Beobachter: Hollywood liebt Verschwörungstheorien, das Internet ist voll davon. Was macht Illuminaten und Konsorten so attraktiv?
Dieter Sträuli: Reale Verschwörungen hat es immer gegeben. Wer weiss, ob der Kennedy-Mörder wirklich ein Einzeltäter war? Wer garantiert uns, dass die US-Regierung nicht in die Anschläge vom 11. September 2001 verwickelt war? Der Mensch sucht nach der Wahrheit. Wenn er sie nicht findet, entwickelt er Phantasien. Und dann gibt es Menschen, die die Phantasien der Wirklichkeit vorziehen.

Beobachter: Täuscht mein Eindruck, dass vor allem Männer an Verschwörungstheorien interessiert sind?
Sträuli: Nein. Verschwörungstheorien üben auf Männer einen starken Reiz aus, weil sie oft Allmachtsphantasien bedienen. Wir sind heute als Menschen in 10'000 Regeln eingebunden: wie man isst, wie man spricht, wie man grüsst, wie man Auto fährt. Illuminati, Tempelritter und Geheimdienste erschaffen sich laut diesen Theorien ihre eigenen Gesetze und setzen sich über sämtliche Regeln hinweg. Das fasziniert.

Beobachter: Es mag Spass machen, Tempelritter zu sein. Aber warum sollte ich Anhängerin dieser ­Theorien werden?
Sträuli: Vielen genügt das Gefühl, zu denjenigen zu gehören, die die Wahrheit kennen. Dann gibt es Menschen, die sich politisch ohnmächtig fühlen und sich darum Verschwörungstheorien zuwenden. Und schliesslich hat die Vorstellung einer bösen Macht ­etwas Beruhigendes.

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Beobachter: Das müssen Sie jetzt erklären.
Sträuli: Die Idee, dass hinter allem Schlechten dieser Welt eine böse Macht steht, ist viel angenehmer als das Eingeständnis, dass die Welt unregierbar ist. Für den Menschen, die «Krone der Schöpfung», ist die Erkenntnis bitter, dass er ausgeliefert und machtlos ist. Das ist eine narzisstische Kränkung.

Beobachter: Sind einige Leute empfänglicher für solche Theorien als andere?
Sträuli: Manche Menschen – ich zähle mich dazu – haben mehr Mühe mit der harten Wirklichkeit und ihren Enttäuschungen als andere. Sie springen deshalb schneller auf Verschwörungstheorien auf. Auch sind junge Menschen anfälliger als ältere.

Beobachter: Das heisst: Es geht irgendwann vorbei.
Sträuli: Nicht immer. Gefährlich wird es, wenn solche Theorien den Weg in die Politik finden. Rechtsextreme – seltener auch Linke – benutzen sie zu Propagandazwecken. Die Minarett-Initiative ist ein schönes Beispiel dafür. Der Stimmbevölkerung wurde suggeriert, dass der Islam versuche, uns mit seinen Symbolen zu unterwandern, und eine weltweite Bekehrung anstrebe. Das hat Züge einer Verschwörungstheorie.

Beobachter: Die Initiative hat einfach Ängste aufgegriffen, die bereits da waren.
Sträuli: Verschwörungstheorien passen immer in ihre Zeit, in die herrschende Stimmung. Sogar der neuste «Star Trek»-Film greift das Motiv von 9/11 auf: Der Böse lenkt ein riesiges Raumschiff ins Gebäude der Raum­akademie. Die Bedrohung durch Muslime scheint also bis ins Weltall ein Thema.

Beobachter: Rassismus als Nährboden für Verschwörungstheorien?
Sträuli: Ja sicher, das Dritte Reich ist das beste Beispiel dafür. Auch das Gerücht, die US-Geheimdienste hätten die Twin Towers eigenhändig in die Luft gejagt, kann rassistisch motiviert sein: Vielleicht haben das Leute gestreut, die es arabischen Terroristen schlicht nicht zutrauen, Passagierflugzeuge in ein Ziel zu lenken.

