Pirmin Zurbriggen macht mobil. Vor wenigen Monaten verschob der fromme Weltcupveteran seinen Wohnsitz von Saas Almagell nach Zermatt. Dort will er den Gästen seines neuen Aparthotels «ein reichhaltiges Frühstück» direkt in den «luxuriös eingerichteten Wohnungen» servieren.

Der reiche Pirmin hinterlässt ein armes Heimatdorf. Laut Insidern war er «der grösste natürliche Steuerzahler»; in der Gemeindekasse werden künftig schätzungsweise 50'000 Franken pro Jahr fehlen. Saas Almagell rutscht damit noch näher an den finanziellen Abgrund. Die Brutto-Pro-Kopf-Verschuldung liegt bereits bei 34'000 Franken, das sind 9000 Franken mehr als etwa in der Stadt Zürich. Und in der Gemeindebilanz gibt's schon lange kein Eigenkapital mehr: Es klafft ein Loch von vier Millionen Franken.

Doch Saas Almagell ist damit nicht allein. In den Kassen prominenter Kurorte ist vielerorts Ebbe. Das bekannteste Beispiel dafür liefert Leukerbad. Mit 346 Millionen Franken ist der totale Schuldenberg von Kommune und Tourismusunternehmen dort besonders hoch, doch es leben noch «etliche Gemeinden an ihren finanziellen Grenzen», sagt der Zürcher Experte Matthias Lehmann.

Lehmann weiss, wovon er spricht. Er ist Verwaltungsratspräsident der ComRating, die auf Auftragsbasis die Kreditwürdigkeit einzelner Gemeinden beurteilt. Seine Erfahrungen zeigen, dass besonders in den Alpendörfern oft zu viele Interessen an einem Ort konzentriert sind. Öffentliche und private Aufgaben werden gefährlich vermischt. «Die Folge sind zu grosse Investitionen, beispielsweise im Bereich Tourismus», weiss Lehmann.

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Dem Ferienparadies Schweiz droht die Schuldenfalle. Dabei ist der Kanton Wallis der Krisenherd Nummer eins. Im nationalen Vergleich liegt die durchschnittliche Pro-Kopf-Verschuldung auf Gemeindeebene an der Spitze. Und die Credit Suisse First Boston gibt der Walliser Bonität die magere Note A+, was in der Schweiz gerade für den letzten Platz reicht, neben Genf und Jura.

Im Stil der Leukerbad-Sünder
«Rund zwanzig Prozent der Walliser Gemeinden haben grosse finanzielle Probleme, und es sind fast immer Tourismusorte», bestätigt ein einheimischer Treuhänder. Das Heimattal von Pirmin Zurbriggen gehört dabei in die Liga der besonders krassen Fälle.

In Saas Almagell haben die Verantwortlichen nicht nur die Finanzschleusen zu weit geöffnet, sondern im Stil der Sünder von Leukerbad auch noch als eine Art Bank für Tourismusunternehmen fungiert. Die Gemeinde ist Grossaktionärin der neuen Sesselbahn und gleichzeitig mit einem Kredit von 1,5 Millionen Franken gefährlich stark engagiert.

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Bei den Nachbarn sieht es allerdings nicht besser aus. In der Bilanz des 450-Seelen-Dorfs Saas Balen fehlen 4,5 Millionen. Nebenan, in Saas Grund, ist Eigenkapital ebenfalls ein Fremdwort. Bei der Burgergemeinde beläuft sich das Minus auf eine Million, in der Munizipalgemeinde liegt der Fehlbetrag bei 8,1 Millionen Franken. Rund 27 Prozent der gesamten Einnahmen fliessen dort als Schuldzinsen an die Gläubiger. Eine immense Quote: Laut den Richtlinien der Konferenz der kantonalen Aufsichtsstellen über die Gemeindefinanzen gilt ein Zinsbelastungsanteil von acht Prozent bereits als «sehr hoch».

Gemeindepräsident Georg Anthamatten versucht die katastrophale Lage zu relativieren. Man habe im grossen Stil investieren müssen, unter anderem in die Sanierung der Luftseilbahn, in das Regionalschulhaus und in eine neue Abwasserreinigung. Aufgrund von Sparmassnahmen sei Saas Grund «auf dem Weg der Besserung», behauptet er: «Schliesslich wurden 1991 noch 62 Prozent der Steuereinnahmen für die Zinsen aufgebraucht.»

