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TempogesellschaftLob der Langsamkeit

Hektik, Hetze, Höchstgeschwindigkeit prägen den Alltag. Entschleunigung wird populär. Langsam. Die Sendung «Quer» setzt sich am 22. Februar mit dem Thema auseinander.

Sie hätte Chefredaktorin bei einer Wohnzeitschrift werden können, wäre sie bereit gewesen, ihr Arbeitspensum von 60 auf 100 Prozent aufzustocken. Doch Maja Fueter winkte ab: «Mein Privatleben ist mir zu wichtig. Mit einem Vollzeitjob käme es zu kurz.» Da um sie herum alle ziemlich viel arbeiten, wird die 35-Jährige manchmal schon etwas schräg angeschaut.

Dabei ist Maja Fueter eine Trendsetterin. Vorbei sind die Zeiten, als 18-Stunden-Tage zum guten Ton gehörten. Stress gilt heute, zumindest in gewissen Kreisen, nicht mehr als Beweis für die eigene Wichtigkeit, sondern als unprofessionell. «In» ist, wer es schafft, erfolgreich zu sein und trotzdem das Leben zu geniessen.

Als die Industrialisierung vor 150 Jahren begann, glaubte man, sie würde die Arbeit der Menschen erleichtern. Nun hat die Technik tatsächlich vieles vereinfacht. Geprägt vom Leistungsdenken und der Devise «Zeit ist Geld», nutzt der Mensch die Zeitersparnis aber vor allem zu einer Beschleunigung der Arbeitsprozesse.

Die Menschen eilen sich krank

Nicht nur in der Berufswelt löst das steigende Tempo Stress aus. Der Bamberger Soziologe Manfred Garhammer belegt, wie Geschwindigkeit und Effizienz unser gesamtes Leben dominieren: Immer rascher wird geduscht, gegessen, sich rasiert – und im Schnitt sogar eine halbe Stunde weniger geschlafen als vor 30 Jahren.

Kein Wunder, fühlen sich zunehmend mehr Menschen krank vor lauter Eile. In den USA heisst das neue Leiden offiziell «Hurry Sickness», zu Deutsch etwa: Gehetze-Krankheit. Sie wird ausgelöst durch den Irrglauben, bei genügender Beschleunigung alles erreichen und erledigen zu können. Herzbeschwerden, Arthritis, Magengeschwüre oder nervöse Spannungen sind typische Folgen.

Nicht nur die Trendsetterinnen und Trendsetter, auch Zeitforscher sind der Meinung, dass das Limit erreicht ist: Noch mehr Mobilität und noch mehr Beschleunigung führen bloss zu noch mehr Stress. Es macht keinen Sinn, noch schnellere Autos zu bauen, wenn sie doch die meiste Zeit im Stadtverkehr genutzt werden oder im Stau stehen. Ebenso zwecklos erscheint es Kritikern, noch rasanter noch mehr Informationen zu übermitteln, wenn wir schon jetzt in der täglichen Flut von E-Mails, Anrufen, Briefen, Zeitungen und Werbung zu versinken drohen. «Langsamer ist oft besser», sagt der deutsche Zeitforscher Karlheinz A. Geissler und plädiert für die Abkehr von der Beschleunigungsgesellschaft.

Was immer mehr Menschen auch tun: «Downshifting» nennt der Zukunftsforscher Matthias Horx die Rebellion gegen die beschleunigte Gesellschaft. In den USA wird der Anteil der Menschen, die sich der Geschwindigkeit verweigern, bereits auf 10 bis 15 Prozent geschätzt.

Doch das dürfte nicht genügen, um den Trend zu immer höherem Tempo umzukehren. «Ich glaube nicht, dass der Langsamkeitskult den Tempowahn der Industriegesellschaft brechen kann», sagt Michel Baeriswyl, Autor des Buchs «Chillout – Wege in eine neue Zeitkultur». Der Zürcher Sozialpsychologe und Kulturphilosoph bezichtigt die Anhänger der Langsamkeit gar des egoistischen Geniessens, das sich nur wenige leisten könnten: «Wer langsam ist, gehört in dieser Gesellschaft doch fast immer zur Verliererseite.»

Krisen bremsen das Tempo

Baeriswyl meint deshalb: «Wir müssen akzeptieren, dass es in der heutigen Gesellschaft langsame und schnelle Phasen gibt, und wir müssen dafür sorgen, dass beide nebeneinander Platz haben.» Er zieht eine Parallele zur Technokultur, deren Musik der Soundtrack zur Nonstop-Gesellschaft sei: «Wenn man diese rasende Musik ein Wochenende lang durchtanzen will, muss man zwischendurch das Tempo herunterfahren und sich ausruhen in den eigens geschaffenen Chillout-Räumen.» In der Arbeitswelt sei es genauso: «Nach den Zeiten der Beschleunigung sind Zeiten der Entschleunigung nötig – Spannung verlangt nach Entspannung.»

Auch Maja Fueter ist keine Anhängerin der Langsamkeit, dazu ist sie zu temperamentvoll und energiegeladen. Wenn sie arbeitet, dann intensiv und konzentriert. «Aber», sagt sie lachend, «es müssen ja nicht gleich 17 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche sein.» Dazwischen brauche sie Zeit für ihr Privatleben: «Zeit für meine Weiterbildung, aber auch Zeit für Freundinnen und Freunde und für meine persönlichen Interessen.»

Hier liegt vielleicht die Hauptschwierigkeit vieler Menschen. Die meisten haben gar nie gelernt, ihre Zeit so einzuteilen, dass verschiedene Ziele und Bedürfnisse gleichzeitig zu ihrem Recht kommen: die Karriere und die Familie, die Gesundheit ebenso wie das Hobby.

Ein Beispiel: Es gibt zwar immer mehr Managerinnen und Manager, die im Kloster meditieren oder für teures Geld Kurse in Zeitmanagement besuchen – dann aber steigen sie oft viel zu schnell wieder auf das Karussell der zunehmenden Beschleunigung.

Damit solche Menschen wirklich bereit sind, an ihrem gesamten Lebenskonzept etwas zu ändern, muss laut Baeriswyl oft etwas Einschneidendes passieren: «Viele kommen erst bei der Entlassung oder durch eine Krankheit zur Besinnung und fragen sich: Warum habe ich so viel Energie für die Arbeit aufgewendet und bekomme so wenig zurück?»

Auch bei Maja Fueter war es ein traumatisches Erlebnis, das sie neue Prioritäten setzen liess: der Lawinentod ihres Bruders vor fünf Jahren. «Damals habe ich begriffen, wie kostbar unser begrenztes Leben ist und dass ich mir deshalb Zeit nehmen möchte für die Dinge, die mir wirklich etwas bedeuten.»

 

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Dieser Beitrag erscheint in Zusammenarbeit zwischen Beobachter und schweizer Fernsehen DRS. Redaktionelle Verantwortung: Monika Zinnenlauf

Veröffentlicht am 19. Februar 2002