Youtube macht mit Klicks Millionen. Und seinem Mutterkonzern, Alphabet, immer häufiger Probleme. Nach den Anschlägen auf Moscheen in Christchurch fluteten Tausende verstörende Videos die Plattform, die den Täter beim Morden zeigten. Es hagelte Kritik, die Betreiber wirkten hilflos.

Diesen Sommer hat Youtube seine Nutzungsbestimmungen abermals verschärft. Inhalte, die gegen das Hass­rede-Verbot verstossen, wollen die Kalifornier künftig strenger ausfiltern. Das Problem: Täglich laden User über eine halbe Million Stunden Filmmaterial hoch. Für die Kontrolle zuständig ist ein Algorithmus Big Data Die unheimliche Macht der Algorithmen – und der ist ziemlich dumm.

Opfer der Zensur wurde nun ausgerechnet ein Berufsstand, der es mit Quellen in der Regel penibel genau nimmt: die Lehrerschaft. So entfernte Youtube gemäss «Guardian» über Nacht das ­Videoarchiv eines Geschichtsdozenten aus Rumänien. Seine Filme, so lautete die Begründung, würden die Nazis glorifizieren und zur Radikalisierung der Nutzer beitragen. Nach einer Beschwerde gab Youtube die Sammlung wieder frei.

Die Frage, die der Algorithmus nicht beantworten kann, ist entscheidend: In welchem Kontext stehen sie? Wenn Rechtsextreme eine Hitler-Rede verbreiten, ist das Propaganda. Wenn ein Lehrer dasselbe Zeitdokument im Unterricht eingebettet zeigt, will er die Schüler über die Vorgänge im Dritten Reich aufklären Geschichte Lieblingsfach: Hitler . Damit sich die Geschichte nicht wiederholt.

Schweizer Lehrer greifen lieber auf DVDs zurück

«Das Phänomen ist uns bekannt», sagt Beat A. Schwendimann vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. Dass Youtube die Verbreitung von Terror-Videos bekämpfe, sei natürlich begrüssenswert. «Wenn es jedoch zur Zensur von für die Bildung relevanten Inhalten durch einen Algorithmus kommt, ist das problematisch.»

Filtermethoden, die niemand so ­genau kennt, und laufend angepasste Nutzungsbestimmungen machen Youtube zu einem unzuverlässigen Unterrichts-Tool. Es gebe viele Lehrpersonen, die lieber auf Dokumentarfilm-DVDs zurückgreifen, sagt Schwendimann. Andere speicherten ihre digitalen Materialien auf schuleigenen Servern oder nutzen von Fachpersonen kuratierte Internetplattformen, die Schulungs­videos für den Unterricht bereitstellen, wie etwa die Seite «MySchool» von SRF. 

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Peter Aeschlimann, Redaktor

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