Es ist ein Uhr nachts. Der Geruch von frischer Farbe liegt in der Luft. Fabio* steht vor einer Wand und zieht mit der Spraydose ­Linien. Schwarz, Silber, Blau, Gold. Er streckt sich. Die Buchstaben sollen so gross wie möglich sein. Alle paar Minuten wird das Zischen der Spraydose von einem herannahenden Auto unterbrochen. Wenn es in Sichtweite kommt, geht Fabio ein paar Schritte weg und versteckt sich hinter einer Mauer. Bis das Auto wieder in der Nacht verschwindet. Nach 40 Minuten ist er fertig, so lange hat er sich exponiert. Und doch bleibt er ungesehen. Was gesehen wird, ist sein Bild. Zweieinhalb Meter hoch und zehn Meter breit sind die drei Buchstaben insgesamt. «LCS».

In Fabios Leben dreht sich alles um Buchstaben. Künstlerisch gestaltete Zeichen. Graffiti. LCS ist der Name seiner Crew. Gleichgesinnte, die sich zusammengeschlossen haben, «um möglichst viel zu machen, möglichst grosse und aufwendige Sachen», sagt Fabio. Damit meint er natürlich Buchstaben.

Fabio ist einer von rund hundert aktiven Graffitisprayern in Basel. Seit zwölf Jahren ist er nachts mit seinen Spraydosen unterwegs. Mal öfter, dann wieder seltener, momentan ein- bis zweimal pro Woche. «Man muss in der Stadt nicht weit gehen, um einen Schriftzug von mir zu finden», sagt er. Er sagt es ruhig und ohne grosse Regung. Die Freude darüber, in der Stadt seine Spuren hinterlassen zu haben, kann er allerdings nicht verbergen.


So schnell wie möglich wieder weggeputzt

Überhaupt nicht erfreut ist Andreas Pecnik. Als Angestellter des Kantons leitet er das Projekt Welcome und ist damit so etwas wie der natürliche Feind der Sprayer. Grösster Bestandteil des Projekts ist das Programm «Basel – unverschmiert schön»: Jegliche Art von illegal angebrachter Farbe soll so schnell wie möglich von Fassaden und Stadtmobiliar verschwinden. «So steigern wir nicht nur die Aufenthaltsqualität, sondern auch die Sicherheit im öffentlichen Raum», sagt Pecnik.

Um seine Aussagen zu stützen, verweist er jeweils auf die Broken-Windows-Theorie. Die besagt: Ein kleiner Schaden, etwa ein kaputtes Fenster – oder eben eine unsaubere Wand –, fördert die Verwahrlosung eines ganzen Quartiers, weil sich Menschen dann rücksichtsloser verhalten. 5910 «Verschmierungen» wurden seit Juli 2010 entfernt, wie ein laufend aktualisierter Zähler auf der Website anzeigt. Als Verschmierung gilt jeder unerwünschte Farbfleck, vom Kugelschreiberstrich bis zum meterhohen, ausgemalten Buchstaben.

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«Eindrücklich», sagt Pecnik und breitet auf dem Tisch im Sitzungszimmer eine Sammlung von Vorher-nachher-Bildern aus. Gerbergässlein, Martinskirchgässlein, Steinenbachgässlein, Kannenfeldpark. Wo die Wände vorher versprayt waren, sind sie heute blank. «Kein Photoshop!»

Der Gang durch die Innenstadt bestätigt das. Stolz präsentiert Pecnik das Steinenbachgässlein. «Hier war vorher alles verschmiert», sagt er und zeigt auf eine ungefähr 50 Meter lange Fassade. Sie ist weiss. Die Sprayereien seien Ausdruck fehlender Sozialkontrolle gewesen. «Darum haben sich auch ganz dubiose Gestalten hier wohlgefühlt.» Leute hätten an die Mauern uriniert – wie es die Broken-Windows-Theo­rie besagt. Diese Zeiten sind vorbei: In der Innenstadt gilt Nulltoleranz. Vereinzelt findet man doch noch kleinere Sprayereien und Gekritzel an den Wänden. «Das muss in der Nacht passiert sein», sagt Pecnik. ­Eine Woche später wird die Wand wieder weiss sein.

