Wenn an Allerheiligen die Familien ihrer Toten gedenken, ist damit meist auch eine Erinnerung an ein Krematorium verknüpft. Heute werden in der Schweiz nämlich vier von fünf Verstorbenen kremiert – eine erstaunliche Zahl, wenn man bedenkt, dass die katholische Kirche die Leichenverbrennung bis in die sechziger Jahre rundweg ablehnte. Zugleich ist es ein internationaler Spitzenwert; in Frankreich etwa liegt der Anteil an Feuerbestattungen bei einem Drittel, in Italien bei weniger als 20 Prozent.

Die Kulturgeschichte der modernen Feuerbestattung umfasst erst etwa 140 Jahre – diese bildet einen tiefen Einschnitt in der christlichen Tradition, wenn es ums Ende des Lebens geht. «Die romantische Vorstellung des vergänglichen Leichnams, der in der Erde schlummernd langsam seine Gestalt verliert, wurde durch den unumkehrbaren Prozess bewusster, menschlich gesteuerter Vernichtung ersetzt», so der Obwaldner Architekt und Denkmalpfleger Ivo Zemp, der das Thema umfassend aufgearbeitet hat. Das Sterben und Abschiednehmen, das sich lange Zeit sicht- und hörbar mitten in der Gemeinschaft abspielte, hat sich längst in den geschützten Raum zurückgezogen. Heute stirbt man schnell, nüchtern, unbemerkt. Und wird auch oft so bestattet.

Der Wunsch nach einem «sauberen» Tod

Das Aufkommen der Kremation am Ende des 19. Jahrhunderts fiel in eine Epoche, in der die Kirche zunehmend an Einfluss verlor. Dadurch konnte das Vernunft­denken auch im Bestattungskult Einzug halten. Denn die öffentliche Gesundheitspflege jener Zeit, in der vor allem die Städte schnell wuchsen, verlangte nach einem «sauberen» Tod: ein Anspruch, dem die Feuerbestattung in idealer Weise entsprach, indem die Überreste der Verstorbenen hygienisch und diskret beseitigt werden konnten.

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Die Reformbewegung ging von Europa aus und erfasste die ganze Welt, und die Schweiz gehörte zu den Pionieren. Schon 1873 erschienen in Zürcher Zeitungen Artikel, in denen die Idee der Leichenverbrennung thematisiert wurde – damals ein Tabubruch erster Güte. Trotzdem dauerte es dann nur gerade 15 Jahre, bis auf dem Sihlfeld-Friedhof das erste Krematorium des Landes tatsächlich seinen Betrieb aufnahm. Der Dichter Gottfried Keller war einer der ersten Prominenten, die hier 1890 auf die neue Art ins Jenseits gingen.

Gottfried Keller

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Irgendwo zwischen Maschine und Pietät

Doch bei aller schleichenden Verweltlichung: Es ging immer noch um den Tod, dieses grosse, mit Symbolik und Emotionen beladene Mysterium. Das mussten auch die Erbauer der modernen Einäscherungsstätten berücksichtigen. «Die Suche der Architekten nach einer angemessenen Form geriet zu einem Spagat zwischen Religion und Verstand, zwischen Gefühl und Maschine, zwischen der Welt der ­Lebenden und dem Elysium der Toten», schreibt Fachmann Ivo Zemp. Und weiter: «Die Krematorien entstanden so als hybride Gebilde, die sowohl den technischen, ästhetischen, hygienischen und ökonomischen Anforderungen als auch der Pietät Rechnung tragen mussten.»

Dabei veränderten die Anlagen in schnellen Schritten ihr Erscheinungsbild. In ihrem Äusseren widerspiegelt sich das Verhältnis der Gesellschaft in der jewei­ligen Epoche zu Tod und Trauer.

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Um die Entwicklung auf einen Kürzestnenner zu bringen: vom symbolträchtigen Pomp zur totalen Sachlichkeit. Gesamthaft gibt es 37 solcher Kathedralen des Abschieds in der Schweiz – fünf davon haben wir besucht.

Krematorium Sihlfeld A Zürich Abdankungshalle

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Typ 1: Der Tempel

Zürich Sihlfeld A (1889)

Die frühen Krematoriumsbauten in der Schweiz erscheinen als repräsentative Tempel. So auch die erste Feuerbestattungsanlage überhaupt: das 1889 fertiggestellte Krematorium auf dem Zürcher Stadtfriedhof Sihlfeld. Das im spätklassizistischen Architekturstil gehaltene Bauwerk mit seinen antiken Formen wird geprägt von einer Freitreppe an der Tempelfront, wo das Eingangsportal direkt in die Trauerhalle führt. Das Einraumkonzept mit dem frei aufgestellten Verbrennungsofen ist charakteristisch für diese Epoche: Die Trauergemeinde soll den ganzen Prozess der Einäscherung verfolgen können. Die Anlage wurde 1915 stillgelegt und vom Grosskomplex Sihlfeld D abgelöst. Das ursprüngliche Gebäude dient heute als Abdankungshalle.

