Samstagnachmittag im Industriegebiet Hard in Untersiggenthal AG. Auf einem brachliegenden Baugrund befindet sich der Treffpunkt der Modellsportgruppe Baden. Ein halbes Dutzend Männer mit Dächlikappen und Sonnenbrillen hat sich eingefunden, um an diesem schönen Sommertag Motorflieger in die Luft steigen zu lassen. Unter den Sonnenschirmen schauen ihre Ehefrauen und einige Halbwüchsige dem Treiben zu.

Ein Pilot kommt soeben von einem Manöver zurück und meint selbstkritisch: «Ich bin etwas zu fett geflogen – fürs ‹Kleeblatt› reichte der Sprit nicht mehr.»

Modellflieger sind ein eigenartiges Völkchen. Ihre Passion ist für Aussenstehende nur schwer nachvollziehbar. Es geht darum, einen etwa zwei Meter langen Flitzer nach einem festgelegten Programm durch die Luft wirbeln zu lassen. Die in monatelanger Arbeit selbst gebastelten Flieger werden nicht ferngesteuert, sondern über zwei Drähte pilotiert, an deren Enden sich Handgriffe befinden. Damit geht der Sportler in die Mitte der kreisrunden Flugpiste. Ein Helfer startet den Motor.

Das Modell schiesst los, hebt vom Asphalt ab. Der Pilot zieht am Kabel und bringt den Vogel in die Höhe. Es folgen fünf Runden im Kreis, dann die feste Abfolge von Kurven, Drehungen und Loopings. Der Spuk dauert sechs Minuten – dann ist der Tank leer, und die Maschine schlingert zur Landung aufs Feld zurück.

Anzeige

«Mehr als drei Flüge aufs Mal schafft man kaum. Die Konzentration ist gewaltig», sagt René Berger, der als pensionierter Swissair-Pilot den Klub präsidiert. Er gibt sich grosse Mühe, die Anlage ins beste Licht zu rücken. Verweist auf seltene Pflanzen, die hier gedeihen würden, holt stolz die fast 100-köpfige Gönnerliste hervor und lobt den freundschaftlichen Kontakt zu Gemeinden und Naturschutzgruppen.

Schliesslich kommt Berger zu einem seiner Hauptanliegen: «Die Jugendförderung liegt mir sehr am Herzen. Bis 14 Jahre kann man bei uns gratis fliegen. Ich sage immer: Lieber ein Junger mit einem Flieger in der Hand als mit einer Spritze im Arm.»

Die Gruppe hat Imagewerbung bitter nötig. 1993 gegründet, sieht sich der Klub ständig mit Lärmklagen konfrontiert. Zu Beginn trainierten die Sandkastenpiloten in einem Wald. Doch dort zogen sie bald den Ärger der Jägerschaft und des Vogelschutzes auf sich. Der Krach erschrecke die Tiere, hiess es. Die Anlage musste schliessen.

Anzeige

1997 fand die Gruppe ihren heutigen Standort, wo sie auf Zusehen hin bleiben kann. Für das Industriegelände existieren Überbauungspläne, die in den nächsten Jahren realisiert werden sollen.

Einige Anstösser aber hätten die Anlage gern schon längst zum Verschwinden gebracht. Kaum hatte Berger im Frühling 1997 den Betrieb gestartet, hagelte es Klagen von lärmgeplagten Anwohnern. Diese kamen nicht aus der Standortgemeinde, sondern vom anderen Ufer der Aare – aus dem Nachbardorf Stilli. Je nach Wind trägt die Wasserfläche den Schall der Motoren mehr oder weniger stark ins 350-Seelen-Dorf hinüber.

Gemeinderätin Margrit Wulle, die in Stilli direkt am Fluss wohnt, erinnert sich an die Anfangszeit: «Ich hatte das Gefühl, im Wald werde dauernd mit der Motorsäge gearbeitet.» Wulle und weitere Betroffene sammelten Unterschriften, 43 Haushaltungen unterzeichneten die Lärmklage.

Anzeige

Im August 2000 erstellten Modellflieger, Behörden und Anwohner unter der Leitung der kantonalen Baudirektion, die für die Klagen zuständig ist, ein Betriebsreglement. Dieses schränkt nun die Flugzeiten ein und verbietet besonders lautstarke Modelle. «Seither hats bös gebessert», meint Wulle; die Gemeinde Stilli habe den Fall «eigentlich ad acta gelegt». Wulle selber hat sich «wegen persönlicher Konflikte» von der Protestgruppe distanziert.

Für «persönliche Konflikte» sorgt in Stilli vor allem einer: Andreas Frei, der mit Frau und Kind seit sieben Jahren in einem Häuschen unmittelbar an der Aare wohnt. Er hält heute als Einziger den Widerstand aktiv aufrecht. Die früheren Mitkläger sind abgesprungen, ein gutes Dutzend ist nur noch passiv dabei. Frei hingegen macht der Fluglärm nach wie vor stark zu schaffen: «Ich kann nicht mehr unbeschwert im Garten sitzen», sagt er mit zitternder Stimme. «Ich muss immer damit rechnen, dass das Geknatter gleich wieder losgeht.»

Anzeige

In der Gemeinde und beim Modellklub wird Andreas Frei als «übersensibel» bezeichnet. «Er hat sich in etwas verrannt», meint Margrit Wulle diplomatisch, während ihr Ehemann am Telefon poltert: «Frei soll uns bloss in Ruhe lassen!» René Berger meint: «Frei übertreibt. Wir fliegen nie ausserhalb der bewilligten Zeiten und nie mit unerlaubten Modellen. Dieses eine Mal hatten wir Pech: Ein Flieger hatte beim Start den Schalldämpfer verloren.»