Amtlich bewilligte Kunst für 60'000 Franken: Andreas Pecnik bei der Unterführung Heuwaage

Quelle: Christian Flierl
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Fabio lacht hämisch, wenn das Gespräch auf Pecnik und sein Projekt kommt. Die Nulltoleranzstrategie hat sich in der Graffitiszene herumgesprochen. «Im Moment haben sie die Innenstadt zurück­erobert», sagt Fabio. Es gibt nicht mehr so viele Sprayer, die sich dort betätigen. Und wenn, dann meist nur destruktiv. «Warum soll man sich Mühe geben und etwas Aufwendiges malen, wenn es eh grad wieder weggeputzt wird?» Dass wieder andere Zeiten kommen, davon ist Fabio überzeugt. Etwa im Winter, wenn das Putzen wegen der Kälte nicht mehr so leicht fällt. «Es hat bereits angefangen.» Fabio lächelt. Ihm gehe es nicht darum, Schaden anzurichten. «Ich mache nichts kaputt. Ich mache es farbig.» Er liebt seine Stadt. Er will mitbestimmen, wie sie aussieht, wie sie sich verändert. Und er mag es nicht, wenn sie grau ist.

«Wenn wir putzen, freuen sich Passanten»

Fassaden, Briefkästen und dergleichen gehören für Fabio zum öffentlichen Raum. Dieser solle allen gehören, von allen Menschen gestaltet werden, wann und wie es ihnen gefällt. Fabio setzt diese Überzeugung um. Ihm gefallen Buchstaben. Er ist sich sicher, dass die Menschen glücklicher wären, wenn sie die Städte abwechslungsreicher gestalten würden.

Rolf Märki macht andere Erfahrungen. «Wenn ich und mein Team in der Stadt die Verschmierungen wegputzen, dann freuen sich alle Passanten.» Märki leitet das Team von Spray-Ex, das sich, im Rahmen des Welcome-Projekts, auf die Reinigung von Graffiti konzentriert. Eine Spezialeinheit gegen Graffiti sozusagen. Ihre stärkste Waffe: ein Glasmehlstrahler. Mit Hochdruck wird ein feines Pulver auf die Wand geschossen, das die unerwünschte Farbe von der Mauer fegt. Wahnsinnig laut, aber effizient: Nach ungefähr zwei Minuten sieht man praktisch nichts mehr.

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Der Angestellte im Ganzkörperanzug hat ganze Arbeit geleistet. 500 Franken kostet der Einsatz des Geräts – pro Stunde. 100 Quadratmeter lassen sich damit pro Tag reinigen. Die Maschine lohnt sich, findet Märki. «Wenn einer etwas schmiert und es innert 48 Stunden wieder weg ist, dann vergeht dem schon die Lust», sagt er in breitem Baseldeutsch. Sein Ohr ziert ein Bischofsstab, wie er auf dem Basler Wappen zu finden ist. Märki liebt seine Stadt. Und er mag es nicht, wenn sie unerlaubt versprayt wird.

Wenn Märki durch Basel streift, entgeht ihm keine Sprayerei. «Das da ist neu. Da muss ich mit meinen Leuten vorbei», sagt er. Er zeigt auf zwei rote Punkte, die auf ­einer Hauswand zwischen drei Fenstern hingesprayt wurden. Sie haben je einen Durchmesser von etwa zwei Zentimetern. «Typisch», sagt er, «denen geht es nur da­rum, Schaden anzurichten.» Via «Sauberkeitshotline» bekommen er und das Team auch Meldungen aus der Bevölkerung. Im Schnitt zwei pro Tag.

99 Prozent aller Sprayereien in der Stadt seien blosse Verschmierungen, sagt Märki. Er versteht nicht, wieso es so toll sein soll, einfach seinen Namen überall hinzukritzeln. Einer wurde erwischt, wie er eine Sitzbank vollmalte. Zur Strafe musste er bei der Reinigung helfen. Die Busse bezahlte der Vater, da der Täter minderjährig war. «Wie die meisten», sagt Märki. «Oft sind sie an einem Wochenende draussen, haben zufällig einen Stift dabei und schmieren dann in der Gruppendynamik irgendwo ­etwas hin. Rücksichtslos.»

