Häufig muss ich um 20 Uhr ins Bett, damit ich den Stress am nächsten Tag überhaupt aushalte», sagt die diplomierte Krankenschwester Linda Maurer. Sie arbeitet in einem Spital mit Schwerkranken, betreut Menschen mit ansteckenden Krankheiten und Patienten, die von einer Chemotherapie stark geschwächt sind. Doch es ist nicht nur die fachlich und emotional herausfordernde Tätigkeit, die sie an ihre Grenzen bringt. Vorab der chronische Zeitmangel belastet sie und ihre Teamkolleginnen: «Alles muss schnell gehen, sonst ist die Arbeit nicht mehr zu bewältigen.»

Die Betten auf der Station sind dauernd besetzt, die Angestellten sind im Dauerstress, und die administrativen Aufgaben – das Notieren der kleinsten Handgriffe auf dem Leistungserfassungsblatt – benötigt zusätzliche Zeit. «Menschliche Anteilnahme», klagt Linda Maurer, «bleibt oft auf der Strecke, Unvorhergesehenes hat zu wenig Platz.» Die Angst, dass durch die Hetzerei ein Irrtum mit bösen Folgen passieren könnte, begleitet die Krankenschwestern und -pfleger Tag und Nacht.

Seit Linda Maurer vor 20 Jahren ihr Krankenschwesterndiplom erhielt, sei vieles anders geworden im Spital. «Nicht nur die Interpretation einer umfassenden und sicheren Pflege ist heute anders, sondern auch die Kundschaft hat sich verändert: Sie ist anspruchsvoller und selbstbewusster geworden.» Die steigenden Krankenkassen-prämien fördern bei den Versicherten eine Erwartungshaltung: Wer im Spital liegt, will etwas haben für sein Geld. Und manche Patienten werden mit dieser Haltung immun gegen den Stress des Pflegepersonals – vor allem wenn sie in einem Einzelzimmer liegen, wo sie von der Hektik auf der Abteilung nichts mitbekommen.

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Krankenschwestern im Dilemma
«Für uns ist es frustrierend, wenn wir aus Zeitmangel Prioritäten setzen müssen und ein schlechtes Gewissen haben, weil wir weder den Bedürfnissen der Patienten noch unseren eigenen genügen», sagt Linda Maurer. Das Gespräch mit den Patienten oder ihren Familien, die Auseinandersetzung mit Krankheit, Unfall oder Tod bleibe häufig auf der Strecke oder werde an die Seelsorge delegiert. Das Pflegepersonal muss nebst den belastenden und traurigen Ereignissen aus dem Spitalalltag zusätzlich mit dem deprimierenden Gefühl fertig werden, menschlich versagt zu haben.

Linda Maurer fühlt sich überfordert: Der Spardruck von oben, die eigenen Erwartungen an eine professionelle Arbeit und die Bedürfnisse und Sorgen der Patienten lassen sich kaum unter einen Hut bringen. «Trotz meinem 80-Prozent-Pensum bin ich oft so müde, wie wenn ich voll arbeiten würde», meint sie. Für den Arbeitgeber sind jedoch Teilzeitanstellungen oberflächlich eine rentable Lösung. Langfristig wird die Rechnung kaum aufgehen. Nach zwei bis drei Jahren geben viele Krankenschwestern entkräftet auf.

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«Kaum eine Krankenschwester kann jahrelang 100 Prozent arbeiten, das hält sie auf die Dauer gar nicht aus», erklärt Isabel Tuor, die sich im Kanton Zürich seit zehn Jahren in der Aktion Gsundi Gsundheitspolitik (AGGP) für bessere Arbeitsbedingungen und Lohngerechtigkeit engagiert. Einen ersten Erfolg feierte das Zürcher Gesundheitspersonal Ende Januar: Das Verwaltungsgericht hiess seine Klage für Lohngerechtigkeit teilweise gut. Doch der Forderungskatalog ist noch lang. Verlangt werden die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, externe Kinderbetreuung, bessere Begleitung in der Ausbildung sowie Löhne, die der Verantwortung und der Kompetenz des Berufs entsprechen.

