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Streit mit dem VeterinäramtBauer Burri und die hinkende Kuh

Ein St. Galler Landwirt legt sich mit dem Veterinäramt an. Die Kontrolleure des Staates hätten jeglichen Bezug zur Realität verloren, klagt er.

Die Kontrolleure kamen auf Bauer Burris Hof zwei Mal zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen.
von aktualisiert am 27. September 2018

Bauer Burri träumt vom Fliegen. In fünf von sieben Nächten hebt er ab, gleitet übers Meer, bis am Horizont eine Insel auftaucht: Hawaii. Irgendwann will er dort landen. Für immer.

Als Burri jung war, sagte er allen: «Mit 55 bin ich weg.» Vor ein paar Tagen feierte er seinen 59. Geburtstag – auf dem Hof Ebnet im St. Gallischen Lenggenwil, den er 1988 gemeinsam mit dem Bruder übernommen hat. Es sei ein gutes Leben hier oben, sagt Burri. Wenn da nur nicht diese dunklen Wolken wären, die im Sommer vor einem Jahr aufgezogen sind.

Angefangen hat es ganz harmlos. Mit einer Begegnung am Weiderand. Der Fussgängerin fiel eine Kuh auf, die hinkte. Olga. «Ihre Kuh hat ein Problem», sagte die Frau. «Auch mir hat schon der kleine Zeh wehgetan», antwortete der Bauer.

Im Winter bekam Burri unangekündigten Besuch von zwei Kantonsangestellten. Sie trugen Mützen und Jacken mit dem Schriftzug, der manch einem Landwirt das Blut in den Adern gefrieren lässt: Veterinäramt.

Jahrzehntelange Erfahrung

Burri ist Meisterbauer, er amtet bei Lehrlingsprüfungen als Experte und war selber einige Jahre Kontrolleur für den ökologischen Leistungsnachweis ÖLN. Diesen müssen Landwirte Politik Die Macht der Bauern erfüllen, um Direktzahlungen vom Staat Subventionen Der Ostereier-Wahnsinn zu bekommen. In seinen drei Jahrzehnten als Betriebsleiter war er bislang nie sanktioniert worden. Jetzt sah es schlecht aus.

Die Kontrolleure beanstandeten die zu kleine Abkalbbox im Stall. Dass Burris Kühe stets draussen in einem Unterstand ihre Jungen auf die Welt bringen, schien die Beamten an jenem Tag nicht zu interessieren. Weiter notierten sie: ungenügende Einstreu im Liegebereich der Kälber, Einzelhaltung eines Schweins, Klauenprobleme bei einer Kuh.

Olga ging es am Tag der Kontrolle besser. Sie war zwar noch mager, hatte vor kurzem aber gekalbert – ein gutes Zeichen. Ins Visier genommen hatten die Kontrolleure die 13-jährige Wolga. «Eine Grossmutter!», sagt Burri. Sie sei bei ihm im Altersheim. In der Schweiz werde eine Kuh im Schnitt sechs Jahre alt. «Wolga darf hier leben, weil ich es ihr gönne.»

Gegen Überzüchtung

Der Vorwurf, er behandle seine Tiere nicht recht, macht Burri wütend. «Holsteinkühe sind Hochleistungssportler», sagt er. Damit sie die volle Milchleistung bringen, muss man sie mit Sportlernahrung füttern. «Ich will meinen Kühen aber keine Sojabohnen verabreichen, wenn in Brasilien dafür der Regenwald abgeholzt werden muss Transport um die halbe Welt Der Irrsinn mit den Cashewnüssen .» Er halte nichts von dieser Überzüchtung, sei eher der «Blüemlityp», dem Leistungsdenken schlicht zuwider sei. «Meine Kühe leiden nicht – sie geben halt einfach nicht so viel Milch.»

Manchmal, wenn ihm alles zu viel wird, fliegt Burri davon. Er schiebt eines der Ultraleichtflugzeuge aus der Scheune, die auf dem Hof Ebnet auch als Hangar dient. Seine Graspiste verläuft quer durch zwei Wildblumenfelder, direkt am Küchenfenster vorbei. Beim Start sieht Burri, ob das Kotelett in der Pfanne bereits brutzelt. Er beschleunigt, schiesst über den steilen Abhang hinter der Scheune. Ein kurzer Taucher, dann fängt sich die Maschine und schwingt in die Luft. Glücksgefühle.

