Steine flogen gegen das Tanklöschfahrzeug, abgerissene Fahrradsättel, Flaschen, Eisenstangen. Statt die brennende Barrikade am Zürcher Bahnhof Stadelhofen zu löschen, mussten Einsatzleiter Silvio Keller und seine Feuerwehrleute im Fahrzeug bleiben und den Rückzug antreten: «Mir kam es vor wie im Krieg.»

Krawalle am 1. Mai, Ausschreitungen nach Fussballspielen, das alles bringt den 47-jährigen Feuerwehrleutnant nicht mehr aus der Ruhe. Keller blickt auf ein knappes Vierteljahrhundert Berufserfahrung zurück. Bei Einsätzen kam auch früher mal was geflogen: «Aber das waren Zufallstreffer, Querschläger gewissermassen. Beim Einsatz am Bellevue wählten uns die Chaoten bewusst als Ziel. Das ist bis jetzt noch nie vorgekommen», sagt Keller.

Anspucken, Beschimpfungen, Schläge

Es ist eine milde Spätsommernacht, als sich Anfang September gegen 23 Uhr mehrere hundert Personen beim Zürcher Bellevue versammeln. Die meist jugendlichen Menschen wollen eine illegale Party ver­anstalten. Die Situation eskaliert, Scheiben werden eingeworfen, Abfallcontainer angezündet. Lakonisch heisst es später in der Medienmitteilung: «Die ausgerückte Feuerwehr von Schutz und Rettung wurde massiv angegriffen, so dass diese ihre Löscheinsätze nur mit tatkräftiger Unterstützung der Polizei durchführen konnte.»

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Mit tätlichen Angriffen musste bislang vor allem die Polizei rechnen, Verstösse wegen Gewalt und Drohungen gegen Polizisten nehmen seit Jahren zu. Die Statistik weist für das Jahr 2000 schweizweit 774 Fälle von Gewalt und Drohung gegen Beamte aus. Heute sind es dreimal mehr. In neun von zehn Fällen sind Polizisten betroffen, wie die Konferenz der Kantonalen Polizeikommandanten schreibt.

Neu ist, dass in Zürich nun auch Feuerwehr und häufiger noch Rettungs­sanitäter auf ihren Einsätzen zum Ziel von Gewalt werden, also Institutionen und Personen, die eigentlich helfen wollen. Schutz und Rettung Zürich, die grösste zivile Rettungsorganisation der Schweiz, führt seit gut einem Jahr genau Buch über Gewaltvorfälle. Im ersten Halbjahr 2011 wurde im Durchschnitt fast jede Woche ein Sanitäter körperlich angegriffen. Die Angriffe reichen vom Anspucken oder Anrempeln bis zu massiven Faustschlägen und zum Drohen oder Verletzen mit einer Waffe. Zudem weist die Statistik 160 Fälle von Beschimpfungen und verbaler Bedrohung aus.

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Der Eindruck, vor allem Einsätze bei Krawallen seien gefährlich, täuscht. Rettungssanitäter Andreas Burger* wurde nachts um vier zu einem Einsatz an einer Privatadresse gerufen. Der Zustand des vermeintlichen Patienten stellte sich als nicht lebensbedrohlich heraus, Burger wollte ihn nicht ins Spital fahren. Da wurde der Mann aggressiv. Er verfolgte Burger bis zum Ambulanzfahrzeug, warf ihn zu Boden und begann auf ihn einzuprügeln. Viermal schlug er mit voller Wucht mit der Faust zu. «Ich dachte: ‹Jetzt bloss nicht ohnmächtig werden, sonst macht der dich fertig›», sagt Burger. Die Schläge brachen dem Rettungssanitäter das Nasenbein, die Nasenscheidewand riss, er konnte ein halbes Jahr nicht mehr zur Arbeit gehen. Heute hat Burger bei grösseren Anstrengungen Mühe zu atmen.