Das Putzpersonal springt ein
«Wir sind auf die Mithilfe der Angehörigen angewiesen», sagen die Krankenschwestern. Den Patienten mit Spaziergängen, Zuwendung und Unterhaltung den Klinikaufenthalt zu erleichtern – dafür findet das Pflegepersonal im knapp berechneten Arbeits- und Schichtplan heute kaum noch Zeit. Entlastung bringen die Besucher etwa bei der Körperpflege der Patientinnen und Patienten.

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Roland Gamper lag nach einer Rückenoperation auf der Allgemeinabteilung einer Klinik und sagt: «Ich war froh, dass mir das Reinigungsteam etwas zur Hand ging; die Leute hatten am ehesten Zeit dafür. Im Zimmer nebenan half eine portugiesische Putzequipe bettlägrigen Landsleuten.»

Von einem Pflegenotstand wollen die Verantwortlichen trotzdem nicht reden. An der Universitätsklinik Zürich etwa sind bis auf 20 Jobs alle 1800 Stellen besetzt. Allerdings rekrutierten die Verantwortlichen intensiv, reisten eigens nach Berlin, um Personal anzuheuern. 50 Prozent der neu angestellten Krankenschwestern und -pfleger kommen aus dem benachbarten Ausland; gesamthaft sind am Unispital 42 Prozent des Personals ausländischer Herkunft. Am schwierigsten sei es, Spezialistinnen für die Operationssäle und Krankenschwestern mit einer Zusatzausbildung zu finden, sagt Pflegedienstleiter Mathias Fuhrer vom Kantonsspital Winterthur. Auch am Universitätsspital Basel herrscht offiziell kein Personalmangel. «Wir versuchen, dem Rekrutierungsproblem mit guten Arbeitsbedingungen und Weiterbildungsmöglichkeiten entgegenzuwirken», sagt die zuständige Bereichsleiterin Germaine Eze. Trotzdem ist sie besorgt, wie die Pflege der Zukunft aussehen wird, wenn bereits heute überall Abstriche gemacht werden müssen.

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Wie viele Hände, Köpfe und Herzen tatsächlich nötig sind für die optimale Pflege aller Patienten, lässt sich nicht in bewilligten Stellen und Zeitplänen erfassen. Tatsache ist: In den letzten Jahren wurden hierzulande die Pflegekosten infolge von Sparmassnahmen um 13 bis 15 Prozent reduziert, Tendenz steigend.

Notstand als Zeitbombe
Dass die angestrebte Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen nicht nur die Qualitätssicherung gefährdet, sondern auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen wird, sieht auch Josef Arnold, Leiter des Pflegedienstes am Zürcher Universitätsspital: «Es geht heute alles sehr schnell. Man kommt krank ins Spital, und man geht wieder krank. Das Pflegepersonal erlebt nur die intensivste Zeit mit dem Patienten, dann wird dieser so schnell wie möglich aus dem Spital gekippt, damit das Bett für den nächsten Patienten in der Akutphase frei wird.»

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Die weiterführende Pflege wird so dem Kranken- oder Pflegeheim, der spitalexternen Betreuung (Spitex) oder den Angehörigen zugeschoben. Aus den Heimen ertönt das gleiche Lied: Das Personal ist nach kurzer Zeit ausgebrannt; meist sind die Arbeitsbedingungen hier noch unattraktiver, die Arbeit dagegen ist physisch und psychisch umso anstrengender. Notgedrungen begnügt man sich mit mangelhaft ausgebildetem Personal und beschränkt Betreuung und Pflege auf ein Minimum.

Solche Zustände sind beunruhigend – nicht nur für Menschen, die heute pflegebedürftig sind. Entwarnung ist nicht in Sicht: Der Segen des medizinischen Fortschritts hat zur Folge, dass immer mehr Menschen nicht frühzeitig sterben, sondern pflegebedürftig sind. Doch was passiert, wenn niemand mehr die Kraft hat, die zunehmende Zahl der Langzeitpatienten zu pflegen? Nicht umsonst ist der Notstand schon heute dort am bedrohlichsten, wo die Klienten am längsten bleiben: in Kranken-, Pflege- und Altersheimen.

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