Zürich, Kreis 4. Mitten im Rotlichtmilieu. «Schätzeli, wottsch Liebi mache?» Die Frau in hohen Stöckelschuhen formt ihre roten Lippen zum Kussmund. Sie öffnet ihre Pelzjacke und gibt dem Geschäftsmann den Blick auf einen glänzenden Mini frei. Der Mann wehrt ab, geht ein paar Schritte weiter. Doch schon wartet die nächste Schöne mit tiefem Dekolleté auf ihn. Verführerisch stellt sie sich ihm in den Weg. «Näi, näi», murmelt er. Und schaut sich nach seinen Kollegen um. Auch diese werden von Prostituierten angemacht. «Ja, gibts denn das? Am helllichten Tag?», wundert sich der Banker. «Das ist ja wie in St. Pauli.»

Allerdings. Es ist auffällig, dass Damen aus dem horizontalen Gewerbe bereits am Nachmittag Kunden anlocken – obwohl Strassenprostitution im Umfeld der Zürcher Langstrasse verboten ist. Doch die fein gekleideten Herren kommen nicht als Freier, sondern als Immobilienkäufer ins Quartier. Ihr Interesse gilt den Eckhäusern Brauerstrasse 27 und Hohlstrasse 30.

Das Theater der Prostituierte
Was die Geschäftsleute nicht ahnen: Die Dirnen sind nicht zufällig da, sondern vom Verwalter der Nachbarliegenschaft aufgeboten, der ebenfalls unter den Kaufinteressenten weilt. Das jedenfalls sagt die Ex-Prostituierte Rebekka S. (Name geändert), die den Auftraggeber seit Jahren kennt: Der Mann heisst Heiko Sobel, früher europaweit bekannt als Aidspfarrer und Leiter der Zürcher Sterbeklinik Lighthouse. Rebekka S.: «Er sagte mir, sein Partner und er wollten die zwei Häuser mit Hilfe eines Bankkonsortiums kaufen. Sobel bat mich, für den Besichtigungstermin einige Mädchen zu organisieren. Diese mussten die Herren anzüglich ansprechen, wenn sie auftauchten.» Das Ziel: Die Bankiers sollten einen schlechten Eindruck von der Lebensqualität an diesem Ort erhalten. So könne der Kaufpreis der zwei Liegenschaften gedrückt werden.

Anzeige

«Für den kurzen Einsatz bekam jedes Mädchen 100 Franken», sagt Rebekka S., «und gleich viel erhielt ich für die Vermittlung.» Sobel selbst wollte sich gegenüber dem Beobachter – trotz mehrfacher Aufforderung – nicht zum Vorfall äussern.

Nach Auskunft des zuständigen Grundbuchamts sind die Wohnungen noch nicht verkauft. Rebekka S. jedoch, die im Nachbarhaus an der Brauerstrasse 29 wohnt, erhielt die Kündigung. Offizieller Grund: «Nichteinhaltung der vertraglich vereinbarten Nutzung (Prostitution anstelle Hauptwohnsitz)». Doch das sei reiner Vorwand, protestiert Rebekka S.; im gleichen Haus seien rund 20 Prostituierte und drei Massagesalons eingemietet. «Der wahre Grund», so vermutet sie, «ist, dass Sobel mich raushaben will.»

Eigentümerin der Liegenschaft an der Brauerstrasse 29, in der Sobel als Verwalter auftritt, ist die Housing for People AG. Die Firma befasst sich laut Handelsregister mit der «Umsetzung alternativer und zukunftsweisender Wohn- und Lebensformen». Gegründet im März 2000, gehört das Unternehmen hälftig der Zuger Firma Zimpel AG, deren Präsident und Mehrheitsaktionär Heiko Sobel ist. Bei beiden Firmen sind auch Sobels Geschäftspartner Michael Meier und der Psychotherapeut und Sobel-Freund Pierre-David Nicole engagiert.

