«Selbstgemachter Rüeblisalat, Pouletschenkel an einer Gemüsesauce mit frischen Frühlingszwiebeln, Teigwaren und zum Dessert Erdbeercreme.» Irma Wenger und Peter Zemp nicken zustimmend, und Anita Fuhrer verschwindet in der Küche. Kurz darauf taucht sie wieder auf und serviert den angekündigten Salat: «En Guete mitenand.»

Die kleine Runde trifft sich regelmässig in der gutbürgerlich eingerichteten Wohnung an der Holeestrasse in Basel; eine junge Frau, die vierte im Bunde, ist gerade in den Ferien. Gäste und Gastgeberin sind längst per du - doch ihr Essen ist keine Einladung unter Freunden. Hier bezahlen die Gäste − 15 Franken pro Mahlzeit.

Ein Stundenlohn von zehn Franken
Auf die Idee, einmal pro Woche fremde Menschen zu bewirten, kam Anita Fuhrer über ein blaugelbes Flugblatt in ihrem Briefkasten: «Auch ohne Not - über das NachbarNet - Menschen jeden Alters finden zu praktischen Zweckgemeinschaften im Alltag», stand dort, und als Beispiel war unter anderem ein «kleiner Mittagstisch in einer Privatwohnung» aufgeführt. Der pensionierten Krankenschwester gefiel die Idee: «Ich habe ja sonst nicht viel zu tun.» Und so kocht sie nun jeweils am Freitag nicht bloss für sich, sondern für vier Personen. «Und meistens viel zu viel», seufzt sie. Dann bekommen die Gäste halt noch eine Portion in einem Plastikgeschirr zum Mitnehmen. Verpflegung ist jedoch nur die halbe Mahlzeit an diesem Tisch. Irma Wenger, die allein lebt, schätzt den Mittagstisch auch der Kontakte wegen.

Mit Peter Zemp sitzt der Verfasser des besagten Flugblatts gleich mit am Tisch: Er ist Initiant des NachbarNet Basel. Seine Welt ist jene von Angebot und Nachfrage, wenn auch nicht in einem marktwirtschaftlichen Sinn. Der ehemalige Sozialarbeiter und Theologe setzt auf die Gesellschaft und darauf, dass im Kleinen, in der Nachbarschaft, riesige Ressourcen brachliegen, die nur darauf warten, genutzt zu werden. Es waren diese Gedanken, die ihn 1997, mit 55 Jahren, dazu brachten, noch einmal etwas völlig Neues zu wagen und das NachbarNet Basel samt zugehörigem Trägerverein zu gründen. Menschen, die nahe beieinanderwohnen und für einen bestimmten Zweck Hilfe benötigen oder anbieten können, sollten sich über eine zentrale Vermittlungsstelle finden und sich dann selbständig organisieren können, so Zemps Idee. «Autonome nachbarschaftliche Zweckgemeinschaften» nennt er dies.

Erfahrungen beim Weben von nachbarschaftlichen Netzen machte Zemp bereits in den achtziger Jahren, als er in verschiedenen Basler Quartieren Gemeinschafts-Kompostplätze aufbaute, die zum grossen Teil noch heute funktionieren. Am Bedürfnis für eine Vermittlungsstelle für Nachbarschaftshilfe zweifelte Zemp denn auch keinen Moment. Er bettelte bei verschiedenen Stiftungen Startkapital zusammen und begann mit Freiwilligen, das NachbarNet in der Stadt bekannt zu machen. Anfänglich zogen die Helferinnen und Helfer mit eigens konstruierten Handwagen durch die Wohnquartiere. Wer eine Dienstleistung suchte oder zu bieten hatte, konnte in einem Karteikasten nach einem passenden Gegenpart suchen. Ob Unterstützung bei den Hausaufgaben, Gassigehen mit dem Hund oder Fahrdienst für Gehbehinderte, fast alles war - und ist - denkbar.

Von Anfang an war für Zemp klar, dass die erbrachten Dienste mit Geld entschädigt werden müssen: «Wir sind weder eine Tauschbörse, noch wollen wir, dass jemand ausgenützt wird», sagt er bestimmt. Das NachbarNet empfiehlt einen Stundenansatz von zehn Franken. Die gleiche Entschädigung erhalten auch die freiwilligen Helferinnen und Helfer auf der Geschäftsstelle. Dort ist einzig Peter Zemp fest angestellt − mit einem 60-Prozent-Lohn, für den er fünf Tage pro Woche arbeitet.

«Es funktioniert super»
Heute funktioniert die Vermittlung der Angebote über die Webseite www.nachbarnetbasel.ch und übers Telefon. Wer nach einem Hilfsangebot sucht, gibt dort die eigenen Koordinaten an und erhält dann unentgeltlich entsprechende Adressen von Menschen aus der Nachbarschaft. Zwischen 1'300 und 1'500 Personen aus der ganzen Stadt Basel offerieren derzeit ihre Dienste, darunter zahlreiche IV-Bezügerinnen und -Bezüger, aber auch ehemalige Beamte und Berufstätige. «Schichtübergreifende Integration» nennt Zemp dies. Allein im letzten Jahr konnte in rund 400 Fällen die gesuchte Nachbarschaftshilfe mit Erfolg vermittelt werden.

