Knochenfunde gehören für Kaspar Michel zum Alltag. Den Schwyzer Staatsarchivar erstaunte es also nicht, als ein Spaziergänger im letzten Dezember auf dem Fussweg der Insel Ufnau (heute auch Ufenau) auf einen Schädel trat. «Die Skelettteile lagen neben dem ehemaligen Friedhof der Kirche St. Peter und Paul», sagt Michel. Weil man die Toten früher nicht so tief in der Erde begrub, kamen die Gebeine über die Jahrhunderte hinweg wieder an die Oberfläche. Insofern sei der Fund «unspektakulär». Zudem sei laut polizeilichen Ermittlungen ein zeitgenössisches Verbrechen ausgeschlossen.

Möglicherweise schlägt die Entdeckung aber doch noch Wellen. In einer ersten Beurteilung der Fotos hält ein Anthropologe fest, es handle sich bei den Gebeinen um «Fragmente eines Hirn- und Gesichtsschädels, Halswirbelreste sowie Teile des Schultergürtels». Diese liessen auf einen 30- bis 50-jährigen Mann schliessen. Wann genau er starb, bleibt abzuklären. Bisher vertraten die Historiker die Meinung, seit 1674 habe auf der Ufnau, der mit elf Hektaren grössten Insel der Schweiz, keine Bestattung mehr stattgefunden.

War der Verstorbene ein Mönch?
«Ist die jetzige Freilegung jüngeren Datums, müssten wir diese Annahme revidieren», sagt Michel. Es sei denkbar, dass es sich beim Skelett um das eines Mönchs handle. Das Eiland liegt seit mehr als 1000 Jahren in der Obhut des Benediktinerklosters Einsiedeln. Mit Abt Martin Werlen sei vereinbart worden, dass die Gebeine später wieder auf der Ufnau beigesetzt werden.

Dies wäre nicht die erste Mehrfachbestattung auf der Insel. Ganze drei Begräbnisse wurden dem humanistischen Revolutionär Ulrich von Hutten zuteil. Schwer krank erhielt der Verfolgte 1523 hier Asyl. Still und heimlich bettete ihn Pfarrer Schnegg, der ihn bis zum Tod gepflegt hatte, zur vermeintlich letzten Ruhe. 1959 glaubte man, auf das Grab gestossen zu sein, und lud Nachfahren und Würdenträger zu einer Feier. 1970 versammelte man sich erneut am Grab, nachdem man das Skelett Huttens nachweislich entdeckt hatte.

Der Schwyzer Staatsarchivar sieht in dem Fund auch ein Alarmsignal dafür, wie sanierungsbedürftig der ehemalige Friedhof und die sakralen Bauten auf der Ufnau sind. Kulturhistorisch sei die Insel «eines der bedeutendsten Güter im Kanton». Ein Förderverein will das bestehende Konzept umsetzen und die Insel mit Schiffsteg auch Behinderten zugänglich machen.

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