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Pascal Couchepin«Man muss mehr ertragen als der normale Mensch»

Elf Jahre war Pascal Couchepin Bundesrat. Vor seinem Abgang spricht er über seinen Duzfreund Gerhard Schröder und verrät, warum er kein Bier trinkt und was ihm an der Macht gefällt.

«Ein Grosser gilt sofort als arrogant»: Pascal Couchepin, 1,90 Meter gross, tritt Ende Oktober zurück.
von und

Beobachter: Ist es ein Vorteil, wenn man als Politiker 1,90 Meter gross ist?
Pascal Couchepin: Es ist sicher ein Vorteil. Schauen Sie sich die amerikanischen Präsidentschaftswahlen an: Fast immer hat der Grössere gewonnen.

Beobachter: Und wenn man erst einmal gewählt ist?
Couchepin: Dann ist Grösse ein Nachteil, wegen der psychoanalytischen Mechanismen. Ein Grosser gilt sofort als arrogant.

Beobachter: Ist Monsieur Sarkozy wirklich so klein?
Couchepin: Ich glaube, es ist besser, wenn wir nicht über dieses Thema sprechen.

Beobachter: Wer hat Sie auf Ihren vielen Reisen besonders beeindruckt?
Couchepin: (Seufzt) Der Mann, mit dem ich die beste Beziehung aufgebaut habe, ist Gerhard Schröder. Ich sehe ihn gern, und ich glaube, er sieht mich auch gern.

Beobachter: Duzt man sich unter Politikern?
Couchepin: Schröder und ich sind per du, seit einer Wanderung im Lötschental. Ich bin aber kein Anhänger des Duzens. Selbst mit meinen engsten Mitarbeitern bin ich per Sie, mit meinem früheren Generalsekretär, der schon mein persönlicher Berater war, neun Jahre lang. Erst diesen Frühling ist es zum Du gekommen.

Beobachter: Wie ist das, wenn man jemandem die Hand schütteln muss, den man nicht so mag?
Couchepin: Ja, also… Normalerweise ist man professionell. Man trifft sich schliesslich, um etwas Positives aufzubauen, um zusammenzurücken. Sogar während einer Krise. Daraus muss ja keine Freundschaft entstehen. Das war der Fall, als ich Putin im Zusammenhang mit dem Flugzeug­absturz bei Überlingen traf. Ich hatte den Eindruck, dass wir am Ende Fortschritte gemacht hatten. Aber Freunde sind wir nicht geworden.

Beobachter: Ist Freundschaft in der Politik überhaupt möglich?
Couchepin: Freundschaften aufzubauen ist unmöglich. Man sieht sich ja nur ein paar Mal. Aber freundschaftliche Beziehungen, die sind möglich. Wie mit Schröder.

Beobachter: Was gefällt Ihnen an Schröder?
Couchepin: Wir können offen miteinander sprechen. In Gerhard Schröder habe ich einen Men­schen getroffen, nicht nur einen Politiker. Wie ich liebt er Spaziergänge, trinkt gern ein Glas Bier – obwohl: Ich trinke kein Bier.

Beobachter: Mögen Sie Bier nicht?
Couchepin: Zweimal in meinem Leben habe ich Bier getrunken, und zweimal war ich nachher krank. Das erste Mal war ich mit Freunden auf einer Skipiste, es war kalt, ich schwitzte und trank ein Glas kaltes Bier in einem Zug. Anderthalb Tage war ich komplett krank. Furchtbar.

Beobachter: Waren Sie oft krank in ihren elf Jahren als Bundesrat?
Couchepin: Nein, nie. Abgesehen von der einen oder anderen Erkältung.

Beobachter: Haben Sie Interviews nie gelangweilt?
Couchepin: Das hängt von der Qualität der Journalisten ab. Wenn sie intelligent und kultiviert sind, ist es immer interessant. Wenn sie unkultiviert, arrogant oder naiv sind, dann sind sie furchtbar.

Beobachter: Man hatte oft den Eindruck, Sie würden lieber über Literatur oder Geschichte sprechen als über Krankenkassenprämien.
Couchepin: Man kann die Welt nicht nur von der hohen Warte aus betrachten. Es ist ebenso interessant, über die Probleme der Krankenversicherung zu sprechen.

Beobachter: Wann haben Sie zum ersten Mal im Leben ­gemerkt, dass Sie ein Leadertyp sind?
Couchepin: (Überlegt) An der Universität.

Beobachter: Wie haben Sie das gemerkt?
Couchepin: Man sagte mir: Alle respektieren dich.

Beobachter: Aber geliebt werden Sie nicht. Leiden Sie ­darunter?
Couchepin: Das Gegenteil wäre noch schlimmer: geliebt, aber nicht respektiert zu werden. Das wäre für einen wie mich eine Kata­strophe.

Beobachter: Jeder will doch geliebt werden.
Couchepin: Dafür habe ich Freunde. Bei der Heirat meiner Kinder waren keine Politiker zugegen, höchstens einer oder zwei. Von anderen Politikern weiss ich: Die laden ihre politischen Freunde ein. Ich lade nur meine Freunde ein.

