Der zugezogene Berater macht sich keine Illusionen, aber Mut: «Die Situation ist ernst, dennoch bin ich optimistisch. Allen Beteiligten ist bewusst, dass eine Verbesserung nur gemeinsam erarbeitet werden kann.» Organisationspsychologe Ulrich Schärer versucht einen Prozess der Annäherung in Gang zu bringen; eine hohe Bereitschaft sei spürbar.

Diese Bereitschaft ist auch nötig. Vor wenigen Wochen ist ein weiterer in einer ganzen Reihe von Konflikten am Zürcher Universitätsspital publik geworden. 27 Mitarbeitende der Klinik für Onkologie sowie der Hämatologie machen in einem Brief an die Spitalleitung und den Dekan ihrem seit einem guten Jahr tätigen Chef, dem Deutschen Alexander Knuth, schwere Vorwürfe.

Sie kritisieren seinen von Drohungen und Misstrauen geprägten Führungsstil, werfen ihm mangelnde Teamfähigkeit vor und kritisieren das Zusammenstauchen von Mitarbeitenden. Die Art des Deutschen habe etwas «Menschenverachtendes», sagen Kollegen aus. «Das Klima in der Onkologie ist unerträglich», sagt der Leiter einer anderen Klinik.

Dabei galt Knuth als gewinnender und charmanter Typ. «Als er sich vor seiner Berufung bei uns vorstellte», sagt Urs Stoffel, Präsident der Zürcher Ärztegesellschaft, «hatten wir einen sehr guten Eindruck von ihm.» Der Konflikt in der Onkologie führte bereits zu einer Anfrage im Zürcher Kantonsrat durch den Winterthurer SP-Kantonsrat Christoph Schürch.

«Herzen einiger Mitarbeiter geöffnet»
Knuth sagt, er nehme die Kritik an ihm sehr ernst. Es herrsche aber grundsätzlich «eine gute Gesprächskultur». Er gibt zu, dass es mit einzelnen Personen zurzeit einen Konflikt gebe. Dem sei aber durch die Veröffentlichung eine Bedeutung zugekommen, die übertrieben sei. Zudem habe er nie jemanden abgekanzelt, wie behauptet werde. «Ich denke, dass ich sogar die Herzen von einigen Mitarbeitenden habe öffnen können.»

Dem widersprechen die befragten Angestellten diametral: Durch das schlechte Klima seien sie demotiviert, teilweise würden sie sogar kaltgestellt. «Ich weiss nicht», sagt ein Arzt in höherer Funktion, «was ich den ganzen Tag machen soll.» Ressourcen und Energie liegen durch diesen Konflikt brach, es herrscht eine Dienst-nach-Vorschrift-Stimmung.

Auch in anderen Bereichen der Uniklinik gärt es. Der Konflikt in der Dermatologischen Klinik ist längst nicht beigelegt (siehe Artikel zum Thema «Universitätsskandal Deckel drauf»). Nachdem dort zwei Ärzte schon vor Jahren interne Kritik an der wissenschaftlich unhaltbaren Hautkrebsstudie von Frank Nestle und Klinikleiter Günter Burg geübt hatten und durch vier Untersuchungen bestätigt wurden, stellte man sie faktisch kalt.

Den beiden Kritikern wurden nicht nur ihre Forschungsprojekte gestoppt, sondern sie konnten auch nur noch eingeschränkt mit Patienten arbeiten. Jetzt haben sie ein neues Aufgabengebiet.

Das Klima in der Dermatologie wurde wegen der zweifelhaften Führung frostig. Demotivation, häufige Personalwechsel und eine Verschwendung von Kreativität und Ressourcen waren die Folge. Christian Sauter schrieb vor wenigen Wochen der Redaktion des Beobachters: «Wenn die Universität Zürich es nicht fertig bringt, Ordnung zu schaffen in diesem Skandal, lädt sie sich eine schwere Verantwortung gegenüber Melanompatienten und der Forschung auf.»

