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KindswohlMami, warum bist du so?

Kinder von psychisch kranken Eltern werden oft vergessen. Für ihr Wohl fühlt sich niemand verantwortlich – das kann fatale Folgen haben. Nun macht ein Pionierprojekt Hoffnung.

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Es fing damit an, dass Mami immerzu weinte. Auch in den Fe­rien in Schweden hörte sie nicht auf damit. Und sie sah Geister, wo keine waren. «Sie kam ständig und wollte uns abtasten», erinnert sich Saskia. Unter Tränen suchte ihre Mutter sie und ihre beiden Geschwister nach vermeintlichen Krebstumoren ab. Mehrmals täglich. «Wir waren total überfordert und verstanden überhaupt nicht, was los war», erzählt die Mittvierzigerin, die damals zehn Jahre alt war. Ihre ältere Schwester und der kleine Bruder waren ebenso hilflos. Irgendwann hiess es, man breche den Urlaub ab und fahre jetzt nach Hause. Dann war Mami weg. Fast ein halbes Jahr lang. Einfach verschwunden.

Sie sei im Spital, sagte der Vater nur, sie brauche Ruhe. «Wir spürten deutlich, dass wir besser nicht nachfragen sollten», sagt Saskia, noch heute sichtlich betroffen. «Wir taten einfach so, als sei alles normal. Die Haushaltshilfe, die kam, setzte uns tagelang das gleiche Essen vor. Wir klagten nicht.»

Als die Mutter nach Monaten zurück in die Familie kam, war sie «nicht mehr das Mami, das wir kannten». Träge und teilnahmslos verbrachte sie ganze Tage im Bett. Dass dies mit den Medikamenten zusammenhängen könnte, die sie fortan schluckte, reimt sich Saskia erst Jahre später zusammen – als sie selber mit einer Psychose in die Klinik eingewiesen wird.

«Ich gehe nicht mehr zu Mami – die säuft»

Kinder wie Saskia gehören zu den «vergessenen» Opfern. Ihre Eltern sind schizophren, depressiv oder drogenabhängig, ihr Alltag ist chaotisch und von Situationen geprägt, die ihre Entwicklung gefährden. Kranken Erwachsenen stehen diverse Beratungs- und Hilfsangebote zur Verfügung. Aber für deren Kinder fühlt sich kaum jemand verantwortlich. Fachleute wie der Zürcher Kinder- und Jugendpsychiater Ronnie Gundelfinger warnten bereits Ende der neunziger Jahre. Er wies darauf hin, was es für Kinder bedeutet, wenn die Eltern psychisch erkranken (siehe auch: «Die Schweiz ist kein Vorzeigeland»).

Ein paar lokale Hilfsangebote sind seither entstanden, systematisch erfasst oder gar unterstützt werden die Kinder bis heute nicht. Dementsprechend schlecht ist die Datenlage. Niemand weiss genau, wie viele Kinder überhaupt betroffen sind. Es existieren nur Schätzungen, doch die sind erschreckend hoch: 50'000 Kinder sollen in der Schweiz mit einem psychisch kranken Elternteil aufwachsen. Angesichts der Zunahme diagnostizierter psychischer Erkrankungen muss man davon ausgehen, dass auch die Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen weiter steigen wird.

Eine untragbare Situation, finden Christine Gäumann und Kurt Albermann. Gäumann ist Beauftragte für familien­psychiatrische Fragestellungen bei der Integrierten Psychiatrie Winterthur-Zürcher Unterland (IPW), Albermann ist Chefarzt am Sozialpädiatrischen Zentrum am Kantonsspital Winterthur. Gemeinsam setzen sich die beiden seit Jahren für die Verbesserung der Lebenssituation der Kinder ein. Dank ihrem Engagement entsteht aktuell in Winterthur «Wikip», das erste «Präventions- und Versorgungskonzept für Kinder psychisch kranker Eltern» der Schweiz. Über 100 Fachleute aus verschiedensten Disziplinen beteiligen sich daran – mit dem Ziel, die Aufklärung, Vorsorge und Früh­erkennung wie auch die soziale Unterstützung der betroffenen Kinder und ihrer Familien zu verbessern. Bereits haben andere Städte ihr Interesse an Wikip signalisiert.

Dass auf diesem Gebiet einiges schiefläuft, merkte Christine Gäumann, als sie vor Jahren eine junge Mutter therapeutisch begleitete: «Die Frau war drogenabhängig und erzog ihre zwei kleinen Kinder allein.» Wenn sie morgens ihr Methadon auf der Beratungsstelle abgeholt habe, sei sie nüchtern gewesen, erinnert sich Gäumann. Dass die Frau tagsüber exzessiv ­Alkohol trank, erfuhr sie erst später – von Julian, dem vierjährigen Sohn. Sie traf ihn eines Tages mutterseelenallein am Bahnhof an. «Ich gehe nicht mehr zu Mami», sagte Julian. «Die säuft. Und in meinem Bett ist alles voller Weinflaschen.» Gäumann traf diese Begegnung im Innersten. «Ich schämte mich regelrecht vor dem Kleinen», erinnert sie sich, «fühlte mich ihm gegenüber als Versagerin.» Aus der Betroffenheit wurde Engagement für Kinder, denen es geht wie Julian.

