Nadine Späti arbeitet lang an jenem Tag. Sehr lang. So lang jedenfalls, bis die 21-jährige Finalistin bei der Miss-Bern-Wahl 2005 allein im Geschäft ist – eingeschlossen vom Vorletzten, der nach Hause gegangen ist. Der Schlüssel der Fast-Miss liegt zu Hause, und zu so später Stunde kann sie niemanden mehr erreichen, der sie aus ihrer misslichen Lage befreien würde.

Zum Glück gibts da aber neue, farbige Jacken. Nadine Späti knüpft sie zusammen, seilt sich ab und geht nach Hause. Und nur wenige Tage später steht die Geschichte von der mutigen jungen Frau in der Berner Ausgabe von «20 Minuten». Nun sind selbst Journalistinnen und Journalisten von Gratiszeitungen nicht derart auf Draht, dass sie bei jeder Abseilaktion einer attraktiven Frau vor Ort sind. Auf der Redaktion erfährt man von der Aktion durch eine E-Mail, in der die Story fixfertig und mit Zitaten von Späti versehen erzählt wird. Und weil in der Montagsausgabe reichlich Platz vorhanden ist, kommt die Geschichte so ins Blatt – mit Foto, selbstverständlich.

Ein paar Fragen bleiben offen

Unterschrieben hatte das Mail Fabienne Marchand, Arbeitgeberin von Nadine Späti und Finalistin bei der Miss-Schweiz-Wahl 2000. Sie führt heute eine PR-Firma, die auf «Events» spezialisiert ist. Die Medienmitteilung indes will sie nicht geschrieben haben: «Ich gehe davon aus, dass Nadine Späti den Pressetext verfasst und in meinem Namen verschickt hat», sagt sie. Und Späti will sich überhaupt nicht mehr äussern.

Dabei gäbe es durchaus ein paar Fragen zu beantworten. Etwa folgende: Ist es ein Zufall, dass sich die Fast-Miss ausgerechnet an einer Lieferung «Sherpa-Outdoor-Jacken des Care Shops» aus dem Büro rettete, wie es in der Medienmitteilung heisst?

Ein paar Wochen zuvor war nämlich in der «Berner Zeitung» unter dem Autorennamen «mgt» («mitgeteilt») bereits eine Meldung über Nadine Späti erschienen. Sie habe, hiess es, «einen lukrativen Werbevertrag» von Care Shop erhalten, werde nun «Repräsentantin und Modell für eine Werbeaktion» und erhalte «die alleinige Vertretung von Outdoor-Jacken für das Mittelland».

Zeugen für Spätis Abseilaktion gibt es keine. Vielleicht ist das besser, denn so bleibt die Geschichte über die alpinistisch begabte Fast-Miss und ihre Jacken eine Episode in einer Gratiszeitung. Nur ganz boshafte Geister fragen sich, ob die Abseilerei mehr eine Werbeaktion als eine Notlösung war. Und ob Nadine Spätis Heimweg in jener Nacht tatsächlich über die Hausmauer führte.

Quelle: 20 Minuten
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