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Für Sibyl Anwander waren Schicksalsschläge in ihrem Freundeskreis die Motivation, über das NachbarNet ihre Dienste anzubieten. «In den meisten Fällen konnte ich nicht direkt helfen, weil die Freunde zu weit weg wohnten und ich beruflich und familiär stark eingespannt bin», sagt die Kaderfrau eines grossen Unternehmens. «Deshalb suchte ich nach einer sinnvollen Tätigkeit, mit der ich jemandem helfen kann. Und ich hoffe, dass andere genauso meinen Freunden helfen.»

Ihren dankbaren Gegenpart hat Sibyl Anwander in Peter Küpfer gefunden. Der 60-Jährige ist stark sehbehindert und deshalb froh, wenn ihn jemand zum wöchentlichen Grosseinkauf begleitet. Sibyl Anwander holt ihn deshalb jeden Samstag um halb zehn Uhr ab, begleitet ihn in die nahe gelegene Migros und anschliessend wieder nach Hause. Für sie sei das eine kleine Sache, wehrt Anwander ab, aber Peter Küpfer ist des Lobes voll über seine Begleiterin: «Es funktioniert super mit ihr.» Zwar kenne und unterstütze ihn das Migros-Personal mittlerweile auch, «aber Frau Anwander kennt sich bei den Angeboten aus und kann mich beraten». Zudem ergebe sich auch immer wieder die Gelegenheit zu einem Gespräch, über Wirtschaft oder Politik etwa, aber auch über Privates.

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Werbung muss sein
Eher über den heissgeliebten FC Basel oder über Hausaufgaben reden Dominique Schaub und Dominic Becker. Der 19-jährige Schaub - «der grosse Dominique», wie ihn Dorothee Becker, die Mutter des «kleinen», 11-jährigen Dominic nennt - kümmert sich mehrmals pro Monat für ein paar Stunden um den Fünftklässler. Als Pastoralassistentin hat Dorothee Becker gelegentlich unregelmässige Arbeitszeiten und suchte deshalb über das NachbarNet nach einer Betreuungsmöglichkeit für ihren Sohn. Dominique Schaub wiederum hatte genau dies zu bieten, und als man bei einem ersten Kontakt gemeinsame Bekannte ausmachte, die für beide Seiten wärmste Empfehlungen abgaben, war der Handel perfekt. Seither bauen der Schüler und der künftige Jus-Student, der sich so etwas Sackgeld verdient, zusammen Lego-Burgen, sie schauen sich am Fernsehen Fussballspiele an oder verprassen den Lohn des «grossen» Dominique: Oft führe ein Ausflug an die Patisserie-Theke im nahen Supermarkt, sagen die beiden grinsend.

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Gefunden haben sich Dominique und Dominic über eine der 30 in Basel verteilten Werbetafeln des NachbarNet. Die Blätter, auf denen Angebote aus der jeweiligen Umgebung aufgelistet sind, werden von freiwilligen Helferinnen und Helfern etwa alle drei Wochen erneuert. «Wenn die Angebote nicht bekannt sind, meldet sich auch niemand», sagt Peter Zemp. Werbung ist denn auch einer der grössten Ausgabenposten des Vereins.

Auf der Einnahmenseite lebt das NachbarNet zu einem grossen Teil von Spenden von Privatpersonen und einem Beitrag der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige Basel. Rund 40'000 Franken müssen aber jedes Jahr zusätzlich beschafft werden: «Das erscheint uns aufwendig», geben Vreny Schaller und Alex Willener von der Hochschule für Soziale Arbeit Luzern zu bedenken. Sie begutachten für den Beobachter private Sozialprojekte, die zur Nachahmung empfohlen werden. Und sie kamen zum Schluss: Trotz schwieriger Finanzplanung «füllt das NachbarNet eine wichtige Lücke und ist in diesem Sinn nachahmenswert».

NachbarNet-Leiter Zemp relativiert diese finanzielle Abhängigkeit: «In Basel gelingt es zum Glück immer wieder, grosszügige Spender zu finden. Und eigentlich sollte das auch anderswo möglich sein.»

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Kontakt

NachbarNet Basel
Peter Zemp, Projektleiter
Telefon 061 381 02 30
Internet: www.nachbarnetbasel.ch

Ausgezeichnete Projekte: Zur Nachahmung empfohlen

Die Erhaltung tragfähiger sozialer Netze war dem Beobachter von jeher ein Anliegen. Dafür braucht es nicht nur starke staatliche Einrichtungen, sondern auch private Initiative und Kreativität, um die Nischen zu füllen, die der institutionelle Sozialapparat nicht abdeckt. Solche Angebote werden in einer sechsteiligen Serie anlässlich des 80. Geburtstags des Beobachters vorgestellt. Wir würdigen privat initiierte Sozialprojekte aus den Bereichen Familie, Arbeit, Pflege, Nachbarschaftshilfe, Jugend und Ausländerintegration - auch als Muster zur Nachahmung. Die mit einem Diplom ausgezeichneten Projekte weisen ein eigenständiges Profil auf und ermöglichen nachhaltige Lösungen. Als Fachjury wirkt die HSA Hochschule für Soziale Arbeit Luzern.

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