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Illegaler HandelDie Quecksilber-Connection

500 Tonnen hochgiftiges Quecksilber wurden im Berner Oberland «gewaschen» und danach exportiert. Nun sind die Hintermänner bekannt.

Quecksilber (griechisch ὑδράργυρος Hydrargyros «flüssiges Silber», davon abgeleitet das lat. Wort hydrargyrum) ist ein chemisches Element mit dem Symbol Hg.
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Im Juni wusch der Geschäftsführer der Berner Batrec, Dieter Offenthaler, seine Hände in Unschuld: «Von 500 Tonnen reinem Quecksilber weiss ich nichts», sagte er zur «Berner Zeitung». Damit widersprach er dem vom Beobachter publik gemachten Verdacht der Staatsanwaltschaft Bochum: Die deutsche ­Entsorgungsfirma Dela soll rund 500 Tonnen Quecksilber zur Recyclingfirma Batrec in Wimmis exportiert haben. Und zwar ­illegal und steuerfrei.

Mehrere Dela-Verantwortliche legten im Zuge der Ermittlungen der Staats­anwaltschaft Geständnisse ab. Sie müssen sich wegen Verdachts auf Betrug und Verstoss gegen Umweltvorschriften vor deutschen Gerichten verantworten.

Batrec-Chef Offenthaler bestritt die – zumindest aus deutscher Sicht – gesetzwidrigen Geschäfte: Dela sei kein Partner, «sondern unser weltweit grösster Konkurrent im Quecksilberrecycling». Dem widerspricht allerdings eine E-Mail Offenthalers vom 9. Oktober 2013, die dem Beobachter vorliegt. Offenthaler spricht darin vor ­einem Treffen mit der Dela vom «Umfüllen» von Quecksilber und von «Gegen­geschäften». Mailempfänger sind ein deutscher Geschäftsmann und der Schweizer Unternehmer Roger Burri: Sie sollen den Deal eingefädelt haben. Der Deutsche sass in Untersuchungshaft.

Mit Erde bedeckt, um Grenze zu passieren

Die Angaben der Staatsanwaltschaft Bochum und Recherchen des Beobachters zeigen, wie die Schweiz zur Quecksilberdrehscheibe wurde. 2011 hatte die EU den Handel mit reinem Quecksilber verboten, um das schon in kleinsten Mengen gesundheitsschädigende Material aus dem Verkehr zu ziehen. Doch die Schweiz machte beim internationalen Verbot nicht mit – Import und Export von Quecksilber blieben hierzulande erlaubt.

So wurden 500 Tonnen deutsches Quecksilber trotz Exportverbot in die Schweiz geschafft. Da in der Schweiz der Quecksilberhandel legal ist, war es somit «gewaschen» – und wurde für Millionen weiterverkauft.
Quelle: Thinkstock Kollektion

Der Weg des giftigen Metalls

Die Dela hätte das aus der Elektrolyse stammende elementare Quecksilber in ­ihrem Werk in Nordrhein-Westfalen unschädlich machen und entsorgen müssen. Stattdessen verschob sie ab 2011 1000 Tonnen reines Quecksilber heimlich ins Ausland, die Hälfte zur Batrec. Die Dela liess dabei das silbrig glänzende Metall in Sicherheits­behälter füllen, die beim Transport in die Schweiz mit Erde überdeckt wurden, damit Zoll­beamte keinen Verdacht schöpften. Gemäss den Papieren ­lieferte die Dela ­Abfälle mit einem Quecksilbergehalt von 10 bis maximal 70 Prozent; damit war die Einfuhr vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) bewilligt. Für die «Abfallentsorgung» zahlte die Dela der Batrec 15 Cent pro Kilo.

Im Berner Oberland dann wurde das reine Quecksilber um­gefüllt. Bei der auf Recy­cling von Quecksilber spe­zialisierten Batrec war das Material an sich unverdächtig. So wurde aus «illegalem» deutschem «legales» Schweizer Quecksilber – das Gift war «gewaschen». Doch die Batrec war nur Zwischen­station: International vermarktet wurde das Quecksilber danach von Roger Burris Air Mercury, einer Re­cy­cling- und Handelsfirma mit Sitz in Birrwil AG. Diese zahlte der Batrec fürs Umfüllen rund fünf Euro pro Kilogramm.

«Konzerninterne Verdeckung des Geschäfts», «‹Millionengewinne›», «‹super› Preise»: Auszug aus einer E-Mail des Geschäftsführers der Schweizer Recyclingfirma Batrec an Geschäftspartner, 9. Oktober 2013.
Quelle: Thinkstock Kollektion

Ein Erlös von mehreren Millionen Franken

Auf dem Markt hatte das reine Quecksilber einen Wert von bis zu 85'000 Dollar pro Tonne. Die Verkaufserlöse von mehreren Millionen Franken wurden geteilt. Ein Teil floss – schwarz – zu den Partnern nach Deutschland. Transferiert wurden die Gelder etwa über eine Tradingfirma eines 2013 verstorbenen Treuhänders in Hergiswil NW.

