Update vom 20. Oktober 2015

In einer gross angelegten Aktion haben die Zürcher Kantons- und Stadtpolizisten am Dienstagmorgen 120 Bewohner von Liegenschaften im Kreis 4 befragt. Sie wohnen in Häusern, die dem schilllernden Küsnachter Immobilienbesitzer Peter Sander gehören. Sander und drei Angestellte der Liegenschaftenverwaltung sitzen in Haft. Die Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat hat ein Strafverfahren wegen Verdachts auf Mietzinswucher eröffnet. Für alle Betroffenen gilt die Unschuldsvermutung.

Für ein Zimmer mit rund 10 bis 20 Quadratmetern in sanierungsbedürftigen Liegenschaften kassierte Sander über tausend Franken. Viele der Mieter sind von der Sozialhilfe abhängig. Die Feuerpolizei und das Amt für Umwelt- und Gesundheitsschutz der Stadt Zürich hatten Sander mehrmals auf Mängel aufmerksam gemacht. Es seien aber bislang nur die nötigsten Reparaturen vorgenommen worden.

Zur Medienmitteilung der Stadtpolizei Zürich

Der Beobachter hat bereits am 21. März 2014 über diese Umstände berichtet:

Demolierte Briefkästen, versprayte Hausgänge, ein ständiges «Glöiff» – nein, er wohne nicht hier, sagt ein Mittvierziger, der zielstrebig von der Zürcher Langstrasse auf das Haus in einer Seitenstrasse zueilt. «Ich bin nur zu Besuch», lächelt er gequält. Ihm geht es sichtlich schlecht. Er ist drogenabhängig. Ein jüngerer, etwas verwirrter Ausländer öffnet ihm die Stahlgittertür zum Appartementhaus, wo die Klingeln Nummern tragen statt Namen. Er nimmt den Lift und verschwindet in einer Wohnung. 20 Minuten später verlässt er das Haus, lächelt, nun etwas entspannter. Szenen wie diese wiederholen sich den ganzen Abend.

Es ist ein offenes Geheimnis: Unweit der Langstrasse, wo es offiziell keine offene Drogenszene mehr gibt, haben sich in Privathäusern kleinere, halböffentliche Szenen etabliert.

«Hier wird abkassiert»

Wer nicht muss, wohnt hier nicht. Thomas Stutz* hat zwar nichts mit Drogen zu tun, wie die Mehrheit der Bewohner zweier heruntergekommener Nachbarhäuser. Doch wie die meisten hat er keine Wahl. «Mit meinen Betreibungen kann ich es schlicht vergessen, eine andere Wohnung zu finden.» Darum beschwere sich kaum ein Bewohner über den miserablen Zustand des Hauses. «Weder der Vermieter noch der wenig engagierte und überforderte Hauswart kümmert sich ernsthaft um eine Verbesserung», sagt Stutz. «Hier wird abkassiert.»

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Neben undichten Fenstern und kaputten Rollläden belasten immer wieder Kakerlaken, Erbrochenes im Lift oder überbelegte Zimmer die Mieter, manchmal auch die Nachbarn.

Stutz ist arbeitslos, schwer für einen Job vermittelbar und wird vom Sozialamt unterstützt. Nur so kann er die rund 1200 Franken für das Einzimmer-Appartement mit Kochnische jeden Monat bezahlen. Auch die dreimonatige Mietkaution wird vom Sozialamt garantiert. Ein sicheres Geschäft für den Vermieter, der weder Mietausfälle riskiert noch aufmüpfige Mieter fürchten muss.

Als «unerträglich» beschreiben Sozialarbeiter die Situation in den Häusern. Und die Stadtpolizei hat wiederholt festgestellt, dass in solchen Liegenschaften gedealt wird, wie Polizeisprecher Marco Cortesi bestätigt. Auch komme es immer wieder zu Beschwerden aus dem Quartier. «Wir informieren die Liegenschaftsbesitzer jeweils, wenn wir solche Probleme feststellen.» Den Zustand der Wohnungen zu beurteilen sei dagegen keine Polizeiaufgabe. «Es kommt aber vor, dass wir Meldungen an andere Ämter machen, etwa wenn wir hygienisch oder sozial unhaltbare Zustände antreffen.» Zudem tausche man sich regelmässig mit anderen Departementen über relevante Entwicklungen aus, auch mit dem Sozialdepartement.