Beobachter: Wie haben 40 Jahre Politik Sie verändert?
Couchepin: Darüber habe ich mit Freunden oft diskutiert. Jemand, der politische Verantwortung übernimmt, muss mehr ertragen als der normale Mensch.

Beobachter: Das ist keine Antwort. Was sagt denn Ihre Frau?
Couchepin: Meine Frau gibt keine Interviews. Das ist Privatsache.

Beobachter: Also nochmals: Hat die Politik Sie verändert?
Couchepin: Ich erinnere mich an den Satz eines Lehrers aus meiner Jugend: Wenn jemand nicht jedes Jahr den Sinn von drei Wörtern ändert, ist er geistig tot. So frage ich mich Ende des Jahres immer: Was ist der Sinn von Liebe? Von Politik? Von Liberalismus?

Beobachter: Hat sich denn das Wort «liberal» für Sie in den vergangenen 40 Jahren verändert?
Couchepin: Natürlich. Als ich anfing, bedeutete liberal eher: weniger Staat. Mit der Zeit merkte ich: Jetzt ist genug mit weniger Staat. Liberal sein heisst auch, die Gewichte neu zu verteilen, zum Beispiel die Sozialwerke zu stützen.

Beobachter: Ihr Vater starb mit 40, im Jahr, als die AHV eingeführt wurde. Hat Sie diese Erfahrung geprägt?
Couchepin: Natürlich. Ohne AHV hätte meine Mutter mit uns vier Kindern grosse Probleme ­bekommen. Meiner Mutter ging es zwar gut, wir waren aber nicht reich. Innerhalb von drei Monaten hatten wir kein Hausmädchen mehr; Ferien konnten wir uns nicht mehr leisten und auch keine neuen Kleider.

Beobachter: War das für Sie ein Schock?
Couchepin: Natürlich. Ich war damals erst fünf Jahre alt.

Beobachter: Bei Ihrem Antritt als Bundesrat sagten Sie: «Mein Mandat wird erfüllt sein, wenn die Wirtschaft prosperiert und die Sozialwerke dauerhaft gesichert sind.» Ist das Mandat erfüllt?
Couchepin: Nur teilweise. Bei der IV sind wir auf gutem Weg. In der Krankenversicherung gab es Fortschritte, aber man kann dort keine Revolution machen. Die AHV aber ist nicht gesichert. Bei der zweiten Säule hat sich einiges verbessert.

Beobachter: Würden Sie denn gern eine Revolution machen?
Couchepin: Nein, nein. Damit man im Gesundheitswesen eine Revolution machen könnte, ­müsste schon eine grosse Kasse zusammenbrechen.

Beobachter: Zermürbt Sie nicht manchmal diese Politik der kleinen Fortschritte?
Couchepin: Das ist im Ausland nicht anders. Sehen Sie Frau Merkel. Sie macht auch eine Politik der kleinen Schritte.

Beobachter: Stimmt die Anekdote, wonach Sie schon als 15-Jähriger durch Martignys Hauptstrasse ­spazierten und alle Leute grüssten? Den Schulkameraden sollen Sie erklärt haben, das könne später einmal von Nutzen sein.
Couchepin: Kann schon sein, aber ich war wohl eher 19. Meine Familie war immer politisch. Darum war Politik nicht etwas grundsätzlich Neues für mich. Mein Vater war im Grossrat, mein Grossvater Stadtpräsident und Nationalrat, mein Urgrossvater Gemeindepräsident und Kantonsrichter.

Beobachter: Wann wussten Sie, dass Sie Bundesrat werden wollen?
Couchepin: Nach ein paar Jahren im Parlament. Jeder, der ein paar Jahre im Nationalrat ist, fragt sich, ob es eine Möglichkeit gibt, Bundesrat zu werden.

Beobachter: Aber Sie sind wohl der Einzige, der das schon Jahre vorher öffentlich sagte.
Couchepin: Erst zwei Jahre, bevor ich auch gewählt wurde.

Beobachter: Sie haben erzählt von Ihrer einflussreichen ­Familie…
Couchepin: …aber alle starben, als ich noch jung war. Niemand war mehr da. Kein Geld, nichts.

Beobachter: Sie starteten aus einflussreicher Position…
Couchepin: …nein, nicht einflussreich. Es gab da ledig­lich eine gewisse Tradition.

Beobachter: Okay, aber Sie sind in einer einflussreichen ­Position gelandet. Was lieben Sie an der Macht?
Couchepin: (Überlegt) Entscheiden zu können. Und sehen, was man bewirkt.

Beobachter: Wie fühlt man sich, wenn man eine Abstimmung gewonnen hat?
Couchepin: Die Freude über den Sieg ist weniger gross als die Traurigkeit über die Niederlage.

Beobachter: Kann diese Freude am Entscheiden auch süchtig machen?
Couchepin: Vielleicht. Ich werde es sehen.

Beobachter: Sie befürchten Entzugserscheinungen?
Couchepin: Kaum.

