Linda und Ruedi Bönzli stehen vor ihrem einstigen Pferdebetrieb im Talboden von Erlenbach BE, nahe der Simme. Zwei Menschen, die zupacken können, denen aber die Niedergeschlagenheit ins Gesicht geschrieben steht. Hier tummelten sich zu Spitzenzeiten über 40 Pferde und zwei Zebras. Doch seit dem Hochwasser im letzten August herrscht gähnende Leere - auf der einstigen Pferdebahn liegt gepresster Schlamm und Dreck. Einzig der zweijährige Sohn Wayne verströmt Zuversicht und schmeisst Steine auf den Pferdeplatz.

Das Ehepaar hat den Pachtvertrag gekündigt - ohne Pferde können sie den Zins nicht mehr erwirtschaften. Nun fordert Verpächter Andreas Jutzeler, dass sie den ursprünglichen Zustand wiederherstellen. Ein Trax wuchtet bereits den Schlamm von der Pferdebahn. «Unsere Freunde machen uns einen Freundschaftspreis, sonst könnten wir uns das nicht leisten», kommentiert Ruedi Bönzli und fährt mit der Hand über die feuchten Augen.

Zerstörte Existenz
Dass der Pferdebetrieb nahe der Simme liegt, hat seinen Grund. Linda Bönzli: «Kühles Wasser war für uns entscheidend. Dieses braucht es, um die Hufrehe - eine verbreitete Hufkrankheit - zu kurieren.» Die Pflege kranker Pferde bildete zusammen mit Reitlagern für Kinder, Reitstunden und der Pension für fremde Tiere das eine Standbein des Unternehmens. Die Hufeisen verbannten Bönzlis konsequent von ihrem Betrieb. «Heutige Freizeitpferde benötigen keine Eisen mehr», sagt Ruedi Bönzli. Nach wie vor nötig ist aber das Schneiden der Hufe; Bönzlis reisen unter dem Namen «Barhufteam» den Haltern von unbeschlagenen Pferden nach und schneiden dort die Hufe. Diese Tätigkeit kann das Ehepaar auch nach der Unwetterkatastrophe ausüben. Den standortgebundenen Teil ihrer Arbeit haben die Wassermassen hingegen weggespült.

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Der Tag, an dem die Flut kam: Die Infrastruktur wurde vollständig zerstört.


Erlenbach gehört nicht zu den am schwersten betroffenen Gebieten des letztjährigen Unwetters. Als die Röhre eines eingedolten Baches das Wasser nicht mehr schluckte, gelang es der Feuerwehr, die Flut mit einer Sperre vom Dorf fernzuhalten und direkt dem Talboden zuzuleiten. Dort aber liegt der Betrieb von Bönzlis. «Wir trieben die Tiere sofort in den Stall, der etwas höher liegt, doch wir konnten nicht verhindern, dass einige bis zum Bauch im Wasser standen», erzählt Linda Bönzli.

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Nur das Dorf geschützt?
Die Fluten zerstörten den Betrieb vollständig und vernichteten die Investitionen der Pächter von rund 180’000 Franken. Die Pferde mussten Linda und Ruedi Bönzli zu einem Spottpreis verkaufen. Die beiden zählten auf die Versicherungen und auf die Gemeinde. Doch das Geld floss nur spärlich - dafür begannen die Querelen.

Bönzlis waren überzeugt, dass Jutzeler Gebäude und Areal versichert hatte - das hätte er ihnen mündlich zugesagt. Doch Jutzeler hatte offenbar nur das Gebäude versichert. «Wir haben vereinbart, dass ich erst nach der totalen Sanierung des Pferdeplatzes eine umfassende Versicherung abschliesse», sagt der Eigentümer. Das Hochwasser sei leider zu früh gekommen. Bönzlis selbst hatten sich für den Fall eines Betriebsunterbruchs versichert. Die Versicherung geht nun davon aus, nach Weggabe der Tiere bestehe kein Betrieb mehr, womit die Zahlung nicht zwingend sei; bis anhin zahlte sie 50’000 Franken.

Haftbar ist nach Ansicht von Bönzlis und von Jutzeler auch die Gemeinde. Sie habe wohl das Dorf geschützt, dadurch aber im Talboden den Schaden verursacht. Gemeinderatspräsident Peter Brügger kontert: «Auch ohne unsere Sperre wäre das Wasser in den Talboden geflossen.»

Enttäuscht sind Bönzlis zudem, dass sich die Gemeinde weder am Katastrophentag noch später um den Pferdebetrieb gekümmert habe. «Der Krisenstab hatte die Nachricht erhalten, Bönzlis bräuchten keine Hilfe», hält Brügger entgegen. Dass sich das Ehepaar dann vier Monate später bei der Gemeinde meldete, habe ihn erstaunt. «Für uns wäre es kein Problem gewesen, die Pferde zu platzieren», sagt er. Linda Bönzli genervt: «Wenn wir davon nur etwas gewusst hätten.»

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