Exportiert wurde das Quecksilber in ­alle Welt. Der Beobachter verfügt über ­einen Lieferschein vom Januar 2012, der eine der Routen zeigt: Air Mercury liefert rund 20 Tonnen Quecksilber nach Istanbul zur Logistikfirma C. Steinweg. Von dort dürfte das Gift über weitere Stationen in Gold­minen gelangt sein.

Quecksilber braucht es zur Goldgewinnung

Quecksilber wird von Kleinschürfern zum Auswaschen von Gold eingesetzt. Doch das hochtoxische Schwermetall führt bei den Arbeitern zu massiven Gesundheitsbeschwerden mit teils tödlichen Folgen, und es vergiftet die Umwelt.

Genau deshalb soll der Einsatz von Quecksilber welt­weit massiv einge­schränkt werden. Die Schweiz hat zu diesem Zweck ein Uno-Abkommen mitinitiiert. Gleichzeitig toleriert sie jedoch – wohl als einziges Land in Westeuropa – den Handel mit Quecksilber.

Diesen Umstand nutzte die deutsch-schweizerische Quecksilber-Connection aus. Drehscheibe war Roger Burri mit seiner Air Mercury. Burri war an der Zürcher Recy­clingfirma Citron beteiligt, die 2011 nach einem Sondermüllskandal in Konkurs ging. Burri will zu den Vorwürfen nicht Stellung nehmen. Über seine Geschäfts­tätigkeiten informiere er nicht, sagt er freundlich am Telefon.

Auch Batrec-Chef Dieter Offenthaler schweigt – trotz Erklärungsbedarf. In seiner bereits erwähnten E-Mail sprach er von ­einer «konzerninternen Verdeckung» der Quecksilbergeschäfte, vom «Risiko der Rufschädigung bei den Behörden» und ­von einem möglichen Quecksilber-«Export-Verbot» (siehe Ausriss, linke Seite).

Der Dela schlug Offenthaler «Gegen­geschäfte» vor: ­«Batrec nimmt alle Hg-­haltigen Abfälle aus der CH an und leitet sie [...] zu vorher fest vereinbarten Kondi­tionen weiter.» Die ­Batrec setze für die Dela zudem «‹super› Preise» am Schweizer Markt durch: ein deutlicher Hinweis auf – verbotene – Preisabsprachen, kommentierte ein Experte, dem der Beobachter die E-Mail vorlegte.

Das Bundesamt schöpft keinen Verdacht

Dieter Offenthaler dürfte indes kaum Ini­tiant der Dela-Geschäfte sein; er wurde erst im Jahr 2013 Chef der Batrec, die Queck­silberlieferungen begannen 2011. Laut ­Insidern lud im Frühjahr 2011 Offenthalers Vorgänger Dela-Verantwortliche zu Gesprächen ein. Später deuteten Mitarbeiter an, wenn sie «auspackten», hätte die Batrec ein Problem.

Doch wie konnten 500 Tonnen reines Quecksilber hier einfach so gehandelt ­werden, obwohl sie offiziell gar nie in die Schweiz gekommen waren? Hätten die Behörden nicht nachforschen müssen? Als Quecksilberquelle in der Schweiz kommen nur quecksilberhaltige Abfälle in Frage. Doch aus den vom Bund publizierten ­Abfallmengen lässt sich laut Experten niemals so viel reines Quecksilber gewinnen, wie zwischen 2011 und 2013 exportiert wurde. Die Statistik scheint darauf hin­zuweisen, dass nicht deklariertes Queck­silber im Umlauf war.

Das Bundesamt für Umwelt sieht das anders. Laut einer Sprecherin war dem ­Bafu die Entwicklung der Quecksilberexporte bekannt. Der Zusammenhang zwischen in der Schweiz behandelten Abfällen und den Mengen an ausgeführtem Quecksilber sei «grundsätzlich plausibel»; es gebe auch Abfälle mit sehr hohem Quecksilbergehalt. Allerdings hat das Bafu «keine detaillierten Bilanzen erstellt», da nach Schweizer Recht der Quecksilberhandel erlaubt ist.

Offen ist, warum die Schweiz nicht gleichzeitig mit der EU den Quecksilberhandel verboten hat. Die Behörden wollten es der Batrec nicht verunmöglichen, re­zykliertes Quecksilber zu exportieren, sagt ein Experte. Die Batrec – ursprünglich von den Kantonen zwecks Batterierecyclings ­gegründet – verfügt traditionell über eine besondere Nähe zum Staat.

Ein Teil könnte noch in der Schweiz sein

Ob die Batrec oder Air Mercury juristisch belangt würden, dazu wollte sich das ­Bundesamt für Umwelt mit Verweis auf das lau­fende Verfahren nicht äussern. Die Staats­anwaltschaft des Kantons Bern fand bisher «keinen Hinweis auf strafbare Handlungen bei der Batrec».

Ein Teil des illegalen Dela-Quecksilbers befindet sich noch in der Schweiz. «Wir ­haben Hinweise darauf, wo das Queck­silber gelagert wird», sagt Bernd Bieniossek von der Staatsanwaltschaft Bochum. Laut sicheren Quellen soll es sich um ein Lager einer Firma von Roger Burri handeln. Dieser betreibt mit seiner Firma Metal Depot Zurich ein Lagerhaus für Metalle.

Veröffentlicht am 14. Oktober 2014