Dort sieht man aber nur wenig Möglichkeiten für eine Einflussnahme. «Die Verträge werden zwischen Mietern und Vermietern abgeschlossen. Das ist auch richtig und wichtig, um die Selbständigkeit der Klientinnen und Klienten zu erhalten», sagt Franziska Schawalder, Sprecherin des Zürcher Sozialdepartements. Weil die Stadt keine Mietpartei sei, könne sie nicht juristisch gegen Vermieter vorgehen, die sich allenfalls nicht an das Mietrecht halten. «Wir können unsere Klien­ten höchstens auf diese Möglichkeit hinweisen.»

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«Ich muss ja all die Kosten tragen»

Peter Sander will das Problem nicht verharmlosen. «Ich profitiere von der Situation aber nicht. Ich bin vielmehr ein Opfer, weil ich ja all die Kosten für Beschädigungen tragen muss», sagt er. Am Laufmeter ersetze er gebrochene Scheiben, defekte Schlösser und abgerissene Briefkästen. Lukrativ scheint sein Geschäft dennoch zu sein. Laut eigenen Angaben aus einfachsten Verhältnissen stammend, besitzt er heute gegen 200 Appartements und leistet sich ein nicht ganz günstiges Hobby: den Kauf von Rennpferden, die an renommierten und internationalen Rennen laufen, dem Grand Prix St. Moritz zum Beispiel.

Natürlich könnte man alle «Pro­blem­fälle» und «Randständigen» rauswerfen, sagt Sander. «Doch wären wir dann einen Schritt weiter? Die Behörden hätten immens Mühe, Wohnungen für diese Leute zu finden. Es geht hier ja auch um ein soziales Problem, eines, das jede grössere Stadt kennt.»

Ja, eine bessere Durchmischung der Mieterschaft sei natürlich auch sein Ziel. Doch das sei einfacher gesagt als getan. «Die meisten ‹normalen› Mieter würden schon bei der Besichtigung ein solches Haus rückwärts wieder verlassen.» Trotzdem habe er heute weniger Mieter, die von der Sozialhilfe abhängig sind. «Es gibt genügend andere Interessenten.»

Bewohner und Nachbarn beschweren sich

Um unerwünschten Zuständen wenigstens etwas entgegenzuwirken, hat die Stadt Zürich immerhin beim Maximalbeitrag für Mietzahlungen eine Korrektur vorgenommen. Seit vergangenem Herbst wird das Maximum von 1100 Franken für einen Einpersonenhaushalt nur noch für Einzimmerwohnungen mit eigener Küche, Bad und WC bezahlt. Sonst liegt die Obergrenze bei 900 Franken.

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Ein gutes Geschäft für findige Vermieter. Gleich drei der besonders problematischen Häuser im Langstrassenquartier gehören demselben Eigentümer, dem Immobilien-Investor Peter Sander aus Küsnacht ZH. Der 47-Jährige hat in den letzten 15 Jahren diverse Liegenschaften im Quartier aufgekauft. An der Neufrankengasse, der Fortsetzung des aufstrebenden Bahnhofquartiers in Richtung Langstrasse, und an der Magnusstras­se, ebenfalls im Kreis 4, wird in Sander-Häusern mit Drogen gehandelt; Bewohner wie Nachbarn beschweren sich über den Zustand in den Liegenschaften.

Miete ohne Gewinn in Biel

Dass Hausbesitzer mit Sozialhilfebezügern fette Gewinne machen, ist auch andernorts ein Problem. Die Stadt Bern hat schon Sozialdetektive beauftragt, um die Verhältnisse in einem Haus überhaupt abklären zu können. In einem anderen Fall seien Vereinbarungen mit einem Vermieter getroffen worden, um die Wohnverhältnisse zu verbessern, sagt Felix Wolffers, Leiter des Sozialamts der Stadt Bern.

«Das Problem ist, dass der Markt für die finanziell und sozial Schwächsten nicht funktioniert. Sie müssen nehmen, was übrig bleibt. Das ist meist unattraktiv und überteuert», sagt Fritz Freuler vom Bieler Verein Casanostra. Der kauft – manchmal unterstützt von der Stadt – Wohnraum, um ihn zu Selbstkosten an finanziell, sozial oder psychisch schwach gestellte Menschen zu vermieten. «Längerfristig ist das viel günstiger für die Stadt. Und wir können uns auch um eine funktionierende Durchmischung der Mieterschaft kümmern», so Freuler.

Davon kann Sander-Mieter Thomas Stutz in Zürich nur träumen. «Ich hoffe im Moment, dass die Behörden genügend Druck machen, damit wenigstens das Nötigste in den Häusern in Ordnung gebracht wird.»

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