Gewalt geht aber auch von völlig Un­beteiligten aus. Nach einem Fussballspiel feierten die Fans im Zürcher Ausgehquartier Kreis 4. Burger erhielt über Funk die Meldung, auf der Langstrasse liege ein Verletzter. Doch der Rettungswagen wurde sofort mit Steinen beworfen, die Frontscheibe zersplitterte. Erst als die Polizei in Kampfmontur der Ambulanz Geleitschutz gab, konnte der Verletzte geborgen werden. «Vor allem bei grösseren Anlässen wie der Streetparade oder an den Wochen­enden müssen wir immer häufiger aus­rücken, um die Sanitäter zu beschützen», sagt Judith Hödl, Sprecherin der Zürcher Stadtpolizei. Das Problem habe sich in den letzten zwei, drei Jahren akzentuiert.

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Stichfeste Schutzwesten sind umstritten

Bei Schutz und Rettung Zürich hat man auf das Phänomen reagiert. In Schulungen lernen die Sanitäter, eine drohende Gewalt­eskalation frühzeitig zu erkennen und ihr auszuweichen. Die Funkgeräte verfügen über einen Notfallknopf, der automatisch eine Verbindung zur Zentrale aufbaut. Wer will, erhält zum Selbstschutz einen Pfefferspray. Darüber hinaus ist die Beschaffung von stichfesten Schutzwesten geplant.

Schutzwesten sind bei den Rettungs­organisationen aber umstritten. «Rettungssanitäter müssen sich defensiv verhalten. Gerät der Sanitäter in eine Situation, in der ihm eine Schutzweste etwas nützt, ist bereits etwas schiefgelaufen», sagt Peter Ott, Präsident der Vereinigung Rettungssani­täter Schweiz. Das bestreitet Barbara Henzen, Leiterin des Rettungsdienstes des Spitals Uster ZH, nicht. Trotzdem gehören dort Schutzwesten seit mehreren Jahren zur Ausrüstung. «Ich möchte nicht mehr auf die Schutzweste verzichten. Wir haben sehr viele Einsätze, wo es eben nicht sicher ist, ob die Polizei nötig ist. In einem solchen Fall montiere ich die Weste.»

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Angriffe auf Rettungskräfte scheinen bislang vor allem in Zürich ein Problem zu sein, andere Städte sind weniger betroffen. «Wir haben keine Probleme in dieser Hinsicht», sagt Martin Schütz vom Mediendienst des Justiz- und Sicherheitsdepartements des Kantons Basel-Stadt. In Luzern stellt der Leiter des Sanitätsnotrufs, Günther Becker, zwar eine «veränderte Stimmung» fest: «Wenn wir mit der Ambulanz kommen, können wir nicht wie früher ­davon ausgehen, dass wir wohl­wollend empfangen werden. Vor allem Schläge­reien an Partys sind heikel.» Die Um­stehenden seien weniger hilfsbereit als ­früher, grundlose verbale Grobheiten ­häuften sich. «Körperliche Angriffe sind aber noch kein Problem», so Becker.

«Justiz hat verpasst, Zeichen zu setzen»

Bei den attackierten Helfern ist die Verständnislosigkeit gross. «Was diese Chaoten sich davon versprechen, wenn sie Steine auf uns werfen, ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar», sagt der Zürcher Feuerwehreinsatzleiter Silvio Keller. Rettungssanitäter Andreas Burger muss mit einer weiteren bitteren Erfahrung umgehen: «Der Täter kam mit einer bedingten Geldstrafe davon. Das verstehe ich einfach nicht. Die Justiz hat es verpasst, ein Zeichen zu setzen und zu sagen: «Ein solches Verhalten ist nicht akzeptabel.»

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Tatsächlich sprechen laut Bundesamt für Justiz die Richter nur selten so hohe Strafen aus, wie es das Gesetz eigentlich zulassen würde. Die laufende Teilrevision des Strafgesetzes sieht denn auch Straf­verschärfungen vor. Das betrifft auch den Tatbestand der Gewalt und Drohung gegen Beamte. Neu soll eine Mindeststrafe von 90 statt 30 Tagessätzen ausgesprochen werden. Von dieser Änderung könnten auch die Rettungssanitäter und Feuerwehrleute profitieren, weil sie im Sinne des Gesetzes als Beamte gelten.

*Name geändert