Machtkämpfe und ruinierte Karrieren
Die Liste der Konflikte an Unikliniken in Zürich lässt sich fast beliebig fortsetzen. Vor einem Jahr entbrannte an der Psychiatrischen Polyklinik ein Machtkampf, der dazu führte, dass der renommierte Psychotherapeut Claus Buddeberg von seinen Führungsaufgaben entbunden und dem medizinischen Direktor des Unispitals unterstellt wurde.

Aufgrund dieses Machtkampfes war laut Spitaldirektion und Rektorat sogar die «Sicherheit der Patientenbetreuung in Frage gestellt».

Ein anderer Konflikt wurde «gelöst», indem Leberspezialist Eberhard Renner, der laut einem Fachkollegen «Opfer eines üblen Machtspiels seines Chefs» geworden sei, das Unispital vor einem Jahr verliess. Der weiter zurückliegende Aufruhr um den Viszeralchirurgen Rainer Grüssner und den Augenlaserspezialisten Theo Seiler hatte dazu geführt, dass deren Kliniken beinahe ruiniert worden wären, und seit Jahren ist an einem weiteren Institut der Medizinischen Fakultät ein Fall von Mobbing virulent. Der schwelende Streit bleibt auch hier nicht ohne Folgen für Forschung und Lehre. Mit einem Gang an die Öffentlichkeit würde der Betroffene jedoch seine Stelle gefährden.

Urs Strebel, Chefarzt am Kreisspital Männedorf, hat festgestellt, dass es bei der Zuweisung von Privatpatienten an die Onkologie zu einer Polarisierung kommen kann. «Als Zuweiser muss ich mich für oder gegen Professor Knuth entscheiden. Das ist mir unsympathisch, denn ich möchte die Patienten einfach überweisen können, ohne mich in Unispital-interne Querelen einmischen zu müssen.»

Was ist los an der Medizinischen Fakultät in Zürich? Urs Strebel sieht das Problem darin, dass ein Klinikdirektor so viele und unterschiedliche Anforderungen erfüllen muss, dass ein Einzelner das gar nicht schafft: «Diese Person muss ein international herausragender Forscher sein, ein guter Lehrer, ein ausgezeichneter Arzt und zunehmend ein Manager. Und zudem muss diese Person mit besonderer Sozialkompetenz ausgestattet sein.»

Doch bei der Berufung eines Klinikdirektors spielt auch das Forschungsgeld, das einer mitbringt, eine bedeutende Rolle. «Das Beschaffen von Drittmitteln ist ein ganz wichtiger Leistungsausweis», bestätigt Walter Bär, Dekan der Medizinischen Fakultät. Alexander Knuth lässt offen, wie viele Mittel er vom Ludwig Institute, dem weltgrössten Institut für Krebsforschung, das ihn unterstützt, eingebracht hat.

Wer zahlt, befiehlt an der Uniklinik? An der Medizinischen Fakultät herrschen ein ausgesprochenes Hierarchiedenken und eine unterentwickelte Kritikkultur. Wer auf Fehler aufmerksam macht, wird, laut einem Klinikdirektor, der nicht genannt werden will, «als Störenfried empfunden und schikaniert». Konflikte würden, wie etwa an der Dermatologischen Klinik, unter den Teppich gekehrt statt ausgetragen. Stimmt nicht, entgegnet Rektor Hans Weder. Noch nie habe er einer Person, die Kritik vorbringen wollte, einen Termin verweigert. «Dass Kritiker nicht ernst genommen werden, ist ganz einfach unwahr.» Zudem achte er sorgfältig darauf, dass ihnen keine Nachteile erwachsen. Weder betont, er pflege «einen ausgesprochen partizipativen Führungsstil».

«Wenn es an einer Klinik zu Führungsproblemen kommt, geht es meist um Macht, Einfluss und Karriere», sagt Max Giger vom Zentralvorstand der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH). Einen Lösungsansatz sieht er darin, dass grössere Kliniken rotierend von zwei Personen geführt würden, wobei die eine für die Forschung, die andere für die Patientenbetreuung zuständig wäre. «Das könnte auch zu einer offeneren Kommunikationskultur führen», meint Giger.

Dass die Götter in Weiss ihre Macht teilen würden, gleicht einer heiklen Operation mit sehr geringen Erfolgschancen.

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