Alles ist geplant, auch der Fluchtweg

Fabio ist Ende 20. Kunstwerke und Kirchen versprayt er nicht. Auch bereits gestaltete Flächen lässt er in Ruhe. Egal, wie sie aussehen. «Wenn einer Blumen auf seine Fassade zeichnet, dann gefällt mir das zwar nicht, aber ich respektiere es. Er hat sich überlegt, wie es für ihn am schönsten ist. Diese Veränderung will ich anstossen.»

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Bevor Fabio sprayen geht – er nennt es «rausgehen, um zu malen» – stellt er seine Dosen zusammen. Die Farben wählt er so, dass er das Bild aus dem Kopf auf die Wand übertragen kann. Er überlegt sich mehrere Wege, auf denen er unbemerkt zum Zielort gelangt – und wieder weg. Er räumt seine Wohnung auf, für den Fall, dass er doch erwischt wird und eine Hausdurchsuchung vorgenommen wird. Skizzenbücher, die auf weitere seiner Werke hindeuten, dürfen nicht gefunden werden. Spraydosen lagert er sowieso nicht zu Hause. Dann packt er Gummihandschuhe ein und reinigt seine Dosen von Fingerabdrücken. Falls er seinen Rucksack wegwerfen muss und später erwischt wird, ist es schwer zu beweisen, dass der Rucksack ihm gehört.

Seine Fotosammlung, mit der er seine Sprayereien dokumentiert, umfasst mehrere hundert Bilder. Was passiert, wenn er erwischt würde, daran mag er nicht denken. Die Reinigungskosten, die er bisher ver­ursacht hat, bewegen sich im fünfstelligen Bereich. Locker. Geld, das er verdient, gibt er sofort wieder aus. «Sonst müsste ich es nur irgendwann zahlen. Wenn ich erwischt werde.» Eine Unachtsamkeit vor einiger Zeit brachte ihm eine mehrjährige Bewährungsstrafe und eine Busse im mittleren vierstelligen Bereich ein. Das war ihm egal. Sprayen ist für ihn so wichtig, dass er – im Notfall – die Konsequenzen für sein Handeln tragen würde. Wie viel seiner Freizeit er ins Sprayen investiert, kann er nicht sagen. «Es ist ja kein Hobby, es ist eine Lebenseinstellung.» Wenn Fabio über Graffiti redet, braucht er Begriffe wie «Writer», «Fat Cap», «Bomben», «Line» oder «Styles». Er vergisst, dass jemand, der sich nicht in der Szene bewegt, wenig damit anfangen kann.

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Er würde Basel auch legal verschönern

In den Medien will er möglichst wenig preisgeben, das auf seine Identität schlies­sen lässt. Das erwähnt er mehrmals. Was man schreiben darf: Lebensraum Kanton Basel-Stadt. Abgeschlossene Berufslehre. Heute angestellt. «Ein Beruf, in dem ich nicht früh aufstehen muss. Das ist wichtig, wenn du in der Nacht unterwegs bist.»

Fabio kommuniziert über eine anonyme E-Mail-Adresse. Fremden gegenüber öffnet er sich nicht sofort. So kann es auch vorkommen, dass er bei Tageslicht und bestem Wetter Kapuze und Sonnenbrille nicht ablegt. «Keine Tarnung, bloss mein Herbstoutfit», sagt er mit einem Augenzwinkern.

Illegalität sei für ihn keine Notwendigkeit. Er sprayt auch legal, über Beziehungen wurde er schon für Auftrags­arbeiten gebucht. So finanziert er seine Spraydosen: Ein durchschnittliches Bild an einer Wand kommt auf 70 bis 80 Franken. Auf öffentlichem Grund gibt es keine Möglichkeit, legal zu sprayen. ­«Alles soll so bleiben, wie es ist», sagt Fabio. «Wenn du Geld hast, dann darfst du jede Oberfläche in der Stadt verändern. Wenn man damit Geld verdienen kann, erst recht. Wenn du es aber nur machst, weil du es schön findest und den Leuten etwas bieten möchtest, dann wirst du verteufelt.»