2006 lieferte die Studie «Vergessene Kinder», eine Zusammenarbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, des Sozialpädiatrischen Zen­trums Winterthur und der IPW die wissenschaftliche Grundlage für Wikip: Unter anderem wurden 156 Beratungsstellen aus dem Erwachsenensektor, freischaffende Psychiater, Ärzte und psychiatrische Kliniken nach den Kindern ihrer Klientinnen und Klienten befragt. Das erschreckende Resultat: Zwar erhoben 94 Prozent der ­Befragten, ob ihre Klienten minderjährige Kinder haben. Aber nur gerade 43 Prozent stellten weitergehende Fragen nach deren Aufenthalt und Befinden. Konkret heisst das: Nicht einmal wenn eine alleinerziehende Mutter in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde, war sichergestellt, dass auch jemand an die Kinder dachte.

Die Ärzte fragen zu selten nach

Wie kann das passieren? Ulrike Hasselmann ist Oberärztin in einer der damals befragten Institutionen. Sie leitet die Akutstation für Erwachsene in der Klinik Schlosstal in Winterthur und betreut täglich Mütter und Väter mit Psychosen, akuten Schizophrenieschüben oder schweren Depressionen. Hasselmann macht in erster Linie die mangelnde Kommunikation zwischen den verschiedenen Versorgungssystemen für die Misere verantwortlich: «Die Erwachsenenpsychiatrie kümmert sich um die Erwachsenen, die Kinderpsychiatrie um die bereits erkrankten Kinder. Für die gesunden Kinder der kranken Eltern fühlt sich niemand zuständig.»

Hasselmann, die früher selber in der Kinder- und Jugendmedizin tätig war, setzt heute auf ihrer Station vieles um, was Wikip fordert: dass Kliniken den Aufenthalt von Eltern als Chance nutzen, die Situation der Kinder anzuschauen und gegebenenfalls zu verbessern. Und dass man die Kinder informiert: «Kinder müssen wissen, wo ihre Mutter ist und dass ihr dort geholfen wird. Sie brauchen eine Perspektive und ­eine Ansprechperson, der sie ihre Fragen stellen können.»

Keine Selbstverständlichkeit. Laut Hasselmann fehlen in den meisten Akutstationen Besuchsräume, in denen Kinder vor allzu erschreckenden Einblicken geschützt sind. Und: Es gehört nicht zum Leistungsauftrag der Erwachsenenpsychiatrie, die Eltern darin zu unterstützen, ihre Kinder altersgerecht über ihre Krankheit aufzuklären. Entsprechend fehlen ausgebildetes Personal und Zeit dafür.

Auch Wikip basiert zu einem grossen Teil auf Fronarbeit. Nur wenige der Beteiligten haben die Möglichkeit, die aufgewendete Zeit zu verrechnen. Zwar finanzieren der Schweizerische Lotteriefonds, das Bundesamt für Gesundheit und weitere Geldgeber einen Teil der Konzepterarbeitung. Wer aber für Projekte wie die Schulung von Krippenpersonal, die Rekrutierung von Patenfamilien oder den Aufbau einer Triage- und Therapiestelle für betroffene Kinder aufkommen soll, steht in den Sternen. «Unser Gesundheitssystem sieht nur Leistungen für Menschen vor, die bereits eine Diagnose haben», sagt Hasselmann, «aber gerade bei Kindern würde es sich lohnen, nicht so lange zu warten.» Denn Kinder psychisch kranker Eltern sind einem höheren Entwicklungsrisiko ausgesetzt als Kinder gesunder Eltern. Ihr Risiko, selber eine psychische Krankheit zu ent­wickeln, ist zwei- bis dreimal höher.

Drei von zehn Kindern bleiben gesund – trotz widrigsten Umständen. Um die anderen kümmern sich Kinderpsychiater wie Sajiv Khanna und Kurt Albermann. «Es gibt keine spezifischen Krankheitsbilder, die auf psychisch erkrankte Eltern hinweisen», sagt Chefarzt und Wikip-Mitbegründer Albermann. Die Reaktionen der Kinder seien so verschieden wie die Situationen, denen sie ausgesetzt sind. «Mit einer schwer depressiven Mutter aufzuwachsen ist etwas anderes, als einen unberechen­baren alkoholabhängigen Vater zu haben», sagt Albermann. Gemeinsam sei diesen Kindern höchstens, dass ihr Alltag durch Ängste und Unsicherheiten geprägt sei.