Weit unten sieht er sich als Fünftklässler. Wie er mit dem Velo ins Nachbardorf pedalt, in der Hand einen Plastikkübel. Er holt ein paar junge Forellen, die er im Wäldchen hinter dem Hof aussetzen will. Tagelang hat er Steine übereinandergeschichtet, die Hohlräume mit Lehm ausgefüllt. Bis aus dem Rinnsal ein kleiner Teich geworden ist. Doch dann kam ein Gewitter und spülte alles weg. «Ich helfe dir», hatte der Vater gesagt. Burri senior ging aufs Amt, besorgte sich eine Baubewilligung und verstärkte den Teich mit einer Mauer. Von da an hatte die Familie immer frischen Fisch auf dem Teller. 50 Jahre lang.

Vor drei Jahren stürzte ein Baum um und zerstörte die Staumauer. Ehemalige Lehrlinge boten Burri Hilfe an. Der Bauer sagte: «Wenn ihr den Teich repariert, dürft ihr gern so viel fischen, wie ihr wollt.» Spaziergängern fiel darauf der kleine Bagger im Wäldchen auf. Kurze Zeit später kamen die Männer in Anzügen, und Burri bekam die Auflage: «Alles zurückbauen!»

Nachkontrolle

Der Bauer schneidet Trauben von einem Rebstock auf seiner Terrasse ab und kostet eine Beere. «In diesem Jahr sind sie besonders süss.» Er habe den Kopf stets voller Ideen, sagt Burri. Und ständig drohe Gefahr, dass er sich diesen Kopf anschlage – an den Behörden. 

Im Frühling fuhr das Veterinäramt erneut vor. Nachkontrolle. Burri hatte seit dem ersten Aufeinandertreffen keine Massnahmen ergriffen. «Ich war mir keiner Schuld bewusst.» Dieses Mal war die Abkalbbox kein Thema. Dafür fanden die zwei neuen Beamten, dass in den Liegeboxen der Kühe zu wenig Einstreu vorhanden war.

Zornig darüber, dass die beiden Teams des Veterinäramts zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kamen, schrieb Burri dem St. Galler Kantonstierarzt Albert Fritsche einen Brief. Darin stellte er die Qualität der Kontrollen und die Fachkompetenz der Kontrolleure in Frage.

Dem Brief beigelegt hatte Burri die Einschätzungen dreier Experten, denen er zuvor ein Foto seines Stalls geschickt hatte. Samuel Kohler, Professor für Tiergesundheit und Tierhaltung Tierhaltung Den Himmel sehen die «Optigal»-Hühner der Migros nie an der Berner Fachhochschule HAFL, schrieb: «Wie sich Ihre Hochboxen präsentieren, schaue ich als sehr gutes Beispiel an.» Reto Grünenfelder vom St. Galler Berufsbildungszentrum für Landwirtschaft notierte: «Ich vertrete die Auffassung, dass der Liegekomfort für die Tiere genügend ist.» Und Nina Keil von der eidgenössischen Forschungsstelle Agroscope: «So, wie es aussieht, dürfte die Menge der Einstreu ausreichend sein.»

 

«Meine Kühe leiden nicht – sie geben halt einfach nicht so viel Milch.»

Bauer Burri

 

Kantonstierarzt Fritsche beeindruckte das alles nicht. In seinem Antwortschreiben von Ende Juni hält er fest, dass die Stallfotos nicht zum Zeitpunkt der Nachkontrolle gemacht worden seien. «Weshalb sie zur Beurteilung, ob unsere Kontrolleure richtig oder falsch entschieden haben, nicht beigezogen werden können.» 

Drei Wochen später bekommt Burri einen Brief: «Kürzung Direktzahlungen». 1050 Franken sollen ihm gestrichen werden, das entspricht dem, was Ende Monat jeweils übrig bleibt, nachdem er die Produktionskosten abgezogen hat.

