericht als an diplomatisches Verhandeln.

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Zu viele Cocktails getrunken
Der Kurstag neigt sich dem Ende zu. Auf dem Programm steht noch ein Besuch bei der Schweizer EU-Mission. Die Gruppe eilt durch stark befahrene Strassen und Hochhausschluchten, vorbei am riesigen Europäischen Parlament, dessen Fassade in der Nachmittagssonne glänzt, zur Place du Luxembourg 1, dem Sitz der Schweizer Mission. Dort hält Botschafter Dante Martinelli einen langatmigen Vortrag, die meisten Stagiaires dösen weg.

Doch dann endlich: Ein Apéro wird serviert. Es gibt Orangensaft, Mineralwasser, Weisswein und Chips. Eher dürftig. Tom Leahy genehmigt sich einige Gläser Wein. Gesellschaft leistet ihm dabei ein Stagiaire. Am nächsten Morgen taucht dieser gar nicht erst auf. Er ist am Abend in einer Bar hängen geblieben und hat dort zu viele Cocktails getrunken. «Das wird ein Nachspiel haben», sagt Ausbildungsleiter Wymann ernst. Denn die Anforderungen an die Jungdiplomaten sind hoch: Vertrauenswürdig sollen sie sein – und sich in Gesellschaft zu benehmen wissen.