Konzentrations- und Schlafstörungen, Schulprobleme, anhaltende Traurigkeit, Selbstverletzungen und aggressives Verhalten – die Liste der möglichen Reaktionen darauf ist lang. «Häufig aber», sagt Albermann, «fallen diese Kinder lange Zeit überhaupt nicht auf.» Sie verhielten sich angepasst, zurückgezogen, vernünftig. «Sie fühlen sich oft für ihre Eltern verantwortlich. Sie kaufen ein, putzen, versorgen die kleineren Geschwister – auf Kosten ihrer eigenen Bedürfnisse.» Parentifizierung nennt sich das. Die Kinder versuchen, in die Elternrolle zu schlüpfen; sie spielen Seelentröster, Hausfrau und Beschützer – und überfordern sich damit selber.

Häufigste Diagnosen für psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen, unterteilt nach Geschlecht und Alter, 2008, in Prozent

Echte Auffangstationen fehlen bisher

Saskia kennt den Begriff Parentifizierung bis heute nicht. Aber an das Gefühl, selber keine Probleme haben zu dürfen, um die kranke Mutter nicht zu belasten, erinnert sie sich genau. Und daran, wie sehr sie sich gewünscht hat, eine «normale» Familie zu haben, eine Mutter wie alle anderen.

«Das Gefühl, ein Aussenseiter zu sein, nicht dazuzugehören, belastet viele dieser Kinder», sagt Sajiv Khanna, Winterthurer Kinder- und Jugendpsychiater mit indischen Wurzeln. Oftmals seien es vermeintlich kleine Dinge, die sie aus dem Tritt brächten. Etwa, im Kindergarten nie einen Znüni dabeizuhaben oder die Freunde nicht mit nach Hause nehmen zu dürfen, weil sich Mami für die Unordnung schämt. Soziale Isolation ist neben Beziehungsproblemen, Scheidung, Arbeitslosigkeit und Armut denn auch eine häufige Begleit­erscheinung. Sie trifft die Kinder dann am härtesten, wenn es zu einer Notsituation wie einem Suizidversuch des alleinerziehenden Elternteils oder Gewalt gegen die Kinder kommt. Pflegt eine Familie kaum Kontakte zu Verwandten oder Freunden, fehlt das soziale Netz.

In Winterthur – immerhin die sechstgrösste Stadt der Schweiz – weist man die Kinder kurzerhand ins Spital ein, wenns schnell gehen muss. So etwas wie ein Schlupfhaus gibt es nicht.

Diagnosen in der Arztpraxis, unterteilt nach Ursache und betroffenem Körperbereich, 2009, in Prozent*

Wie wichtig jedoch eine Auffangstation wäre, zeigt eine gross angelegte Studie, die 2008 von der Universitätsklinik Ulm durchgeführt wurde; 55 Prozent aller befragten psychisch kranken Eltern gaben an, bereits einmal auf eine ärztlich empfohlene stationäre Behandlung verzichtet oder diese abgebrochen zu haben, weil die Betreuungssituation ihrer Kinder nicht geregelt war.

Zumindest im Raum Winterthur soll sich die Situation bald verbessern. Bereits diesen Herbst sollen die ersten Massnahmen von Wikip umgesetzt werden: Alle Kindergärtnerinnen werden zur Weiter­bildung über psychische Erkrankungen geladen. Sie erhalten einen Leitfaden, der ihnen hilft, richtig zu reagieren, wenn es einem Kind schlechtgeht oder seine Eltern nie zu Gesprächen erscheinen. Daneben beginnt der Aufbau einer Vermittlungs­stelle für Patenfamilien, und man steht in Kontakt mit den Ausbildungsstätten für Sozialtätige und Lehrerinnen und Lehrern.

«Wir müssen sie alle sensibilisieren und handlungsfähig machen», sagt Christine Gäumann sichtlich bewegt. «Damit Kinder wie Saskia und Julian in Zukunft mit ihren Seelenqualen nicht mehr allein fertig werden müssen.»

Glossar


  • Depression: Depressive Menschen leiden an einer ausgeprägt gedrückten Stimmung und starker Antriebslosigkeit.

  • Schizophrenie: Symptome sind Ich-Störungen und wahnhafte Realitätsverkennung, Halluzinationen, Schlaf- und Denkstörungen oder empfundene Gefühlsleere.

  • Phobien oder Angststörungen: Zu den Angststörungen gehören objekt- oder situationsbezogene Ängste wie zum Beispiel Spinnenphobie, Platzangst, Krankheitsangst oder Panikattacken. Häufig führen diese Ängste zur zwanghaften Ausführung von Ritualen, die die vermeintlichen Gefahren vermeiden sollen, zum Beispiel Wasch- oder Kontrollzwänge.

  • Borderline: Von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung spricht man, wenn die betroffene Person unter einem tiefgreifenden Muster von Instabilität in den zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Gefühlen sowie unter deutlicher Impulsivität leidet.

  • Bipolare Störung: Die Bipolare oder Manisch-depressive Erkrankung ist eine Störung des Gemüts, mit Schwankungen der Stimmung zwischen extremer Hochstimmung oder Fröhlichkeit und schwerer Depression.
Veröffentlicht am 25. Oktober 2011