Beobachter: Viele der Bücher rund um 9/11 stammen von ­erfolgreichen Linken. Wie passt das zusammen?
Sträuli: Auch «Gutmenschen» sind gefährdet: Menschen, die immer gut sein möchten, immer politisch korrekt. Sie belügen sich selbst, denn innerlich sind sie ähnlich rassistisch wie Sie und ich. Den Reflex, rassistisch zu reagieren, wenn wir etwa einen Ausländer sehen, der Abfall auf den Boden wirft, haben wir alle in uns. Man sollte ihn nicht allzu stark unterdrücken, sonst mottet er unter der Oberfläche und wird zum idealen Nährboden für rechte politische Theorie. Wir müssen unser Ventil ab und zu öffnen, um Druck abzulassen. 10 Prozent rassistisch zu sein ist normal, 20 Prozent zu viel. Aber 0 Prozent ist verdächtig und möglicherweise gefährlich.

Beobachter: Ein gutes Stichwort: Juden waren seit je Opfer verschiedenster Verschwörungstheorien, schon bei den Römern. Warum?
Sträuli: Der Antisemitismus ist eine traurige Konstante der Weltgeschichte. Für Freud war das Ritual der Beschneidung bei den Juden ein Grund dafür. Es löse Kastrationsängste und Hass aus. Eigentlich symbolisiert es die Unterwerfung des Menschen unter einen Bund mit Gott. Für römische Kaiser, die sich als gottähnlich sahen, war die jüdische Ethik natürlich eine Bedrohung. Dasselbe gilt für heutige Menschen mit Allmachtsphantasien.

Beobachter: Auch der Islam kennt die Beschneidung.
Sträuli: Alle Weltreligionen verlangen das, was man psychoanalytisch symbolische Kastration nennen würde: den Verzicht auf die totale Macht und vollkommenen Genuss. Sie erwarten, dass wir uns einer Ordnung ­unterwerfen, uns an Gesetze halten. Alle Weltreligionen vermitteln zudem, dass wir sterben werden, radikal, ohne Hintertür. Viele Verschwörungstheorien orien­tieren sich dagegen an der Esoterik mit ihrer ­Theorie der Seelenwanderung – dass der Tod nur ein Übergang in eine andere Art von Leben sei. Eine Einführung in Geheimwissen soll noch im Leben das Gött­liche in uns freisetzen, das sich später über die Materie erheben wird.

Beobachter: Das widerspricht doch Ihrer Theorie, dass sich vor allem Männer von Verschwörungstheorien angezogen fühlen. Esoterik ist eine Domäne der Frauen.
Sträuli: Das stimmt. Aber Frauen verfolgen in der Esoterik andere Ziele als Männer. Sie suchen eher die Verschmelzung mit dem Kosmos, die Harmonie. Frauen, die Esoterikkurse besuchen, sind unter Umständen einsam oder enttäuscht von Beziehungen. Gelingt die gesuchte Heilung nicht, tischen ihnen Heiler und Wahrsagerinnen gern Verschwörungstheorien auf, um den Misserfolg zu erklären – und wir sind wieder beim Thema.

Beobachter: Je länger ich mich mit einzelnen Verschwörungstheorien befasst habe, desto plausibler erschienen sie mir.
Sträuli: Ich bin froh, dass Sie das sagen. Ich bin selber zwei-, dreimal schwach geworden.

Beobachter: Wie denn?
Sträuli: Die Vorstellung, dass es ausserhalb der ­Erde Leben gibt, hat mich schon als Kind fasziniert. Als 20-Jähriger bin ich dann Erich von Däniken erlegen. Und 20 Jahre später erschienen mir Entführungen durch Ausser­irdische unheimlich real. Heute kann ich das nicht mehr verstehen.

Beobachter: Sie haben geglaubt, dass Sie eines Tages auf einen fernen Planeten entführt würden?
Sträuli: Ich habe es jedenfalls nicht ausgeschlossen. Plausibilität ist nicht immer rational. Es gibt auch eine Plausibilität des Mythos. Er kommt gerade recht, die eigene Welt zu erklären – unbewusste Ängste eingeschlossen. Damals war das Thema auch in den Medien sehr präsent. Dazu kommt die Lust am Schauer. Ich habe eine Schwäche für Horrorfilme und Gruselromane.

Beobachter: Es gibt auch Verschwörungstheorien, die ganz ohne ferne Welten auskommen. Etwa die, dass sich in den Kondensstreifen von Flugzeugen Chemikalien befinden, die uns alle vergiften.
Sträuli: Ein wunderbares Beispiel dafür, dass in ­jeder Verschwörungstheorie ein Körnchen Wahrheit steckt. Die Flugbewegungen haben tatsächlich enorm zugenommen. Die Idee, dass das einen Einfluss auf die Natur und sogar auf den Menschen haben kann, ist nicht abwegig. Anhänger der sogenannten Chemtrails-Theorie sagen, wir würden von diesen Chemikalien eingeschläfert. Und sie sind überzeugt, dass der Klimawandel auf eine Verschwörung zurückgeht. Das ist attraktiv, entlastet es uns doch davon, etwas für den Umweltschutz tun zu müssen.

