Seit seiner Kindheit ist Luigi Arcuri wegen einer Muskeldystrophie auf einen Rollstuhl und ein Atemgerät angewiesen. Gelegentliche Blicke ist er sich gewöhnt. «Aber so etwas habe ich noch nie erlebt», sagt der 44-Jährige.

Im Juni reservierte sein Assistent Fabio Sorg im Restaurant Zum Steinbock in Tägerwilen TG einen Tisch. Man bestätigte, dass das Restaurant rollstuhlgängig ist. Als er gegen Abend mit Arcuri und dessen Mutter ins Restaurant kam, eilte die Wirtin auf sie zu. Sie erklärte Sorg, Arcuri könne, «so, wie er aussieht», nicht im grossen Gästeraum Platz nehmen. Das wolle man den «normalen Leuten» nicht zumuten.

Rücksicht auf «Normale»

Der Hauptraum war nur teilweise belegt, der ­Nebenraum, in den Arcuri verwiesen wurde, ganz leer. Sorg forderte die Wirtin auf, das Arcuri persönlich zu sagen. Das habe sie nach mehrmaliger Auf­forderung getan und erklärt, er würde mit seinem Atemschlauch die anderen Gäste verscheuchen. Auf das Essen hat Arcuri daraufhin verzichtet.

Die Wirtin erklärte auf Anfrage zuerst, Arcuri habe kein Verständnis dafür gehabt, dass man als Gastbetrieb Rücksicht auf «normale Leute» nehmen müsse. Dann bestritt sie die Schilderung. Die drei hätten Diskriminierung gesehen, wo keine war. Der Hauptraum sei voll gewesen, der Nebenraum habe sich später noch gefüllt. Man sei auf keinen Fall gegen Behinderte, habe sogar ein behindertes Kind. «Wieso sollten wir so etwas machen?», fragte auch der Wirt.

«Menschen mit Behinderungen werden leider immer noch in vielen ­Lebenslagen diskriminiert Urteil Heilbad hat Behinderte diskriminiert und aus­geschlossen», sagt Silvia Raemy von der Behindertenorganisation Agile.ch. Offensichtliche Diskriminierung werde zwar nur selten gemeldet. «Das heisst aber nicht, dass es nicht weitere Fälle gibt.» Die Gesetzeslage reiche nicht aus. Heute ist nur staatliche Diskriminierung verboten, nicht aber private.

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Andres Büchi, Chefredaktor

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