Jetzt lupft es dem Bauern den Deckel. «So geht das nicht!», schreibt er in einem Leserbrief in der Zeitung «Schweizer Bauer». Direktzahlungen seien ein fester Bestandteil des Einkommens, wofür sich kein Landwirt zu schämen brauche. Sie dürften nicht als Druckmittel missbraucht werden. «Solche Züchtigungsmethoden erinnern mich an Praktiken des Mittelalters.» 

«Etwas läuft gewaltig schief»

Aufgrund des Amtsgeheimnisses Berufsgeheimnis Dürfen Anwälte & Co. ihr Schweigen brechen? sei es ihm nicht möglich, zu diesem Fall detailliert Stellung zu nehmen, schreibt Kantonstierarzt Albert Fritsche dem Beobachter. Burri sagt: «Das Veterinäramt ist dazu da, Missstände aufzudecken.» Ohne Regeln würde das Chaos ausbrechen. Deshalb seien die Kontrollen nötig. «Aber sie müssen mit Augenmass durchgeführt werden.» Die Kontrolleure hätten jeglichen Bezug zum Bauernalltag verloren. 

Von den Anschuldigungen, die gegen ihn erhoben werden, akzeptiert er einzig die kritisierte Einzelhaltung des Schweins. Unter Vorbehalt: «Zeigen Sie mir eine Sau im Kanton, die es schöner hat», sagt Burri. Das Tier durfte immer nach draussen, gehörte zur Familie. «Natascha war ein lässiges Tier, nun liegt sie in der Kühltruhe.»

Burris Aufschrei schlug bei den Bauern ein wie eine Bombe. Endlich war da einer, der es wagte, das Veterinäramt öffentlich zu kritisieren. Burri erhielt Post vom Genfersee bis zum Bodensee. Ein Bauer beklagte sich, er sei gebüsst worden, weil er im Stall ein Häkchen auf einem Dokument versehentlich am falschen Ort gesetzt hatte. Eine Bäuerin berichtete von einem stundenlangen Verhör, das sie dermassen aufgewühlt habe, dass sie am gleichen Abend eine Fehlgeburt erlitt. Es fielen harte Worte wie «Angstregime» und «Schikanierung». Und Burri wurde klar: «Hier läuft etwas gewaltig schief.» Viele Bauern im Land seien eingeschüchtert, sie arbeiteten bis zum Umfallen und hielten sich aus Angst vor weiteren Kontrollen zurück.

Burri sagt, er könne sich diesen Kampf leisten. Die wenige Milch, die er produziert, wird unten im Dorf zu Mozzarella verarbeitet. Haupteinnahmequelle der Bauernfamilie ist aber die Samenproduktion. Nach der Übernahme des Hofs stellten die Burris den Betrieb auf den Anbau von Wildblumen um. 1996 wurden sie dafür mit dem Agro-Preis ausgezeichnet. Im Gewinnerschreiben hiess es: «Dass hier kreative Menschen leben, die ihren Weg gehen und genau wissen, was sie wollen, fällt an jeder Hausecke auf.»

 

Burris Aufschrei schlug ein. Endlich war da einer, der es wagte, das Amt zu kritisieren. 

 

«Die Zeit rast», sagt der Bauer. «Ich hüpfe mit einer Leichtigkeit durchs Leben. Aber ich habe ein Problem: Ich will nicht alt werden.» Burri, ein schmächtiger Mann mit tiefblauen Augen und grauem Wuschelkopf, wäre gern nochmals zwanzig. Was würde er denn anders machen wollen? «Nichts», sagt er. «Ich würde mich den Aufgaben wieder genauso stellen.»

Gegen die Kürzung der Direktzahlungen hat er Rekurs eingelegt. Der Entscheid der Kommission, die sich mit seinem Fall beschäftigt, steht noch aus. Sicher ist: Burri kämpft weiter. «Ich habe eine ungebremste Energie im Ranzen.»

Später am Abend wird Burri in sein Auto steigen und nach St. Gallen fahren. Ins Theater. Er macht dort im Chor mit. An fünf Abenden die Woche. Derzeit probt das Ensemble Verdis Oper «Don Carlo». Wenn diese Musik ertöne, diese wunderschöne Musik, bekomme er immer Hühnerhaut, sagt der Bauer. «Dann fühlt sich das Singen fast so an wie Fliegen.»

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Peter Aeschlimann, Redaktor

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