Anzeige

Der Aufstand der Mieter
«Zukunftsweisend» am heruntergekommenen, rund 40 Appartements umfassenden «Milieu»-Block ist aber kaum etwas. Und «alternativ» sind höchstens die stolzen Mietpreise für die winzigen und schlecht unterhaltenen Ein- und Zweieinhalbzimmerwohnungen: Sie liegen zwischen 1000 und 2400 Franken.

Seit dem letzten Sommer wirkt Sobel auch in einer weiteren Liegenschaft im Langstrassenquartier als Verwalter: am Schöneggplatz 1 in Zürich. Das Haus mit fünf Wohnungen erwarb Immobilienhändler Michael Meier im vergangenen Juni. Die Verwaltung übertrug er der Sobel-Firma Rouffson AG. Den Mietern stellte Meier bis zu 50 Prozent höhere Mieten in Aussicht. Als sie sich wehrten, kündigte er allen kollektiv und erklärte, das Haus müsse total renoviert werden.

Doch die Mieter widersetzten sich dem Vorhaben mit Hilfe des Mieterverbands und erzielten einen aussergerichtlichen Vergleich: Rücknahme der Kündigungen, bescheidene Mietzinserhöhung, Verzicht auf die sofortige Renovation. Total umgebaut wird aber das Parterre – ausschliesslich in Samstags- und Nachtarbeit. Dort wird eine Bar mit Bühne errichtet, offiziell geführt von zwei türkischen Frauen. Die milieu- und lärmgeplagten Anwohner sind wenig erbaut über diese weitere Ausbreitung des Zürcher Amüsierviertels.

Anzeige

Heiko Sobel als Liegenschaftenmakler – diese Rolle ist nicht ganz neu. Kurz nach seinem Lighthouse-Abgang luchste er der Mutter eines Aidspatienten ein Haus ab: Er wolle selbst darin wohnen, seine jetzige Wohnung sei zu laut. Die Frau verkaufte dem Seelsorger das Haus zu einem Spottpreis. Doch im gleichen Jahr verhökerte Sobel die Liegenschaft an einen befreundeten Arzt, der im Zürcher Rotlichtquartier ebenfalls mehrere Immobilien besitzt. Sobel wohnt weiterhin in seiner «lärmigen» Wohnung.

Richtig ins Immobilienbusiness stieg Heiko Sobel aber erst vor einem Jahr ein. Im Januar 2000 kaufte er im Zürcher Industriequartier ein Appartementhaus an der Motorenstrasse. Dort führt eine Domina das «Institut von Miss Poppa». Die Salonbesitzerin offeriert ihren Kunden sexuelle Erziehung in «erstklassig anrüchiger Ambiance». Damit hat sie aber kaum die Mitbewohner im Auge: Eingemietet sind mehrere Drogenabhängige; ihre Wohnungen bezahlt die Sozialfürsorge.

Anzeige

Ein halbes Jahr später erwarb Sobel ein Mehrfamilienhaus in der Nähe des Bahnhofs Zürich-Wipkingen. In der gleichen Zeit trat der Ex-Pfarrer auch als Firmenbesitzer in Erscheinung. Zwischen Juli 1999 und Juni 2000 gründete er vier Firmen, in die er immerhin gegen 200'000 Franken investieren musste. Zwei davon haben ihren Sitz in den beiden steuergünstigen Kantonen Schwyz und Zug.

Drei Wochen nachdem Rebekka S. den Beobachter über die Vorkommnisse um die Liegenschaft Brauerstrasse 27 informiert und um Hilfe beim mietrechtlichen Konflikt gebeten hatte, bestätigte sie ihre Aussagen nochmals am Telefon. Sie treffe heute Heiko Sobel, sagte sie. Er wolle sich mit ihr einigen, habe aber gesagt, «man müsse das mit der Zeitung bügeln». Fünf Stunden später erschien Rebekka aufgeregt auf der Redaktion. «Die Geschichte mit den angeheuerten Dirnen dürfen Sie nicht schreiben, ich habe sie Ihnen aus Gehässigkeit gegen Herrn Sobel erzählt», sagte sie. Sobel habe die Kündigung zurückgezogen. «Wissen Sie, jeder ist käuflich, auch ich.»

Anzeige