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Ähnliche Krematorien des tempelähnlichen Typs sind unter anderem:  Basel-Stadt (erstellt 1898, abgebrochen 1932), St. Gallen (1903), Bern (1908), Lugano (1916), Olten (1918), Solothurn (1925).

Krematorium in La Chaux-de-Fonds Jugendstil

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La Chaux-de-Fonds (1910)

Die nach 1900 erstellten Krematorien erscheinen in zunehmend selbstbewusster, wuchtiger Architektur. Sie zeigen einen stark symbolischen Charakter und wirken als Gesamtkunstwerke, die im Inneren wie im Äusseren zusammenhängende Architektur- und Kunstprogramme umsetzen. Die Anlage wird zur Abschiedsstätte, die den Tod thematisiert. Obwohl es sich um konfessionell neutrale Orte handelt, wirken die Innenräume fast sakral, strahlen Pathos und Würde aus. Stellvertretend für diese Epoche steht das 1910 erstellte Krematorium von La Chaux-de-Fonds, das als eines der bedeutendsten Bauwerke des Schweizer Jugendstils gilt. Sein beeindruckender Zeremoniensaal ist eine gelungene Symbiose von Architektur, Malerei, Skulptur und Kunsthandwerk.

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Ähnliche Krematorien als symbolistische Gesamtkunstwerke: Aarau (erstellt 1912), Zürich Sihlfeld D (1915), Luzern (1926).

Krematorium Davos

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Davos (1914)

Im Vorfeld der Planung eines Krematoriums in Winterthur schreibt 1907 der Präsident des örtlichen Feuerbestattungsvereins, man wolle sich hüten, «einfach eine Verbrennungsanstalt für Leichen hinzustellen». Vielmehr soll das äussere Erscheinungsbild klarmachen, dass hier die Bestattungsart «schöner, vollkommener und zugleich pietätvoller» sei. Dieser Ansatz führt zur Phase des kapellenähnlichen Typs: Krematorien als Kirchenimitationen. Besonders konsequent wird das 1914 im Luftkurort Davos umgesetzt, wo man eine bestehende sakrale Friedhofskapelle zur Feuerbestattungsanlage umbaut. Auf der Symbolebene bedeutet das nichts anderes, als den traditionellen Glauben durch sachliche Rationalität abzulösen. Heutiger Anziehungspunkt des Davoser Krematoriums ist das Wandbild «Die Verklärten» von Augusto Giacometti.

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Ähnliche Krematorien des kapellenähnlichen Typs: Winterthur (erstellt 1911), Schaffhausen (1914), Chur (1922), Rüti (1929).

Krematorium Zürich Nordheim

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Zürich Nordheim (1967)

Nach der rasanten Aufbauphase setzt eine ruhigere Epoche der Krematoriumsarchitektur in der Schweiz ein. Mit den neueren Projekten in der zweiten Jahrhunderthälfte wird dann ein grundlegender Wandel sichtbar: Vorbei die Zeiten des Historismus, der schwülstigen Todesvorstellungen – die kühle Funktionalität hält Einzug. Das Krematorium als Einzelobjekt verschwindet im Gemenge grosser Bestattungszentren, in denen die verschiedenen Handlungsabläufe und räumlichen Nutzungen voneinander getrennt sind. Die Architektur tritt zurück zugunsten eines dezenten Ambientes ohne Anspielungen auf religiöse Richtungen. Stellvertretend für diese radikale Nüchternheit steht das Krematorium Zürich Nordheim von 1967, damals die grösste derartige Anlage Europas. Die Verbrennung findet fast beiläufig statt, räumlich separiert von den Abdankungshallen.

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Ähnliche Krematorien des funktionalen Typs: Baden (erstellt 1957), Bellinzona (1972), Genf (1976), Sitten (1990), Riazzino (2001)

Krematorium Luzern

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Luzern (2005)

Die Krematorien des technischen Typs bilden den Abschluss der Entwicklung von der überhöhten Dramatik zur zweckbestimmten Sachlichkeit. Sie sind faktisch auf die Betriebsabläufe des Verbrennungsvorgangs reduziert, kein äusseres Zeichen erinnert an eine Feierstätte des Todes. Abdankungshallen im eigentlichen Sinn suchen die Hinterbliebenen vergeblich. Die Trauermessen finden in externen Räumlichkeiten statt, wodurch die Bestattungszeremonie in einen technischen und einen rituellen Akt aufgeteilt wird. Ein architektonisch gelungenes Beispiel dieses modernsten Typus ist das 2005 fertiggestellte Krematorium Luzern, das den benachbarten Altbau von 1926 ergänzt, ohne dessen historische Qualität zu beeinträchtigen.

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Ähnliche Krematorien des technischen Typs: Schwyz (erstellt 1996), Winterthur (2003), Freiburg (2010)