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Doch der Hauptgrund für die angebliche Besserung ist bloss die Tatsache, dass sich das Zinsniveau in den letzten sieben Jahren halbiert hat. Von einer grossen Entspannung kann daher kaum die Rede sein. Im Gegenteil, denn Anthamatten muss zugeben, dass es für ihn immer schwieriger wird, auslaufende Kredite zu günstigen Konditionen zu ersetzen.

Das Risiko steigt
Seit diesem Jahr und spätestens seit Leukerbad ziehen die Banken nämlich bei den Intensivpatienten die Schraube an und schlagen das Risiko auf den Preis. Kreditofferten, deren Zins zwei Prozentpunkte über dem üblichen Gemeindesatz von rund drei Prozent liegt, sind laut Anthamatten keine Seltenheit mehr. Zudem verlangen die Banken seit neustem eine jährliche Amortisation der Kredite – in der kommunalen Finanzszene ein völliges Novum. «Und aus den öffentlichen Anleihen der Emissionszentrale bekommen wir ebenfalls kein neues Geld mehr», klagt der Gemeindepräsident.

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Kein Wunder, dass Anthamatten wenig für Leute übrig hat, die das Desaster auch noch öffentlich beim Namen nennen: «Das treibt die Zinsen noch weiter in die Höhe.» Sein Amtskollege in Saas Fee ist einer dieser unbequemen Klartextredner, die in den Alpen seit kurzem das Schweigen brechen. In der kürzlich erschienenen Novemberausgabe der «Gletscher-Post» liest Gemeindepräsident Claude Bumann seinen Leuten eiskalt die Leviten. Mit Blick auf Leukerbad geisselt er die Anspruchsinflation der Bürger.

Die aktuelle Finanzkrise beschreibt er in einem Stil, der im Wallis bereits als schonungslos gilt: «Es besteht eine nicht zu verleugnende Gefahr, dass die Gemeinde ihre ureigenen Aufgaben (wie den Bau des neuen Schulhauses) nicht mehr wahrzunehmen vermag.» Bumann fehlen in der Bilanz derzeit sieben Millionen Franken: Bergbahnsanierungen und Beschneiungsanlagen haben deutliche Spuren hinterlassen.

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Laut Bumann weigert sich die Emissionszentrale bereits, «uns weitere Kredite zu sprechen, und auch die Handelsbanken und der Staatsrat stehen unseren jüngsten Kreditbegehren mit Skepsis gegenüber». Das Haus Saas Fee stehe zwar noch, aber es sei gläsern und fragil. «Bis jetzt können wir unsere Zinsen zahlen», sagt Bumann vorsichtig.

Damit das so bleibt, müssen die Gemeinden auf dem Kapitalmarkt weiterhin als erstklassige Schuldner gelten. Da erstaunt es nicht, dass Saas Fee zusammen mit Zermatt kürzlich den Kanton aufforderte, für die Schulden in Leukerbad geradezustehen.

Die Kosten des Wettrüstens
Dass ausgerechnet das prominente Zermatt den Vorstoss mitunterzeichnete, ist kein Zufall. Auch unter dem Matterhorn lebte man in den letzten Jahren massiv auf Pump. Munizipal- und Burgergemeinde haben brutto einen Schuldenberg von gut 180 Millionen Franken am Hals. Bis jetzt kann man die Zinsen noch zahlen, und die Burgergemeinde scheint, zumindest vorerst, an der Katastrophe vorbeigeschrammt zu sein. Nach Jahren mit Verlusten in Millionenhöhe rechnet Präsident Erwin Aufdenblatten für den Abschluss 1998 mit einem Gewinn von rund 750'000 Franken. «Ich bin erleichtert, dass es dieses Jahr in unserer Hotellerie besser läuft», gesteht Aufdenblatten. «Wegen der hohen Investitionen musste ich in der Vergangenheit viel Kritik einstecken.»

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Das Wettrüsten in den Walliser Alpen hat auch andernorts für leere Kassen gesorgt. In Grächen balanciert man seit Jahren am Abgrund. Riesige Investitionen in Bahnen, Beschneiungsanlagen und Sportzentren haben die Finanzlage dramatisch strapaziert: «Wir sind am oberen Limit angelangt», sagt Gemeindepräsident Silvio Walter.