Beobachter: Sie halten also nichts davon?
Sträuli: Wenn man die ganze Bevölkerung betäuben will, ist es höchst ineffizient, das mit Flugzeugen zu tun. Wie­so gibt der böse Geheimdienst nicht einfach etwas ins Trinkwasser?

Beobachter: Mit solchen Argumenten kommen Sie bei Verschwörungstheoretikern nicht weiter. Das zeigen diverse Studien.
Sträuli: Ja, Anhänger von Verschwörungstheorien lehnen in der Regel die Fakten konsequent ab. Das macht sie so anstrengend. Ich weiss es aus eigener Erfahrung: Verschwörungstheoretiker können enorm nerven. Sie verkraften es nicht, dass andere ihre Wahrheit nicht anerkennen. Ich erinnere mich, dass ich in meiner Ufo-Phase meine Eltern ständig mit meinen Theorien zugedeckt habe. Ich konnte es einfach nicht lassen.

Beobachter: Halten Sie sich heute für gefeit?
Sträuli: Ich habe tatsächlich ein gewisses Sensorium für Verschwörungstheorien entwickelt. Dabei gehts nicht um «die Wahrheit», sondern um Stil: Der grösste Unterschied zwischen den Resultaten historischer Erforschung von Verschwörungen und diesen Verschwörungstheorien ist die Art, wie das Böse dargestellt wird. In der realen Welt ist das Böse dreckig, elend und traurig, in Verschwörungstheorien ist es mächtig, faszinierend, grossartig.

Beobachter: Welche Ängste sind denn heute gerechtfertigt?
Sträuli: Beunruhigend finde ich, dass wir uns mit der technischen Entwicklung langsam, aber sicher in Richtung Science-Fiction ­bewegen. Die verrücktesten Geschichten über Geheimdienste werden Realität. Denken Sie an George Orwells Roman «1984» und den aktuellen Abhörskandal des US-Geheimdienstes, an die Nanotechnologie, an die geplante Generation von Killerrobotern, die selber entscheiden, wann sie auf wen schiessen. Schauen Sie sich den Film «Terminator» an. Wir sind mittendrin. Wer garantiert uns, dass die Maschinen nicht eines Tages merken, dass der Mensch die grösste Bedrohung für sie ist?

Wahr oder gut erfunden?

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Verschwörungstheorien sind so alt wie die Menschheit. Im Mittelalter führte man etwa die Pest auf angebliche Brunnenvergiftungen durch Juden zurück. Nach demselben Schema funktionierten auch die Hexenverfolgungen: Man konnte sich ein Unglück nicht erklären und suchte nach einem Sündenbock, den man verantwortlich machen konnte.

Auch um den Tod von Prominenten ranken sich Legenden. So soll der US-Geheimdienst Marilyn Monroe umgebracht haben – wegen einer angeblichen Affäre mit Präsident John F. Kennedy. Und nicht wenige glauben: Elvis lebt.

Heute ist das Internet Heimat Tausender Verschwörungstheorien. Auf einschlägigen Websites finden sich Verschwörungstheorien zu beinahe jedem grösseren Ereignis. Von der Mondlandung, die nie stattgefunden haben soll, über das Aidsvirus, das aus US-Geheimlabors stammen soll, bis hin zu diversen Theorien über die wahren Auftraggeber des Anschlags auf das World Trade Center vom 11. September 2001.

Aber auch die Chemtrails-Theorie: Die Kondensstreifen, die Flugzeuge am Himmel erzeugen, seien gefährliche Giftmixturen, mit denen die CIA versuche, das Wetter zu manipulieren und Mensch und Tier zu vergiften. Wer davon ausgeht, dass Regierungen und Forscher permanent lügen, befindet sich schnell in guter Gesellschaft.

Die Klassiker

Eine Auswahl von Klassikern unter den Verschwörungstheorien finden Sie unter www.beobachter.ch/verschwoerung.

Dieter Sträuli, 65, ist Psychologe und ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Zürich. Er ist Präsident von Infosekta, der Fachstelle für Sektenfragen. Seine Fachgebiete sind moderne Mythen, Verschwörungstheorien, Parawissenschaften, Psychodynamik und Ideologien sektenartiger Gruppen.

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