Damit spielt Berger auf einen Vorfall an, der zeigt, wie sehr die idyllische Stille in Stilli gelitten hat. Es passierte am Sonntag, 12. März 2000. Andreas Frei war zu Hause, als er «um halb zwei Uhr statt erst um zwei» das vertraut-verhasste Surren hörte. «Der Lärm wurde so stark, dass ich etwas unternehmen musste», erinnert er sich.

Frei kontaktierte die Kantonspolizei, die Gemeindepolizei und die Verwaltung – niemand war zuständig oder erreichbar. Auch beim Bezirksamt und beim Baudepartement war er mit seinen Klagen immer abgeblitzt. «Ich war in einer Notlage», sagt Frei. «Ich wollte klagen, niemand war zuständig. Da musste ich handeln.»

Anzeige

Entschlossenen Schrittes ging Frei aufs Flugfeld, wo der lärmige Vogel soeben gelandet war. Was dann passierte, darüber gehen die Ansichten auseinander. Fest steht: Frei erschien auf der Piste und packte das Flugzeug, die Piloten verteidigten ihren Besitz, es kam zu einem Handgemenge. Trotzdem konnte Frei die Steuerungsdrähte losreissen und sich mit dem Corpus Delicti auf den Heimweg machen. «Ich wollte das Modell als Beweismittel beschlagnahmen und von einer unabhängigen Stelle prüfen lassen», rechtfertigt er sein Vorgehen.

Der betroffene Pilot, Peter Germann, reichte Klage wegen Sachentziehung und Sachbeschädigung ein. Gemäss Germann hat Frei das Flugzeug nicht nur von den Leinen gerissen, sondern mit Faustschlägen beschädigt. Letzten Mai kam es am Bezirksgericht Baden zur Verhandlung. Die Parteien mit ihren Anwälten wurden befragt, ein halbes Dutzend Zeugen einvernommen, ein Video mit Flugszenen vorgeführt – der kleine Modellflieger hatte den Justizapparat gross in Fahrt gebracht.

Anzeige

Das Urteil aus Baden landete Anfang Juni in Andreas Freis Briefkasten: Er wurde schuldig gesprochen und zu einer Busse von 300 Franken verurteilt. Hinzu kommen 1400 Franken Gerichtskosten.

Für Frei ist das Urteil ein harter Schlag. «Vielleicht ziehen wir die Sache ans Obergericht weiter», sagt er. Zunächst will er die Urteilsbegründung abwarten.

Doch nicht nur das Gerichtsurteil und der Rückzug einstiger Mitkämpfer machen Frei zu schaffen – auch das eigentliche Hauptverfahren, die Immissionsklage, verläuft nicht nach seinen Vorstellungen. Der Fall zeigt exemplarisch, wie schwierig so genannter Freizeitlärm zu gewichten ist. Während Frei seine Gesundheit «ernsthaft beeinträchtigt» sieht, meint der Gemeindeammann von Untersiggenthal, Hans Killer: «Der Flugplatz verursacht keinerlei messbaren Lärm, die Strasse durch Stilli ist wesentlich lauter. Aber es gibt einfach Leute, die sind so sensibel, dass sie nur die göttliche Stille akzeptieren.»

Anzeige

Entsprechend emotional verläuft das Verfahren vor dem Baudepartement. Im September 1999 nahm der Kanton einen ersten Augenschein vor. Resultat: null. «Die sind bewusst nur mit ganz leisen Modellen geflogen», meint Andreas Frei.

Letzten Sommer kam es zur Einführung des Flugreglements. Dieses Jahr war es Frei immer noch zu laut – er reichte eine neue Klage ein. Eine Einigung am runden Tisch scheiterte. Die Verantwortung für den harzigen Dialog schieben sich die Streithähne gegenseitig in die Schuhe, jeder bezeichnet die Gegenpartei als «stur».

Zurzeit prüft der Kanton, ob das Reglement verschärft werden muss. «Bis der Entscheid fällt, verhält sich René Berger bewusst ganz ruhig», glaubt Frei. «Doch sobald sich niemand mehr wehrt, geht der Krach wieder richtig los.»

Was meint das kantonale Baudepartement dazu? Caroline Dübendorfer-Simmler von der Rechtsabteilung will zu Stilli nicht Stellung nehmen, das Verfahren sei noch hängig. Generell aber gelte, dass das Gesetz keine fixen Grenzwerte setze: «Jeder Fall ist individuell zu bewerten. Immissionen sind so zu limitieren, dass sie für ein durchschnittliches menschliches Empfinden tragbar sind.»

Anzeige

Dieser Gummiparagraph gilt für Restaurants, Discos, Spielplätze – und auch für Modellflieger. Klagen von Anwohnern in diesen Bereichen seien «sehr häufig», sagt die Juristin; ihr Amt müsse in jedem Einzelfall die subjektiv empfundene Störung feststellen. «Und die ist leider sehr schwierig abzuschätzen.»

Beim Kanton möchte man den «Fall Stilli» nun rasch behandeln; spätestens im Herbst sollte ein Entscheid vorliegen. Wird dabei der Modellgruppe weiterhin Flugrecht gewährt, muss Andreas Frei wohl einen neuen Anlauf nehmen: Lärmklagen können jederzeit wiederholt werden. Nur: Die Verfahrenskosten trägt der Kläger – jeweils rund 1000 Franken.

Was zeigt, dass «göttliche Stille» auch in einem Ort namens Stilli nur mit ganz weltlichen Mitteln zu haben ist.