Dasselbe gilt für das Gebiet Crans-Montana, eines der Zentren der Olympiakandidatur von Sion für das Jahr 2006. In Finanzkreisen munkelt man bereits von einer Sanierung der Bahnbetriebe, und auch sonst ist die Lage angespannt. «Wir sind bei den Schulden bereits an der Grenze und haben noch keine Ahnung, was uns eine allfällige Olympiade kosten wird», erklärt Francis Gasser, Gemeindeschreiber von Lens, dem grössten Ort der Region.

Dass gerade im Wallis die Lage derart dramatisch ist, hat laut Experten gute Gründe. «Im Gegensatz zu anderen Kantonen ist dort die Kontrolle der Gemeindefinanzen im Gesetz nicht sehr streng geregelt», sagt Beat Binder von der Revisionsgesellschaft Atag Ernst & Young in Lausanne. Binder leitet den Pool der Finanzgläubiger von Leukerbad. Dazu gehören unter anderem die Grossbanken UBS und Credit Suisse, die für die Krise zumindest mitverantwortlich sind. Jahrelang haben sie billige Millionen in die Bergtäler gepumpt – offensichtlich ohne zu fragen, ob der alpine Investitionsrausch auch verdaut werden kann.

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Zu schnell gewachsen
Doch für die finanzielle Schieflage gibt es auch historische Ursachen. «Im Wallis ging die Entwicklung des Fremdenverkehrs erst spät und in riesigen Schritten voran», sagt der Berner Tourismusprofessor Hansruedi Müller, «im Berner Oberland und im Kanton Graubünden ist es dagegen eine kontinuierliche Entwicklung über hundert Jahre.»

Tatsächlich stehen die Ferienregionen der restlichen Schweiz vergleichsweise gesund da. Allerdings ist eine stille Aufholjagd im Gang. Bereits gibt es mögliche Kandidaten für den baldigen Aufstieg in die Walliser Schuldenliga.

Eine gemeindeeigene Disco
In der Innerschweiz ist Engelberg auf dem besten Weg, sich drastisch zu verschulden. Der Brutto-Pro-Kopf-Betrag liegt zwar aktuell noch bei bescheidenen 10'500 Franken, doch seit 1995 geht er jedes Jahr in grossen Schritten nach oben. Obwohl der Kauf eines Hotels, die Rettung einer privaten Schwimmbadanlage und ein neues Schulhaus Millionen verschlungen haben, ist bereits für das übernächste Jahr der Neubau des Kursaals geplant. Kostenpunkt: 5 bis 10 Millionen Franken.

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Auch in den Berner Alpen steht nicht mehr alles zum besten. Seit 1996 sucht man etwa in der Bilanz von Grindelwald vergeblich nach Eigenkapital. Aktuell fehlen zwei Millionen Franken. Eine geplante Steuer für Grundstücksbesitzer soll jetzt Entlastung bringen.

Doch Aufstiegskandidat Nummer eins ist klar der Bündner Kurort Scuol, wo man brutto mit 32000 Franken Schulden pro Kopf Saas Almagell fast eingeholt hat. «Unsere Situation ist kritisch», gesteht Finanzchef Christian Melcher. Vor allem die 50-Millionen-Investition in die 1993 eröffnete Badeanlage
lastet trotz guten Besucherzahlen bleischwer auf der Gemeinderechnung. Deren Eigenkapital wird spätestens in drei Jahren aufgebraucht sein.

Bereits laufen Diskussionen über eine Teilprivatisierung des Bades, das 14 Millionen Franken teurer wurde als ursprünglich geplant. Doch für Kritiker herrscht in Scuol sowieso Misswirtschaft. Den besten Beweis liefert ihnen das gemeindeeigene Dancing Trü, das seit 1994 besteht. Es sei, heisst es in Gewerbekreisen, «völlig unrentabel».

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Ob in Scuol oder anderswo demnächst der Pleitegeier landet, wird stark davon abhängen, wie seriös Sparmassnahmen umgesetzt werden. Angesichts der immensen Berge billiger Kredite könnte es allerdings für manchen Kurort schon jetzt zu spät sein. «In Zukunft wird sich die Lage massiv verschärfen», prophezeit der Kommunalexperte Matthias Lehmann, «denn die Zinsen sind heute auf einem historischen Tiefstand und werden sicher wieder steigen.»

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