An vielen Hauptverkehrsstrassen, an denen früher Graffiti waren, stünden heute Werbetafeln. Weil das Orte sind, an denen viele Leute vorbeikommen. Über Werbung beschwert sich niemand. «Obwohl es im Prinzip dasselbe ist. Andere wollen ein Pro­dukt unter die Leute bringen. Ich meine Überzeugungen», sagt Fabio. So sei das halt.

Und so dürfte es bleiben. Sprayer-Gegner Pecnik ist überzeugt, dass sich die Sprayer nicht an die Grenzen halten würden, wenn es legale Flächen gäbe. Deshalb sei die Nulltoleranz nötig. Das heisst jedoch nicht, dass es in Basel keine farbigen Wände geben soll. «Wir wissen, dass hochwertige Graffiti Unorte aufwerten und das Sicherheitsgefühl steigern», sagt Pecnik. Ein solches Aufwertungsprojekt ist momentan in der Unterführung bei der Heuwaage im Gang. Tarek Abu Hageb, einer der renommiertesten und ältesten Sprayer Basels, hat den Auftrag bekommen, die graue Unterführung bunt zu gestalten. ­Tarek hat mit 15 angefangen zu sprayen. 18 Jahre lang war er illegal unterwegs. ­Heute ist er 40 und verdient Geld mit dem ­Sprayen. Mit Techniken von früher.

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Den Entwurf der neu gestalteten Unterführung hat Pecnik im Sitzungszimmer aufgehängt. Sie gefällt ihm. 60'000 Franken kostet die Neugestaltung, ein Drittel davon bezahlen Sponsoren. Insgesamt kostet «Basel – unverschmiert schön» 1,2 Millionen Franken pro Jahr. Aufwand und Ertrag stimmen, findet Pecnik. Sein Ziel sind saubere Wände. In der ganzen Stadt. Pecnik denkt nicht daran, klein beizugeben.

Gegen die Wurzel, aber für die Blüte

Projekten wie demjenigen bei der Heuwaage steht Fabio mit gemischten Gefühlen gegenüber. Einerseits schaffe es Akzeptanz für Farbe im öffentlichen Raum. «Anderseits zeigt es aber, dass die Stadt nichts begriffen hat. Sie bekämpft die Wurzel von Graffiti, will die Blüte aber behalten.»

Fabios Stimme wird etwas lauter. «Die Wand wird bemalt und versiegelt und soll so bleiben. Bloss keine Veränderung! Was soll das?» Eine bemalte Wand, die immer gleich bleibt, ist für ihn nicht spannender als eine graue.

Einzelne legale Wände würden ihn indes auch nicht begeistern. «Wenn sie sagen: ‹Hier, auf diesen 20 Metern darfst du malen, weiter nicht›, dann akzeptiere ich das nicht.» Er mache auf allen Wänden dasselbe. Warum soll es einmal legal sein, einmal verfolgt werden? Fabio weiss, dass er stur ist. Aber wenn es um Graffiti geht, mag er keine Kompromisse eingehen.

Der Punkt, an dem Fabio mit dem illegalen Sprayen aufhören wird, ist weit weg. «Wenn ein Grossteil der Wände in der Stadt freigegeben ist, dann überlege ich mir, nicht mehr illegal zu malen.» Er hätte lieber mehr Zeit für ein Bild. Würde am Tag malen. Mit vielen Farben. Ohne eine Strafe fürchten zu müssen. Aber seine Überzeugungen sind wichtiger: Ziel ist, dass sich die Leute mit Graffiti auseinandersetzen. Sie sollen sich überlegen, wie sie die Stadt haben wollen. Und es so machen. «Dafür muss ich überall malen. In der ganzen Stadt», sagt Fabio. «Und wenn irgendwann jede Wand in der Stadt eine dicke Schutzschicht hat und jeder Strich sofort verschwindet, bemale ich selber Holzwände und ramme sie in den Boden.» Fabio denkt nicht daran, klein beizugeben.

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*Name geändert