Beobachter: Sie sind froh, dass Sie aufhören können?
Couchepin: Ja. Aber ich werde weiterhin entscheiden, zum Beispiel bei der Renovation der Familienvilla.

Beobachter: Wenn Sie weg sind, wird es langweilig im Bundesrat.
Couchepin: Och.

Beobachter: Sie sind die überragende Figur.
Couchepin: Das sagen Sie. (Zeigt zum Fotografen, der mittlerweile ebenfalls am Tisch sitzt.) Der sieht aus wie ein Ire. (Der Fotograf hat rötliches Haar.) Als ich als Junger während eines Sprachaufenthalts in London war, ging ich jeden Tag zum Speakers’ Corner im Hyde Park. Die Iren waren die besten Redner. Ich erinnere mich an einen, der zu mir sagte: «Ah, here is a bloody continental.» Ich entgegnete: «Ah, you bloody Irish. What do you say?» (Couchepin gerät ziemlich in Fahrt.) «Oh, you bloody continental, go back to your country.» Das war ein herrliches Spiel.

Beobachter: Wie in der Fernseh-«Arena»?
Couchepin: Allerdings war ich nicht zufrieden mit mei­nem letzten Auftritt in der «Arena» über die Invalidenversicherung. Der Moderator war nicht gut.

Beobachter: Sie waren auch nicht gut, haben einmal beinahe die Fassung verloren.
Couchepin: Ich war mit mir auch nicht zufrieden. Die Stimmung war insgesamt nicht gut. Vergessen wirs.

Beobachter: Ist Pascal Couchepin ein Choleriker?
Couchepin: Nur wenn ich den Eindruck habe, es werde vor mir eine Mauer aus Dummheit aufgebaut.

Beobachter: Zum Beispiel bei der Journalistin, die Sie mit den Worten «Hauen Sie ab!» aus dem Büro ­gejagt haben?
Couchepin: Die Dame hat fünf Mal die gleiche Frage gestellt und bei der Antwort immer gesagt: «Nein, das ist falsch!» Mit einer Mauer diskutiere ich nicht. Darum machte es keinen Sinn, das Interview weiterzuführen.

Beobachter: Sind Sie in Ihrem Innersten ein harmonie­bedürftiger Mensch?
Couchepin: (Vehement) Nein, nein! Ich habe nichts gegen die Konfrontation mit ehrlichen, unparteiischen Leuten. Aber nicht mit Leuten, die nicht zuhören. Nein, ich bin nicht harmoniebedürftig.

Beobachter: Die Gattinnen oder Gatten der Bundesrats­mitglieder sind für die Öffentlichkeit tabu. Anders Michelle Obama in den USA. Wird das in der Schweiz so bleiben?
Couchepin: Ja, weil ein Bundesrat nicht vom Volk gewählt wird. Sollte es einmal eine Volkswahl des Bundesrates geben – was ich nicht ­hoffe –, wird sich das ändern. Wer gewählt werden will, kann es sich nicht mehr leisten, seine Familie abzuschirmen. Er wäre im Nachteil.

Beobachter: Wieso sind Sie gegen die Wahl des Bundesrates durch das Volk?
Couchepin: In einem Wahlkampf wäre es für einen ­Romand fast unmöglich zu gewinnen. Die Deutschschweizer bilden die Mehrheit. Wer nicht Schweizerdeutsch spricht, wird immer im Nachteil sein.

Beobachter: Sind Sie auch wegen Ihres holprigen Deutschs so unpopulär?
Couchepin: Vielleicht auch. Es ist mir aber egal.

Beobachter: Wie vermeidet es ein Bundesrat, nur noch von Hofschranzen, die den Bückling machen, umgeben zu sein?
Couchepin: Am Wochenende spazieren gehen und Menschen auf der Strasse treffen.

Beobachter: Glauben Sie an Gott?
Couchepin: Ja.

Beobachter: Gehen Sie beichten?
Couchepin: Das ist privat, ich bin freisinnig.

Beobachter: Heisst freisinnig, dass man nicht über Privates spricht?
Couchepin: Nein. Aber es muss genügen, was ich Ihnen sage. Und unsere Interviewzeit läuft ja auch gerade ab.

Beobachter: Was denken Sie: Ist der liebe Gott ein Sozialist?
Couchepin: Ich befürchte, dann wäre er ein armer Gott. Aber er ist auch kein Liberaler. Er ist unpolitisch.

Zur Person

Pascal Couchepin, 67, wurde 1998 in den Bundesrat gewählt. Zuerst leitete er das Volkswirtschaftsdepartement, seit 2003 ist er Vorsteher des Departementes des Innern. Zuvor war das FDP-Mitglied Nationalrat (ab 1979) und sass während 30 Jahren in der Exekutive seiner Heimatstadt Martigny VS (davon 14 Jahre als Präsident). Der Jurist hat mit seiner Frau Brigitte einen Sohn (geboren 1975) sowie zwei Töchter (1977 und 1981).

Veröffentlicht am 12. Oktober 2009